Himmel über der Wüste

Himmel über der Wüste

Himmel über der Wüste

Himmel über der Wüste – Originaltitel: The Sheltering Sky – Regie: Bernardo Bertolucci – Drehbuch: Mark Peploe und Bernardo Bertolucci, nach dem Roman "Himmel über der Wüste" von Paul Bowles – Kamera: Vittorio Storaro – Schnitt: Gabriella Cristiani – Musik: Ryuichi Sakamoto, Richard Horowitz – Darsteller: Debra Winger, John Malkovich, Campbell Scott, Jill Bennett, Timothy Spall u.a. – 1990; 140 Minuten

Inhaltsangabe

"Himmel über der Wüste" dreht sich um ein amerikanisches Künstlerehepaar, das vor der Sinnlosigkeit des Lebens in der westlichen Gesellschaft flieht. Die Reise nach und durch Afrika dient der Suche nach echtem Leben, der Selbstfindung und Erlösung. Die Bilder der Wüste werden gegen Ende zu immer grandioser. Aber da ist Port Moresby bereits tot; er stirbt, als er die Wüste erreicht hat. Die Witwe lebt zwar am Ende noch, hat jedoch ihre Identität verloren – und sich auf diese Weise befreit ...
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Kritik

Bernardo Bertolucci ist es nicht gelungen, aus dem Roman "Himmel über der Wüste" von Paul Bowles ein überzeugendes existenzielles Drama zu machen. Es gibt bessere Filme von ihm, und John Malkovich hat eindrucksvollere Rollen gespielt.
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Um der Hohlheit des Lebens in New York zu entgehen und die seit zehn Jahren bestehende Ehe zu retten, reist das nicht besonders erfolgreiche amerikanische Künstlerpaar Port und Kit Moresby (John Malkovich, Debra Winger) 1947 mit der Absicht nach Tanger, die Sahara zu durchqueren. Ports reicher Freund George Tunner (Campbell Scott) begleitet den Komponisten und die Dramatikerin.

Im Hotel werden sie von Eric Lyle (Timothy Spall) angesprochen, einem fetten, sich devot gebenden Mittdreißiger, der mit seiner dominanten, nörglerischen Mutter (Jill Bennett) in einem Auto unterwegs ist. Mrs Lyle ist Reiseschriftstellerin, aber sie verachtet die Afrikaner ebenso wie alle anderen Nichtweißen und die Juden. Eric ist alkoholkrank. Weil ihm seine Mutter deshalb kein Geld gibt, erbettelt er sich etwas, um sich Schnaps kaufen zu können.

Während Kit und Tunner abends im Hotel bleiben, geht Port durch die Stadt. Er wird von einem Berber namens Smail (Ben Smaïl) angesprochen. Der drängt ihn mitzukommen und führt ihn zu der in einem Zelt lebenden Prostituierten Mahrnia (Amina Annabi). Port entgeht nicht, wie Mahrnia ihm die Brieftasche wegnimmt, und er holt sie sich unbemerkt zurück. Als er geht, hält er die Brieftasche triumphierend hoch. Daraufhin stößt Mahrnia einen Alarmruf aus, und einige Männer hetzen hinter dem flüchtenden Amerikaner her. Im Morgengrauen kehrt er ins Hotel zurück.

Kit fürchtet sich vor Zugfahrten. Sie mag zwar die Lyles nicht, aber sie würde lieber deren Gesellschaft als eine Reise mit dem Zug ertragen. Die Lyles bieten an, zwei der Amerikaner im Wagen mitzunehmen. Für drei sei nicht genügend Platz, erklären sie. Port schlägt kurzerhand vor, Tunner zurückzulassen, aber das will Kit auf keinen Fall. Während Port allein im Auto mitfährt, nehmen Kit und Tunner den Zug. Um ihr die Fahrt erträglich zu machen, köpft Tunner unterwegs ein paar Flaschen Champagner.

Als Kit im Hotel aufwacht, liegt sie nackt neben Tunner im Bett. Augenscheinlich haben die beiden miteinander geschlafen, aber Kit kann sich an nichts erinnern. Erschrocken springt sie auf und drängt Tunner, sich anzuziehen. Port und die Lyles sind bereits vor ihnen eingetroffen.

Während nun Tunner sich von seinem Freund überreden lässt, mit den Lyles im Auto weiterzureisen, fährt das Ehepaar Moresby mit einem Bus – in dem es von Fliegen wimmelt.

Port versteht sich ausdrücklich nicht als Tourist, sondern als Reisender: „Touristen denken bei der Ankunft an die Rückreise nach Hause, der Reisende wird möglicherweise nicht zurückkehren.“

Er vermisst seinen Pass und vermutet, dass Eric ihn stahl, um ihn gegen Geld für Alkohol und Zigaretten zu verkaufen.

Als Port die Nachricht erhält, dass Tunner am nächsten Tag eintreffen und ihm den Pass bringen werde, besticht er einen Einheimischen mit viel Geld, um mit Kit im Bus weiter nach El Gaa fahren zu können, obwohl er fiebert und fröstelt.

Nach der Ankunft in El Gaa ist Port nicht mehr in der Lage, auch nur einen Schritt zu gehen. Ein Bewohner des Ortes führt Kit zum Hotel, aber das ist wegen einer Epidemie geschlossen. Schließlich erreicht Kit, dass sie und ihr inzwischen schwerkranker Mann auf der Ladefläche eines LKWs zu einem Fort der französischen Fremdenlegion in Sba in der Wüste gebracht werden.

Dort schaut ein Militärarzt nach Port und diagnostiziert Typhus. Am Ende schreit der Kranke vor Schmerzen, bis er stirbt.

Kit verlässt das Fort und sitzt im Sand, als eine Karawane vorbeizieht. Sie hebt ihren Koffer hoch, und der schwarz gekleidete Beduine Belqassim (Eric Vu-An), von dem nur die Augen zu sehen sind, nimmt sie auf seinem Dromedar mit. Wochenlang zieht die Karawane durch die Wüste. Unterwegs vertauscht Kit ihre westliche Kleidung gegen die der Beduinen und vergräbt ihre alten Sachen.

Nach der Ankunft in einem Dorf in Niger versteckt Belquassim, der drei Ehefrauen hat (Azahra Attayoub, Maghnia Mohamed, Oumou Alghabid), Kit in einer Hütte auf dem Dach seines prächtigen Lehmhauses. In diesem Aufbau, an dessen Decke Kit zackig geschittene Blätter eines Notizbuches als Schmuck aufhängt, lieben er und sie sich leidenschaftlich.

Aber als Belquassim wieder einmal fort ist, holen seine drei Ehefrauen die Amerikanerin aus dem Versteck. Die Beduinenfrauen sind im Gegensatz zu Belquassim unverschleiert. Auch Kit legt das um den Kopf gewickelte Tuch ab und zeigt ihr weißes Gesicht. Nachdem sie es wieder verschleiert hat, geht sie auf den Markt. Dort möchte sie etwas zu essen kaufen, aber die Marktfrauen weisen ihr Geld zurück und wollen nichts mit ihr zu tun haben. Kit wird gepackt und weggezerrt.

In einem Krankenhaus in Tanger kommt sie wieder zu sich. Eine Angehörige der US-Botschaft holt sie von dort ab und fährt mit ihr zu einem Hotel, in dem Tunner – der die Botschaft wegen Kits Verschwinden mit Telegrammen bombardierte – auf sie wartet. Während die Botschaftsangestellte ins Hotel hineingeht, bleibt Kit apathisch im Taxi sitzen. Doch als Tunner herauskommt, ist sie nicht mehr da. Sie schlendert geistig entrückt durch die Straßen und geht schließlich in die Gaststätte, in der sie, Port und Tunner vor ihrem Aufbruch in die Wüste waren. Wie vor Monaten auch, sitzt an einem der Tische ein älterer Herr (Paul Bowles), der die Gäste beobachtet und das Geschehen aus dem Off kommentiert.

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1949 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller, Übersetzer und Komponist Paul Bowles (1910 – 1999) den Roman „The Sheltering Sky“ / „Himmel über der Wüste“ (Übersetzung: Maria Wolff). Jahrzehntelang besaß der Regisseur Robert Aldrich (1918 – 1983) die Filmrechte, ohne das Projekt zu realisieren. Erst Bernardo Bertolucci verfilmte die literarische Vorlage nach einem Drehbuch von Mark Peploe (* 1943) und ihm selbst.

Zu Beginn und am Ende des Films „Himmel über der Wüste“ ist Paul Bowles als Gast in einem Café in Tanger zu sehen, und es wird suggeriert, dass er die Geschichte aus dem Off erzählt.

„Himmel über der Wüste“ dreht sich um ein amerikanisches Künstlerehepaar, das vor der Sinnlosigkeit des Lebens in der westlichen Gesellschaft flieht. Die Reise nach und durch Afrika dient der Suche nach echtem Leben, der Selbstfindung und Erlösung. Die Bilder der Wüste, die vielleicht die innere Leere der Figuren symbolisiert, werden gegen Ende zu immer grandioser. Aber da ist Port Moresby bereits tot; er stirbt, als er die Wüste erreicht hat. Die Witwe lebt zwar am Ende noch, hat jedoch ihre Identität verloren – und sich auf diese Weise befreit.

Bernardo Bertolucci ist es nicht gelungen, aus der literarischen Vorlage ein überzeugendes existenzielles Drama zu machen. Dafür sind die Hauptfiguren zu indifferent. John Malkovich hat wesentlich eindrucksvollere Rollen gespielt. In dem Film „Himmel über der Wüste“ verkörpert er einen selbstgefälligen Intellektuellen, aber ein vielschichtiger Charakter entwickelt sich nicht daraus. Mrs Lyle ist nichts weiter als Karikatur, und Timothy Spall agiert in der Rolle ihres Sohnes Eric wie eine Knallcharge.

Die Musikuntermalung der zu lang geratenen opernhaften Verfilmung des Romans „Himmel über der Wüste“ ist schwülstig.

Als Hauptdarsteller sollen ursprünglich Melanie Griffith, William Hurt und Dennis Quaid statt Debra Winger, John Malkovich und Campbell Scott im Gespräch gewesen sein.

16 Wochen lang dauerten die Dreharbeiten für „Himmel über der Wüste“ in Marokko (Tanger, Quarzazate, Aït Benhaddou), Algerien (Béni Abbès) und Niger.

Für die Szene mit der Fliegenplage im Bus bestellte Bernardo Bertolucci zwei Millionen Fliegen aus Italien, aber sie gingen in der Hitze kaputt und mussten durch eine einheimische Insektenart ersetzt werden.

Paul Bowles sagt in „The Life of Paul Bowles“ (1998) über die Verfilmung seines Romans „Himmel über der Wüste“: „It should never have been filmed. The ending is idiotic and the rest is pretty bad.“

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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