Fred Vargas : Die schwarzen Wasser der Seine

Die schwarzen Wasser der Seine

Fred Vargas

Die schwarzen Wasser der Seine

Originalausgabe: Coule de Seine Éditions Viviane Hamy, Paris 2002 Die schwarzen Wasser der Seine - Die Nacht der Barbaren - Fünf Francs das Stück Übersetzung: Tobias Scheffel, Julia Schoch Aufbau Verlagsgruppe, Berlin 2007 ISBN: 978-3-7466-2350-4, 147 Seiten, 7.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Nacht der Barbaren: Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg graut es vor Weihnachten, denn er weiß, dass es da zu Dramen kommt. Diesmal wird die Leiche einer Frau gefunden. Während Inspektor Danglard von einem Suizid ausgeht, ahnt Adamsberg, dass die Frau ermordet wurde ... – Fünf Francs das Stück: Ein Chlochard beobachtet einen Mord, hat jedoch nicht vor, der Polizei zu helfen. Um ihn zum Reden zu bringen, muss Adamsberg sich etwas einfallen lassen ...
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Kritik

Unter dem Buchtitel "Die schwarzen Wasser der Seine" wurden drei schräge, unterhaltsame Geschichten von Fred Vargas über den skurrilen Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg zusammengefasst.
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Die Nacht der Barbaren

La nuit des brutes, 1999; Übersetzung: Julia Schoch

Es ist doch so, würden die Leute nicht solch ein Gewese um Weihnachten machen, gäbe es auch weniger Tragödien […]
Bei Jean-Baptiste Adamsberg lagen die Dinge anders: Er fürchtete Weihnachten und bereitete sich darauf vor. Weihnachten und seine Flut von Unglücksfällen, Weihnachten und seine Fülle von Dramen. Weihnachten, die Nacht der Barbaren.
Zwangsläufig. (Seite 83)

In der Nacht vom 24./25. Dezember hat der Pariser Hauptkommissar Jean-Baptiste Adamsberg Dienst. Es passiert nicht viel, aber er erklärt Deniaut, einem Neuen aus Chambéry:

„Ruhig werden wir erst in drei oder vier Tagen sein können. In der Weihnachtsnacht ist keiner da, der die Leichen bemerkt, verstehst du? Die tauchen erst später auf. Erst muss alle Welt wieder nüchtern sein.“ (Seite 92)

Am Morgen des 27. Dezember wird am Quai de Montebello die Leiche einer dicken, etwa fünfzig, sechzig Jahre alten Frau im Pelzmantel aus der Seine geborgen. Adamsberg ahnt, dass sie in der Weihnachtsnacht starb, und der Gerichtsmediziner bestätigt es. Vermutlich stürzte sie vom Pont de Tolbiac, vom Pont National oder von einer noch weiter entfernten Brücke. Inspektor Adrien Danglard geht von einem Suizid aus, doch Adamsberg ist überzeugt, dass die Frau ermordet wurde, nicht nur, weil ihre Handtasche und ein Schuh fehlen, sondern vor allem, weil die an der Leiche festgestellten Prellungen darauf hinweisen, dass sie mehrmals gegen einen Brückenpfeiler schlug. Um sich umzubringen, springe man jedoch nicht von einem Brückenpfeiler in die schwarzen Wasser der Seine, erklärt Adamsberg, sondern von einer Stelle zwischen den Pfeilern.

Aufgrund der Vermisstenmeldung einer befreundeten Nachbarin wird die Tote als die sechsundfünfzigjährige, unverheiratete Hotelbesitzern Annie Rochelle identifiziert. Sie wuchs in einem Dorf bei Lille auf, kam mit zwanzig als Zimmermädchen nach Paris, und vor zehn Jahren kaufte ihr der Bruder das Hôtel de la Garde.

Germain Rochelle identifiziert die Tote im Leichenschauhaus als seine Schwester. Er war mit ihr bei Lille aufgewachsen und hatte dann mit dem Import und Export von Gemüsekonserven und einer Fabrik in Lille ein Vermögen gemacht. Vor zehn Jahren, mit dreiundfünfzig, setzte er sich in Paris zur Ruhe, verkaufte das Unternehmen und erwarb für Annie das kleine Hotel. Warum er sie nicht schon früher von ihrer Arbeit als Zimmermädchen befreit habe, wird er gefragt. Weil sie da noch mit einem Kerl zusammen gewesen sei, den er nicht habe leiden können, lautet die Antwort. Es handelte sich um Guy Verdillon, den Rezeptionisten in dem Hotel, in dem Annie angestellt war.

Zeugen bestätigen, dass Germain und Annie Rochelle am Heiligen Abend in einem Restaurant in der Rue de l’Opéra aßen.

Germain Rochelles Aussage, seine Schwester sei zuletzt depressiv gewesen, scheint Danglard Recht zu geben. Adamsberg lässt sich jedoch nicht beirren. Bei einer Durchsuchung des Apartments der Toten nimmt er einen großen Bilderrahmen mit Kinderfotos mit.

Ein elegant gekleideter Herr mit guten Manieren wird an diesem Abend zum zweiten Mal zur Ausnüchterung gebracht. Schon bei seinem ersten Aufenthalt in der Zelle in der Weihnachtsnacht hatte er immer wieder um einen Kleiderbügel gebeten und sich geweigert, sein Jackett auszuziehen, als er keinen bekam. Wieder nervt er die Beamten mit seinem Wunsch nach einem Kleiderbügel. Adamsberg lässt schließlich einen aus der Garderobe bringen.

Nachdem der Betrunkene – es handelt sich um einen Ornithologen namens Charles Sancourt – sein Jackett und seine Hose ausgezogen und aufgehängt hat, deutet er auf den Bilderrahmen und weist den Kommissar darauf hin, dass auf dem Kommunionfoto von Annies Bruder eine Alpen-Ringdrossel, Turdus torquatus alpestris, zu sehen sei. Diese Art lebe nur im Südosten Frankreichs, erklärt er, und sei noch nie nördlich der Loire beobachtet worden. Der Abgebildete wuchs also nicht in Lille auf.

Da begreift Adamsberg, dass der Mann, der Annie Rochelle identifizierte, nicht ihr Bruder, sondern ihr Geliebter war. Die beiden ermordeten Germain Rochelle vor zehn Jahren, um an sein Geld zu kommen, und seither gibt Guy Verdillon sich als Germain Rochelle aus.

Am nächsten Morgen lässt ihn Adamsberg verhaften, und er gibt alles zu, auch dass er Annie in der Weihnachtsnacht vom Pont National in die schwarzen Wasser der Seine stieß. Er sei ihrer überdrüssig geworden, sagt er. Danglard nimmt ihm das Motiv nicht ab, doch Adamsberg glaubt es: An Weihnachten reiche das aus, um jemanden zu ermorden, meint er.


Fünf Francs das Stück

Cinq francs pièce, 2000; Übersetzung: Julia Schoch

Ein Clochard, der seinen Einkaufswagen Martin nennt, hat vor vier Monaten in einem Hangar in Charenton 9732 verfaulte Naturschwämme entdeckt. Wenn er sie für fünf Francs das Stück verkauft, bekommt er 48 660 Francs. Bisher konnte er allerdings erst 512 Stück absetzen; bei diesem Tempo wird er noch 2150,3 Tage benötigen, um die restlichen 4610 Schwämme loszuwerden. Er kettet Martin an und legt sich auf einem Luftschacht der Metro schlafen.

In diesem Augenblick steigt eine Dame im weißen Pelzmantel aus einem Taxi. Ohne ihn zu beachten, geht sie an ihm vorbei zu einer Haustüre und gibt dort ihren Code ein. Der Obdachlose beobachtet, wie hinter ihr ein Auto hält. Ein Mann steigt aus, schießt dreimal auf die Dame. Sie bricht zusammen. Er fährt wieder los. Der Clochard läuft hin, hebt die Handtasche auf, aber bevor er sie öffnen kann, gehen in mehreren Fenstern die Lichter an. Deshalb hastet er zurück. Vergeblich sucht er nach dem Schlüssel. Er kann Martin doch nicht im Stich lassen.

Minuten später trifft die Polizei ein.

Hauptkommissar Jean-Baptiste Adamsberg vernimmt ihn. Er heißt Pi Toussaint. Auf den seltsamen Vornamen angesprochen, erzählt der Clochard, nachdem sein Name im Standesregister eingetragen worde sei, habe jemand eine Tasse darauf gestellt und damit seinen Vornamen verwischt. Nur die ersten beiden Buchstaben seien übriggeblieben. Nomen est omen: Pi rechnet im Kopf den Umfang eines Mantelknopfes des Kommissars aus.

Pi sieht nicht ein, warum er der Polizei helfen soll und gibt deshalb nicht mehr zu Protokoll, als dass er drei Schüsse gehört habe.

Die Dame, die schwer verletzt im Krankenhaus liegt, scheint wichtig zu sein. Adamsberg verrät ihm nicht ihren Namen, und Pi schlägt vor, sie „3,14“ zu nennen.

Das Innenministerium schaltet sich ein. Ein junger Unterstaatssekretär ist ungehalten darüber, dass es dem Kommissar noch nicht gelungen ist, den Zeugen zum Reden zu bringen. Als Adamsberg sagt, dem Mann komme es nur darauf an, 9732 Schwämme zu verkaufen, will er 50 000 Francs anbieten, doch Adamsberg erklärt ihm, der Clochard werde sich nicht von dem Geld beeindrucken lassen, er wolle die Schwämme Stück für Stück verkaufen. Und er überredet den Unterstaatssekretär zu einer Lösung, die er sich inzwischen ausgedacht hat.

Nachdem Pi aufgeschrieben hat, wie der Mörder aussah, wie er ging, was er trug, welches Auto er fuhr und auch das Kennzeichen des Fahrzeugs, erklärt ihm Adamsberg, wie er die verfaulten Schwämme verkaufen könne: Er müsse etwas zusätzlich anbieten. An der Porte de la Chapelle werde man ihm eine dem Staat gehörende Hauswand zur Verfügung stellen. An diese Wand, so schlägt Adamsberg vor, solle er die Namen der Käufer schreiben.

„Aber auf so was pfeifen die Leute doch komplett.“
„Auf so was pfeifen sie durchaus nicht. Sie werden vielleicht sogar Schlange stehen vor deinem Einkaufswagen.“
„Und was bringt ihnen das, wenn ich fragen darf?“
„So sind sie in Gesellschaft, das verschafft ihnen ein bisschen Leben. Das ist doch schon mal was.“
„Weil die Leute das nicht haben?“
„Nicht so sehr, wie du glaubst.“ (Seite 144)

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Fred Vargas geht es nicht um die Aufklärung spannender Kriminalfälle, sondern sie porträtiert mit schwarzem Humor vor allem den skurrilen Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, der sich – anders als Inspektor Adrien Danglard – bei der Aufklärung von Mordfällen auf seine Intuition verlässt und geduldig wartet, bis ihm etwas auffällt. Die unter dem Buchtitel „Die schwarzen Wasser der Seine“ zusammengefassten schrägen und unterhaltsamen Kriminalgeschichten sind da keine Ausnahme.

Die beiden von Julia Schoch übersetzten Kriminalgeschichten „Die Nacht der Barbaren“ und „Fünf Francs das Stück“ von Fred Vargas gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Suzanne von Borsody (Regie: Barbara Meerkötter, Berlin 2007, 1 CD, ISBN: 978-3-89813-705-8).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Aufbau Verlagsgruppe

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