Alissa Walser : Am Anfang war die Nacht Musik

Am Anfang war die Nacht Musik

Alissa Walser

Am Anfang war die Nacht Musik

Am Anfang war die Nacht Musik Originalausgabe: Piper Verlag, München 2010 ISBN: 978-3-492-05361-7, 253 Seiten, 19.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Arzt Franz Anton Mesmer behandelt 1777 in Wien die seit ihrem 3. Lebensjahr erblindete Klaviervirtuosin Maria Theresia von Paradis. Ohne es explizit auszusprechen, geht Alissa Walser davon aus, dass Mesmer nicht durch Magnetismus heilt, wie er glaubt, sondern durch die psychische Wirkung seiner Vorgehensweise. Eine von Kollegen initiierte Rufmordkampagne vertreibt Mesmer aus Wien ...
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Kritik

Alissa Walser lässt in "Am Anfang war die Nacht Musik" keinen auktorialen Erzähler auftreten, sondern versetzt sich stattdessen abwechselnd in eine der beiden Hauptfiguren. Dabei bleibt vieles ungesagt, lässt sich jedoch erahnen.
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Am 20. Januar 1777 lässt sich der in Wien praktizierende Arzt Franz Anton Mesmer von einem Kutscher zum k. k. Hofsekretär von Paradis fahren. Es geht um dessen achtzehnjährige Tochter Maria Theresia von Paradis, eine Pianistin, die mit ihrem Können auch Königin Maria Theresia beeindruckte und von ihr finanziell unterstützt wird. Maria war drei Jahre alt, als sie wegen eines Tumults im Haus aufwachte, ihr Bett verließ und unbemerkt eine Etage tiefer ging. Erst nach Stunden entdeckte die Haushälterin das leise weinend im Dunkeln sitzende Kind. Zunächst sah es so aus, als habe Maria sich nur erkältet. Aber am nächsten Tag rannte sie gegen die Wände: Sie war über Nacht erblindet. Er habe seine Tochter schon von verschiedenen Ärzten behandeln lassen, erklärt Herr von Paradis, darunter auch von Professor Dr. Anton von Störck, dem Leibarzt der Königin, aber es sei alles vergeblich gewesen. Nun hoffen er und seine Frau auf Anton Mesmer.

Franz Anton Mesmer ist überzeugt, Kranke mit Magnetismus heilen zu können. In seinem kleinen Spital benutzt er Stabmagnete und lässt die Patienten um einen magnetischen Zuber herum sitzen, während sein Mitarbeiter Johann Riedinger leise auf der Geige spielt. Mesmer glaubt, die heilsame Kraft auch mit seinen Händen auf die Patienten übertragen zu können, während er sanft mit ihnen spricht oder ihnen zuhört.

Das Spital befindet sich neben der Wohnung in einem Gebäude, das Mesmers Ehefrau Anna gehört. Sie erbte es von ihrem verstorbenen ersten Ehemann, dem k. k. Proviantamtsobristleutnant Konrad von Posch. Ihr Sohn aus dieser Ehe besucht zur Zeit die Militärakademie.

Maria steht schweigend dabei, als ihre Eltern mit dem Arzt über sie reden. Auch als dieser sich direkt an sie wendet und eine Frage stellt, antwortet der Vater an ihrer Stelle.

Ob er das von ihr hören könne, sagt Mesmer.
Die Mutter lacht auf. Der Hofsekretär legt einen Finger auf die Lippen. Alle warten.
Das Mädchengesicht zuckt, sachte erst, wie ein Gewitter hinter den Wimpern. Dann öffnen sich langsam die Augen.
Sie werden weit, quellen hervor. Die Pupillen springen unkontrolliert, wie Bälle Stufen hinabspringen. Oder wie zu kleine Schiffe auf zu großen Wellen, oder wie Fische nach Stäubchen, die sie für Mücken halten, oder wie die ersten Fliegen im Frühjahr um getrocknete Blumensträuße. Alles, was gerade noch tot und leblos war, gerät in Aufruhr, zuckt, vibriert nach einem eigenen, vom Ganzen unabhängigen System. Chaotisch und unkoordiniert wie ein irre gewordener Automat.
Augen zu!, schreit der Vater.
Das Mädchen gehorcht. Sie erlischt. (Seite 31f)

Daraufhin ersucht Mesmer die Eltern, ihn mit der Patientin allein zu lassen.

Allein?, sagt die Mutter.
Selbstverständlich, sagt der Vater, werde seine Frau den Raum verlassen. Er winkt sie zur Tür.
Mesmer schaut ungläubig von einem zum andern.
Er werde, sagt der Vater, sich mit einer Ecke begnügen. Betrachten Sie diese als nicht existent.
Mesmer schüttelt den Kopf. (Seite 33)

Er merkt, dass es so nicht weitergeht und schlägt vor, Maria für die Dauer der Therapie in sein Haus-Spital aufzunehmen. Herr von Paradis sträubt sich zunächst und erklärt, Maria müsse täglich üben und benötige ein Pianoforte. Aber dieses Argument lässt Mesmer nicht gelten, denn er besitzt auch ein Klavier und wird es der Patientin selbstverständlich zur Verfügung stellen.

In der Nacht bevor die Eltern Maria Theresia zu ihm bringen, wird Anton Mesmer nachts von seiner jungen Patientin Ossini aus dem Schlaf geklingelt.

Den Schmerz halte sie nicht aus, sagte sie. Der Teufel habe ihr heute Nacht seine Hörner ins Auge gebohrt. Hier, schräg durch den Kopf. Bei diesen Worten verkrampfte sich ihr Oberkörper, und sie übergab sich vor seine Füße, dass es spritzte. Er tat einen Schritt rückwärts.
Er hatte ihr ein Tuch gereicht, mit dem sie ihr Gesicht abtupfte. Er sagte, er werde einen Magneten holen. Dann hatte er ihre Hand gehalten und die andere auf ihren Kopf gelegt. Sofort behauptete sie, es ginge ihr besser. Er solle sie jetzt nicht allein lassen. Sie sei andauernd allein. Dann lege ihr der Teufel die Hand auf. Keine zwanzig Herzschläge später schlief sie und merkte nicht, wie sich Mesmer samt seiner Hand davonschlich. Den Magnet hatte er nicht geholt. Der war offenbar nicht nötig gewesen. Er verstand zwar nicht, warum, aber umso besser. (Seite 37)

Nach drei Tagen, am 24. Januar, nimmt Anton Mesmer seiner neuen Patientin die kunstvoll aufgetürmte Perücke und die dazugehörigen Haarteile ab. Ihr eigenes Haar ist nur wenige Millimeter lang. Wer sie kahlgeschoren habe, fragt Mesmer. Professor von Störck sei das gewesen, antwortet sie. Er versuchte es zunächst mit schwarzer Küchenschelle und Baldrianwurzel, dann mit Quecksilber und Schwefel. Davon bekam sie Magenkrämpfe, musste sich alle zwei Stunden übergeben und konnte zwei Wochen lang das Bett nicht verlassen. Sobald sie sich erholt hatte, setzte er ihr Blutegel, schor ihr den Kopf und bedeckte ihn mit einem Zugpflaster. Das müsse fürchterlich gestunken haben, meint Maria, aber sie wisse es nur vom Hörensagen, denn ihr Geruchssinn funktioniere ebenso wenig wie die Augen. Von Störck behandelte sie außerdem mit einer Elektrisiermaschine, was sehr schmerzhaft war. Mesmer versichert Maria, er werde keine schädlichen Arzneien anwenden, aber es sei wichtig, dass sie ihm alles erzähle.

Einmal erklärt Maria ihrem Arzt, es komme ihr vor, als wäre ihr Körper ein gigantisches Ohr.

Am 31. Januar stellt Mesmer fest, dass Marias Augen nicht mehr hervorquellen. Da bedauert er es, dass er sie nicht zu Beginn der Behandlung von dem mit ihm befreundeten Künstler Franz Xaver Messerschmidt malen ließ. Dann hätte er den Erfolg seiner magnetischen Therapie dokumentieren können. Jetzt ist es dafür zu spät.

Er hat noch kaum begonnen, da sprudelt Maria los. Glasklar und hell ihr Sopran.
Sie sei extrem wach. Seit gestern Morgen. Seit der Sitzung im magnetischen Zuber. Nichts, nicht das Geringste entgehe ihr. Und alles werde in ihrem Kopf Musik. Hören Sie die Tropfen, sagt sie. Die vielen schnellen Tropfen?
Der Schnee schmelze, sagt er. Wie langsam er spricht im Vergleich zu ihr. Gestern Vollmond, heute also Wetterwechsel, ein Wärmeeinbruch, Tauwetter …
Das Haus, unterbricht sie ihn, ein einziges Tropfenorchester. Aus allen Winkeln tropfe es, von allen Simsen und Vorsprüngen, und es tropfe auf alle Böden und rinne herab an den Wänden. Und sie säßen hier im Trockenen zusammen, und das mache sie so munter, sagt sie. Sie spüre es mit ihrem ganzen Körper, auf eine seltsame Art, wie sie es nicht kenne. Schon fast, sagt sie, quälend. Diese vielen Rhythmen aus allen Himmelsrichtungen. Langsam von dort hinten, schnell und immer schneller von da vorn. Und dort drüben ein ganz eigenes Stakkato. Mal Crescendo, mal Diminuendo. (Seite 99)

Öffnen Sie die Augen bitte.
Sie gehorcht.
Er hält ihr die Kerzenflamme entgegen. Sie schreit auf. Die Hände schnellen zum Gesicht, bedecken es. Sie fällt nach hinten auf den Rücken. Ein Lichtblick. Darauf hat er gewartet. (Seite 107)

Maria denkt:

Licht gleich Schmerz. Sehen tut weh. So muss es sein. Wenn sie das gewusst hätte. Wäre sie bei ihren Eltern geblieben. Vielleicht. Vielleicht nicht. (Seite 109)

Am 9. März berichtet sie ihrem Therapeuten, sie habe am Morgen heiße Schokolade gerochen. Mesmer fordert sie wieder auf, die Augen zu öffnen und ihm die Gegenstände zu beschreiben, die vor ihr stehen. Maria streckt spontan die Hände aus, um die Objekte anzufassen, aber Mesmer zieht ihr sacht die Arme zurück. Sie kommt sich wie amputiert vor, wenn sie die Hände nicht benutzen darf, um ihre Umgebung wahrzunehmen.

Bald erkennt sie den Globus, das Fernrohr und das Fortepiano. Der Fortschritt beim Sehen geht allerdings mit einem Nachlassen ihres musikalischen Könnens einher. Beim Klavierspiel macht sie Fehler.

Den Geiger Johann Riedinger bittet Maria, ihre Kompositionen zu Papier zu bringen.

Sie habe so viel Musik im Kopf, und es sei quälend, nichts notieren zu können. (Seite 140)

Am 21. März erhält Anton Mesmer einen Brief aus der k. k. Amtskanzlei. Mesmer glaubt schon, man habe der Königin von seinen Erfolgen berichtet, aber es handelt sich nur um die Ankündigung des Hofsekretärs, am folgenden Tag nach seiner Tochter sehen zu wollen. Für den 22. März hat Mesmer geplant, dass seine Patientin als Höhepunkt der Therapie erstmals einen Menschen zu sehen bekommt, und zwar ihn, ihren Arzt. Das will er sich nicht von ihrem ungeduldigen Vater verderben lassen. Deshalb vertröstet er von Paradis auf den übernächsten Tag.

Augen auf. Sagt er.
Sie gehorcht.
Zum ersten Mal sieht er ihren Blick auf sich […]
Er beginnt sich zu drehen. Langsam, unmerklich wie die Erdkugel.
Sie hält den Kopf ruhig, blinzelt. Eine Weile. Eine ganze Weile lässt sie ihn gewähren.
O Gott, wie fürchterlich, sagt sie dann. Wendet sich ab. Die Hände schnellen vors Gesicht.
Ob sie Schmerzen habe.
Sie erstarrt. Verfällt in einen Krampf … Sie weint? Er geht zu ihr. Nein, Gott sei Dank. Sie weint nicht. Aber was … Er hält inne. Beobachtet, wie sie zwischen den Fingern hindurchblinzelt. Ein nächster Krampf erfasst sie.
Zu viel des Guten, will er wissen. Ob sie in …?
Ihr Körper schüttelt sich. Sie kann nicht sprechen. Sie lacht. Bebt vor Lachen.
Bei meinem Anblick, notiert er im Kopf, zeigen ihre Nerven eine Reaktion völliger Überreizung. (Seite 134f)

Doch er täuscht sich. Sie erschrak nur über seine Nase. Die sehe gefährlich aus, meint sie, und als er einen Schritt auf sie zumacht, zuckt sie zurück und befürchtet, er könne sie damit erstechen.

Missbilligend nimmt die Mutter beim ersten Besuch zur Kenntnis, dass Maria weder ein Korsett noch eine Perücke trägt, und auch ihr Mann wundert sich darüber, dass die Augen ihrer Tochter verbunden sind.

Mit Licht sei nicht zu spaßen, sagte er [Mesmer], als gäbe es nichts Einleuchtenderes. Es müsse gut dosiert sein. Genau dosiert. Sonst schade es mehr, als es nütze. (Seite 141)

Mesmer nimmt Maria die Augenbinde ab. Herr von Paradis kann es kaum glauben, dass ihre Augen gesund aussehen. Von allen Seiten betrachtet er sie.

Ein paar Tage später führt Anton Mesmer seine Patientin einer größeren Gruppe von Besuchern vor, unter denen sich auch Anton von Störck befindet. Maria benennt die Gegenstände, die er ihr zeigt. Ihr Vater küsst sie begeistert auf die Stirn. Dann fällt ihm auf, dass ihr rechtes Auge kleiner als das linke ist. Das sei vorher nicht so gewesen, meint er, und so könne Maria unmöglich vor internationalem Publikum auftreten. Auch Professor von Störck weist auf die unterschiedliche Größe der Augen hin und behauptet, das sei eine Folge der Therapie. Mit einer Unterrichtung der Königin will Herr von Paradis nun doch warten, bis Marias Augen wieder gleich groß sind.

Die Nachricht von einer Blinden, die wieder sehen kann, verbreitet sich auch so bis nach Berlin. Die Menschen strömen zu Dr. Mesmer, um ihn zu konsultieren.

Er verwahrt sich gegen die Unterstellung, er habe ein Wunder vollbracht und legt Wert darauf, dass es sich beim Animalischen Magnetismus um eine von ihm entwickelte wissenschaftliche Methode handele.

Anna hört am 29. April beim Einkaufen, dass die Leute über eine Affäre ihres Mannes mit Maria Theresia von Paradis tuscheln. Das komme davon, dass er mit einer zehn Jahre älteren Frau verheiratet sei, heißt es. Nun treibe er es unter deren Dach mit einer blinden Patientin. Das sei unerhört. Drei Tage später schleicht sich ein Fanatiker ins Haus, streckt Mesmer ein Kreuz entgegen und beschimpft ihn, weil er eine wehrlose Blinde missbrauche. Am 4. Mai wäre Mesmer beinahe in einen Haufen Kot auf seiner Türschwelle getreten, und am übernächsten Tag liegt an derselben Stelle ein toter Rabe.

Frau von Paradis, der das Gerede nicht verborgen bleibt, kommt am 12. Mai, um ihre Tochter zu holen.

Bitte. Wenn sie die Verantwortung tragen wolle.
Welche Verantwortung?
Dafür, dass sie einen Heilungsprozess unterbreche, erwiderte er. Kurz vor der Vollendung.
Der Doktor, sagt sie, macht immer so viele Worte. Mein Mann und ich, wir halten das für unnötig.
Mesmer fügt hinzu, dass sie, wenn sie die Tochter mitnehme, bei einem künftigen Rückfall nicht auf ihn zählen könne.
Bedauerlich, sagt sie, lässt sich aber ebenfalls nicht aus der Ruhe bringen.
Nur Maria. Die wirft sich zu Boden. Und als schließe sich von ihrem ersten zu ihrem letzten Tag ein Kreis, kehren all die alten Symptome zurück. Die Krämpfe, die Zuckungen, die rollenden Augen.
Mesmer ist bei ihr, legt ihr die Hand auf den Bauch, wie er es immer tut. Vielleicht ein Fehler.
Die Mutter zitiert die Tochter zu sich. Die richtet sich auf, an Mesmer geklammert. Für die Mutter nur der Beweis, dass all die bösen Gerüchte stimmen. (Seite 187f)

Mesmer trägt die Ohnmächtige zu einer Matratze. Wenig später stürmt der Hofsekretär herein und bedroht den Arzt mit seinem Zierdegen.

Sollte sie die kaiserliche Gnadenpension verlieren, sei das allein Mesmers Vergehen. Und er müsse für den Verlust aufkommen. Er habe das Mädchen in Verwirrung gestürzt. Als sie hierherkam, war sie blind und konnte Klavier spielen. Jetzt ist sie blind und kann nicht mehr spielen. (Seite 189)

Aufgrund des akuten Nervenfiebers ihrer Tochter überlassen die Eltern es dann doch Anton Mesmer, sie wieder zu kurieren. In dieser Zeit träumt Maria, Mozart würde sie besuchen und sich eine ihrer Kompositionen anhören.

Mesmers Hausmädchen Kaline, das sich schon seit einiger Zeit immer wieder übergeben muss, ist schwanger. Er besorgt Kaline einen Platz in einem der Häuser in Wien, in denen unverheiratete Mütter Kinder zur Welt bringen können. (Sie wird einige Zeit später von einem Sohn entbunden. Johann Riedinger, der sie jede Nacht in ihrer Kammer besuchte, ist der Vater. Später heiratet sie einen Mann namens Hossitzky und bekommt zwei weitere Söhne.)

Von Störck fordert Mesmer in einem Brief auf, Fräulein von Paradis herauszugeben und mit den Betrügereien aufzuhören. Herr von Paradis teilt Mesmer mit, er wolle sich mit seiner Familie für einige Zeit aufs Land begebenen und Maria mitnehmen.

Im Mai 1778 verlässt Mesmer Wien. Anna, die zurückbleibt, überraschte ihn am Abend vor der Abreise nach Paris mit einem Empfehlungsschreiben des Staatskanzlers Wenzel Anton Fürst Kaunitz an den Gesandten in Frankreich, Florimond Claude Graf de Merci-Argentau.

Lockt es ihn oder treibt es ihn? Die Kraft, die ihn lockt, nennt er Paris. Auch wenn Paris keine Kraft ist, sondern eine Stadt. Und der andre Pol, der eigentlich eine Stadt ist, sich aber anfühlt wie eine Kraft in seinem Rücken, die ihn forttreibt, nennt er Wien. (Seite 203)

Mesmer macht einen Abstecher zu seinem Elternhaus am Bodensee. Er trifft allerdings nur seine Mutter an, denn der Vater ist gerade beim Fürstbischof und wird erst in einer Woche zurückerwartet. Die Mutter ließ sich vom Pfarrer einen Artikel über ihren Sohn im Constanzischen Wochenblatt vorlesen und beschwert sich darüber, nur aus der Zeitung von ihm zu hören.

Währenddessen versucht Herr von Paradis seiner Tochter in Gutenbrunn zu erklären, dass die Heilung Betrug gewesen sei und nur in ihrer Fantasie stattgefunden habe.

Fortschritt, das sei, wenn sie weder spiele wie vor der Zeit mit dem Quacksalber! Dafür wolle er sorgen. (Seite 226)

Im April 1784 wartet Anton Mesmer auf das Ergebnis einer von König Ludwig XVI. einberufenen Kommission, die über den Animalischen Magnetismus urteilen soll. Andere Instanzen in Paris haben seine Methode bereits verworfen, und es werden sogar Vorwürfe laut, sie sei volksfeindlich. Sein Schüler d’Eslon behauptet, die blinde Patientin in Wien sei nicht durch Magnetismus vorübergehend geheilt worden, sondern durch Einbildung. Erfreulicher ist eine Mitteilung des elsässischen Bankiers Wilhelm Kornmann, dessen Sohn Mesmer behandelte, und des Pariser Advokaten Nikolaus Bergasse: Sie haben genügend Geld für ihn gesammelt, dass er den Verein „La Societé d’Harmonie de France“ zur Praktizierung und Verbreitung des Animalischen Magnetismus gründen kann.

Aus der Zeitung erfährt Mesmer, dass Maria Theresia von Paradis in Begleitung ihrer Mutter nach Paris kommen werde.

Am 16. April 1784 tritt die blinde Klaviervirtuosin in den Tuilerien auf. Mesmer besucht sie in der Garderobe und fragt, warum sie die Augen geschlossen halte. „Aus Gewohnheit“, antwortet sie. Viel Zeit bleibt nicht, denn Antonio Salieri und Johann Wolfgang Ritter von Kempelen de Pázmánd warten bereits auf die Künstlerin.

Draußen drängt sich ein Hund an Maria. Obwohl sie ihn nicht sehen kann, erkennt sie ihn. Es handelt sich um den Hund, der Anton Mesmer in Wien zugelaufen und später plötzlich verschwunden war. Maria setzt das Tier in eine Karosse und gibt dem Kutscher die Adresse Anton Mesmers.

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In ihrem Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ befasst Alissa Walser sich mit Franz Anton Mesmer, der an die heilenden Kräfte des „Animalischen Magnetismus“ glaubte, und seiner erblindeten Patientin Maria Theresia von Paradis, die als Klaviervirtuosin berühmt wurde. Im Zentrum der Handlung steht die medizinische Behandlung Marias im Jahr 1777. Ohne es explizit auszusprechen, geht Alissa Walser davon aus, dass Anton Mesmer nicht durch Magnetismus („Mesmerismus“) heilte, sondern durch die psychische Wirkung seiner Vorgehensweise. Ohne dass der Arzt es selbst begriff, beeinflusste er die Patienten durch Musik, seine Stimme, seine Hände, seine Gegenwart und indem er ihnen zuhörte. Alissa Walser stellt Franz Anton Mesmers Methode als Vorform der Psychoanalyse dar.

Im letzten Drittel des Romans „Am Anfang war die Nacht Musik“ erleben wir, wie Mesmer aufgrund einer von Kollegen initiierten Rufmordkampagne aus Wien vertrieben wird.

Alissa Walser lässt keinen auktorialen Erzähler auftreten, sondern versetzt sich stattdessen abwechselnd in eine der beiden Hauptfiguren, auch wenn sie in der dritten Person Singular schreibt. Was wir erfahren, wird aus der subjektiven Sicht der Betroffenen geschildert. Dazu gehören auch Selbstreflexionen. Vieles bleibt ungesagt, lässt sich jedoch erahnen. „Am Anfang war die Nacht Musik“ ist vorwiegend im Präsens verfasst. Die knappe, stringente Darstellung wirkt distanziert, nicht zuletzt, weil Alissa Walser die meisten Dialoge nur indirekt wiedergibt. Ihre geschliffene Sprache hört sich allerdings wie Musik an.

Roger Spottiswoode drehte über Anton Mesmer und Maria Theresia von Paradis den Kinofilm „Mesmer“ mit Alan Rickman in der Titelrolle und Amanda Ooms in der Rolle seiner Patientin Maria Theresia von Paradis.

Mesmer – Originaltitel: Mesmer – Regie: Roger Spottiswoode – Drehbuch: Dennis Potter – Kamera: Elemér Ragályi – Schnitt: Susan Shipton – Musik: Michael Nyman – Darsteller: Alan Rickman, Amanda Ooms, Anna Thalbach, Gillian Barge, Simon McBurney, Herbert Prikopa, Martin Schwab, Dorothea Parton, Heinz Trixner, Peter Janisch, Peter Dvorskyu.a. – 1994; 105 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Piper Verlag

Anton Mesmer (Kurzbiografie)
Maria Theresia von Paradis (Kurzbiografie)

John Grisham - Die Kammer
Mit seinem Justizroman "Die Kammer" veranschaulicht John Grisham die Fragwürdigkeit und Grausamkeit der Todesstrafe. Ein Verzicht auf redundante Passagen, überflüssige Handlungsstränge und belanglose Details hätte dem Buch allerdings gut getan.
Die Kammer

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Die Kammer

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