Lauren Groff : Licht und Zorn

Licht und Zorn

Lauren Groff

Licht und Zorn

Originalausgabe: Fates and Furies Riverhead Books, New York 2015 Licht und Zorn Übersetzung: Stefanie Jacobs Hanser Berlin, München 2016 ISBN: 978-3-446-25316-2, 430 Seiten, 24 € (D) ISBN: 978-3-446-25428-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bis zu seinem 22. Lebensjahr tobt sich Lancelot ("Lotto") aus. Dann verliebt er sich Hals über Kopf in Mathilde, und die beiden heiraten. Freunde und Bekannte halten die Ehe für vorbildlich und beneiden das Paar. Mathilde unterstützt die Karriere ihres Mannes – in welchem Ausmaß, ahnt Lotto gar nicht. Nach 24 Jahren erfährt er etwas über seine Frau, das ihn darüber nachdenken lässt, sie zu verlassen, aber er stirbt – ohne erfahren zu haben, welche Illusionen er sich machte ...
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Kritik

Lauren Groff hat den grandiosen Roman "Licht und Zorn" in zwei Teile gegliedert. In "Licht" erzählt sie aus Lottos Sicht, in "Zorn" aus Mathildes Perspektive, und im zweiten Teil ergänzt sie nicht nur die Geschichte, sondern zieht mit unerwarteten Wendungen den Boden darunter weg.
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Als Lancelot („Lotto“) 13 Jahre alt ist, stirbt sein Vater Gawain Satterwhite mit 46 an einem Aneurysma. Die Witwe Antoinette ist zum zweiten Mal schwanger und bringt einige Monate nach dem Tod ihres Mannes die Tochter Rachel zur Welt. Die Familie, zu der auch Gawains jüngere Schwester Sallie gehört, lebt in Hamlin/Florida. Dort besaß Gawain ein Unternehmen, das Wasser aus eigener Quelle in Flaschen abfüllte. Das war die Grundlage des Reichtums. Antoinette verkauft ein Jahr nach Gawains Tod alles und zieht mit ihren Angehörigen in ein Strandhaus.

Lotto ist mit den Zwillingen Charles („Chollie“) und Gwendolyn („Gwennie“) Watson befreundet. Gwennie hat bereits eine Abtreibung hinter sich. Die 16-Jährige und die beiden ein Jahr jüngeren Jungen tollen am Strand herum. Chollie springt im Übermut und durch Acid aufgeputscht vom verlassenen Hochsitz der Rettungsschwimmer und wird dann mit einer Spiralfraktur am Bein ins Krankenhaus gebracht. Die Ärzte operieren ihn noch, als Lotto und Gwennie eine Party in einem Abbruchhaus besuchen. Sie klettern aufs Dach der Veranda und fallen dort übereinander her. Es wird heiß. Flammen schlagen aus den Fenstern. Lotto springt vom Dach, ohne die Hose hochzuziehen, und Gwennie folgt mit aufgeblähtem Rock.

Daraufhin schickt Antoinette Satterwhite ihren Sohn in ein Internat in New Hampshire. Dort fühlt er sich so einsam, dass er über Möglichkeiten der Selbsttötung nachdenkt – bis ihn der charismatische Lehrer Denton Thrasher fürs Theater begeistert. Eines Nachts ertappt Denton Thrasher ihn mit einem Joint. Er zieht ein paar Mal daran und nimmt dann den anschwellenden Penis des Schülers in den Mund. Nach diesem Schock hält Lotto sich von dem Lehrer fern.

Gwennie ist schwanger. Sie sucht Lottos Mutter auf. Beim Anblick des Bauches errät Antoinette Satterwhite sofort, was das Mädchen von ihr will und vergewissert sich: „Daran war mein Sohn beteiligt, hab ich recht?“ Sie weigert sich, eine Abtreibung zu finanzieren. Stattdessen schlägt sie Gwennie etwas anderes vor: Die Schwangere soll von zu Hause ausreißen. Antoinette Satterwhite bezahlt die Miete für eine Wohnung in St. Augustine für sie, organisiert ihre Versorgung, die Geburtshilfe und die Adoption des Neugeborenen, der ihr Enkel ist.

Mit einem Umschlag voll Geld verlässt Gwennie nach der Entbindung das Krankenhaus.

Einige Zeit später erfährt Lotto, dass Gwennie mit 17 starb. Sie hatte sich eine Überdosis Drogen besorgt.

Samuel Harris erbarmt sich des einsamen Mitschülers und nimmt Lotto in den Ferien mit ins Sommerhaus der Familie in Maine.

Dort, im Beisein von Samuels Vater, dem Senator, und seiner Windhund-Mutter, Star-Debütantin in Atlantas schwarzer High Society, lernte Lotto Segelyachten, Muschelessen am Strand, Freunde in Lilly-Pulitzer- und Brooks-Brothers-Pullovern, Champagner, frisch gebackene Kuchen auf der Fensterbank und Labrador Retriever kennen. Samuels Mutter kaufte ihm Gesichtsseife [wegen seiner Akne], kleidete ihn neu ein und sorgte dafür, dass er mehr aß und sich gerade hielt. Er wuchs in seinen Körper hinein. Er landete bei einer vierzigjährigen Cousine von Samuel, die ihn im Bootsschuppen in die Enge trieb; dunkle Haut schmeckte genau wie rosafarbene, stellte Lotto erfreut fest.

In einer Behindertentoilette treibt Lotto es mit Samuels fünfzehnjähriger Schwester. Hin und wieder lässt er sich auch mit einem Schwulen ein, aber er gilt vor allem als Womanizer.

Trips in die Stadt, Nachtclubs, durchgeschwitzte Polohemden, Koks-Lines auf Fünfziger-Jahre-Couchtischen, verreiste Eltern. Ganz ruhig, Mann, mach dir nicht ins Hemd, die Putzfrau kümmert das nicht. Ein Dreier mit zwei Mädchen in irgendeinem Badezimmer.

Schließlich erhält er die Zulassung zum Vassar Elite-College in Poughkeepsie/New York. Dort engagiert er sich im Ensemble des Studententheaters.

Bei der Premierenfeier nach einer Hamlet-Aufführung fällt dem 22-Jährigen die gleichaltrige Kommilitonin Mathilde Yoder auf. Sie gilt als rätselhaft, weil sie keine Freunde hat und noch auf keiner Party gesehen wurde. Die Wochenenden verbringt sie in New York. Es heißt, das Geld für die teure Kleidung verdiene sie als Model. Lotto geht quer durch den Raum zu ihr, kniet sich theatralisch vor sie auf den Boden und macht ihr auf der Stelle einen Heiratsantrag. Zwei Wochen später lassen sie sich trauen. Nachdem sie seinem sexuellen Begehren wenige Tage vor der Hochzeit endlich nachgegeben hat, stellt er fest, dass sein Penis voll Blut ist und nimmt deshalb an, dass sie noch Jungfrau war. Für ihn ist Mathilde ohnehin eine Heilige voller Reinheit. Aber als seine Mutter nachträglich von der Eheschließung erfährt, stellt sie die monatlichen Überweisungen ein und verweigert ein Treffen mit der unerwünschten Schwiegertochter.

Während Lotto sich vergeblich um ein Engagement als Theaterschauspieler bemüht, führt Mathilde nicht nur den Haushalt, sondern fängt auch in einer Galerie zu arbeiten an, um etwas Geld zu verdienen.

Sie hatte Sechzehn-Stunden-Tage gearbeitet, damit sie etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf hatten. Er brachte nichts außer Enttäuschung und schmutziger Wäsche in ihre Ehe ein.

Lotto und Chollie erneuern ihre Freundschaft. Chollie ist inzwischen mit Danica zusammen und verdient viel Geld mit Immobilien. Ohne sich daran zu erinnern, dass es Chollies inzwischen tote Zwillingsschwester war, erzählt Lotto von dem Erlebnis mit dem brennenden Haus.

„Weißt du noch, Choll, diese Party in dem Abbruchhaus oben in der Marsch? Ich bin gerade auf dem Dach mit irgendeinem Mädchen zugange, und auf einmal merke ich, dass die Bude brennt, und ich mich beeilt und von ihr runter und zwei Etagen tiefer in einen Busch gesprungen, und als ich rausgekrochen bin, hing mir noch die Nudel aus der Hose. Die Feuerwehrleute standen da und haben geklatscht.“ Die anderen lachten, und Lotto sagte: „Das war meine allerletzte Nacht in Florida. Am nächsten Tag hat mich meine Mom in ein Flugzeug gesetzt. Sie hat der Schule mit einem dicken Scheck gewinkt, schon war ich drin, Aufnahmebedingungen hin oder her. Seitdem bin ich nie mehr zu Hause gewesen.“

Am Neujahrsmorgen 1999 entdeckt Mathilde auf dem Laptop ein Theaterstück mit dem Titel „Die Quellen“, das Lotto offenbar in der Nacht entwarf. Erst als sie ihn darauf anspricht, fällt es ihm wieder ein. Mathilde ist begeistert: Er soll den Traum von einer Karriere als Schauspieler aufgeben und sich stattdessen als Dramatiker versuchen.

Tatsächlich macht Lotto sich mit „Die Quellen“ einen Namen als Bühnenautor. Es folgen die Stücke „Einäugiger König“ (2000), „Inseln (2001) und „Das Haus im Hain“ (2003). Lotto wird gefeiert. Nur die Kritikerin Phoebe Delmar schreibt Verrisse über seine Werke und wirft ihm vor, in seinem Stück „Gacy“ (2003) den pädophilen Serienmörder John Wayne Gacy zu glorifizieren. Auch „Grimoire“ (2005) und „Hamlin im Winter“ (2006) finden bei Phoebe Delmar keine Gnade.

Als Lottos Schwester Rachel 23 Jahre alt ist und von ihrer Lebensgefährtin Elizabeth verlassen wird, heiratet die Jura-Studentin einen Mann, aber Pete ist nur ein Intermezzo, denn nach einem halben Jahr sind Rachel und Elizabeth wieder zusammen.

Nach einer Aufführung von „Eleonore von Aquitanien“ (2006) wird Lotto von Denton Thrasher begeistert angesprochen, aber er tut so, als könne er sich nicht mehr an ihn erinnern. 2008 schreibt er drei Theaterstücke: „Wände, Decke, Boden“, „Letzter Schluck“ und „Gnade“. Mathilde kündigt ihren Job, um sich um die geschäftlichen Angelegenheiten ihres Mannes zu kümmern. Zusätzlich zum Apartment in der Stadt kaufen sie sich ein Haus auf dem Land.

Im 18. Ehejahr verbringt Lotto zwei Wochen als Stipendiat in Osaka. Erstmals sind er und Mathilde so lange Zeit getrennt. Bei der Rückkehr wird er im Flughafen von Albany/New York auf der Gangway gerempelt, stürzt und kommt mit mehreren Verletzungen ins Krankenhaus. Als Mathilde ihn abholt, schlägt er ihr vor, endlich ein Kind zu zeugen.

„Es ist Zeit“, sagte er. „Höchste Zeit. Wir haben jetzt ein bisschen Geld, ein Haus, und du bist immer noch fruchtbar.“

Mit zunehmenden Alter nehme das Risiko einer geistigen Behinderung des Kindes zu, mahnt er.

„Wobei es vielleicht gar nicht so schlimm ist, ein dummes Kind zu haben. Die Cleveren hauen ab, sobald sie können. Von den Dummen hat man länger was. Andererseits – wenn wir zu lange warten, schneiden wir ihm noch mit dreiundneunzig die Pizza klein. Nein, wir müssen das so schnell wie möglich in Angriff nehmen. Sobald wir nach Hause kommen, schwängere ich dich, dass sich die Balken biegen.“
„Das Romantischste, was du je zu mir gesagt hast“, sagte sie.

Zur Feier seines 40. Geburtstages besucht Mathilde mit ihm eine Aufführung der Oper „Nero“ von Leo Sen. Lotto ist davon so ergriffen, dass er sich vornimmt, eine Oper zu schreiben. Er gibt nicht auf, bis er den in der kanadischen Provinz Nova Scotia lebenden 26-jährigen Komponisten ans Telefon bekommt. Sie verbringen einige Wochen miteinander in einer Künstlerkolonie und arbeiten dort am Konzept für eine neue Oper: „Antigone“ oder „Anti-Gonade“. Einige Tage lang zieht Leo Sen sich in Klausur zurück, komponiert in drei schlaflosen Nächten Gos Arie und spielt sie dann aufgeregt Lotto vor. Der ist entsetzt über den Kitsch. Obwohl er sich mit kritischen Äußerungen zurückhält, begreift Leo, dass die Zusammenarbeit keine Zukunft hat und reist noch in der Nacht ab. Später liest Lotto in der Zeitung, dass Leo Sen ertrunken sei.

Bei einem Symposium zur Zukunft des Theaters sagt Lotto auf der Bühne:

„Es liegt etwas Edles darin, für einen reibungslosen, sauberen und komfortablen Alltag zu sorgen. Es ist als Lebenswahl mindestens gleichwertig mit der, sein Geld durch Nabelschau zu verdienen. Meine Frau ist die Dramaturgin unserer Ehe, meine Werke stehen und fallen mit ihrer Arbeit, auch wenn ihr Anteil daran nie direkt zu erkennen ist. Diese Rolle ehrt sie. Mathilde hat zum Beispiel vor Jahren ihren Job aufgegeben, um mir den Rücken freizuhalten. Sie kocht für ihr Leben gern, und es macht sie glücklich, das Haus sauber zu halten und meine Arbeiten zu redigieren. Und welches halbgare Dummbrot hätte die Gönnerhaftigkeit zu behaupten, sie stehe unter mir, weil sie nicht die Kreative in der Familie ist? […]
Als ich noch Schauspieler war, hatte ich so wenige Engagements, dass ich den Haushalt praktisch allein geschmissen habe, während Mathilde das Geld verdiente. [Er hatte gespült, ja.] Aber es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen den Geschlechtern, auch wenn es heutzutage nicht politisch korrekt ist, das auszusprechen. Frauen bekommen nun mal die Kinder und stillen, und traditionell sind sie es auch, die sich in den ersten Jahren um sie kümmern. Das ist alles sehr zeitaufwendig. […]
Wenn Frauen historisch gesehen weniger kreatives Genie gezeigt haben als Männer, dann nur deshalb, weil sie ihre kreative Energie nach innen richten, auf das Leben selbst verwenden. Das ist eine Art von körperlicher Genialität. Niemand kann mir erzählen, dass das nicht mindestens genauso wertvoll ist wie das Genie der Vorstellungskraft.“

Mathilde verlässt aufgebracht den Saal.

Lotto schreibt weiter: „Eis in den Knochen“ (2013), „Telegonie“ (2013), „Das Narrenschiff“ (2014), „Die Fledermäuse“ (2014). „Eschatologie“ (2014) wird endlich auch von Phoebe Delmar im Feuilleton gelobt. „Die Sirenen“ bleibt unvollendet.

Während Mathilde bei der postumen Vernissage der Bildhauerin Natalie in der Toilette einer Galerie versucht, einen Rotweinfleck aus ihrem Kleid zu waschen, unterhalten sich Lotto und Chollie mit dem Galeristen Ariel English, von dem Lotto weiß, dass Mathilde früher für ihn arbeitete. Chollie sagt zu Ariel:

„Du erinnerst dich nicht mehr, aber ich habe dich vor langer Zeit in der Stadt kennengelernt. Damals, als du noch mit Mathilde zusammen warst.“

Nach langer Pause fragt Lotto ungläubig: „Zusammen? Mathilde und Ariel?“ Verlegen antwortet Ariel:

„Nein, also. Ich war ihr, ähm, tja, ihr Liebhaber. Ihr Freund. Wir hatten so eine Abmachung damals. Tut mir leid. Wie unangenehm. Ich dachte, Sie und Mathilde hätten keinerlei Geheimnisse.“

Nach 24 Jahren Ehe reist Lotto allein nach Florida. Die Mutter des 46-Jährigen lebt nicht mehr, sie ist seit sechs Monaten tot.

Kurz darauf sucht Mathilde ihren Mann eines Morgens im Haus. Sie findet ihn im Arbeitszimmer, mit dem Kopf auf dem Schreibtisch. Hat er die Nacht durchgearbeitet? Nein, er ist tot.


Falls Sie den Roman „Licht und Schatten“ von Lauren Groff noch nicht gelesen haben und dies noch tun wollen, sollten Sie den Rest der Inhaltsangabe .


Lotto erfuhr nie etwas über die Kindheit seiner Frau. Sie hatte ihm nur gesagt, sie habe keine Familie.

Mathilde heißt eigentlich Aurélie. Ihre Eltern waren eine Fischerverkäuferin auf dem Markt in Nantes und ein Steinmetz, die sie während der Revolution im Mai 1968 zeugten und sich dann trauen ließen. Als Aurélie drei Jahre alt war, bekam sie einen kleinen Bruder. Während eines Familienbesuchs bei Aurélies Großmutter väterlicherseits im Jahr darauf wurde das Baby im Obergeschoss zum Schlafen hingelegt. Aurélie stand nach kurzer Zeit auf und ging nach oben, aber statt die Toilette aufzusuchen, öffnete sie die Tür des Zimmers, in dem sie ihren Bruder hörte. Er krähte vor Freude, als er sie sah. Aurélie schaute zu, wie er wackelig zur Treppe ging und darauf wartete, dass sie ihn hinunter trug. Er drückte sich an ihr Bein und streckte die Hände nach ihr aus. Sie trat einen Schritt zurück. Daraufhin verlor er das Gleichgewicht und stürzte über die Stufen hinunter. Als Aurélie aufblickte, bemerkte sie ihre zehnjährige Cousine, die mit offenem Mund in der Tür zum Bad stand.

Damals sah Aurélie ihre Eltern zum letzten Mal. Nach dem Tod des kleinen Sohnes – er hatte sich auf der Treppe das Genick gebrochen – hassten sie Aurélie und ließen sie zunächst bei der Großmutter. Die ertrug das verstörte, aufsässige Kind ein oder zwei Jahre lang. Dann setzte sie es in einen Zug nach Paris und schickte es zur anderen Großmutter, die Aurélie bis dahin noch gar nicht kannte.

Diese Großmutter legte abends noch mehr Make-up auf, bevor sie die Wohnung verließ und kam dann mit wechselnden Männern zurück. Aurélie musste in einem Wandschrank schlafen.

Als Aurélie nach ihrem elften Geburtstag aus der Schule kam, lag die Großmutter halb nackt auf dem Bett.

Die Zunge hing heraus. Am Hals hatte sie rote Male, vielleicht waren es auch Knutschflecken. [Nein.] Zwei ihrer Nägel waren herausgerissen worden, und die Finger endeten in Blut.

Nach dem Tod ihrer Großmutter setzte jemand Aurélie in ein Flugzeug. Ein Fahrer holte sie ab und brachte sie zum Haus ihres in Pennsylvania lebenden Onkels. Der ältere Bruder ihrer Mutter erklärte ihr, dass er fast nie da sei.

„Der Chauffeur wird mit dir einkaufen und alles besorgen, was du brauchst. Er bringt dich zum Schulbus und holt dich dort auch wieder ab. Mich wirst du kaum sehen.“

Ihre Einsamkeit war so groß, dass sie die Gestalt des oberen Flurs annahm, dunkel und voller verschlossener Türen.
Als sich beim Schwimmen in einem Fluss einmal ein Blutegel an der Innenseite ihres Oberschenkels festsaugte, so dicht an der entscheidenden Stelle, dass es sie förmlich elektrisierte, hatte sie ihn dort gelassen und von früh bis spät an ihn gedacht, ihren unsichtbaren Freund. Als er in der Dusche schließlich abfiel und sie versehentlich drauftrat, weinte sie.

Allmählich begriff Aurélie, dass ihr Onkel der Boss einer kriminellen Organisation war.

Ohne vorher mit der Zwölfjährigen darüber zu reden, adoptierte er sie. So erhielt sie den Familiennamen Yoder. Mathilde hatte sie sich in der amerikanischen Schule von Anfang an nennen lassen. Zwei Jahre später erfuhr sie von ihrem Adoptivvater, dass ihre Eltern inzwischen zwei Söhne hatten, einen drei- und einen vierjährigen Jungen.

Der Onkel stellt klar, dass sie ihr Studium selbst finanzieren muss. Er könnte es sich zwar ohne weiteres leisten, hält es jedoch für besser, dass sie sich selbst durchbeißen muss. „Kämpfen formt den Charakter.“ Er schlägt ihr vor, zu modeln.

Also fährt die 18-Jährige mit dem Zug nach New York, um sich bei einer Agentur vorzustellen. Man sagt ihr, sie müsse fünf Kilo abnehmen. Ein hässlicher Fremder, der sie schon während der Fahrt unentwegt angegafft hatte und ihr gefolgt sein musste, spricht sie an und versichert ihr, sie sei perfekt. Als er sie auffordert, die Nacht mit ihm zu verbringen, warnt sie ihn: „Ich bin nicht billig.“ Er lässt sich davon nicht abschrecken, und sie vereinbaren zur Probe ein Wochenende bei ihm in New York.

Nachdem Ariel English – so heißt der Galerist – Mathilde am Probe-Wochenende brutal defloriert hat, sagt er:

„Springen ist leichter als Hineinwaten, meine Liebe. Lektion Nummer eins.“

Er bestellt telefonisch Essen und zwingt Mathilde, dem Boten nackt zu öffnen und dann das Gericht vom Boden aufzulecken.

Die beiden treffen eine Abmachung: Ariel zahlt Mathilde vier Jahre lang die Studiengebühren fürs Vassar College. Als Gegenleistung kommt sie jedes Wochenende zu ihm nach New York und in den Ferien arbeitet sie in seiner Galerie. Weil er sich vor Aids fürchtet, muss Mathilde sich außerdem verpflichten, in dieser Zeit mit niemand anderem Geschlechtsverkehr zu haben.

Mathilde hält sich an die Abmachung. In den vier Jahren am Vassar-College meidet sie private Kontakte mit Kommilitonen und besucht keine Partys. Die Wochenenden und die Ferien verbringt sie mit Ariel in New York.

An einem der letzten Tage belauscht sie zwei Studentinnen, die sich über Lancelot Satterwhites unterhalten, einen gut aussehenden Kommilitonen aus einer steinreichen Familie. Am Abend sieht sie ihn als Hamlet auf der Studentenbühne. Zur anschließenden Party geht er mit seiner Freundin Bridget. Mathilde macht sich an die unbedarfte Studentin heran, heuchelt Interesse, unterhält sich mit ihr und schenkt ihr immer wieder nach, bis ihr Opfer sich im Treppenhaus übergibt. Dann schaut Mathilde nach Lotto. Er steht betrunken grölend auf einem Fensterbrett, nackt bis auf eine Gel-Augenmaske über dem Gemächt. Sobald er sie erblickt, bahnt er sich einen Weg durch die anderen zu ihr, fällt auf die Knie und ruft: „Heirate mich!“ Sie antwortet zwar mit „nein“, korrigiert ihn später jedoch nicht, wenn er immer wieder erzählt, sie habe sofort „ja“ gesagt.

Um nicht im letzten Augenblick ein Risiko wegen der Abmachung mit Ariel einzugehen, verweigert Mathilde dem Mann, den sie zwei Wochen später heiraten wird, zunächst den Koitus. Als die Zeit mit Ariel abgelaufen ist und sie zum ersten Mal mit Lotto schläft, hat sie ihre Periode. Er aber glaubt, er habe sie entjungfert. Obwohl er selbst wild herumvögelte, lässt sein Narzissmus die Vorstellung nicht zu, seine Angebetete habe vor ihm andere Männer gehabt.

Mathilde möchte die Mutter und die Tante ihres Ehemanns kennenlernen und schlägt ihm vor, nach Florida zu fliegen, aber er hält sie mit Ausflüchten hin.

Dann ruft Mrs Satterwhite an:

„Ich muss gestehen, dass ich getan habe, was jede sorgende Mutter getan hätte; ich habe mich erkundigt, wer Sie sind und woher Sie kommen. Meine Nachforschungen haben Befremdliches zutage gebracht. […]
Und was ich herausgefunden habe, gefällt mir gar nicht. Addieren Sie das zu meiner Furcht vor einem Menschen, der einen treuherzigen Jungen wie meinen verführt und nach so kurzer Zeit heiratet. So etwas tut nur ein sehr gefährlicher oder sehr berechnender Mensch. All das zusammen bringt mich zu der Überzeugung, dass Sie und ich keine Freude an einem Kennenlernen von Angesicht zu Angesicht hätten.“

Antoinette Satterwhite geht davon aus, dass Mathilde es nur auf das Vermögen der Familie abgesehen habe. Deshalb kündigt sie die Einstellung der monatlichen Überweisungen an und bietet ihrer unerwünschten Schwiegertochter für die Einwilligung in eine sofortige Scheidung 100 000 Dollar an. Als Mathilde nicht darauf eingeht, erhöht sie die Summe bis zu einer Million. Doch statt sich auf den Deal einzulassen, sagt Mathilde:

„Ich werde es unglaublich genießen, mir alles Mögliche einfallen zu lassen, um Ihren Sohn von Ihnen fernzuhalten – sehr fern. Das wird unser kleines Spielchen. Warten Sie nur ab. An allen Feiertagen, allen Geburtstagen und immer wenn Sie krank sind, wird plötzlich irgendetwas Dringendes anstehen, und Ihr Sohn muss bei mir bleiben. Er wird bei mir sein, nicht bei Ihnen.“

Dann legt sie auf. Lotto verschweigt sie das Telefongespräch.

Als das Geld nicht mehr reicht, wendet Mathilde sich erneut an Ariel. Luanne, seine neue Empfangsdame, will sie abweisen, aber Ariel stellt Mathilde ein. Nach drei Jahren versucht er, sie anzufassen. Daraufhin verlässt sie auf der Stelle die Galerie und wechselt zu einem Start-up, einer Dating-Website, die später für eine Milliarde Dollar verkauft wird.

Im Alter von 26 Jahren stellt Mathilde entsetzt fest, dass sie schwanger ist. Die Nachbarin Bette fährt mit ihr zur Abtreibung in eine Klinik. Lotto erfährt davon ebenso wenig wie zwei Jahre später von Mathildes Sterilisation, die sie vornehmen lässt, während er eine Woche in Los Angeles zu tun hat.

An Silvester 1998 betrinkt Lotto sich. Am Neujahrsmorgen entdeckt Mathilde auf dem Laptop ein Theaterstück mit dem Titel „Die Quellen“, das Lotto offenbar nachts in nur fünf Stunden schrieb. Der letzte Akt fehlt noch. Bevor Lotto erwacht, korrigiert Mathilde Orthografie- und Grammatikfehler, strafft Passagen, spitzt Dialoge zu und gestaltet Szenen um. Erst als sie ihn auf das Stück anspricht, fällt es ihm wieder ein, und er merkt dann auch nichts von der Überarbeitung.

Mit dem vollendeten Stück geht Lotto von Regisseur zu Regisseur. Niemand interessiert sich dafür. Nachdem Mathilde einen Wochenendausflug ihres Mannes mit den Freunden Chollie und Samuel in die Adirondack Mountains arrangiert hat, durchblättert sie in einer öffentlichen Bibliothek Kunstbände, bis sie die Abbildung eines Gemäldes findet, dessen Original sie als 13-Jährige in einer Kammer im Haus ihres Onkels sah. Es wurde 1934 gestohlen. Mathilde schickt ihrem Onkel eine Farbkopie und einen Brief. Kurz darauf erhält Lotto einen Anruf und berichtet seiner Frau aufgeregt:

„Das waren die Leute von Playwrights Horizons. Sie wollen Die Quellen ins Programm nehmen. Irgendein Privatinvestor ist voll darauf abgefahren und streckt das Geld vor.“

Die Vorverkaufszahlen für die Premiere sind miserabel, aber Mathilde telefoniert stundenlang mit Freunden und Bekannten, bis das Theater einigermaßen ausgebucht ist.

Als Lotto dann mit Leo Sen an einer Oper arbeitet, kommt Mathilde sich bereits nach einer Woche so einsam vor, dass sie spontan nach Thailand fliegt. Sie hat für einen ganzen Monat gebucht und malt sich erregt aus, wie Lotto sie nach seiner Rückkehr vergeblich sucht, aber nach zwei Tagen fliegt sie wieder nach Hause.

Durch Google Alert erfährt sie von Leo Sens Suizid. Sie kauft eigens eine Zeitung und sorgt dafür, dass Lotto den Artikel entdeckt.

Als Antoinette Satterwhite im Sterben liegt, ruft sie an und fleht Mathilde an, Lotto nach Florida fliegen zu lassen. „Bitte, ich muss meinen Sohn sehen.“ Aber Mathilde legt wortlos auf, und als Lotto fragt, wer am Telefon gewesen sei, lügt seine Frau: „Verwählt.“

Am nächsten Tag erhalten sie die Nachricht von Antoinettes Tod.

Kurz darauf stirbt auch Lotto.

Sallie und Rachel versuchen, sich um die 46-jährige Witwe zu kümmern, aber sie will mit niemandem reden, läuft nur nackt und verstört im Haus herum, ernährt sich von nichts als Wein und Zucker. Freunde und Bekannte ziehen sich von ihr zurück.

Sallie begriff, dass es zwecklos war, zu Mathilde durchdringen zu wollen; sie war immer noch wie betäubt. Ein Kraftfeld aus Zorn, so stark, dass niemand eine Chance hatte. Sallie flog wieder nach Asien, diesmal nach Japan. Sie würde in einem Jahr wiederkommen, sagte sie.

Mathilde setzt sich nachts in die Luxuslimousine, die Lotto noch von der Erbschaft gekauft hatte, gibt Vollgas und schaltet die Scheinwerfer aus. Das Fahrzeug schleudert über einen Stacheldrahtzaun, überschlägt sich und kracht in eine Herde schlafender Jersey-Rinder. Mathilde beißt sich fast die Zunge durch, bleibt aber ansonsten nahezu unverletzt.

Eines Nachts fährt Mathilde kurz entschlossen zu einer Bar, reißt einen Mann auf und treibt es mit ihm in einem Wäldchen an einer Straßengabelung. Sie feuert ihn an.

Das anfangs noch konzentrierte Gesicht des Mannes nahm einen beunruhigten Ausdruck an, aber er machte tapfer noch eine Weile weiter, während sie ihn anschrie: „Fester! Los, schneller, du Wichser“, bis er es eindeutig mit der Angst zu tun bekam. Er täuschte einen Orgasmus vor, ging aus ihr heraus und murmelte irgendetwas von wegen pinkeln gehen, dann hörte sie ihn durch das raschelnde Laub davoneilen.

Einer der Kerle, mit denen sie herummacht, fragt, wie sie lebe, und Mathilde antwortet:

„Ich vögele widerlichen Typen das Hirn aus dem Schädel.“
„He!“, sagte er, dann lachte er. „Und, wie ist das für dich?“
„Ekelhaft.“

Sechs Monate nach Lottos Tod taucht ein schätzungsweise zehn bis fünfzehn Jahre jüngerer Schauspieler bei ihr auf, der ebenfalls um Lotto trauert. Er heißt Roland („Land“).

„Ich habe ihn nie kennengelernt. Aber Trauergast stimmt schon“, sagte der Junge, wandte sich ab und wischte sich übers Gesicht. […]
„Ich habe so viele Jahre davon geträumt, mal hier rauszufahren und ihn zu besuchen“«, sagte der Junge. „Einfach mal hallo zu sagen. Ich habe mir vorgestellt, dass er mich zu einem netten Abendessen einlädt und wir endlos reden. Ich wusste immer, dass wir uns blendend verstehen würden, er und ich. Lancelot. Und ich.“
„Seine Freunde nannten ihn Lotto“, sagte sie. „Und ich bin Mathilde.“

Sie nimmt ihn mit ins Bad und dreht ihm den Rücken zu.

Er war aufmerksam; sanft, wo es angebracht war, aber voller Kraft. […]
„Ich komm gleich“, sagte er. Er glänzte vor Schweiß.
„Nicht“, sagte sie, und ganz Gentleman ging er aus ihr heraus, stöhnte, und sie spürte etwas Warmes auf dem Rücken, direkt über dem Steiß.

Am nächsten Morgen, als sie aufwacht, ist Land bereits fort.

Später bringt Rachel ihr eine Geburtsurkunde, die sie unter den Sachen ihrer toten Mutter fand:

Satterwhite, Roland, geboren am 9. Juli 1984. Mutter: Watson, Gwendolyn, 17 Jahre alt. Vater: Satterwhite, Lancelot, 15 Jahre alt.

Mathilde schreibt beißende Texte, halb Gedicht, halb Shortstory, und veröffentlicht sie unter einem Pseudonym. Das benutzt sie auch bei dem Theaterstück „Volumnia“.

Sechs Monate und eine Woche nach dem Tod ihres Mannes schwimmt Mathilde nackt im Pool, als Chollie überraschend am Beckenrand auftaucht. Auf einer Party versuchte er einmal, sie ins Bad zu schieben, und sie musste ihm ein Knie zwischen die Beine rammen, damit er von ihr abließ. Nun erzählt er ihr, wie er von ihr und Ariel erfuhr.

Ein paar Tage, nachdem sie und Lotto sich kennengelernt hatten, sah er sie zufällig im Zug nach New York und folgte ihr. Er brauchte sich nicht zu verstecken, denn sie kannte ihn noch nicht. Chollie beobachtete, wie sie ein Art-déco-Gebäude betrat. Er steckte dem Portier einen Zehn-Dollar-Schein zu und erkundigte sich nach der Blondine. Das junge Ding komme seit Jahren zu dem Kunsthändler Ariel English in Apartment 4B, verriet der Portier.

In einem Imbiss gegenüber wartete Chollie, bis Mathilde wieder herauskam und die Straße überquerte. Sie sah nun ganz anders aus, trug ein durchsichtiges T-Shirt, einen Minirock und High Heels. Der hässliche Kerl, der sie in den Imbiss begleitete, griff ihr während des Essens zwischen die Beine, und sie ließ ihn gewähren.

Sollte Chollie seinem besten Freund sagen, dass dessen Verlobte eine Hure ist und es vermutlich auf sein Geld abgesehen hat? Er entschied sich dagegen, weil er wusste, dass Lotto ihm nicht glauben und sich eher von ihm als von Mathilde trennen würde.

Noch am selben Tag sah Chollie sie bei Lotto wieder. Sie hatte sich erneut umgezogen. Oder war Chollie auf eine Zwillingsschwester hereingefallen? Nachdem Lotto die beiden einander vorgestellt hatte, sagte Chollie, er habe Mathilde im Zug nach New York gesehen. Lotto meinte, das könne nicht sein, weil Mathilde den ganzen Tag im Computerraum über ihrer Französisch-Abschlussarbeit gesessen sei, aber sie behauptete, schon mittags damit fertig gewesen zu sein.

„Als du in der Mittagspause beim Rudern warst, bin ich ins Metropolitan Museum of Arts gefahren. Wir sollen für den Creative-Writing-Kurs ein ekphrastisches Gedicht schreiben, und ich wollte als Vorlage nicht dieselbe blöde Monet-Wasserlilie nehmen wie alle anderen. Ich bin gerade erst zurückgekommen. Gut, dass du mich dran erinnerst!“, sagte sie zu Chollie. „Ich habe Lotto etwas aus dem Museumsshop mitgebracht.“

Sie gibt Lotto einen Kunstband mit einem Chagall-Gemälde auf dem Titel, das sie Ariel bei ihrem letzten Besuch an diesem Tag gestohlen hatte.

Zwei Tage nach Chollies Überraschungsbesuch beauftragt Mathilde eine Detektivin, ihn auszuforschen. Die lesbische Privatermittlerin beschafft Kopien von Dokumenten über kriminelle Machenschaften als Unternehmer und Fotos, die beweisen, dass Charles Watson seine Ehefrau Danica mit einer ganzen Reihe von Geliebten betrügt.

Mathilde beginnt mit dem privaten Bereich. Acht Monate nach Lottos Tod nimmt sie überraschend eine Einladung von Chollie und Danica zu einer Party an. Unauffällig legt sie ein Foto auf den Flügel: Chollie, nackt, blitzlichtweiß, mit fremden Damen. Am nächsten Morgen ruft er wie erwartet an:

„Sie lässt sich scheiden“, spie Chollie ihr entgegen. „Du Monster.“

Drei Monate später ist Danica geschieden und schwerreich.

Mathilde trifft sich mit einem FBI-Agenten und berichtet ihm von Charles Watsons illegalen Geschäften.

Am Tag vor der mit dem Ermittler vereinbarten Übergabe des von der Privatdetektivin beschafften Belastungsmaterials bringen ihr Sallie und Rachel eine dicke Aktenmappe aus Antoinettes Nachlass. Augenscheinlich hatte Lottos Mutter die verhasste Schwiegertochter beschatten lassen. Das Dossier enthält Fotos von Mathilde in Thailand und beim Verlassen der Abtreibungsklinik, das Vorstrafenregister ihrer Pariser Großmutter und eine Liste der ihrem Onkel angelasteten Verbrechen. Dreimal wollte Antoinette ihrem Sohn einen dicken Umschlag schicken, aber Rachel vernichtete die Briefe, statt sie einzuwerfen.

Nach dem Besuch der beiden Frauen verbrennt Mathilde den Karton mit dem Belastungsmaterial gegen Chollie.

Vier Jahre nach Lottos Tod fliegt Mathilde nach Paris und fährt von dort nach Nantes, wo sie von der Bürgermeisterin empfangen wird, der sie erklärt, wie wichtig es ihr sei, das Haus ihrer Großmutter zu bekommen, das sich Jahrhunderte lang im Besitz der Familie ihres Vaters befand. Als sie dann von ihrem Anwalt die Nachricht über den erfolgten Kauf des Anwesens erhält, erteilt sie ihm einen weiteren Auftrag:

„Jetzt lassen Sie das Haus bitte abreißen. Komplett, bis zu den Grundmauern, und die Weinstöcke dahinter sollen auch ausgerissen werden. Alle. Ich weiß, es ist alt und der Abriss verstößt wahrscheinlich gegen alle möglichen Gesetze, aber schaffen Sie möglichst schnell Tatsachen, bevor jemand richtig mitbekommt, was Sie da tun. Und tun Sie es so schnell wie möglich.“

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Bis zu seinem 22. Lebensjahr tobt sich Lancelot („Lotto“) aus: Sex mit Frauen und Männern, Partys, Alkohol und Drogen. Dann verliebt er sich Hals über Kopf in Mathilde, und die beiden heiraten. Freunde und Bekannte halten die Ehe für vorbildlich und beneiden das Paar. Mathilde unterstützt die Karriere ihres Mannes – in welchem Ausmaß, ahnt Lotto gar nicht. Nach 24 Jahren erfährt er etwas über seine Frau, das ihn darüber nachdenken lässt, sie zu verlassen, aber bevor er eine endgültige Entscheidung trifft, stirbt er.

Damit endet der fulminante, mit „Licht“ überschriebene erste Teil des Romans „Licht und Zorn“ von Lauren Groff (* 1978), in dem wir die Geschichte aus Lottos Perspektive linear und rasant nachvollziehen.

Das Besondere an „Licht und Zorn“ ist der zweite Teil: „Zorn“. Der spielt in der Gegenwart (2015), also nach Lottos Tod, und ist aus Mathildes Sicht geschrieben. Lauren Groff beginnt ihn mit Rückblenden in die Kindheit der Romanfigur und wechselt auch im weiteren Verlauf fortwährend zwischen den drei Zeitebenen vor der Ehe / Ehe / die Zeit danach. (Es gibt auch Ausblicke in die Zukunft.) Allmählich begreifen wir, welche Illusionen sich Lotto zeitlebens machte. (Wir Leserinnen und Leser ließen uns ebenfalls täuschen.) In „Zorn“ ergänzt Lauren Groff die in „Licht“ erzählte Geschichte, fügt Facetten hinzu, führt sie fort, und vor allem dekonstruiert sie den ersten Teil mit unerwarteten Wendungen wie in einem Psychothriller. Sie zieht den Boden unter der Geschichte weg, und wir blicken erschüttert in Abgründe, von denen Lotto nichts ahnte.

Übrigens gibt es neben der unpersönlichen Erzählstimme, die das Geschehen aus den beiden Perspektiven der Hauptfiguren entwickelt, noch eine dritte, die hin und wieder etwas kommentiert und durch Texte in eckigen Klammern gekennzeichnet ist.

Der ebenso intelligente wie ungewöhnliche Aufbau macht „Licht und Zorn“ zu einer großartigen Lektüre. Lauren Groff erzählt temporeich und temperamentvoll in einer kraftvollen Sprache und wirkt auch bei den Sexszenen nicht zimperlich. Im Kleinen experimentiert sie ebenso wie im Großen, etwa wenn sie einen Teil der Geschichte in Form von Inhaltsangaben zu Lottos Theaterstücken spiegelt und eine alles verändernde Passage in Dialoge und Regieanweisungen auflöst, als wäre es ein Bühnenstück.

Den Roman „Licht und Zorn“ von Lauren Groff gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Roman Knižka und Claudia Michelsen (ISBN 978-3-8449-1479-5).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag

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