Martin Broszat (Hg.) : Kommandant in Auschwitz

Kommandant in Auschwitz

Martin Broszat (Hg.)

Kommandant in Auschwitz

Kommandant in Auschwitz Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1963
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Rudolf Höß (1900 - 1947) war von 1940 bis 1943 Kommandant in Auschwitz. Im Untersuchungsgefängnis Krakau verfasste er im Januar und Februar 1947 auf 114 beidseitig beschriebenen Blättern seine Autobiografie: "Meine Psyche. Werden, Leben und Erleben".
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Kritik

Der Kommandant von Auschwitz war weder ein Sadist noch ein Psychopath, sondern ein pflichtbewusster Schreibtischmörder, der Befehlen blind gehorchte und sich keine eigene Meinung zugestand.

Rudolf Höß (1900 – 1947) stammte aus einer katholischen Familie. Als er 14 war, starb sein Vater. 1916 gelang es ihm, trotz seiner Jugend an die Front zu kommen. Im Jahr darauf verschied auch seine Mutter. Der Onkel, der die Vormundschaft übernahm, wollte ihm keine andere Ausbildung als die zum Priester finanzieren. Da verzichtete Rudolf Höß zugunsten seiner beiden älteren Schwestern auf das Familienvermögen und schloss sich einem Freikorps an. Im November 1920 trat er in die NSDAP ein. Im sog. Parchimer Fememordprozess vom 12. bis 15. März 1924 in Leipzig wurde er als Rädelsführer zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Aufgrund eines Amnestiegesetzes vom 14. Juli 1928 kam er vorzeitig frei. Im Jahr darauf heiratete er.

Es gab für mich nur ein Ziel, für das es sich zu arbeiten, zu kämpfen lohnte, – der selbst erarbeitete Bauernhof mit einer gesunden großen Familie. Das sollte der Inhalt meines Lebens, mein Lebensziel werden.

Nachdem Heinrich Himmler auf ihn aufmerksam geworden war, kam er 1934 als SS-Unterscharführer in die Wachmannschaft des Konzentrationslagers Dachau. Am 1. August 1938 versetzte man ihn in das KZ Sachsenhausen. Dessen Leitung übernahm er am 21. September 1939.

Am 4. Mai 1940 erhielt er den Auftrag, in Auschwitz ein Lager zu errichten.

Vermutlich im Sommer 1942 erteilte ihm Heinrich Himmler die Aufgabe, daraus die „größte Menschen-Vernichtungs-Anlage aller Zeiten“ zu machen:

„Der Führer hat die Endlösung der Judenfrage befohlen. Wir, die SS, haben diesen Befehl durchzuführen. Die bestehenden Vernichtungsstellen im Osten sind nicht in der Lage, die beabsichtigten großen Aktionen durchzuführen. Ich habe daher Auschwitz dafür bestimmt.“ (Eidesstattliche Erklärung Rudolf Höߒ vom 14. März 1946)

Als im März 1942 die fabrikmäßigen Vergasungen in Auschwitz begannen, atmete Rudolf Höß auf:

Nun hatten wir das Gas und auch den Vorgang entdeckt. – Mir graute immer vor den Erschießungen, wenn ich an die Massen, an die Frauen und Kinder dachte. […] Nun war ich doch beruhigt, dass uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten, dass auch die Opfer bis zum letzten Moment geschont werden konnten.

Voller Selbstmitleid stöhnte er:

Nichts ist wohl schwerer, als über dieses kalt, mitleidlos, ohne Erbarmen hinwegschreiten zu müssen.

Rudolf Höß wurde im November 1943 nach Berlin ins Wirtschaftsverwaltungshauptamt versetzt.

Nach dem Krieg tauchte Rudolf Höß mit gefälschten Papieren als Bootsmaat „Franz Lang“ bei der Marine unter.

Die britische Militärpolizei verhaftete ihn am 11. März 1946 bei Flensburg. Am 25. Mai 1946, seinem 17. Hochzeitstag, wurde er polnischen Offizieren übergeben und mit einer US-Maschine über Berlin nach Warschau geflogen. Im Untersuchungsgefängnis Krakau verfasste er Anfang 1947 auf 114 beidseitig beschriebenen Blättern seine Autobiografie: „Meine Psyche. Werden, Leben und Erleben“. Das polnische Oberste Volksgericht verurteilte ihn am 2. April 1947 zum Tod, und am 16. April wurde er in Auschwitz gehenkt.

Der Herausgeber Martin Broszat schreibt über Rudolf Höß:

Am Falle Höß wird in aller Eindringlichkeit klar, dass Massenmord nicht mit persönlicher Grausamkeit, mit teuflischem Sadismus, brutaler Roheit und sogenannter „Vertiertheit“ gepaart zu werden braucht, welche man sich naiverweise als Attribut eines Mörders ausdenkt. Höß‘ Aufzeichnungen widerlegen diese allzu einfachen Vorstellungen radikal und offenbaren stattdessen als Porträt des Mannes, bei dem die Regie täglicher Judenvernichtung lag, einen Menschen, der alles in allem recht durchschnittlich geartet, keineswegs bösartig, sondern im Gegenteil ordnungsliebend, pflichtbewußt, tierliebend und naturverbunden, ja auf seine Weise „innerlich“ veranlagt und sogar ausgesprochen „moralisch“ ist.

Höß‘ Autobiografie verdeutlicht, dass es nicht irgendein verkommener Auswurf der Menschheit war, der die Technik des Massenmordes erfand und durchführte, sondern das Werk ehrgeiziger, pflichtbesessener, autoritätsgläubiger und prüder Philister, die, im Kadavergehorsam erzogen, kritik- und fantasielos mit bestem Gewissen und Glauben sich einredeten und sich einreden ließen, die „Liquidierung“ Hunderttausender von Menschen sei ein Dienst für Volk und Vaterland.

Unter dem Titel „Der Tod ist mein Beruf“ veröffentlichte Robert Merle 1952 eine Romanbiografie über Rudolf Höß, die 25 Jahre später von Theodor Kotulla als Vorlage für seinen Film „Aus einem deutschen Leben“ benutzt wurde.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Deutsche Verlagsanstalt

Auschwitz
Holocaust

Theodor Kotulla: Aus einem deutschen Leben
Alan J. Pakula: Sophies Entscheidung

Primo Levi - Wann, wenn nicht jetzt?
Indem Primo Levi historische Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg an fiktiven Romanfiguren festmacht, ermöglicht er es den Leserinnen und Lesern, das tatsächliche Schicksal von Juden in Russland beispielhaft nachzuvollziehen.
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