Der Konformist

Der Konformist

Der Konformist

Der Konformist - Originaltitel: Il conformista - Regie: Bernardo Bertolucci - Drehbuch: Bernardo Bertolucci, nach dem Roman "Der Konformist" von Alberto Moravia - Kamera: Vittorio Storaro - Schnitt: Franco Arcalli - Musik: Georges Delerue - Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Stefania Sandrelli, Dominique Sanda, Gastone Moschin, Enzo Tarascio, Pierre Clémenti u.a. - 1969; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Marcello Clerici glaubt, im Alter von 13 Jahren einen Mann getötet zu haben. Seither passt er sich überall wie unter Zwang an, auch als die Faschisten die Macht in Italien übernehmen. Marcello lockt seinen früheren Philosophieprofessor, der sich aus Abscheu vor den Faschisten nach Paris abgesetzt hat und dessen Ehefrau in eine tödliche Falle. Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes begreift er, dass sein Leben ein großer Irrtum war und er erst dadurch schwere Schuld auf sich geladen hat.
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Kritik

Bernardo Bertoluccis Verfilmung des Romans "Der Konformist" von Alberto Moravia, ist nicht nur inhaltlich anspruchsvoll, sondern auch ein stilistisch ausgefeiltes Meisterwerk. Obwohl die Atmosphäre vorwiegend kühl und nüchtern ist, wühlt der Film die Zuschauer auf.
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Marcello Clerici (als Kind: Pasquale Fortunato) wird von seiner Mutter (Milly) erzogen. Hin und wieder besuchen sie seinen Vater Antonio (Giuseppe Addobbati), der in einer Irrenanstalt lebt. Marcellos Mutter verheimlicht ihrem Sohn nicht, dass sie Liebhaber hat und ihrem Mann den Tod wünscht, weil sie dann nicht länger die Kosten für die Klinik bezahlen müsste.

Am 25. März 1917 folgt der Dreizehnjährige dem homosexuellen Chauffeur Lino (Pierre Clémenti) arglos aufs Zimmer. Als Lino „Butterfly“ ihn küsst und bedrängt, ergreift Marcello dessen Pistole, drückt mehrmals ab und streckt ihn nieder. Entsetzt flieht er aus dem Zimmer.

Fortan quält ihn der Gedanke, einen Menschen getötet zu haben. Während die meisten anderen Jugendlichen ihre Individualität betonen, passt Marcello sich an. Als Philosophieprofessor (ab jetzt: Jean-Louis Trintignant) macht er bei den in Italien regierenden Faschisten mit, nicht aus Überzeugung, sondern als Konformist.

1938 heiratet er in Rom seine Verlobte Giulia (Stefania Sandrelli), obwohl er sie wegen ihrer Naivität verachtet. Giulia glaubt, es handele sich um die Flitterwochen, als Marcello mit ihr nach Paris aufbricht. Offenbar wurde die Ehe noch nicht vollzogen, denn im Zug gesteht sie ihm, dass sie keine Jungfrau mehr sei. Sie wurde im Alter von fünfzehn Jahren von einem sechzigjährigen Familienfreund defloriert und dann sechs Jahre lang missbraucht. Marcello nimmt die Mitteilung gleichgültig zur Kenntnis. Für ihn handelt es sich nicht um die Hochzeitsreise, sondern er ist im Auftrag des italienischen Geheimdienstes unterwegs, um in Paris einen günstigen Zeitpunkt für die Ermordung eines politischen Gegners auszukundschaften. Es handelt sich um seinen früheren Hochschullehrer Professor Lucas Quadri (Enzo Tarascio), der aus Abscheu vor den Faschisten das Land verließ und inzwischen mit seiner jungen Frau Anna (Dominique Sanda) in Paris lebt.

Quadri weiß, dass Marcello mit den Faschisten zusammenarbeitet, aber er ist tolerant genug, sich auf ein Wiedersehen mit ihm einzulassen, und er bezweifelt, dass sein früherer Student vom Faschismus überzeugt ist. Die beiden Paare gehen mehrmals zusammen aus; die Frauen befreunden sich – und Marcello beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit Anna.

Quadri ahnt weder etwas von Marcellos Absichten noch von dessen Verhältnis mit Anna. Als er vorhat, einige Zeit mit seiner Frau im Landhaus zu verbringen, lädt er die neuen Freunde ein, sich ihnen anzuschließen. Quadri will am 15. Oktober 1938 vorausfahren; Anna soll mit Marcello und Giulia nachkommen. Auftragsgemäß informiert Marcello seinen Verbindungsoffizier Manganiello (Gastone Moschin) über die günstige Gelegenheit, den Antifaschisten zu töten.

Im letzten Augenblick beschließt Anna, ihren Mann zu begleiten. Als Marcello das erfährt, jagt er zusammen mit Manganiello dem Wagen des Professors nach, um seine Geliebte zu retten. Sie holen auf und folgen dem Ehepaar Quadri in Sichtweite durch einen Wald. Plötzlich hält Quadri an, denn die Straße wird durch ein anderes Auto blockiert. Der Fahrer lehnt mit dem Kopf auf dem Lenkrad. Anna befürchtet, dass es sich um eine Falle handelt, aber ihr Mann meint: „Wir können doch nicht untätig zusehen!“ Er steigt aus und geht auf das andere Fahrzeug zu. Da kommen ein Dutzend Männer hinter Bäumen hervor und stechen reihum auf ihn ein, bis er tot am Boden liegt. Entsetzt und panisch vor Angst rennt Anna zu dem Wagen, der ihnen gefolgt war und in einiger Entfernung stehen geblieben ist. Sie sieht Marcello darin sitzen, hämmert verzweifelt gegen die Scheiben, aber er rührt sich nicht, und die Türen bleiben verschlossen. Wie ein gehetztes Tier flüchtet Anna in den Wald. Sie wird von den Faschisten verfolgt und erschossen. Marcellos Feigheit widert Manganiello an.

Marcello und Giulia kehren nach Rom zurück. Bald haben sie eine Tochter (Marta Lado). Giulia ahnt, was ihr Mann getan hat, aber sie glaubt, das sei für seine Karriere förderlich gewesen und findet sich damit ab.

Benito Mussolini wird am 25. Juli 1943 von Viktor Emanuel III. abgesetzt. Pietro Badoglio (1871 – 1956) übernimmt die Regierung. Drei Tage später wird die faschistische Partei (Il Partito Nazionale Fascista) aufgelöst.

Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes in Italien geht Marcello mit Italo Montanari (José Quaglio), einem Blinden, der sich als Rundfunk-Kommentator für die Faschisten engagiert hatte, durch eine Straße in Rom. Zufällig hört er eine Stimme, die ihm bekannt vorkommt. Er bleibt stehen. Der Mann versucht gerade, einen anderen in seine Wohnung zu locken. Marcello erkennt ihn wieder: Es ist Lino „Butterfly“. Der Homosexuelle hat die Schussverletzung überlebt! Da erkennt Marcello, dass sein Leben ein großer Irrtum war. Weil er glaubte, einen Menschen getötet zu haben, verriet er zwei Freunde und beteiligte sich an ihrer Ermordung. Erst damit hat er wirklich Schuld auf sich geladen. In seiner Wut und Verzweiflung über sich selbst ruft er Passanten zusammen und prangert Lino und Italo Montanari als Faschisten an.

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Bernardo Bertolucci verfilmte den 1951 veröffentlichten Roman „Il conformista“ von Alberto Moravia. Während die deutschsprachige Übersetzung des Romans 1960 unter dem Titel „Der Konformist“ erschien, kam die Verfilmung zunächst als „Der große Irrtum“ in die deutschen Kinos. Bei Fernsehübertragungen hat sich inzwischen der Titel „Der Konformist“ durchgesetzt.

Es geht um die Tragödie eines Mannes, der glaubt, als Kind einen Päderasten getötet zu haben und sich deshalb unter allen Umständen anpassen zu müssen. Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes in Italien begreift der Konformist, dass sein Leben ein großer Irrtum war und er erst dadurch schwere Schuld auf sich geladen hat.

Mit der bestürzenden psychologischen Studie entlarvt Bernardo Bertolucci die Unmenschlichkeit des Faschismus.

„Der Konformist“ ist nicht nur inhaltlich anspruchsvoll, sondern auch ein stilistisch ausgefeiltes Meisterwerk. Bernardo Bertolucci erzählt den größten Teil der Handlung in Rückblenden aus der subjektiven Erinnerung des melancholischen Protagonisten Marcello, während dieser mit Manganiello dem Wagen des Ehepaars Quadri folgt. Die Bilder sind streng manieristisch komponiert und sorgfältig ausgeleuchtet. Den Schatten kommt nicht nur bei der Erwähnung des Höhlengleichnisses von Platon Bedeutung zu. Einige Szenen wurden mit gekippter Kamera – also mit schiefem Horizont – aufgenommen, andere mit einer wackligen Handkamera. Obwohl die Atmosphäre vorwiegend kühl und nüchtern ist, wühlt der Film die Zuschauer auf. Jean-Louis Trintignant spielt die Hauptrolle lakonisch und überzeugend.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006 / 2009

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