Josef Haslinger : Opernball

Opernball
Opernball Originalausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1995
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine rechtsradikale Terrororganisation tötet Tausende von Gästen des Wiener Opernballs mit Giftgas. Das Fernsehen, das eigentlich nur prächtige Abendkleider und schwungvolle Walzertänze zeigen wollte, überträgt Szenen des grauenhaften Anschlags. Der Koordinator der Fernsehsendung, der im Aufnahmewagen sitzt, weiß, dass sein Sohn unter den toten Kameraleuten ist. Später versucht er, die Hintergründe des Verbrechens aufzuklären ...
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Kritik

"Opernball" ist ein komplexer, vielschichtiger Politthriller von Josef Haslinger, der trotz oder gerade wegen der pseudo-dokumentarischen Form packend und spannend, aber auch brutal und zynisch ist. Bewundernswert ist die Prägnanz der Szenen und die Treffsicherheit der Formulierungen.
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Kurt Feuerbach senior stammt aus Wien. Wegen seiner jüdischen Herkunft und kommunistischen Überzeugung hatte er vor dem „Anschluss“ im Frühjahr 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen müssen. In London lernte er die tschechische Emigrantin Blanka kennen, die an einer Grundschule Englisch unterrichtete und ihm sein Germanistikstudium finanzierte, bis er bei Kriegsbeginn auf der Isle of Man interniert wurde. Um nicht nach Kanada abgeschoben zu werden, meldete er sich zur Royal Army und nahm den Namen Kirk Fraser an. 1946 kehrte er nach London zurück, heiratete Blanka und wurde College-Professor für Germanistik. Kirks Eltern hatten den Krieg nicht überlebt: Sie waren in Auschwitz ermordet worden. Auf einem von vier Fotos, die er von der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen mitgebracht hatte, war er in britischer Uniform zu sehen. Seinen Sohn Kurt, der die Bilder immer wieder heimlich anschaute, faszinierten zuerst die Leichenberge, bis er sich in der Pubertät mehr für die Nacktheit der Toten interessierte. Es waren die ersten nackten Frauen, die er sah.

Kurt Fraser junior wurde Fernsehjournalist und arbeitete in der Dokumentationsabteilung der BBC. Er heiratete seine in der Kulturredaktion des Hörfunks beschäftigte Kollegin Heather und zeugte mit ihr einen Sohn: Fred.

Als Kind hatte er [Fred] Heather und mich oft streiten gehört. Es ging vor allem um ihn. Fred war kein Wunschkind. Heather hatte sich geweigert, abzutreiben. Als das Kind da war, kamen wir mit ihm nicht zu Rande. (Seite 12)

Weil Kurt und Heather glaubten, die fortwährenden Streitigkeiten seien nicht zuletzt Folgen einer zu kleinen Wohnung, zogen sie um. Aber es half nichts, im Gegenteil: Um die höhere Miete bezahlen zu können, mussten sie sich noch mehr auf ihre Karrieren konzentrieren. Darüber venachlässigten sie Fred.

Nach der Ehescheidung hörte Kurt erst wieder von Heather, als sie ihn anrief, um ihm mitzuteilen, dass ihr inzwischen siebzehn Jahre alter Sohn die High-Schol abgebrochen habe und heroinsüchtig sei. Wo er sich herumtreibe, wisse sie nicht. Da besann Kurt sich auf seine Vaterpflichten. Er suchte Fred und sorgte dafür, dass er in einer Londoner Privatklinik für Drogenabhängige behandelt wurde. Danach reiste er mit ihm nach Moab am Colorado-River, wo Fred zusammen mit anderen jungen Leuten an einem vierwöchigen Rehabilitations-Camp teilnehmen sollte.

Am nächsten Tag flog Kurt nach London zurück und drei Tage später trat er einen neuen Job in Wien an: Er hatte sich für das vierfache Gehalt von dem Privatsender ETV (European Television) von der BBC abwerben lassen. Auch seine Bedingung, eine Anstellung Freds als Kameraassistent, war akzeptiert worden.

Kurt Fraser war dem in Paris residierenden ETV-Chef Michel Reboisson durch seine außergewöhnlichen Kriegsberichterstattungen aufgefallen.

[…] spannend, grausam, herzzerreißend und gleichzeitig mit einem nüchternen Kommentar, der keinen Zweifel daran ließ, dass hier nichts als die Wahrheit dargestellt werde […] (Seite 355)

Während andere Korrespondenten mit kugelsicheren Westen auf Hotelterrassen vor der Kamera standen und hinter ihnen in der Ferne Rauchfähnlein zu sehen waren, wagte Kurt sich an die Front. Unmittelbar nach dem Golfkrieg drang er auf eigenes Risiko in die irakische Wüste vor und spürte einen riesigen Bunker auf, dessen Ausgang die Amerikaner mit gepanzerten Großbulldozern fünf Meter hoch mit Sand zugeschüttet hatten, ohne der irakischen Militäreinheit eine Chance zum Verlassen des Bunkers zu geben. Damit widerlegte Kurt die Legende vom „sauberen“ Präzisionskrieg der Amerikaner.

Während Fred noch in dem amerikanischen Camp ist, berichtet Kurt für ETV aus Mostar (Balkankriege). Er filmt einen Söldner, nicht älter als zwanzig, der auf der Seite Kroatiens gegen bosnische Muslime kämpft. Der Mann drückt einem Mädchen lachend eine Handgranate in die Hand und geht rückwärts weg. Kurt will ihm zunächst mit einem Schwenk der Fensehkamera folgen, aber dann behält er stattdessen das Kind im Bild. Es schaut auf das „Geschenk“ und weiß offenbar nicht recht, was es damit anfangen soll. Im nächsten Augenblick wird das Mädchen durch die Explosion der Granate zerfetzt.

Gerade als es Zeit ist, Fred aus Moab abzuholen, erhält Kurt eine Chance, nach Sarajewo zu kommen. Dort filmt er eine alte Frau, die hinter einem armseligen Häufchen Karotten auf dem Markt sitzt. Plötzlich schlägt eine Rakete ein. Wo gerade noch die Frau saß, klafft jetzt ein Krater.

Ich hatte das Rennen gewonnen. Als die anderen Kamerateams eintrafen, gab es nur noch Blutflecken und verzweifelte Gesichter zu sehen. (Seite 138)

Unglücklicherweise sitzt Kurt in Belgrad fest und hat keine Möglichkeit, die Aufnahmen nach Paris zu überspielen.

Es gibt nichts Schlimmeres für einen Reporter, als gutes Filmmaterial zu haben, es aber nicht überspielen zu können. Die anderen würden aus der Marktplatzgranate mit schlechten Bildern eine große Stroy machen. Ich hatte die wirkliche Geschichte im Kasten und wurde sie nicht los. (Seite 139)

Schließlich gelingt ihm ein Deal mit dem CNN-Büro in Belgrad. CNN überspielt den Film an ETV und darf ihn als Gegenleistung ebenfalls senden.

ETV erwirbt die Exklusivrechte für die Übertragung des diesjährigen Opernballs in Wien und will daraus ein großes Medienereignis machen. Kurt erhält den Auftrag, alles vorzubereiten und selbst die Sendeleitung zu übernehmen.

Also sitzt er während des Opernballs im Regieraum des Sendewagens. Die Aufnahmen werden von mehreren Kamerateams und einigen fest installierten Kameras im Gebäude geliefert.

Plötzlich ging ein merkwürdiges Zittern und Rütteln durch die Reihen der Tanzenden […] Ich […] überflog die Monitore. Die Bilder glichen einander. Menschen schwanken, stolpern, taumeln, erbrechen. Reißen sich noch einmal hoch, können das Gleichgewicht nicht halten […] Sie sehen, sie spüren, dass sie ermordet werden. Sie wissen nicht, von wem, sie wissen nicht, warum. Sie können nicht entkommen. (Seite 9)

Vergeblich versucht Kurt herauszufinden, wo sein Sohn ist, der zu einem der Kamerateams gehört.

ETV berichtet weiter live, aber nun nicht mehr von Walzertänzen, sondern von einem Giftgasanschlag, dem Tausende von Besuchern des Opernballs zum Opfer gefallen sind. Als Musikuntermalung dienen das Violinkonzert von Johannes Brahms und Mozarts Requiem.

Weil die Kapazität der Leichenhallen und Krankenhäuser in Wien und Umgebung nicht ausreicht, um die zahlreichen Toten bis zur Identifizierung aufzunehmen, wird auch ein Kühlhaus des Schlachthofs St. Marx dafür verwendet.

Bei den Terroristen handelte es sich um eine Neonazi-Gruppe, die sich „Bewegung der Entschlossenen“ nannte.

Michel Reboisson spricht Kurt Fraser sein Beileid aus und beauftragt ihn, eine Dokumentation über den Terroranschlag auf den Opernball zusammenzustellen. Kurt schaut sich die Aufzeichnungen der einzelnen Kameras an und stößt dabei auch auf Bilder von seinem sterbenden Sohn. Immer und immer wieder spielt er die Szene ab. Schließlich erklärt er sich außerstande, die Dokumentation zu machen. Stattdessen versucht er, mehr über die Hintergründe der Katastrophe herauszufinden.

Er fragt sich, ob Michel Reboisson unbedingt die Übertragungsrechte für den Opernball haben wollte, aber selbst nicht daran teilnahm, weil er etwas von dem geplanten Anschlag wusste.

Während er sich mit Claudia Röhler in Verbindung setzt, der Tochter eines emeritierten Universitätsprofessors aus Berlin, der fünf Wochen nach dem Besuch des Opernballs in einem Wiener Krankenhaus gestorben war, kommt Kurt auf die Idee, über Fred und den Anschlag ein Buch zu schreiben. Zu diesem Zweck nimmt er die Aussage von Claudia Röhler auf Band auf. Ebenso verfährt er mit dem Revierinspektor Fritz Amon, der an dem Abend beim Polizeieinsatz gegen die Demonstranten vor dem Opernhaus dabei gewesen war und mit dem bekannten Brotfabrikanten Richard Schmidleitner.

Richard Schmidleitner, dessen Großvater auf dem allerersten Opernball im Jahr 1935 gewesen war, ließ sich diese bedeutendste Veranstaltung der Wiener Gesellschaft in keinem Jahr entgehen und lud jeweils einen anderen Star in seine Loge ein. Dieses Mal handelte es sich um die Opernsängerin Catherine Petit Fürstin Kropotkin. Um sie abzuholen, ließ er sich nach Mitternacht von der Oper zum Flughafen fahren. Weil die mit einem Privatjet eingetroffene Diva einen nicht geimpften Schoßhund bei sich hatte, hielt ein Zollbeamter sie auf, bis Schmidleitner ihn erweichen konnte. Während der Fahrt von Schwechat nach Wien kam im Radio die Meldung von dem grauenhaften Terroranschlag auf den Opernball. Die Verzögerung durch den eifrigen Zollbeamten hatte Schmidleitner und Catherine Petit das Leben gerettet.

Claudia Röhler lebt in Eschborn nördlich von Frankfurt am Main, aber sie verabredet sich mit Kurt Fraser in Wien, wo sie ihre Schwester Sigrid besuchen will. Sie erzählt, dass ihr in Berlin lebender Vater, ein dreiundachtzigjähriger emeritierter Professor, sie und ihren Mann Herbert zum Wiener Opernball eingeladen hatte. Weil sie in ihrer Loge versehentlich Orangensaft über ihr Kleid schüttete, brachte ihr Mann sie vorzeitig ins Hotel zurück. Dort erfuhren sie aus dem Fernsehen von dem Giftgasanschlag. Schließlich fanden sie heraus, dass man Claudias Vater ins „Krankenhaus zum göttlichen Heiland“ gebracht hatte. Nach einer Woche erwachte er aus dem Koma und erinnerte sich, wie ihm beim Zuknöpfen seines Mantels am Ausgang der Oper übel wurde, während es nach Bittermandel roch. Der Greis erholte sich zwar von der Vergiftung, aber er starb nach fünf Wochen an einer unheilbaren Krebserkrankung.

Der Revierinspektor Fritz Amon und der Kollege, mit dem er am Vormittag vor dem Opernball Streife ging, wurden von einem bereits eingetroffenen ETV-Kamerateam für den Vorspann zur Opernball-Übertragung gefilmt, wie sie einer Mutter den Kinderwagen über eine Treppe beim Café Museum am Karlsplatz hinuntertrugen. Weil sie sich gerade Leberkäs-Semmeln gekauft hatten, mussten sie diese im Mund tragen. Dabei rutschte Amon der Belag aus der Semmel und fiel in den Kinderwagen. Die beiden Polizisten protestierten gegen das Filmen und einigten sich nach einigem Hin und Her mit den Journalisten darauf, die Szene noch einmal ohne Leberkäs-Semmeln zu drehen. Ungeachtet der Abmachung wählte Kurt Fraser für die Sendung dann doch die erste Aufnahme aus.

Amon ist ein Aufschneider und redet gern. Unter anderem erzählt er Kurt Fraser, wie er vor einem Jahr zusammen mit einem Kollegen drei Obdachlose – die er als „Kojoten“ bezeichnet – festnahm. Es handelte sich um eine Frau und zwei Männer, die es nachts um 2 Uhr in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt trieben:

Die Frau lag auf dem Steinboden und rührte sich nicht. Der eine bearbeitete ihren mit Blut und Dreck verschmierten Arsch, der andere wichste seinen verschissenen Schwanz […]
Niemand hat ihr den Gummiknüppel in den Arsch gesteckt, auch sonst nirgendwohin. Das hätte sie wohl gerne gehabt. Wir lassen uns doch nicht unsere Diensteffekten versauen. Auch nicht auf den Schwanz geschlagen, nein, auch nicht auf den Penis. Kein Wort wahr, reine Fantasie […]
Die ließen sich einfach nicht stören. Wollten wohl ihre impotenten Jaucheschläuche noch abspritzen, diese schweinischen Süchtler. Den Gefallen haben wir ihnen nicht getan. Denen sind die Würste von selbst zusammengefallen. Woher die Blutergüsse kamen, weiß ich nicht […]
So geht das doch nicht. Wenn nicht wir zufällig vorbeigekommen wären, sondern eine Gruppe aus Amerika, oder sonst Menschen, die Kultur suchen, die setzen sich ins nächste Flugzeug auf Nimmerwiedersehen. So etwas spricht sich doch herum, am Schluss bleiben uns auch noch die Japaner weg […]
Natürlich mussten wir sie irgendwie waschen […] Die Frau hielten wir einmal mit dem Kopf unters Wasser […] Unters nächstgelegene Wasser natürlich, halt den Schädel in die Klomuschel hineingedrückt und einmal hinuntergespült […]
Man stelle sich das vor. Braucht ja nur ein Spätheimkehrer von der Oper zu sein. Diese Opernleute sind doch Mimosen. Wegen jedem Dreck rennen sie zur Zeitung. Und was wäre der Erfolg gewesen? Gleich hätte es wieder geheißen, unser Revier sorgt nicht für Ordnung.
[…] Hätten sie keinen Widerstand geleistet, wäre ihnen gar nichts passiert. Was ist herausgekommen? Mit unseren Steuermitteln wurden sie im Krankenhaus wieder aufgepäppelt. Wenn die Bürger wüssten, was mit ihrem Geld geschieht. Jetzt liegen sie schon wieder frisch-fröhlich herum und treiben ihre Sauereien […] (Seite 79ff)

Die Polizisten wunderten sich über die zahlreichen Hustensaftfläschchen, die sie bei den Festgenommenen fanden, obwohl diese gar nicht erkältet waren, bis sie herausfanden, dass der Hustensaft das Schlafmittel Perdomal enthielt. Einer von ihnen drohte der Frau, ihr „nacheinander alle deine Hustensaftflascherl in den Arsch [zu schieben], bis dir die Nase tropft“ (Seite 120).

Jetzt schauen Sie nicht so geschreckt! Wir hatten damals diese Ausdrucksweise drauf. Das war ganz normal. Halt ein etwas freierer Umgangston. Heute ginge das nicht mehr. Da würden sich sofort die Kolleginnen aufregen […] Aber damals waren wir noch unter uns. (Seite 120)

Vor dem Opernball im vergangenen Jahr habe es eine Warnung vor einem geplanten Terroranschlag gegeben, behauptet Amon. Daraufhin war das Opernhaus nach Sprengkörpern durchsucht worden, aber man hatte nichts gefunden und es war dann auch nichts passiert. Unmittelbar vor dem letzten Opernball gab es eine Alarmfahndung nach Mitgliedern einer „Bewegung der Entschlossenen“.

Amon bedauert, dass man eine rechtsgerichtete Organisation für den Terroranschlag auf den Opernball verantwortlich macht und nicht den von Einheimischen gegründeten Ausländerhilfsverein, der ihm ein Dorn im Auge ist („diese ganze Menschenrechtsscheiße“ – Seite 118). Zwei Monate vor dem Anschlag hatten islamische Fundamentalisten in Wien gegen die Politik der US-Regierung demonstriert und es war zu Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen.

Ein paar Demonstranten wurden verletzt, aber einer von ihnen starb. Das kann schon einmal passieren. Er war unglücklich an der Halsschlagader getroffen worden. (Seite 117)

Bei dem Toten handelte es sich ausgerechnet um Abdul Haman, den „Obermufti“ der Islamisten. „Die sollen ihren Krieg daheim führen“, meint Fritz Amon (Seite 118). Besonders unangenehm findet er es, wenn Fernsehkameras bei einer Kundgebung dabei sind.

Wenn du dich bei jedem Schlag vergewissern musst, ob du den Richtigen triffst und auch nicht auf die Halsschlagader, kannst du den Knüppel gleich einstecken. (Seite 165)

Drei Terroristen waren tot neben dem Ansaugschacht für die Belüftung der Oper im Burggarten gefunden worden, und die Zeitungen veröffentlichten Fotos des Studenten Karl Feilböck und des „Ingenieurs“, zwei weiteren Mitgliedern der „Bewegung der Entschlossenen“. Die Eltern des Ingenieurs lehnten jedes Gespräch mit Kurt Fraser ab, aber Karl Feilböcks Eltern erhofften sich, dass er etwas über den Verbleib ihres Sohnes herausfand. In einem Jackett hatten sie einen Zettel mit einer Adresse entdeckt, aber die angegebenen Orte Santany und Felanitx nicht im Atlas finden können.

Kurt weiß, dass sie sich auf Mallorca befinden und reist sofort hin. Auf einer alten Finca stößt er auf einen Mann, der ihn mit einer Pistole bedroht, aber es ist nicht, wie erwartet, Karl Feilböck, sondern der Ingenieur. Am nächsten Tag berichtet auch er vor dem eingeschalteten Mikrofon von seinen Erlebnissen.

Einige Jahre vor dem Anschlag auf den Opernball hatte der Ingenieur gerade als technischer Zeichner bei einer Baufirma angefangen. Ein Onkel des Poliers besaß einen verfallenen Bauernhof in der Nähe von Rappottenstein. Dorthin wurde der Ingenieur eines Tages eingeladen und als neuntes und letztes Mitglied in die nationalistische, von einem gewissen Joe geführte „Bewegung der Volkstreuen“ aufgenommen, die bis zur Jahrtausendwende alle Ausländer, „die nicht zur weißen Völkergemeinschaft gehörten“, aus Österreich verdrängt haben wollte.

Was unser Ziel war? Heute würde ich sagen, in erster Linie waren wir selbst es, der Bestand und Zusammenhalt unserer Gruppe. Der Aufbau unserer Wehrbereitschaft. Unserer Unbesiegbarkeit […] Wir wollten in die Geschichte eingreifen […] Wir wollten uns wehren. Denn eine Erfahrung war uns allen gemeinsam: Wenn wir nichts tun und nur auf bessere Zeiten hoffen, wird alles noch schlimmer. Sollten wir warten, bis wir alle arbeitslos waren? Sollte ich warten, bis auch die ersten bautechnischen Zeichner aus dem Osten, oder gar aus Afrika sich bei uns zum Hungerlohn anbieten? (Seite 106f)

Als Bewährungsprobe musste der Ingenieur wie jedes andere Mitglied der Bewegung auf der Straße einen Ausländer zusammenschlagen. „Gürtelputzen“ oder „Türkenklatschen“ hieß das.

Einer der Kameraden, der Berger hieß und gelernter Drucker war und deshalb den Spitznamen Druckeberger trug, lernte in einer Diskothek in Jahrings – zehn Kilometer von dem Bauernhof bei Rappottenstein entfernt – eine Sechzehn- oder Siebzehnjährige kennen, die Neumeier Annerl, und brachte sie mehrmals zu einem der Gruppentreffen mit. Nachdem sie im Schießkeller zwei Flaschen Bier getrunken hatte, war sie so enthemmt, dass sie sich nicht wehrte, als die Männer ihr die dicke Brille abnahmen, sie nackt auszogen und einer nach dem anderen über sie herfielen. Solange einer für alle sichtbar ejakulierte, durfte er auf Flaschen schießen, und wer die meisten traf, erhielt die Neumeier Annerl dann mit aufs Zimmer.

In der Früh war die Neumeier Annerl immer verkatert. Sie wollte kein Frühstück, sie wollte nur nach Hause gebracht werden. (Seite 74)

Bald sorgte Joe dafür, dass es ernster wurde. Bei einem der Treffen holte er eine Nadel und ein Fläschen mit polynesischer Tataufarbe heraus und ließ sich von seinen acht Kameraden reihum je ein Loch am kleinen Finger der rechten Hand stechen, bis zwei Achten zu sehen waren, die für den achten Buchstaben des Alphabets und die Initialen des Hitlergrußes standen. Danach musste sich auch jeder der anderen Kameraden dieses Zeichen tätowieren lassen.

Joes Vater, der sich vom Häuslersohn aus dem Waldviertel zum Verwaltungsdirektor aller Postwerkstätten der Generaldirektion in Wien hochgearbeitet hatte, wollte, dass sein Sohn Jura studierte, aber Joe, dessen Vorbild der Abt des Stiftes Kremsmünster war, wäre lieber Priester, Missionar oder Schriftsteller geworden. Nachdem sein Vater einem Schlaganfall erlegen und seine Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, stand Joe im Alter von siebzehn Jahren allein da.

Als er die „Bewegung der Volkstreuen“ gründete, hauste er zusammen mit illegal eingereisten Ausländern im Kellerverschlag eines Hauses am Gürtel in Wien. Dort fanden ihn seine Kameraden eines Tages mit notdürftig verbundenen Stichverletzungen. Joe erzählte, er sei von seinen Mitbewohnern zusammengeschlagen worden, als er sie wieder einmal durch das Abspielen des Horst-Wessel-Lieds geärgert hatte. Aus Rache zündeten er und seine Kameraden daraufhin das Haus an. Vierundzwanzig Personen kamen dabei ums Leben. Zehn Tage nach dem Gürtelhausbrand nahm die Polizei zwei Mitglieder der „Bewegung der Volkstreuen“ fest. Während die beiden zu lebenslanger Haft verurteilt wurden, verlief die Fahndung nach Joe erfolglos. Der Ingenieur erzählt Kurt Fraser, inzwischen halte er es für möglich, dass Joe sich die Verletzungen selbst beigefügt hatte, um den Anschlag auf die Bewohner des Gürtelhauses zu initiieren.

Joe setzte sich damals in die USA ab. Als er nach Wien zurückkam, erkannten ihn seine Kameraden zunächst gar nicht wieder, denn er hatte sich das Gesicht operieren lassen, gab sich als Mormone auf Missionsreise aus, trug einen auf den Namen Steven Huff ausgestellten amerikanischen Pass bei sich und wollte mit dem Missionsnamen „der Geringste“ angesprochen werden. Seine radikalen Ansichten hatte er dagegen nicht geändert.

„Wer die Idee des Pazifismus durchsetzen will, muss letztlich Atombomben werfen.“ (Seite 25)

Mit der Bewegung, der er den neuen Namen „Die Entschlossenen“ gab, wollte er eine Art Harmagedon herbeiführen. Angeblich wusste Franz Leitner, ein österreichischer Zielfahnder, der Joe in Florida aufgespürt hatte, darüber Bescheid und stand ebenso wie einige einflussreiche Kontaktpersonen in der Polizeiführung hinter dem geplanten Anschlag, mit dem eine entschlossen gegen Ausländer vorgehende Regierung an die Macht gebracht werden sollte.

Nur einer wagte es, dem Geringsten zu widersprechen: Karl Feilböck. Weil er versuchte, die Kameraden gegen den Geringsten aufzuwiegeln, sollte er bei einem Treffen der Bewegung bestraft werden. Der Geringste forderte ihn auf: „Gib uns den Finger zurück! Du musst ihn dir erst wieder verdienen.“ (Seite 274) Dann hielt er ihm das vom Ingenieur mitgebrachte Beil hin. Als Feilböck den Ernst der Lage begriff, sträubte er sich.

Wir stürzten uns auf Feilböck. Er schlug nach Leibeskräften um sich. Die Kameraden rissen ihn nieder. Der Geringste gab mir [Ingenieur] das Beil. Es war den anderen nicht möglich, Feilböcks Hand ruhig auf einen Baumstock zu halten […] Ein paarmal wollte ich zuhacken, aber die Hand lag nicht ruhig genug. Ich hätte auch andere Hände erwischen können. Daher warf ich das Beil weg, nahm Feilböcks Finger fest in die Faust und drehte ihn schnell nach außen. Es gab einen […] Knacks, und der Finger war lose. Feilböck stieß einen entsetzlichen Schrei aus. Ich riss am Finger. Haut und Sehnen gaben nicht nach, sosehr ich mich auch bemühte. Da nahm ich mein Springmesser aus der Tasche und schnitt die Sehnen durch. Ich dachte, das wäre ein Schnitt, aber so leicht war das nicht. Feilböck brüllte in kurzen, lauten Stößen. Er zuckte mit der Hand hin und her. Ich setzte einmal da das Messer an, dann dort, riss am Finger. Es war schon alles voll Blut, bis ich endlich durch die Sehnen war. (Seite 274)

Bald darauf erfuhr der Geringste von seinen Verbindungsleuten, dass Feilböck bei der Polizei gewesen war und vor dem geplanten Anschlag auf den Opernball gewarnt hatte. Daraufhin beauftragte er den Ingenieur, auf dem Bauernhof in Rappottenstein eine große Sonnwendfeier zu veranstalten. Als der Ingenieur hinkam, traf er im Schießkeller auf Feilböcks nackte und entmannte Leiche. Daneben kauerte der Geringste, der seit drei Tagen Totenwache gehalten hatte. Die nach und nach eintreffenden „Entschlossenen“ suchten Äxte und Fleischermesser zusammen und zerstückelten den Toten in kleine Teile, die sie in Obststeigen sammelten und mit Reisig und Stroh abdeckten. Daraus schichteten sie einen zwei Meter hohen Scheiterhaufen auf, den sie anzündeten, als die Dunkelheit anbrach und die Dorfbewohner zum Feiern kamen.

Harmagedon wurde um ein Jahr verschoben.

Dann verteilte der Geringste die Aufgaben, die während des Opernballs zu erfüllen waren.

Der Ingenieur sollte um 1.55 Uhr nachts mit einer Reisetasche zum Ansaugschacht im Burggarten kommen und drei leere Gasbehälter fortschaffen. Kurz zuvor erhielt er die verschlüsselte Aufforderung des Geringsten zur Flucht. Für diesen Zweck hatte die Bewegung von einem Bühnenbildner aus Bremen eine Finca auf Mallorca angemietet. Um seine Spur zu verwischen, flog der Ingenieur allerdings nicht direkt nach Palma di Mallorca, sondern über Frankfurt nach London und fuhr von dort mit dem Zug über Paris nach Barcelona, wo er mit der Fähre nach Mallorca übersetzte.

Im Fernsehen sah er seine toten Kameraden. Bis auf den Geringsten, der sich mit einem der Gasbehälter gegen das Gitter des Ansaugschachts gepresst hatte, lagen sie in der nahen Wiese. Weil es sich bei dem Gas nicht um die vermutete Kohlenmonoxidverbindung, sondern um Blausäure gehandelt hatte, waren sie offenbar zurückgewichen.

Inzwischen weiß der Ingenieur, dass der Terroranschlag, dem Tausende zum Opfer fielen, keinen Sinn hatte.

Ich weiß nicht, wie ich mir das vorgesellt habe. Ich habe es mir überhaupt nicht vorgestellt. Ich war überzeugt, der Geringste kennt den Weg. Vielleicht hat auch er ihn nicht gewusst. Wollte ihn erst herausfinden. jedenfalls hat es so ausgesehen, als wüsste er, wie es weitergeht. Er ist gescheitert. (Seite 342)

In der Nacht wird Kurt Fraser durch einen Schuss aufgeschreckt: Der Ingenieur hat sich das Leben genommen.

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„Opernball“ ist ein brutaler Roman. In dem sechs Jahre vor dem Terroranschlag vom 11. September 2001 veröffentlichten Buch schildert Josef Haslinger einen Giftgasanschlag auf den Wiener Opernball, dem Tausende zum Opfer fallen. Bei den Verbrechern handelt es sich allerdings nicht um Islamisten, sondern um Rechtsradikale. Josef Haslinger thematisiert die von Neonazis ausgehende Gefahr und das Erstarken der von Jörg Haider geführten FPÖ. Zugleich vermittelt er ein kritisches Bild sensationslüsterner privater Fernsehsender. Kurz angerissen werden außerdem das amerikanische Vorgehen im Golfkrieg 1990/91 und die Brutalität des Bürgerkriegs in Bosnien-Herzegowina in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre. Die politischen und gesellschaftskritischen Bezüge ergänzt der Autor durch persönliche Tragödien wie die Beziehung des Protagonisten Kurt Fraser zu seinem Sohn. „Opernball“ ist also ein komplexer, vielschichtiger Politthriller.

Es ist das Sittenbild einer morbiden Gesellschaft, der mit ihren Werten auch die Orientierung abhanden gekommen ist und deren latenten Rechtsradikalismus Haslinger in eine nachgerade historische Dimension zu betten versteht: angefangen von den Aufnahmen der Leichenberge in Bergen-Belsen, die Kurt Frasers Vater […] bei der Befreiung des KZs einst machte, über die nationalsozialistisch-spiritualistisch verbrämte Ideologie der „Entschlossenen“ bis hin zum zugespitzen Bild von der Oper als Gaskammer, dem medial ausgeschlachteten „Harmagedon“ der Terroristen. (Christine Dössel, „Süddeutsche Zeitung“, 25. Februar 2006)

Josef Haslinger hat dem Roman „Opernball“ eine pseudo-dokumentarische Form gegeben, indem er den Protagonisten in der Ich-Form berichten lässt und diese Darstellung durch angebliche Tonbandprotokolle anderer Zeugen vervollständigt. Das wirkt authentisch. Trotz dieses sachlich-nüchternen Stils ist es Josef Haslinger gelungen, zynische Passagen vor allem in der Aussage des Revierinspektors Fritz Amon unterzubringen und einen packenden Roman zu schreiben. Bewundernswert ist auch die Prägnanz der Szenen und die Treffsicherheit der Formulierungen.

Urs Egger verfilmte den Roman „Opernball“ von Josef Haslinger.

Originaltitel: Opernball – Regie: Urs Egger – Drehbuch: Gundula Leni Ohngemach, nach dem Roman „Opernball“ von Josef Haslinger – Kamera: Lukas Strebel – Schnitt: Hans Funck – Musik: Dominic Roth – Darsteller: Heiner Lauterbach, Franka Potente, Frank Giering, Caroline Goodall, Gudrun Landgrebe, Richard Bohringer, Wolfgang Böck, Andreas Lust, Walter Schmidinger, Désirée Nosbusch, Dieter Moor, Olivia Silhavy, Ben Waters, Rudolf Melichar, Rudolf Wessely, Claus Peymann, Josef Bilous, Tonio Arango, Hans-Michael Rehberg, Georg Prokop, Klaus Händl, Gerhard Liebmann, Georg Friedrich, Roland Stemmer, Martin Brambach, Werner Wultsch, Lukas Miko, Branko Samarovski, Johanna Tomek u.a. – 1998; 180 Minuten

Josef Haslinger wurde am 5. Juli 1955 in Zwettl, einem Ort im niederösterreichischen Waldviertel geboren. Sein 1973 in Wien begonnenes Studium der Philosophie, Theaterwissenschaften und Germanistik schloss er 1980 mit der Promotion ab. Seine Dissertation trug den Titel „Die Ästhetik des Novalis“. Danach arbeitete er als Literaturwissenschaftler in Deutschland, Österreich und in den USA. Bekannt wurde er durch seinen Politthriller „Opernball“.

Josef Haslinger: Bibliografie (Auswahl):

  • Der Konviktskaktus (1980)
  • Die Ästhetik des Novalis (1981)
  • Hugo Sonnenschein (1984)
  • Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek (1985)
  • Politik der Gefühle. Ein Essay über Österreich (1987)
  • Wozu brauchen wir Atlantis (1990)
  • Das Elend Amerikas. Elf Versuche über ein gelobtes Land (1992)
  • Opernball (1995)
  • Hausdurchsuchungen im Elfenbeinturm (1996)
  • Das Vaterspiel (2000)
  • Klasse Burschen (2001)
  • Zugvögel (2006)
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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Beate Uhse und Ulrich Pramann - "Ich will Freiheit für die Liebe"
Weil in dieser von wem auch immer verfassten (Auto-)Biografie nicht abstrakt und sachlich berichtet, sondern in schnoddrigem Jargon von zahlreichen konkreten Vorkommnissen flott erzählt wird, wirkt das Buch mitreißend und unterhaltsam. Leider vermittelt es nur einen oberflächlichen Eindruck von den Veränderungen in der Einstellung der Deutschen gegenüber Erotik und Sexualität.
„Ich will Freiheit für die Liebe“

Beate Uhse und Ulrich Pramann

"Ich will Freiheit für die Liebe"

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