Jan Weiler : Kühn hat Ärger

Kühn hat Ärger
Kühn hat Ärger Originalausgabe: Piper Verlag, München 2018 ISBN: 978-3-492-05757-8, 394 Seiten ISBN:978-3-492-99105-6 (eBook)

Inhaltsangabe

Der Münchner Kommissar Martin Kühn hat Ärger. Sein Haus befindet sich in der Trabantenstadt "Weberhöhe", deren Boden mit Gift verseucht ist. Nach der Erholung von einem Burnout leitet er die Ermittlungen im Mordfall Amir Bilal. Jemand hat den 17 Jahre alten, als Intensiv­straftäter polizei­bekannten Sohn einer Immigrantin totgeschlagen und -getreten. Dabei war Amir auf dem Weg, sich in die Gesellschaft zu integrieren, und zwar aufgrund einer Liebesbeziehung mit der Tochter einer in Grünwald wohnenden Familie ...
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Kritik

"Kühn hat Ärger" ist ein eher unterhaltsamer als spannender Kriminalroman von Jan Weiler. Die Gesellschaftskritik bleibt klischee­haft, und das Verhalten der Figuren ist nicht immer nachvollziehbar.
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Martin Kühn

Der 44-jährige Münchner Kommissar Martin Kühn wohnt mit seiner Ehefrau Susanne und den Kindern Nico und Alina in der Trabantenstadt „Weberhöhe“, die von dem Unternehmen Reformbau auf dem Gelände einer 1945 aufgelösten Munitionsfabrik errichtet wurde. Wie alle anderen Bewohner macht er sich Sorgen, weil der Boden Unmengen von Gift enthält, das allmählich in die Häuser eindringt, ein Gesundheitsrisiko darstellt und die Immobilien wertlos zu machen droht. Das zu einer Bank gehörende Immobilienunternehmen (Reformbau), das von Anfang an über das Gift Bescheid wusste, versucht die Geschädigten durch ein Vergleichsangebot von Klagen abzuhalten, aber mit 8000 Euro pro Haus lässt sich die erforderliche Sanierung nicht durchführen.

Nach einem zweimonatigen Ausfall wegen eines Burnouts kehrt Martin Kühn ins Polizeipräsidium zurück. Den Vorschriften entsprechend muss er sich von dem Amtsarzt Dr. Reinhard Klingler auf Dienstfähigkeit untersuchen lassen. Weil sein PSA-Wert zu hoch ist, empfiehlt ihm der Mediziner dringend, einen Urologen zu konsultieren. Aber Martin Kühn will sich nicht behandeln lassen und verschweigt die Diagnose auch seiner Frau.

Er verdächtigt Susanne, ihn zu betrügen, und zwar ausgerechnet mit Norbert Leitz, dem Anführer einer rechtsgerichteten Bürgerwehr in der Trabantenstadt „Weberhöhe“, dem er kürzlich während einer Auseinandersetzung die Nase brach. Statt mit Susanne zu reden, nimmt Martin Kühn seine Unterstellung als Rechtfertigung für einen Seitensprung mit seiner Untergebenen Ulrike Leininger. Susanne entgeht nicht, dass ihn etwas umtreibt, und als sie ihn darauf anspricht, äußert er seinen Verdacht. Sie ist entsetzt, als sie begreift, was er für möglich hält. Tatsächlich ließ sie sich von Norbert Leitz erpressen: Er verzichtete auf eine Anzeige gegen ihren Mann. Dafür musste sie für ihn Büroarbeit erledigen und ihm Informationen über polizeiliche Ermittlungen beschaffen.

Amir Bilal

Martin Kühn wird zur Trambahn-Haltestelle Großhesseloher Brücke gerufen. Dort hat man die Leiche eines Jugendlichen gefunden. Der Forensiker Helmut Graser stellt fest, dass er zu Tode geprügelt und getreten wurde.

Es handelt sich um den polizeibekannten 17-jährigen Intensivstraftäter Amir Bilal. Er wurde am 3. Dezember 2000 in München geboren. Seine Eltern Alim und Hamida Bilal hatten den Libanon Ende 1990 verlassen, kurz nachdem der libanesische Ministerpräsident Michel Aoun ins Exil gegangen war. Im Alter von neun Jahren bekam Amir noch einen Bruder – Yunus –, aber die Vater verließ die Familie bald darauf.

Der notorische Kleinkriminelle aus Neuperlach war zuletzt auf gutem Weg, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Ursache für seinen Sinneswandel war die Liebesbeziehung mit der Gymnasiastin Julia van Hauten. Er hatte sich auch mit ihrem Bruder Florin angefreundet, der ein paar Monate älter war als er, und die Eltern der beiden – Elfie und Claus van Hauten – behandelten ihn beinahe schon wie ein Familienmitglied. Amir lernte in der Villa der van Hautens in Grünwald eine für ihn neue Welt kennen, die ganz anders war als die, die er aus Neuperlach kannte. Die steinreiche Familie sah in dem bisherigen Schulschwänzer, der durch Julias Einfluss zum Musterschüler mutierte und mit ihr Cello-Konzerte anhörte, einen Beweis für die Wirksamkeit des Sozialprojekts „Münchner Sternenhimmel“, in dem sich Elfie van Hauten engagiert.

Claus van Hautens Großvater August, ein Verwaltungsbeamter, verhalf Juden, die vor dem NS-Regime fliehen wollten, zu Schiffspassagen, falls sie ihm dafür Patente überschreiben konnten. Damit zog er dann selbst in die USA, ließ sich einbürgern und meldete die Patente auch dort an. Auf diese Weise verdiente er ein Vermögen. Sein 1940 geborener Sohn Benjamin mehrte den Reichtum als Patentanwalt. Claus kam 1965 auf die Welt. Inzwischen leitet er eine auf Patentrecht spezialisierte Kanzlei mit 40 Rechtsanwälten in München. Dass er politisch linke Organisationen ebenso wie den „Münchner Sternenhimmel“ finanziell unterstützt, ist für ihn so etwas wie ein Ablasshandel.

Als Martin Kühn drei Tage nach dem Mord Julia van Hauten sprechen möchte, teilen ihm die Eltern mit, dass sie inzwischen nach Schottland gereist sei, um sich dort in einem Internat aufs Abitur vorzubereiten. Die Eltern möchten nicht, dass sie von Amirs gewaltsamen Tod erfährt und täuschten ihr vor, dass der Junge die Beziehung beendet habe.

Ich wette, Claus und Elfie haben immer noch sagenhaften Sex. Diese gesunden ungeschundenen Körper. Wahrscheinlich ein Riesenbett. Und ein Bad direkt nebenan. Amir hat sich wohlgefühlt bei denen. Dann geht er nach Hause, und auf dem Weg von dort oben zu sich nach unten wird er erschlagen. […] Was ist, wenn Vater van Hauten am Ende doch etwas gegen ihn hatte. Immerhin hat der Junge ihm das Töchterchen entrissen. […] Ich habe schon Väter erlebt, die haben jugendlichen Verehrern aufgelauert, sie bedroht, miesgemacht. Wenn Alina mit so einem Amir ankäme, wäre ich vielleicht auch nicht begeistert. Muss ich mich schämen bei solchen Gedanken? Nein, warum denn? Ich bin Polizist. Ich kenne das Leben. Diese Jungs sind kleine Pulverfässer. Und nein, die van Hautens sind offene Menschen, da war nichts. Oder Eifersucht, weil Elfie sich so für diese Kinder engagiert? Dass er seiner Frau eins auswischen wollte? So liebevoll, wie die miteinander umgehen, kaum vorstellbar. Und wenn es Amirs alte Freunde waren? Wütend, weil er sie im Stich gelassen hat, weil er plötzlich etwas Besseres sein wollte?

Erpressung

Die 16-jährige Schülerin Janina Feige stirbt auf der „Weberhöhe“, nachdem sie einen Apfel-Guave-Joghurt gegessen hat, den ein Erpresser mit Gamma-Butyrolacton vergiftet hatte. Die Polizei ermittelt anhand der Kassenzettel der betroffenen REWEKA-Filiale in den „Weberarcaden“ zu welchen Uhrzeiten in den letzten Tagen Apfel-Guave-Joghurt gekauft wurde

und lässt sich dann dazu Aufnahmen von den Überwachungskameras geben. Martin Kühn erkennt darauf Elisabeth Rohrschmid, die Ehefrau des Chemielehrers Rolf Rohrschmid. Wie alle anderen Bewohner der „Weberhöhe“ auch, steht die Familie vor der Frage, wie sie die erforderliche Sanierung des Hauses finanzieren soll. Der Kommissar spricht mit Rolf Rohrschmid und rät ihm, sich selbst zu stellen, denn er möchte nicht dabei beobachtet werden, wie er einen seiner Nachbarn verhaftet. Aber statt den Rat zu befolgen, unternimmt Rolf Rohrschmid einen Suizidversuch. Während er das Gamma-Butyrolacton im Joghurt zu hoch dosierte, reicht die selber geschluckte Menge nicht für den Tod, und man bringt ihn ins Krankenhaus.

Kühns ehrgeiziger Kollege Thomas Steierer nimmt den wegen seiner Zugehörigkeit zur extremen Rechten polizeibekannten Bäcker Boris Grundler fest, dessen DNA an Zigarettenkippen an der Haltestelle Großhesseloher Brücke gefunden wurde. Aber der Mordverdacht erhärtet sich nicht.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Spoiler

Auf den gespeicherten Aufnahmen einer Überwachungskamera ist zu sehen, dass Florin van Hauten zur Tatzeit mit drei anderen Jugendlichen im Auto unterwegs war. Daraufhin bestellt Martin Kühn ihn und seine Freunde ins Polizeipräsidium. Alle bis auf Florin leisten Folge. Nachforschungen ergeben, dass der 18-Jährige über Dubai nach Kapstadt geflogen ist. Dort verliert sich seine Spur.

Tobias Hufnagl erklärt sich zu einer Aussage bereit.

Florin war schon als Kind verhaltensgestört. Er konnte charmant sein, aber auch ausrasten. Vor zwei Jahren vergewaltigte er auf Mallorca die 14-jährige Tochter des von seiner Familie beschäftigten Gärtners. Die van Hautens finanzierten dann dem Opfer eine psychiatrische Behandlung, dem Bruder eine Ausbildung und dem Vater eine eigene Gärtnerei. Auf diese Weise erreichten sie, dass Florin nicht angezeigt wurde. So machten sie es immer, wenn er straffällig geworden war.

Nach einer Party fuhr er mit Tobias Hufnagl, Gregor Wilms und Darian Roscek im Auto herum, bis sie Amir Bilal an der Haltestelle Großhesseloher Brücke entdeckten. Florin hatte sich über ein Geschenk Amirs für Julia geärgert. In einem Faustkampf mit Amir hätte er keine Chance gehabt, aber er ließ ihn von seinen Freunden festhalten, zog einen Austernhandschuh über und schlug damit auf ihn ein.

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„Kühn hat Ärger“ ist ein eher unterhaltsamer als spannender Kriminalroman. Jan Weiler beschränkt sich nicht auf die Haupthandlung, sondern erzählt außerdem vom Privatleben des Protagonisten und fügt noch einige in der fiktiven (bereits in „Kühn hat zu tun“ vorgestellten) Münchner Trabantenstadt „Weberhöhe“ spielende Nebenhandlungen hinzu. Das wirkt holprig.

Wir lesen in „Kühn hat Ärger“ von rechtsgerichteten Gruppierungen und Ausländerfeindlichkeit, von der Sorge der Mittelschicht, gesellschaftlich abzurutschen, von der Skrupellosigkeit eines Immobilienunternehmens, das zu einer Bank gehört, aber auch von einem gut gemeinten Sozialprojekt („Münchner Sternenhimmel“). Mit Amir Bilal, dem 17-jährigen Sohn einer in Neuperlach lebenden libanesischen Immigrantin und der eine Villa in Grünwald bewohnenden Familie van Hauten treffen zwei konträre Welten aufeinander. Das alles ist wohl gesellschaftskritisch gemeint, bleibt jedoch oberflächlich und klischeehaft.

Das Verhalten der Figuren wird mit Küchenpsychologie erklärt und ist auch nicht immer glaubhaft, etwa wenn der Intensivstraftäter Amir Bilal durch die Begegnung mit der Gymnasiastin Julia van Hauten über Nacht nicht nur vom Schulschwänzer zum Musterschüler wird, sondern auch noch mit ihr zusammen ein Cello-Konzert anhört.

Immer wieder lässt Jan Weiler seine Titelfigur Martin Kühn über Beobachtungen, Erlebnisse und Erfahrungen nachdenken. Um diese Passagen vom übrigen Text abzuheben, sind sie kursiv gesetzt.

Den Roman „Kühn hat Ärger“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor (ISBN 978-3-8445-2636-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Piper Verlag

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