Angelika Klüssendorf : April

April

Angelika Klüssendorf

April

April Originalausgabe: Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014 ISBN: 978-3-462-04614-4, 219 Seiten, 18.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mit 18 kann April das Heim verlassen. Das Jugendamt weist ihr ein möbliertes Zimmer und eine Arbeitsstelle zu. Sechs Jahre lang begleiten wir April. Die junge, durch ihre Kindheit traumatisierte Frau, die sich ihrer selbstzerstörerischen Neigungen bewusst ist, versucht sich zunächst in der DDR und dann in Westberlin zu behaupten. Dabei fällt es ihr schwer, sich anzupassen, und sie tut es auch nur bis zu einem gewissen Grad, denn sie will selbstbestimmt leben. Schritt für Schritt geht sie ihren Weg ...
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Kritik

Mit "April" setzt Angelika Klüssendorf ihren Roman "Das Mädchen" fort. Der Text steht im Präsens. Die zierlose Sprache ist von Parataxen geprägt; auch in den Dialogen überwiegen kurze Hauptsätze.
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Das in Heimen aufgewachsene Mädchen April – den Namen hat es sich selbst gegeben – wird nach dem 18. Geburtstag entlassen und von der Jugendhilfe als Untermieterin einer auf peinliche Sauberkeit bedachten 70-Jährigen in Leipzig untergebracht. Außerdem weist man ihr eine Arbeitsstelle als Bürohilfskraft im VEB Kombinat Starkstromanlagenbau Leipzig zu, wo der Hauptabteilungsleiter sie auffordert, bei der Arbeit einen BH zu tragen.

Weil April sich wegen ihrer mageren Beine schämt, trägt sie unter der Jeans stets eine Trainingshose. Sie ernährt sich mit Tütensuppen. Von ihrem ersten Lohn kauft sie sich einen Plattenspieler und eine alte Ausgabe der Märchen der Brüder Grimm. Immer wieder spielt sie die Platte von Janis Joplin ab, die sie vor einiger Zeit gegen eine LP von Wolf Biermann eintauschte. Was sie sonst benötigt, stiehlt sie in den Läden. Eines Abends lässt sie versehentlich ihren Koffer auf dem beheizten Kohlenofen stehen und löst dadurch einen Schwelbrand aus. Ein Hustenanfall weckt sie, aber sie schläft gleich wieder ein und kommt erst richtig zu sich, als zwei Feuerwehrmänner mit der aufgeregten Vermieterin bei ihr im Zimmer stehen.

Mit dem Koffer verliert April alles, was sie an die Vergangenheit bindet: Briefe, Tagebücher, Dinge, die sich im Lauf des Lebens angesammelt haben.

Mitglieder ihrer alten Clique besuchen sie und feiern mit ihr. Einer schlägt vor, durch Münzwürfe zu entscheiden, wer sich ausziehen und nackt vor der Vermieterin ein Lied singen muss. Frieder, der zu den Freunden gehört, kommt des Öfteren vorbei, aber April lässt keinen richtigen Sex zu.

Einmal nimmt sie eine Zufallsbekanntschaft mit aufs Zimmer. Der Mann beraubt die Vermieterin, und April wird als Komplizin verurteilt. Das Gericht setzt die sechsmonatige Haftstrafe allerdings zur Bewährung aus.

April beginnt einen Briefwechsel mit einem 23 Jahre alten Häftling, der noch 34 Tage im Gefängnis vor sich hat. Sobald Sven entlassen wird, kommt er zu ihr. Eine Woche lang hält sie ihn hin, dann lässt sie sich von ihm deflorieren, doch anders als bei der Selbstbefriedigung kommt sie mit Sven nicht zum Orgasmus.

Der eigentliche Akt enttäuscht sie, das soll’s gewesen sein, denkt sie, wozu so ein großes Trara, am liebsten hätte sie es rückgängig gemacht, sich ergeben zu haben; denn so sieht sie es: Sie hat sich im Kampf ergeben.

Sven hat keine Lust, sich eine Arbeitsstelle zu suchen. Stattdessen lebt er auf Aprils Kosten. Als sie herausfindet, dass er mit einem von ihm nur mit „Meister“ angesprochenen Mann eine homosexuelle Beziehung hat, verwüstet April die Wohnung des „Meisters“. Dann dreht sie in der Küche ihrer abwesenden Vermieterin das Gas auf und steckt den Kopf ins Backrohr. Die Vermieterin kommt allerdings früher als erwartet zurück und lässt sie gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus bringen.

Während ihres Aufenthalts in der psychiatrischen Abteilung überredet April alte Patientinnen zu Spaziergängen und versucht, deren Lebensfreude zu wecken. Einer unheilbar an Kehlkopfkrebs erkrankten und bettlägerigen Patientin liest sie stundenlang vor.

In einer Silvesternacht lernt April die Kabarettistin Irma kennen, die sich um sie kümmert, als sie krank ist und auch, als sie tagelang nur Alkohol getrunken hat und in ihrem Erbrochenen liegt.

Es ist wie eine Naturgewalt, die über mich kommt, versucht sie zu erklären. Ich halte es nicht aus, wenn es mir gut geht, ich traue dem nicht.

Der Psychiater, den April noch regelmäßig aufsucht, vermittelt ihr eine neue Arbeitsstelle im Museum für Völkerkunde. Ihre Aufgabe besteht darin, Gipsmasken für den Verkauf im Museumsladen zu gießen und zu bemalen.

April freundet sich mit dem 26-jährigen Choreografie-Studenten Hans an, der sie in einem Café ansprach. Er gibt ihr den Schlüssel zu der Wohnung, die er sich mit seinem jüngeren Bruder Reinhard teilt. Als April schwanger ist, mietet sie eine Wohnung und besorgt sich Sachen aus der Auflösung des Haushalts von zwei Lesben, die sich gemeinsam das Leben nahmen [erweiterter Selbstmord].

Ihren Sohn nennt sie Julius.

Auch als 21-jährige Mutter fällt es ihr schwer, sich anzupassen. Im Museum löst sie am Sicherungskasten absichtlich einen Kurzschluss aus; sie läuft auf Händen durch den Korridor, schlägt Rad und verharrt im Handstand an der Wand.

Der Vater von Hans und Reinhard stirbt in München. Die Söhne erhalten jedoch von den DDR-Behörden keine Ausreisegenehmigung und können nicht am Begräbnis teilnehmen. Daraufhin stellen Hans und April für sich und ihren Sohn einen Ausreiseantrag. Das macht sie zu Außenseitern.

Befreundete Künstler demonstrieren vor einem Kino. Warum und wofür, wissen sie selbst nicht so genau. Sie setzen sich mit brennenden Kerzen hin und schweigen, lassen sich auch von zwei Männern nicht provozieren, die sie beschimpfen und die Kerzen austreten. April wollte mitmachen, wurde jedoch von Polizisten angehalten, als sie sich den Demonstranten näherte.

Ein großer Armeelaster hält vor dem Kino, Uniformierte springen heraus und rennen auf ihre Freunde zu, versuchen sie an Haaren, Armen, Beinen fortzuzerren. Noch mehr Uniformierte kommen angerannt, und als sie sieht, wie einer von ihnen auf die schwangere Frau einprügelt, ist April nicht mehr zu halten, sie springt dem Uniformierten auf den Rücken und verbeißt sich in seinem Nacken. Sie schlägt, kratzt, tritt, verliert sich in einem Wirbel aus angestautem Zorn, bis sie taumelnd zu Boden geht. Ihr Kopf dröhnt, ihre Unterlippe ist aufgeplatzt, mühsam rappelt sie sich auf und läuft davon.

April entkommt den Ordnungskräften, aber die Demonstranten werden inhaftiert.

Als Reinhards Freundin Babs einen Ausreiseantrag stellt, wird ihr Vater, der als Schiffskapitän unterwegs ist, unverzüglich aus Kanada eingeflogen. Er darf die DDR nicht mehr verlassen.

April wundert sich, dass sie trotz ihres Ausreiseantrags für die Aufnahmeprüfung am Literaturinstitut zugelassen wird.

Ihr Gynäkologe verordnet ihr eine Kur in Karlovy Vary. Doch als sie dort ankommt, erfährt sie, dass ihr Ausreiseantrag bewilligt wurde, und sie kehrt mit dem nächsten Zug nach Leipzig zurück.

April und Hans ziehen mit Julius nach Westberlin. Dort findet Hans Arbeit in der Kundenwerbung eines Buchklubs, und April besorgt sich eine Putzstelle.

Unter dem Vorwand, eine Freundin aus der DDR wiedersehen zu wollen, fährt April nach Prag. In Wirklichkeit hat sie sich mit einem Freund verabredet. Aber als sie ihn am Bahnsteig sieht, versteckt sie sich im Abteil und steigt nicht aus.

Die 24-Jährige freundet sich mit Marie an, der gleichaltrigen Mutter eines Mädchens namens Saskia. Marie arbeitet als Barfrau. Ihr Ehemann ist gewalttätig.

Nach einer abgebrochenen Reise zum Gardasee trennt April sich von Hans.

Sie arbeitet in der Küche einer Bar. Der aus München stammende Betreiber Franzl lebt in Berlin, um sich dem Wehrdienst zu entziehen. Ein Mann, den er seinen „Apotheker“ nennt, bringt ihm Kokain, und Franzl lädt April ein, auch eine Linie zu schnupfen.

Ein Freund namens Michael lädt April zu einer Sizilienreise ein. Julius lässt sie bei Hans. Michael und sie fliegen nach Rom und fahren von dort mit dem Zug nach Syrakus, wo sie von Michaels Freund Marco abgeholt werden, einem Herzchirurgen.

Am Tag vor dem Abflug lag in ihrem Briefkasten die Antwort auf ihre Bewerbung für ein Stipendium. Das Kuvert öffnet sie erst nach ihrer Rückkehr aus Sizilien: Das Stipendium für ein Literaturstudium wurde bewilligt.

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Angelika Klüssendorf (* 1958) kam mit ihrem 2011 veröffentlichten Roman „Das Mädchen“ auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. 2014 setzte sie die Geschichte mit „April“ fort. „Das Mädchen“ handelt von einer schlimmen Kindheit in der DDR. Am Ende des Romans ist die namenlose Hauptfigur 17 Jahre alt. Ein Jahr später setzt „April“ ein, und die Protagonistin hat nun einen Namen: Sie nennt sich „April“ – nach einem dreiteiligen Musikstück der im April 1968 gegründeten englischen Hard-Rock-Band „Deep Purple“.

Sechs Jahre lang begleiten wir April in diesem Buch von Angelika Klüssendorf. Die junge, durch ihre Kindheit traumatisierte Frau, die sich ihrer selbstzerstörerischen Neigungen bewusst ist, versucht sich zunächst in der DDR und dann in Westberlin zu behaupten. Dabei fällt es ihr schwer, sich anzupassen, und sie tut es auch nur bis zu einem gewissen Grad, denn sie will selbstbestimmt leben. Weder in der DDR noch in Westberlin findet April eine hilfreiche Gesellschaft vor. Gutes und Schönes gibt es in ihrer Umwelt kaum. Aber Schritt für Schritt sucht und geht sie ihren Weg.

Anders als in Romanen üblich, hat Angelika Klüssendorf für „April“ das Präsens gewählt. Die zierlose Sprache ist von Parataxen geprägt; auch in den Dialogen überwiegen kurze Hauptsätze:

Die junge Frau klingelt an der Wohnungstür im Erdgeschoss. Auf dem Schild steht in verschnörkelter Schrift: Frl. Jungnickel. Ein Vogel zwitschert, zwei kurze Triller, dann ist es wieder still.

Von wegen: Das wäre doch ein Abenteuer, das können wir auch. Was befähigt sie dazu? Sie sucht die Künstler persönlich auf und wird freundlich empfangen, bekomt Tee, Schmalzbrote, schon deshalb ein lohnender Ausflug. Sie tut ihr Möglichstes, um zu erklären, was sie will, sie hat die Mappe aus Berlin dabei. Bis zum Morgengrauen sitzt sie mit Malern, Dichtern, ganzen Familien am Küchentisch, es gibt jede Menge Ideen und Anregungen.

Hans lacht laut.
Was ist los, fragt sie.
Nichts, sagt er, gar nichts.
Sie reden über „Schuld und Sühne“. Wäre Hans Schriftsteller, würde er ein Buch schreiben, das keinen Anfang und kein Ende hätte.
Wie willst du das machen, sagt sie, der Anfang ist doch da, mit dem ersten Wort.
Darum geht es nicht. Es ist ein Konzept. Du kannst das Buch in der Mitte aufschlagen und zu lesen beginnen, ohne etwas verpasst zu haben.
Da sitzt du jahrelang dran, sagt sie, das ist wie ein Puzzle.
Oder wie die Bibel. Hans starrt auf den See hinter ihr.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

Kristine Bilkau - Eine Liebe, in Gedanken
Die Liebesbeziehung von Antonia und Edgar scheitert an den Selbstzweifeln und der Unentschlossenheit des Mannes. Kristine Bilkau erzählt leise und unaufdringlich, feinfühlig, melancholisch, frei von Pathos und ohne jeden Gefühlsüberschwang. Gerade wegen dieser Zurückhaltung ist "Eine Liebe, in Gedanken" eine bewegende Lektüre.
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