Julia Zange : Realitätsgewitter

Realitätsgewitter

Julia Zange

Realitätsgewitter

Realitätsgewitter Originalausgabe: Aufbau Verlag, Berlin 2016 ISBN: 978-3-351-03658-4, 157 Seiten, 17.95 € (D) ISBN: 978-3-8412-1172-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Marla ist Anfang 20. Sie verließ ihr Heimatdorf und zog nach Berlin, um zu studieren, hörte damit jedoch nach zwei Wochen wieder auf. Durch Social Networking versucht sie verzweifelt, sich über ihre Einsamkeit hinwegzutäuschen, aber wenn sie dann mit anderen zusammen ist, bleiben die Gespräche belang- und die Begegnungen bedeutungslos. Meistens reicht das gegenseitige Interesse nicht einmal für Sex ...
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Kritik

"Realitätsgewitter" ist ein pointierter Coming-of-Age-Roman über eine gestörte Eltern-Tochter-Beziehung. Julia Zange porträtiert treffsicher die von der Ich-Erzählerin repräsen­tierte Social-Media-Generation. Das wirkt authentisch.
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Marla ist Anfang 20. Vor einem halben Jahr verließ sie ihr Heimatdorf Burgen in Nordrhein-Westfalen und zog nach Berlin, um dort Philosophie zu studieren, aber damit hörte sie nach zwei Wochen wieder auf. Sie lebt von den monatlichen Überweisungen ihres Vaters, hat weder Ziel noch Perspektive, hängt herum und weiß nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll.

An Weihnachten 2015 ist sie allein. Ihre finnische Mitbewohnerin Jenna ist zu ihrer Familie gereist. Marlas Eltern verbringen Weihnachten und Silvester mit Marlas jüngerem Bruder Lennart auf Sri Lanka, aber sie hätte ohnehin nicht vorgehabt, sie zu besuchen.

Richtige Freunde hat Marla keine, nur flüchtige Bekanntschaften und Kontakte über Social Media wie Facebook. In ihrer Verzweiflung textet sie am 23. Dezember einem Amerikaner, den sie vor ein paar Monaten kennenlernte: „Hey Ben, what’s up?“ Eigentlich rechnet sie mit keiner Reaktion, aber er antwortet: „Um zehn nach dem Fitnessstudio?“

Die Sentimentalität der Weihnachtszeit hat ihn wohl dazu verleitet, mir einen festen Termin zu geben. Natürlich bedeutet das, dass ich zu ihm fahren muss. Er kommt nie zu mir.

Ben D’Aiello ist Amerikaner. Nach dem Studium der Filmwissenschaft an einer Ivy-League-Universität zog er nach Berlin und fing an, mit Drogen zu dealen. Drei Jahre lang führte er einen Strip-Club. Inzwischen organisiert er sporadisch Privat-Partys für ebenso reiche wie gelangweilte Unternehmer, die auf Avantgardistisches mit Kunst und Techno abfahren. Er wohnt in einem Hochhaus. An der Klingel steht noch der Name des Vormieters: Faribah. Marla möchte mit ihm schlafen, aber er hat kein Kondom zur Hand.

Also wühle ich durch meinen Rucksack, aber finde nichts außer einer Packung Aspirin Plus C. Wir kommen gleichzeitig, nebeneinanderliegend, die Hand zwischen den Beinen des anderen.

Nach einer Weile bringt Ben sie zur U-Bahn. Um nicht allein zu sein, fährt Marla in die Schwulenbar „Ficken 3000“. Nathan, der Lover des DJ Lotus, begrüßt sie, und sie wechselt ein paar Worte mit Lorenz, den sie in einer Philosophie-Vorlesung kennenlernte, bevor sie ihr Studium beendete.

Am Heiligen Abend meldet Marla sich über die Facebook-Gruppe „Misfits and Orphans“ zu einem anonymen Weihnachts-Dinner im Restaurant „Ming Dynastie“ an. Die drei Jungen, die mit ihr daran teilnehmen, heißen Dylan, Billy und Mikky. Nach dem Essen fahren sie in das heruntergekommene Studio eines bekannten Post-Internet-Artisten, das sich Dylan und Mikky als Wohnung teilen. Billy ist ein kanadischer Pop-Musiker, Dylan kommt aus Toronto und studierte in Savannah/Georgia Textildesign. Von Marla nach Neujahrs-Vorsätzen gefragt, sagt er, er werde seinen Drogenkonsum reduzieren und auf Kokain ganz verzichten. Als sie wieder zu Hause ist, liest sie auf ihrem Smartphone eine Nachricht von Dylan: „That was nice. We should hang out more.“

Jenna schickt Fotos aus Finnland.

An Silvester erhält Marla über Facebook eine Einladung ihres früheren Mitschülers Marek für ein Silvester-Dinner. Sie waren zusammen in der Theater-AG des Gymnasiums. Inzwischen arbeitet Marek in einer Agentur für Branding in Berlin. Er bewohnt ein frisch saniertes Penthouse. Dort übersteht Marla den Jahreswechsel.

Noch in derselben Nacht geht sie zu einer anderen Party. Die Gastgeber heißen Julia und Nuno. Es ist brechend voll, und alle sind auf MDMA oder Kokain oder beidem. Weil Marla dringend urinieren muss, aber keine Chance sieht, dass die Toilette in absehbarer Zeit frei wird, geht sie zwei Etagen höher und pinkelt im Treppenhaus. Als sie zurückkommt, sind Dylan und Mikky da.

Sie nimmt Dylan mit nach Hause, und weil sie nicht schlafen kann, streichelt sie ihn auffordernd, aber er dreht sich weg. Im Neuen Jahr schickt sie ihm noch ein paar SMS, aber er antwortet nicht.

Aus dem Geldautomaten kommt auch nichts mehr.

Mein Vater hat sich sicherlich gedacht, dass es eine wirkungsvolle Methode zur Kontaktaufnahme sei, mir einfach kein Geld mehr zu überweisen.

Notgedrungen tippt sie ins Smartphone:

„Lieber Paps, frohes neues Jahr noch! Hast du vergessen, mir Geld zu überweisen?“

Er schreibt zurück:

„Liebe Marla, wir, deine Mutter und ich, haben entschieden, dass du alt genug bist, deinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Außerdem sind wir weder mit deinem Lebensstil (dein Bruder hat uns einiges erzählt), noch mit deiner Umgangsweise uns gegenüber einverstanden. Beste Grüße, Mama & Papa
PS: Wir sind gerade wieder in Düsseldorf gelandet“

Wie soll Marla Geld verdienen? Als sie bei einem dänischen Modeladen ein Schild mit der Aufschrift „Aushilfe gesucht“ entdeckt, bewirbt sie sich, wird jedoch nicht genommen.

Übers Smartphone verabredet sie sich mit Lorenz zu einem Opening in einem Ausstellungsraum in einer umgebauten Kirche. An der provisorischen Bar gibt es von Grey Goose gesponserten Wodka. Fashion-Kids und Leute aus der Kunstszene drängen sich da. Marla lernt den 42-jährigen Journalisten Holger kennen und lässt ihn wissen, dass sie Geld verdienen müsse.

Er vermittelt ihr daraufhin eine Praktikanten-Stelle bei dem Modemagazin „The Dusty Glow“. Nach einer Woche muss sie zu ihrer ersten Fashion Show, um darüber zu schreiben. Am Abend nimmt sie an einem Empfang des Magazins teil, das dafür eine Etage eines Kaufhauses gemietet hat. Marla, die Ladendiebstähle als Jugendliche aufregend fand, widersteht der Versuchung, einen der herumstehenden Parfüm-Flakons einzustecken, aber sie nimmt die 2.50 Euro vom Teller der Toilettenfrau. Das wird fürs nächste Frühstück reichen.

Am nächsten Tag bringt sie ein paar Kleidungsstücke zurück zu Zara und erhält dafür 25 Euro.

Von Dean, einem Künstler Anfang 30 – Marla weiß nicht mehr, ob er aus Chicago oder Vancouver stammt –, erhält sie eine SMS:

„Hey Marla. We are at Soho House. There’s a free spot for you!“

Dean nimmt die Gruppe anschließend mit in sein Airbnb-Apartment, aber Marla läuft Richtung Kreuzberg. Die letzte U-Bahn hat sie verpasst. Auf dem Smartphone liest sie eine Nachricht, derzufolge Forscher erstmals Gravitationswellen messen konnten.

Die Nächte vergehen gleichförmig, die Tage verschlafe ich.

Nach einer Künstlerparty im April 2016 erwacht Marla auf einer Bank am Paul-Lincke-Ufer und findet auf dem Smartphone eine Nachricht von ihrem Ex-Freund Leon vor: „Bin in Berlin.“ Sie fährt zu ihm.

Ich komme, er nicht, weil ihn das Kokain der letzten Nacht beeinträchtigt.

Leon schluckt zwei Ibuprofen und eine Xanax, trinkt eine halbe Kanne Kaffee, raucht zwei Joints und bricht dann mit dem Auto auf. Er müsse am Bodensee etwas besorgen, sagt er.

Zu Hause schneidet Marla sich eine Linie in den Unterarm.

Um das deutsche Topmodel Anna Hofmann für „The Dusty Glow“ zu interviewen, fährt Marla mit dem ICE nach Hamburg. Sie kommt zu spät und bekommt nur noch den letzten Platz am Ende des Konferenztisches, an dem Anna Hofmann bereits von ihrer Sportswear-Kooperation mit Zalando berichtet. Im Anschluss daran werden die Journalisten und Blogger zum Dinner in einem mediterranen Restaurant eingeladen.

Auf dem Weg dorthin geht Marla in der Hoffnung, Udo Lindenberg zu sehen, am „Atlantic“ vorbei. Sie kauft sich die neue CD des Sängers, obwohl sie keinen CD-Player besitzt und ihr MacBook nicht mit einem Laufwerk ausgestattet ist.

Notfalls stelle ich mir die CD einfach ins Regal.

Zurück in Berlin, wartet Marla vergeblich darauf, dass das Smartphone klingelt. Den ganzen Abend über bleibt es stumm, obwohl sie 1675 Facebook-Freunde hat. Als es am Sonntag endlich klingelt, ist es ihre Chefredakteurin, Frau Kirschmann. Das Magazin bekam soeben eine Zusage für ein Interview mit dem Life Extension Guru Helmut Bergdorf und seinem Geschäftspartner Patrick Grothe um 15 Uhr im Soho House. Marla fährt hin.

Bergdorf meint, dass Mode ein antiquiertes Thema sei, „nur eine Form der Todesverleugnung.“ Seine Mission sieht er darin, den Tod mittels neuer Technologien abzuschaffen.

„Ich komme aus dem IT-Bereich und ich bin gewöhnt, dass Probleme prozessorientiert gelöst werden. Warum nicht genauso prozessorientiert denken, wenn es um die menschliche Gesundheit geht? Geht man zu einem Automechaniker, will man ja auch ein einwandfreies Ergebnis. Und wenn Flugzeuge so gewartet werden würden wie der menschliche Körper von Ärzten, dann würden jeden Tag mindestens hundert abstürzen.“

Anlässlich des 90. Geburtstages ihrer Großmutter im Juli 2016 kehrt Marla erstmals nach einem Jahr ins Heimatdorf Burgen zurück.

Ich habe eigentlich keine Lust, das Wochenende mit der Familie zu verbringen, aber einen neunzigsten Geburtstag kann man nicht einfach wegklicken.

Eine Amtstierärztin nimmt sie im Auto mit.

Marlas Großvater hatte in dritter Generation eine Fabrik geleitet. „Amman Medical Supply“ liest man noch auf einem verwitterten Schild an dem stillgelegten Betrieb. Statt das Familienunternehmen weiterzuführen, zog Marlas Vater Robert Amman es vor, im Center for Medical Research in Düsseldorf zu arbeiten. Hilde Amman, Marlas Mutter, hatte nach dem Studium der Kunstgeschichte vorübergehend im Sekretariat des ortsansässigen Kunstvereins gearbeitet, sich dann aber ganz der Erziehung der beiden Kinder gewidmet. Vor fünf Jahren eröffnete sie im Souterrain des Privathauses, bei dem es sich übrigens um eine ehemalige SS-Villa handelt, eine Praxis für Lebensberatung.

Marla geht erst einmal zum Haus der Großeltern etwas weiter bergauf. Die Limousine steht davor. Ihr Großvater ist zwar schon 94 Jahre alt, hat zwei künstliche Hüften, ist schwerhörig und verwechselt Marla mit seiner Tochter Heidrun, fährt jedoch noch immer Auto.

Nach einem kurzen Besuch der Großeltern geht Marla zum Elternhaus, nicht, weil sie ihre Eltern sehen möchte, sondern in der Hoffnung, ihren Vater bezüglich der Überweisungen umstimmen zu können. Eine neue Haushaltshilfe öffnet die Tür und teilt Marla mit, dass ihre Eltern nicht da sind, allerdings bald zurückerwartet werden.

Erst einmal taucht Marlas Bruder Lennart auf.

Mein Bruder gründete mit vierzehn seine erste Firma, verdiente ein paar tausend Mark mit Aktienderivaten und las nur noch das Kleingedruckte der Financial Times, die er von seinem Taschengeld abonniert hatte. Nebenbei sammelte er relativ wahllos die Firmenberichte von Aktiengesellschaften, die er in seinem Zimmer stapelte. Sein Schulpraktikum absolvierte er mit sechzehn in einem Software-Unternehmen, das ihn ein Jahr später nach Kalifornien schickte, wo er Business-Beziehungen für das Lokal-Unternehmen aufbauen sollte. Dann arbeitete er ein paar Jahre in einem Start-up in den USA, welches es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Zufall aus der Welt zu schaffen und alle Handlungen prognostizierbar zu machen.

Lennart erzählt, dass er inzwischen auf einer Bergwachtstation in den französischen Alpen arbeite.

Etwas später kommt auch die Mutter. Sie klagt, wie erschöpft sie sei.

„Ich glaube, ich muss einen kleinen Mittagsschlaf machen. Mit dieser neuen Praxis habe ich mir wirklich einen Klotz ans Bein gehängt. Aber ich denke, das ist mein Weg. Ich muss Menschen helfen. Man kann nicht die Augen vor der eigenen Mission verschließen.“

Als Marla Zweifel daran äußert, dass die Mutter sie überhaupt wahrnimmt, fährt Hilde sie an:

„Das ist eine Unverschämtheit, Marla. Kaum bist du hier, sabotierst du schon wieder alles. Du bist ein undankbarer Teufel. Ich habe alles für dich getan.“

Vor Zorn fegt sie eine riesige Blumenvase von der Anrichte und schreit dann:

„Siehst du! Was du getan hast! […]
Du bist hoffnungslos. Womit habe ich das verdient. Meine Kinder sind undankbar. Der eine schmeißt sein Studium, um in die Berge zu ziehen, und die andere ist eine Prostituierte.“

Marla schlägt ihrer Mutter ins Gesicht. Hilde tut so, als sei nichts gewesen.

Ich zittere am ganzen Körper. Nicht weil ich sie geschlagen habe, sondern weil der Schlag überhaupt keinen Effekt hatte. Es ist ganz gleich, was ich tue, fällt mir auf einmal auf. Ich könnte ihr erzählen von all dem Schmerz in den letzten zwanzig Jahren, ich könnte ihr von der Einsamkeit, von den Albträumen, von den Bauchschmerzen, von der Hilflosigkeit, der Wut, den Schnitten, den Tränen, der Verzweiflung, der Leere, der Sprachlosigkeit, der Taubheit, den Pillen, den Krankheiten, den Fluchten, der Müdigkeit, der Angst, der Schlaflosigkeit erzählen, es würde nichts ändern.

Obwohl die Mutter sie auffordert, das Haus zu verlassen, verkriecht Marla sich in ihr ehemaliges Kinderzimmer.

Auf dem Parkettboden liegt ein ausrangierter alter Orientteppich. Die Möbel wurden damals komplett im Möbelhaus gekauft. Birke Furnierholz Jugendzimmer. Es sieht auch nach Jahren aus wie neu gekauft, keine Kratzer, keine Spuren von Leben.
Ich lege mich in das kleine Bett, ziehe die Beine an den Körper und drücke mich gegen die Wand mit der Raufasertapete, in der Hoffnung, dass sie mich irgendwie hält. Dann ziehe ich mein iPhone aus der Tasche und knipse mich selbst. Als Dokumentation. Wie ein Gefängnisfoto. So sieht eine Verbrecherin aus. So sehen böse Mädchen aus.

Als Marla wach wird und nach unten geht, sitzt der Vater schlafend vor dem Fernsehgerät. Er schlägt die Augen auf und sagt, Hilde übernachte wegen Marla in einem Hotel.

Noch in der Nacht schleicht Marla sich aus dem Haus und geht zu Fuß acht Kilometer weit zum Kleinstadtbahnhof. Dort versucht sie, auf einer Bank zu schlafen. Statt nach Berlin, wo niemand auf sie wartet, will sie nach Sylt und bucht deshalb ein Ticket mit der Bahn-App.

Auf dem Smartphone liest sie, dass es in Nizza ein Attentat mit einem Lastwagen gab. 80 Tote.

Beim Umsteigen in Hamburg kauft sie sich bei einem Gosch-Imbiss ein Matjesbrötchen – wie der Protagonist in Christian Krachts Roman „Faserland“.

Bei der Touristeninformation in Westerland erfährt sie, dass Sylt völlig ausgebucht sei. Aber als sie schon dabei ist, zu gehen, ruft die Angestellte sie zurück: Soeben wurde etwas storniert: Vier Nächte im Hotel Claire. Marla kann es sich leisten, denn sie hat die Kreditkarte ihres Vaters mitgenommen, und weil er normalerweise bar bezahlt, wird er es voraussichtlich erst in einigen Tagen merken.

Marla ist zwar nicht in Dating-Laune, aber um nicht allein zu sein, verabredet sie sich übers Internet mit einem Jungen namens Ole. Der erzählt ihr als Erstes in Kurzform seinen Lebenslauf:

„Ich wurde auf Sylt geboren, meine Eltern sind geschieden, mit zehn kam ich in ein Heim für schwererziehbare Kinder, da war ich sechs Jahre, dann habe ich eine Ausbildung gemacht als Landschaftsgärtner. Ich war aber nie kriminell oder so. Nur ein bisschen widerständig.“

Seine Ex-Freundin, die ein Kind von ihm hat, lebt jetzt mit einem anderen Mann zusammen, aber sie kommen alle gut miteinander aus.

Nachdem Marla sich von ihm verabschiedet hat, löscht sie seine Telefonnummer und fährt zurück nach Berlin.

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„Realitätsgewitter“ ist nicht nur ein Coming-of-Age-Roman über eine gestörte Eltern-Tochter-Beziehung, sondern Julia Zange porträtiert parallel dazu treffsicher die von der Ich-Erzählerin repräsentierte Generation. Marla hat ihr Smartphone immer dabei. Damit kommuniziert sie nicht nur, sondern kauft auch Tickets und knipst Selfies. Durch Social Networking und Verabredungen über Facebook versucht sie verzweifelt, sich über ihre Einsamkeit hinwegzutäuschen, aber wenn sie dann mit anderen zusammen ist, bleiben die Gespräche belang- und die Begegnungen bedeutungslos. Meistens reicht das gegenseitige Interesse nicht einmal für Sex.

Die Handlung von „Realitätsgewitter“ spielt von Ende 2015 bis Mitte 2016 in Berlin, in einem nordrhein-westfälischen Dorf und auf Sylt. Markiert wird die Zeit durch bekannte Ereignisse wie zum Beispiel: Ai Weiwei posiert als ertrunkener Flüchtling am Strand von Lesbos (Januar 2016), Meldung über die Messung von Gravitationswellen (Februar 2016), Ai Weiwei im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin (Februar 2016), Böhmermann-Affäre (31. März 2016), Terroranschlag in Nizza (14. Juli 2016), Donald Trump wird Präsidentschaftskandidat (Juli 2016), Unwetter in Berlin (27. Juli 2016).

Nicht zuletzt durch die Erwähnung entsprechender Nachrichten, vor allem aber auch durch die pointierte Inszenierung von Banalität wirkt „Realitätsgewitter“ authentisch.

Dabei sind Übereinstimmungen zwischen der Protagonistin und der Autorin Julia Zange unübersehbar. Es heißt, ihre Eltern hätten sich in Hilde und Robert Amman wiedererkannt und eine einstweilige Verfügung gegen „Realitätsgewitter“ beantragt – aber das könnte auch ein PR-Gag sein.

Der Aufbau-Verlag nennt 1987 als Geburtsjahr von Julia Zange. (Es gibt allerdings auch abweichende Angaben.) Jedenfalls studierte Julia Zange Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin. Als Romanautorin debütierte sie 2008 mit „Die Anstalt der besseren Mädchen“. „Realitätsgewitter“ ist ihr zweiter Roman. In dem zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Realitätsgewitter“ noch nicht fertiggestellten Kinofilm „Mein Bruder Robert“ spielte Julia Zange 2013 unter der Regie von Philip Gröning die Hauptrolle.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Aufbau Verlag

Julia Zange: Die Anstalt der besseren Mädchen

Ulrich Becher - Murmeljagd
Der teilweise autobiografische Roman "Murmeljagd" ist eine Mischung aus Groteske und Politsatire mit Versatzstücken aus dem Thriller-Genre. Ulrich Becher leuchtet v. a. das Skurrile, Verschrobene und Abgründige aus.
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