Rote Laterne

Rote Laterne

Rote Laterne

Rote Laterne – Regie: Zhang Yimou – Drehbuch: Ni Zhen, nach einem Roman von Su Tong – Kamera: Zhao Fei – Schnitt: Du Yuan – Musik: Zhao Jiping – Darsteller: Gong Li, Ma Ingwu, He Caifei, Cao Cuifeng, Kong Lin, Jin Shuyan u.a. – 1991; 125 Minuten

Inhaltsangabe

Nachdem der Vater der 19-jährigen Chinesin Songlian gestorben ist, muss sie ihr Studium abbrechen und heiratet auf Drängen ihrer Stiefmutter Herrn Chen, der bereits drei Ehefrauen hat, die mit ihren Dienerinnen in einer palastähnlichen Anlage von der Außenwelt abgeschirmt wohnen. In diesem Mikrokosmos wetteifern die vier "Herrinnen" um die Gunst des gemeinsamen Ehemanns. Durch Misstrauen, Intrigen und Manipulationen stützen sie den Machtapparat ...

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Kritik

Zhang Yimou inszenierte das tra­gische Schicksal einer entrechteten, von Gong Li eindrucksvoll ver­kör­per­ten Chinesin in ungewöhnlich ruhigen Einstellungen und kunst­voll kom­po­nier­ten Bildern. "Rote Laterne" ist ein cineastisches Meisterwerk.
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Nordchina in den Zwanzigerjahren. Songlian (Gong Li) studiert seit einem halben Jahr. Als der Vater im Alter von 53 Jahren stirbt und ein bankrottes Tee-Handels­unter­nehmen hinterlässt, wird die 19-Jährige von ihrer Stief­mutter (Ding Weimin) gedrängt, das Studium abzubrechen und zu heiraten. Songlian fügt sich und hält es für das Beste, in dieser Lage die Nebenfrau eines reichen Mannes zu werden. Es gelingt ihr, diesen Plan mit dem 50 Jahre alten Herrn Chen (Ma Jingwu) zu verwirklichen.

In seiner Palastanlage bewohnt jede der „Herrinnen“ einen eigenen Trakt mit Innenhof. Der Zeremonienmeister (Zhao Qi) führt Songlian zu ihren Räumen.

Yuru (Jin Shuyuan), die erste Herrin, ist etwa so alt wie der Ehemann, hat einen erwachsenen Sohn und wird von den anderen als Autorität respektiert, wenn in Chens Abwesenheit Entscheidungen getroffen werden müssen. Resigniert findet sie sich mit den Gegebenheiten ab.

Zhuoyun (Cao Cuifeng), die zweite Herrin, begrüßt ihre neue „Schwester“ freundlich, lädt sie ein und stellt ihr ihre Tochter vor.

Bei Meishan (He Caifei), der hochnäsigen dritten Herrin, handelt es sich um eine ehemalige Opernsängerin. Sie hat einen Sohn, der genauso alt ist wie Zhuoyuns Tochter.

Als Dienerin wird der vierten Herrin Yan’er (Kong Lin) zugeteilt. Songlian traf bereits bei ihrer Ankunft auf sie und ärgerte sich über die unverhohlene Feindschaft des Mädchens. Jetzt demütigt sie Yan’er, indem sie ihr unterstellt, Läuse zu haben und ihr aufträgt, sich die Haare zu waschen.

Jeden Abend verkündet der Zeremonienmeister feierlich, mit welcher Frau der Herr schlafen will. Dann werden rote Laternen in ihren Hof getragen, aufgehängt und angezündet. An Songlians Ankunftstag fällt die Wahl erwartungs­gemäß auf sie. Aber in der Nacht werden sie geweckt: Die dritte Herrin sei krank, heißt es. Daraufhin lässt Chen die Laternen vom vierten in den dritten Hof bringen und verbringt den Rest der Nacht mit Meishan.

Zufällig beobachtet Songlian eine intime Geste von Meishan und dem Hausarzt Dr. Gao (Cui Zhihgang). Außerdem ertappt sie Chen bei Zärtlichkeiten mit ihrer Dienerin Yan’er. Als sie ihm daraufhin eine Szene macht, lässt er verärgert die Laternen im vierten Hof löschen.

Songlian hört eine Flöte, geht dem Klang nach und trifft auf Yurus erwachsenen Sohn Feipun (Xiao Chu). Während die Ehefrauen sonst nur als erste, zweite, dritte oder vierte Herrin angesprochen werden, nennt der junge Mann Songlian bei ihrem Namen, aber nachdem er ein paar Worte mit ihr gewechselt hat, ruft ihn seine Mutter.

Zurück in ihren Räumen, sucht Songlian nach der Flöte ihres Vaters. Die ist nicht mehr da. Songlian verdächtigt Yan’er, sie gestohlen zu haben. Um die ver­meint­liche Diebin zu überführen, dringt sie in deren Kammer ein. Dort brennen verbotenerweise rote Laternen. Statt der Flöte findet Songlian eine mit Nadeln gespickte Voodoo-Puppe mit ihrem Namen. Weil Yan’er nicht schreiben und lesen kann, muss jemand anderes die Schriftzeichen aufgemalt haben. Yan’er gesteht schließlich, dass es Zhuoyun war. Bei der Frau, die sich um Songlians Zuneigung bemühte, handelt es sich also um eine Heuchlerin.

Von Songlian nach der Flöte gefragt, gibt der Hausherr zu, sie weggenommen und verbrannt zu haben. Darüber kommt es zum Streit, und Chen verbringt deshalb die nächste Nacht statt mit der vierten mit der zweiten Frau.

Am nächsten Morgen lässt Zhuoyun sich von Songlian die Haare schneiden. Dass sie durchschaut wurde, ahnt sie nicht. Von Hass getrieben, verletzt Songlian ihre Feindin mit der Schere so schwer am Ohr, dass Dr. Gao einen Verband anlegen muss. Zhuoyun beklagt sich beim gemeinsamen Ehemann über Songlian.

Meishan berichtet Songlian, dass Zhuoyun ihr heimlich ein Abtreibungsmittel ins Essen mischte, als sie gleichzeitig schwanger waren. Die dritte Frau warnt die vierte vor der zweiten und weist sie darauf hin, dass der Ehemann sich von ihr abwenden würde, wenn er nicht bald einen Sohn von ihr bekäme.

Songlian täuscht eine Schwangerschaft vor. Der erfreute Hausherr schläft jede Nacht mit ihr. Sie hat damit gerechnet und hofft, dadurch tatsächlich schwanger zu werden. Aber als Yan’er die Unterwäsche ihrer Herrin wegbringt, um sie zu waschen, und wie immer heimlich hineinspuckt, entdeckt sie einen Blutfleck und teilt es Zhuoyun mit, die daraufhin den Herrn aus vorgetäuschter Sorge um den Gesundheitszustand ihrer vierten „Schwester“ dazu bringt, diese von Dr. Gao untersuchen zu lassen. Als Chen erfährt, dass er betrogen wurde, lässt er die roten Laternen im vierten Hof mit schwarzen Säcken verhüllen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Die auf diese Weise Gemaßregelte ahnt, wer sie verraten hat und rächt sich, indem sie die roten Laternen aus Yan’ers Behausung in den Innenhof davor wirft. In Abwesenheit des Hausherrn spricht Yuru das Urteil: die verbotenen Laternen werden verbrannt, und die Dienerin muss im Freien knien, bis sie Reue zeigt. Obwohl es schneit, entschuldigt Yan’er sich nicht für ihr Verhalten und bleibt knien, bis sie zusammenbricht. Als Chen zurückkommt, lässt er die Dienerin ins Krankenhaus bringen. Dort stirbt sie.

Als Songlian mit Meishan ins Gespräch kommt und ohne böse Absicht erwähnt, dass sie von deren Affäre mit Dr. Gao weiß, lässt die Sängerin sie verärgert stehen.

Aus Frustration betrinkt Songlian sich an ihrem 20. Geburtstag und sucht dann Zhuoyun auf.

Am nächsten Morgen beobachtet sie verkatert, wie Meishan in die Palastanlage gebracht wird. Man hat sie aufgrund eines Hinweises der zweiten Herrin in einem Hotelzimmer mit Dr. Gao in flagranti erwischt. Songlian ist entsetzt, als sie erfährt, dass sie Meishan im Vollrausch verriet.

Etwas später schleppen die Diener die sich heftig wehrende dritte Herrin zu einer stets verschlossenen Kammer auf dem Dach, in der angeblich bereits mehrere Frauen Suizid begingen. Die Männer sperren auf und kommen nach einer Weile ohne Meishan wieder heraus. Sobald sie fort sind, nähert Songlian sich der Kammer und blickt durch einen Spalt hinein. Meishan wurde erhängt.

Als der Hausherr nach mehrtägiger Abwesenheit zurückkommt, berichtet Songlian ihm, wie Meishan starb. Chen behauptet, es handele sich um eine Wahn­vor­stellung, aber Songlian bleibt bei ihrer Anschuldigung und bezieht Chen in den Kreis der Mörder mit ein.

Bald darauf wundern sich die Bediensteten darüber, dass im dritten Hof die roten Laternen leuchten. Als aus dem Inneren des Hauses die Gesangsstimme der Toten zu hören ist, befürchtet die Dienerschaft, der Geist der dritten Herrin spuke dort. Tatsächlich hat Songlian eine Platte aufgelegt.

Einige Monate später heiratet Chen erneut, und die fünfte Herrin zieht in den verwaisten Hof. Während ihr zur Vorbereitung auf die Hochzeitsnacht die Füße massiert werden, fällt ihr eine herumschleichende Frau mit wirrem Haar auf, und sie erkundigt sich nach der Person. Das sei die verrückt gewordene vierte Herrin, lautet die Antwort.

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Am Beispiel einer vergeblich gegen ihre Entrechtung aufbegehrenden Frau prangert der chinesische Regisseur Zhang Yimou in seinem Filmdrama „Rote Laterne“ repressive Gesellschaftssysteme an.

Die vier Ehefrauen des Hausherrn leben mit ihren Dienerinnen in einer palast­ähnlichen Anlage, die sie (mit einer folgenschweren Ausnahme) nie verlassen. Im Gegensatz zu ihrem Ehemann, der oft tagelang unterwegs ist, sind die Frauen von der Außenwelt abgeschirmt. Die Gebäude und Höfe stellen eine starre Ordnung dar, die durch eine strenge Hierarchie und un­ver­änder­liche Rituale betont wird. In diesem Mikrokosmos wetteifern die vier „Herrinnen“ um die Gunst des gemeinsamen Ehemanns. Durch Misstrauen, Intrigen und Manipulationen stützen sie den Machtapparat. Sogar in ihren Söhnen sehen die Frauen nichts weiter als Vorteile im Konkurrenzkampf. Bedienstete werden in das Ränkespiel mit einbezogen. Für Solidarität und Offenheit gibt es in diesem System keinen Raum. Weil sich alle gegenseitig in Schach halten, ist Gewalt selten erforderlich, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. In solchen Ausnahmefällen werden Regelverstöße selbst in Abwesenheit des Hausherrn unbarmherzig von der Dienerschaft geahndet.

Der Alleinherrscher ist in „Rote Laterne“ selten zu sehen, und wenn, dann nicht deutlich aus der Nähe. Seine Ehefrauen werden dagegen differenziert charakterisiert, und Zhang Yimou zeigt ihre Gesichter in Großaufnahmen.

„Rote Laterne“ beginnt mit einem Dialog von Songlian und ihrer Stiefmutter, wobei nur die 19-Jährige in Großaufnahme zu sehen ist und die Stimme der Älteren aus dem Off kommt. Zwischentitel gliedern „Rote Laterne“ nach dem Prolog in „Sommer“, „Herbst“, „Winter“ und „nächster Sommer“.

Zhang Yimou inszeniert das tragische Schicksal der jungen, von Gong Li eindrucksvoll dargestellten Chinesin Songlian in ungewöhnlich ruhigen Einstellungen und kunstvoll komponierten Bildern. Dabei spielen auch die Garderobe und die Ausstattung eine entscheidende Rolle. Die herrlichen Gewänder dienen zugleich der Farbregie.

In der Kategorie Bester fremdsprachiger Film wurde „Rote Laterne“ für einen „Oscar“ nominiert.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2016

Zhang Yimou (Kurzbiografie)

Zhang Yimou: Rotes Kornfeld
Zhang Yimou: Judou
Zhang Yimou: Leben!
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Milan Kundera - Die Unwissenheit
Wie auch in anderen Büchern flicht Milan Kundera in "Die Unwissenheit" kurze Essays ein. Sie handeln diesmal – wie die Handlung auch – von Nostalgie und Erinnerung, Heimweh und Sehnsucht.
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