João Ricardo Pedro : Wohin der Wind uns weht

Wohin der Wind uns weht

João Ricardo Pedro

Wohin der Wind uns weht

Originalausgabe: O teu rosto será o último LeYa Portugal 2012 Wohin der Wind uns weht Übersetzung: Marianne Gareis Suhrkamp Verlag, Berlin 2014 ISBN: 978-3-518-42429-2, 228 Seiten Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2015 ISBN: 978-3-518-46597-4, 228 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Handlung umspannt drei Generationen einer portugiesischen Familie. Die Erlebnisse von Augusto, António und Duarte Mendes stehen im Zusammenhang mit der portugiesischen Zeitgeschichte von der Diktatur bis zur Nelkenrevolution und darüber hinaus. Den meisten Raum widmet João Ricardo Pedro dem Enkel Duarte Miguel Lourenço Mendes. Dass der begnadete Pianist die Musik aufgibt, bevor sie ihn zerstört, korrespondiert mit den Geschichten eines deutschen Klaviervirtuosen, der sich die rechte Hand abhackt und einer beinamputierten Malerin ebenfalls aus Deutschland ...
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Kritik

João Ricardo Pedro entwickelt die Handlung in "Wohin der Wind uns weht" in zahlreichen Episoden, wobei Ort und Zeit, Hauptfigur und Perspektive vor und zurück wechseln. Eine homogene Ganzheit entsteht daraus nicht.
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Am 25. April 1974, dem Tag der Nelkenrevolution in Portugal, wird in einem kleinen Dorf mit dem Namen eines Säugetiers in der Nähe von Fundão am Fuß des Gardunha-Gebirges ein Mann namens Celestino vermisst. Man findet seine Leiche mit zerschossenem Gesicht. Sein Gewehr liegt auf dem Boden, und es stellt sich rasch heraus, dass die Waffe nicht abgefeuert wurde. Man hat ihn also ermordet.

Dr. Augusto Mendes, der im Dorf praktizierende Arzt, erinnert sich, wie Celestino vor fast 40 Jahren zu ihm gebracht worden war. Das rechte Auge des schwer verletzten jungen Fremden konnte er nicht mehr retten. Als die Wunde verheilt war, überraschte ihn Augusto Mendes mit einem Glasauge, und Celestino blieb im Dorf. Nach fast 40 Jahren spürten ihn offenbar die Schergen des Regimes, die ihn damals so schlimm zugerichtet hatten, wieder auf – ausgerechnet an dem Tag, an dem der Diktator Marcelo José Caetano gestürzt wurde.

Augusto Mendes hatte in Porto Medizin studiert, sich dann als Landarzt in dem Dorf niedergelassen und seinem Kommilitonen Policarpo ein Grundstück abgekauft.

Policarpos Vater war jung verstorben, infolge eines aufsehenerregenden Sturzes vom Pferde, und die Mutter, die sich sowieso längst nach heiteren Douro-Spaziergängen in Gesellschaft anderer Damen sehnte, die, auch wenn sie sonst keine Qualitäten hatten, zumindest lesen und schreiben konnten, nahm das tragische Ereignis zum Anlass, denn alles Schlechte hat sein Gutes, sich sofort ihren Sprössling zu schnappen und von dannen zu ziehen.

Policarpo verließ Portugal damals wegen des diktatorischen Regimes. Er praktizierte nie als Arzt. Stattdessen erwarb er 1969 ein Hotel in Buenos Aires. Bis zu seinem Tod schrieb er Augusto Mendes regelmäßig Briefe.

Der Landarzt stellte Laura de Jesus ein, das einzige Mädchen im Dorf, das die Schule bis zur dritten Klasse besucht hatte. Nach wenigen Monaten vertraute er ihr auch andere Aufgaben an, ließ sie Arzneien mischen, den Patienten Klistiere und Injektionen verabreichen. Als sie schwanger wurde, heiratete er sie. Der Sohn, den sie am 1. September 1939 gebar, bekam den Namen António. Er besuchte die Klosterschule von Alcains.

Laura, unser António geht nach Angola. Laura, unser António wird heiraten. Laura, unsere Schwiegertochter scheint ein gutes Mädchen zu sein. Laura, wir bekommen ein Enkelkind. Laura, unser Enkelchen wird Duarte heißen.

António Mendes und Paula lernen sich in einer Buchhandlung kennen, am Tag bevor der Soldat nach Angola in den Krieg muss. Zweieinhalb Jahre lang schreibt er der Studentin Briefe. Nach seiner Rückkehr heiraten sie, und als er ein zweites Mal nach Angola muss, lässt er seine schwangere Ehefrau zurück. Drei Jahre später holt sie ihn mit dem Sohn Duarte vom Schiff ab. António geht als einer der letzten von Bord und wundert sich darüber, dass Paula mit einem Kind auf ihn wartet.

Duarte Miguel Lourenço Mendes kennt seinen Vater nicht anders als einen von grauenhaften Erlebnissen in Angola schwer traumatisierten Kriegsveteran. Die Großeltern mütterlicherseits waren bei seiner Geburt bereits tot: Paula ist seit ihrem 16. Lebensjahr Vollwaise. Lange Zeit weigert sie sich, auf seine Frage nach ihren Eltern einzugehen. Erst als sie an Krebs erkrankt ist und bald sterben wird, redet sie darüber und erzählt, dass ihr Vater Ingenieur gewesen sei.

Er baute Brücken, Staudämme, Straßen, Eisenbahnen und Flugzeuge. Die meiste Zeit war er in Mosambik.

1958 beschloss er, in Lissabon zu bleiben und engagierte sich im Präsidentschaftswahlkampf für General Humberto Delgado, den Kandidaten der Opposition. Durch Fälschungen wurde jedoch nicht Delgado, sondern Admiral Américo Tomás zum Staatspräsidenten gewählt, und danach fanden Hausdurchsuchungen bei dessen politischen Gegnern statt. Paulas Vater kehrte von seiner zweiten Festnahme durch die Geheimpolizei nicht mehr zurück. Stattdessen behauptete ein elegant gekleideter Herr, dass der Häftling an einem Hirnschlag gestorben sei. Die Witwe begann als Übersetzerin in einer Rechtsanwaltskanzlei in Lissabon zu arbeiten. Paula war 16 Jahre alt, als ihre Mutter von einer Straßenbahn überfahren wurde und ihren Verletzungen erlag.

Duarte spielt schon als Kind auf einer elektrischen Orgel, die allerdings stumm bleibt, weil die Batterien fehlen.

Batterien gab es in dem kleinen Dorf mit dem Namen eines Säugetiers nicht.
Merkwürdigerweise schien Duarte diese offensichtliche Widrigkeit nichts auszumachen.

Paula schickt schließlich António los: „Fahr um Himmels willen nach Fundão und kauf Batterien.“ Doch als António zurückkommt, ist Duarte verschwunden. Die Mutter findet ihn. Er hat sich mit einem Messer über alle zehn Finger geschnitten. Offenbar hätte er lieber auch weiterhin ohne Ton gespielt. Später erklärt er: „Nicht ich habe angefangen, Klavier zu spielen. Das waren meine Hände.“

Wenn Duartes Finger begannen, ein bestimmtes Beethoven-Stück zu ertasten, so taten sie das, selbst beim ersten Mal, nie – und das galt für jedes Beethoven-Stück – mit der Begeisterung des Entdeckers, mit der Erregung desjenigen, der sich in ein Abenteuer stürzt, sondern mit der Gelassenheit eines Menschen, der sich in einem angenehm vertrauten Raum bewegt.

Er bekommt privaten Musikunterricht. Die Lehrerin stammt aus Bratislava. Ihr Vater, ein hochrangiges Mitglied der slowakischen Kommunistischen Partei, hatte eine der Säuberungswellen nicht überlebt. Während Duarte das Präludium b-Moll BWV 867 spielt, kippt er plötzlich mit dem Kopf auf das Klavier, so als hätte man die Fäden einer Marionette gekappt. Während sich die Lehrerin um ihn kümmert, seine Verletzung an der Stirn reinigt und verbindet, öffnet er ihre Bluse, schiebt den Büstenhalter hoch und leckt ihre Brustwarzen – was sie wortlos hinnimmt. Erst als der Verband fertig ist, ordnet sie ihre Kleidung und meint: „Unser Duarte sollte etwas mehr Vernunft in diesem Köpfchen haben.“

Duarte freundet sich mit einem gleichaltrigen Mitschüler an, den alle nur „Indio“ nennen und dessen Familie in einer Baracke wohnt. Während Duarte sich zu einem hervorragenden Beethoven-Interpreten entwickelt, beweist der Indio ein außergewöhnliches Talent als Maler. Schließlich bittet Duarte seinen Freund, ihn beim Spielen von Beethovens Klaviersonate Nr. 26 zu porträtieren und nimmt ihn mit ins Elternhaus.

Wichtiger als das Porträt war für Duarte jedoch der Wunsch, den Indio mit dieser Musik zu konfrontieren. Seine Reaktion zu beobachten.

Als er mit dem zweiten Satz der Klaviersonate beginnt, bricht Duarte der Schweiß aus.

Es war, als tauchte er ein in einen unwirtlichen Ort. Einen eisigen Ort. Und inmitten dieser Ödnis spürte er eine merkwürdige menschliche Präsenz. Ein grenzenloses Leid. Jemanden, der ihn überrumpeln, vielleicht von hinten packen oder ihm von weitem zuwinken und mit einer zutiefst traurigen Stimme sagen würde: „Endlich bist du gekommen.“

Duarte dreht sich um. Der Indio sitzt völlig entrückt auf dem Sofa. Er hat die Hose geöffnet, hält mit der rechten Hand den Bund der Unterhose auf und masturbiert frenetisch, bis das Ejakulat auf das Sofa und den Teppichboden spritzt. Erst dann merkt der Indio, dass Duarte zu spielen aufgehört hat. Er springt auf und rennt davon.

Die beiden Freunde sahen sich nie wieder, und Duarte spielte nie wieder Beethoven.

Weil es Duarte nicht gelingt, den Spermafleck auf dem Sofa so zu beseitigen, dass nichts mehr zu sehen ist, schneidet er sich in einen Finger und schmiert Blut auf die Stelle. Auf diese Weise braucht er seiner Mutter nicht zu gestehen, was tatsächlich geschah.

Kurz darauf wird der Indio tot aufgefunden. Er liegt splitternackt über Bierkisten, und der abgeschnittene Penis steckt in seinem Mund.

Die Leiche des Indios sei in einem Keller aufgefunden worden, der einst als Lagerraum für ein Restaurant diente, dessen Spezialität mit Koriander gewürzte Schweinsfüßchen und Garnelen-Omelettes waren, das aber – nachdem einer seiner Besitzer wegen Mordes an seinem Partner und seinem Bruder zu dreizehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war und die Erben, zwei Söhne des ermordeten Partners sowie Ehefrau und Tochter des mordenden Partners, sich als unfähig erwiesen hatten, das Geschäft weiterzuführen – irgendwann dichtmachte und sich zunächst in eine Ruine verwandelte, anschließend in eine Höhle für Kleindealer und Drogensüchtige und zuletzt zu einer der wichtigsten Adressen für den Konsum und Handel mit Heroin, Haschisch und Marihuana wurde und von seiner treuen Kundschaft, aus welchen Gründen auch immer, pompös „Das Heiligtum“ genannt wurde.

Bei der Beerdigung erkennt eine der beiden Schwestern des Indios Duarte und spricht ihn an:

Sie habe ihn nicht deshalb erkannt, weil sie ihn schon einmal gesehen habe, sondern aufgrund einer Zeichnung des Bruders, die über seinem Nachtschränkchen hinge. Es sei eine Zeichnung mit einem Jungen, der Klavier spiele.

Duarte verbrennt alle gesammelten Partituren aus 400 Jahren Musikgeschichte.

Er betrat das Haus mit sechs Pappkartons und begann mit Wolfgang, dem Wunderknaben. Dem gehätschelten Kind, das den Clown mimte. Ein cleveres Kerlchen, wenn er mit den Noten spielte. Ein Amateur, der nicht in der Lage war, von außerhalb des Strafraums ins Tor zu treffen, sich die kurzen Hosen schmutzig zu machen, zu foulen oder einen 40-Meter-Pass zu schießen, immer nur verspielt, verloren in dem Labyrinth, in das sein Können ihn verstrickte. Außer vielleicht bei dem Konzert in c-Moll, seien wir gerecht, bei dem Klavierkonzert Nr. 24. Da, ja. Da warst du fast ein Mann. Aber da war es schon zu spät, verdammt. Du hattest schon zu viel Zeit damit vergeudet zu sagen, seht mich an, ich bin Mozart. Seht, was ich kann. Und das hier. Und das. Wartet. Wartet. Ich weiß noch einen Trick, den ich euch zeigen kann. So genial bin ich. Seht, wie ich wichse. Mit meinen Fingerspitzen wichse. Und ihr klatscht alle Beifall, verzückt über mein Sperma, das aus euren Mündern rinnt. Wolfgang, du Hurensohn. […] Für Mozart gibt es einfach keine Worte. Ihr seid doch alles Hurensöhne, auch der, für den es keine Worte gibt. Und du, kleiner Wolfgang mit der lächerlichen Perücke, wichse ruhig mit deinen Fingern am Schwanz der anderen.

Später, im Juni 1989, als Duarte seine Mutter von einer Chemotherapie abholt, fragt sie ihn, warum er mit dem Klavierspielen aufgehört habe, und er antwortet: Aus Hass.

„Hass auf mein Talent. Hass auf das, was die Leute immer als Gabe bezeichnet haben. Als meine Gabe.“

Duarte ist nicht zu Hause, als es an der Tür klingelt. Seine Mutter öffnet im Morgenmantel, weil sie glaubt, es sei ihr Mann. Draußen steht Duartes früherer Klavierlehrer, der zunächst über die aufgrund der Chemotherapie kahle Frau erschrickt. Er ist ebenfalls todkrank, und weil er in Wien sterben möchte, bereitet er seine Abreise aus Lissabon vor. Aber von seinem bevorstehenden Tod redet er nicht. Er hat ein Gemälde für Duarte als Geschenk mitgebracht.

Und er erzählte ihr die Geschichte des Bildes. Und wie er es, bereits viele Jahre nach dem Tod seines Vaters, durch reinen Zufall in einem Hotel in Buenos Aires entdeckt habe. Und wie er es sofort wiedererkannt habe, obgleich er es nie leibhaftig gesehen hatte. Allein durch die Beschreibung des Vaters. Allein durch die Geschichte, die der Vater ihm erzählt hatte, an jenem Tag, als er ihn ins Kunsthistorische Museum von Wien mitnahm, damit er die Bilder von Bruegel kennenlerne.

Sein Vater erzählte ihm damals, dass ihm Jahre zuvor im Kunsthistorischen Museum in Wien eine Malerin aufgefallen sei, die ein Detail aus einem Gemälde von Bruegel kopierte: eine Frau mit einem unterhalb des Knies amputierten Bein und zwei Krücken. Auch die Künstlerin war auf Krücken angewiesen, denn ihr fehlte ebenfalls ein Unterschenkel. Bei ihrem Werk handelte es sich um ein Selbstbildnis. Der Vater des späteren Klavierlehrers wollte ihr helfen und erkundigte sich nach Prothesen. Um der Malerin die teure Anschaffung zu ermöglichen, bat er sie, ihm das Bild zu verkaufen. Sie werde noch eine Woche für die Fertigstellung benötigen, sagte sie. Als der wohlmeinende Interessant dann wieder ins Kunsthistorische Museum kam, stand die Staffelei der Malerin nicht mehr vor dem Bruegel-Gemälde, und die Künstlerin war spurlos verschwunden.

Das Bild hing zufällig in einem Hotelzimmer in Buenos Aires, in dem der Sohn viele Jahre später übernachtete. Er erkannte es – und verstand nun, warum Duarte mit dem Klavierspielen aufgehört hatte, denn die Malerin hatte sich womöglich selbst das Bein abgetrennt, „um zu einer Zwillingsseele der jungen Frau auf dem [Bruegel-]Bild zu werden. Um eine Leidensgenossin der Frau auf dem Bild zu werden.“

„Duarte hat Gott sei Dank genau in diesem Augenblick aufgehört: In dem Augenblick, da er Gefahr lief, so zu werden wie die Musik, die er spielte. In dem Augenblick, da er zu allem bereit war. Bereit, sich selbst das zu amputieren, was zu amputieren war. So war es, als er mit Mozart aufhörte. So war es, als er mit Beethoven aufhörte. Und so war es auch, als er mit Bach aufhörte.“

Als Duarte spätabends nach Hause kommt, lehnt das Gemälde der auf Krücken gestützten Frau am Tisch, und der Vater sagt ihm, dass die Mutter gestorben sei.

Nach der Beerdigung seiner Frau verlässt António Mendes elf Tage lang nicht das Haus. An den ersten fünf Tagen betrachtet er das Gemälde der beinamputierten Frau. Duarte will ihm helfen, das Bild aufzuhängen, aber der Vater fordert ihn auf, es noch einmal abzusetzen, weil ihm die Orts- und Zeitangabe an der Rückseite aufgefallen ist: Wien, 3. 8. 1924. Am selben Tag wurde sein Kater Joseph geboren, der an dem Tag, an dem António zur Welt kam, am 1. September 1939, an Altersschwäche starb.

Signiert ist das Gemälde mit „HC“. Duarte spricht sogleich von einer Künstlerin, und António fragt, wieso er annehme, dass das Bild von einer Frau gemalt worden sei.

Und da fielen Duarte zwei Dinge ein, die nichts miteinander zu tun hatten. Der Ring, den der Arzt mit der Vorliebe für Bach am kleinen Finger getragen hatte. Ein Ring, der kein Wappenring gewesen war, dennoch aber am kleinen Finger getragen wurde, was merkwürdig war, es sei denn, er passte nicht an den richtigen Finger, woraus man wiederum schließen konnte, dass der Ring vielleicht einer anderen Person gehört hatte, einer Person mit schlankeren Fingern. Zumal die in den Ring eingravierten Initialen nicht die des Arztes oder zumindest nicht die des Namens waren, unter dem man den Arzt kannte. Es war ein Ring mit Initialen gewesen, mit Lettern im gotischen Stil, und zwar mit ebendiesen: HC. Doch er erinnerte sich auch an Policarpos Brief aus dem Jahre 1975. An den Brief, den der Großvater ihm niemals vorgelesen hatte und von dem die letzten Seiten fehlten.

In dem Brief riet Policarpo seinem Freund Augusto Mendes, mit Celestinos Tod anzufangen, falls er vorhabe, ein Buch zu schreiben. Dann berichtete er vom Kauf des Hotels 1969 in Buenos Aires. Der Vorbesitzer war ein Deutscher, der eigentlich Joseph Castorp hieß, aber unter dem Namen Robert Cussler bekannt war. Der stellte drei Bedingungen, die Policarpo akzeptierte:

Ich sollte den Gast aus Zimmer 302, eine neunzigjährige Dame, bis zum Ende ihrer Tage dort wohnen lassen, ohne dass sie für Kost oder Logis etwas bezahlte. Ich dürfte nur zwei Angestellten erlauben, ihr Zimmer zu betreten: Susana und Jacinta. Und ich müsste, sobald diese Frau verstorben wäre, ihren gesamten Besitz ausnahmslos verbrennen.

Weil die Greisin ihr Zimmer niemals verließ, sah Policarpo sie erstmals, als sie tot war und die Mädchen ihn ins Zimmer 302 riefen.

Die alte Frau saß auf einem Sofa neben dem Bett. Sie trug ein blaues Kopftuch, und erst als ich näher trat, bemerkte ich, dass ihr das rechte Bein fehlte. In der Ecke lehnten ihre Krücken, es waren solche, die oben gepolstert sind, um die Achseln zu schonen. Doch am meisten überraschten mich die Augen der Frau. Sie waren weit aufgerissen und wirkten glücklich. Ich dachte sogar kurze Zeit, Susana hätte sich getäuscht und die Frau sei gar nicht tot.

Die Tote schien ein an der Wand hängendes Gemälde zu betrachten, auf dem eine beinamputierte Frau mit blauem Kopftuch zu sehen war. Señora Hannah, wie sie von Susana und Jacinta genannt wurde, besaß keine Ausweispapiere, aber die Polizei fand heraus, dass es sich um eine 94 Jahre alte deutsche Staatsbürgerin mit Namen Claudia handelte, die 1958 in Buenos Aires eingetroffen war und in den letzten zwölf Jahren ihres Lebens in dem Hotel gewohnt hatte. Sie war die Tochter eines auf die Fertigung von Elektrosägen spezialisierten deutschen Industriellen, die man zunächst mit der Tochter eines vom US-Geheimdienst gesuchten Nazi-Wissenschaftlers verwechselt hatte. Die Hinterlassenschaft der Greisin wurde wunschgemäß verbrannt. Policarpo konnte nur das Gemälde retten, und zwar mit der Behauptung, es sei Teil des hoteleigenen Mobiliars. Es blieb in Zimmer 302 hängen.

1975, zwei Monate bevor Policarpo den Brief schrieb, kam ein Mann ins Hotel und fragte nach Joseph Castorp. Policarpo bot an, ihm bei der Suche nach dem Vorbesitzer des Hotels zu helfen, gab ihm Zimmer 302 und verabredete sich mit ihm zum Abendessen. Er wartete allerdings vergeblich, und als er nachsah, traf er den Gast schluchzend im Zimmer an. Er deutete auf das Bild der beinamputierten Frau und ließ sich von Policarpo erzählen, was dieser darüber wusste.

Die restlichen Blätter des Briefes fehlen. Duarte nimmt an, dass sein Großvater sie verschwinden ließ, weil sie mit Celestino zu tun hatten. Das von Policarpo beschriebene Gemälde befindet sich jetzt in Duartes Besitz, und der Mann, der es an Paulas Todestag brachte, könnte der von Policarpo erwähnte Hotelgast gewesen sein.

Am sechsten Tag nach Paulas Beerdigung holt António Mendes den Globus, aber die Lampe im Inneren brennt nicht. Er schraubt andere Glühbirnen aus und probiert sie im Globus. Als das nichts hilft, zertritt er die Leuchtkörper auf dem Teppich, ohne darauf zu achten, dass Glasscherben im Fuß stecken bleiben und Blut durch die Strümpfe quillt. Nachdem Duarte den Globus repariert hat, betrachtet sein Vater ihn sechs Tage lang.

Danach erschießt er sich mit dem Revolver seines verstorbenen Vaters, den sein Sohn auf seine Bitte hin eigens aus der Wohnung der Großeltern in dem Dorf bei Fundão holte, ohne dass seine Großmutter ihn bemerkte. Inspektor Artur Monteiro, der mit António Mendes in Angola gewesen war, vernimmt Duarte.

„Können Sie bestätigen, dass Sie sich zum Haus Ihrer Großmutter, der Mutter Ihres Vaters, Laura de Jesus Mendes, begeben haben, das im Landkreis Fundão in einem Dorf mit dem Namen eines Säugetiers liegt?“

Er habe gewusst, dass sein Vater sich damit das Leben nehmen wollte, gesteht Duarte und erklärt zugleich, dass er es nicht bereue, ihm die Waffe für den Suizid besorgt zu haben.

Duarte will nach Buenos Aires, um die Briefe zu suchen, die sein Großvater Policarpo schrieb. Wer Joseph Castorp war, weiß er inzwischen:

Er war ein Pianist. Ein außergewöhnlicher Pianist. Leute, die ihn spielen hörten, behaupten, er sei der beste Beethoven-Interpret seiner Zeit gewesen. Die Nazis haben ihn bewundert und nie aus Deutschland rausgelassen. Er war eine Art Privatpianist für sie. Hat praktisch keine Konzerte gegeben außer in geschlossenen Gesellschaften. Sie ließen ihn nie eine Aufnahme einspielen. Wegen seines großen Talents lebte er in einer Art Klausur. Doch dann war der Krieg vorbei, und an dem Tag, als ihm klar wurde, dass er jahrelang für wahre Monster Beethoven gespielt hatte, hackte er sich die rechte Hand ab und verschwand.

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Die Handlung des leisen Romans „Wohin der Wind uns weht“ von João Ricardo Pedro umspannt drei Generationen der (fiktiven) portugiesischen Familie Mendes. Die Erlebnisse von Augusto, António und Duarte Mendes stehen im Zusammenhang mit der portugiesischen Zeitgeschichte von der Diktatur bis zur Nelkenrevolution und darüber hinaus. Den meisten Raum widmet João Ricardo Pedro dem Enkel Duarte Miguel Lourenço Mendes. Dass der begnadete Pianist die Musik aufgibt, bevor sie ihn zerstört, korrespondiert mit den Geschichten eines deutschen Klaviervirtuosen, der sich die rechte Hand abhackt und einer beinamputierten Malerin ebenfalls aus Deutschland.

João Ricardo Pedro entwickelt die Handlung in „Wohin der Wind uns weht“ nicht chronologisch, sondern in zahlreichen Episoden, wobei Ort und Zeit, Hauptfigur und Perspektive vor und zurück wechseln. Eine homogene Ganzheit entsteht daraus nicht, und die Leser müssen sich aus über das ganze Buch verstreuten Informationen ein Bild erarbeiten. Das ist nicht ganz einfach, zum einen wegen der Zeitsprünge, aber auch, weil João Ricardo Pedro vieles nur andeutet oder ganz ungesagt lässt.

„Wohin der Wind uns weht“ wirkt inhaltlich und formal recht ambitioniert. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Sprache, in der überlange Schachtelsätze mit Stakkato-Passagen kontrastieren.

Dann erneut Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Stille. Bis sie mit der rechten Hand den Stöpsel unter ihrem Nacken suchte und herauszog. Ihr Körper tauchte langsam auf. Zuerst die Augen. Die Stirn. Dann der Mund. Das Kinn. Die Ohren. Die Brustwarzen. Der Bauch. Die Füße. Die Beine. Die Schultern. Die Arme. Die Hände. Die Finger. Die ganze Frau.

Der Originaltitel „O teu rosto será o último“ ließe sich übrigens mit Dein Gesicht wird das Letzte sein übersetzen.

„Wohin der Wind uns weht“ ist der Debütroman des Portugiesen João Ricardo Pedro (* 1973), eines auf Telekommunikation spezialisierten Ingenieurs, der 2008 arbeitslos wurde und die verfügbare Zeit nutzte, um sich als Schriftsteller zu versuchen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Nelkenrevolution

Sven Regener - Wiener Straße
Die Episoden von "Wiener Straße" spielen in Berlin-Kreuzberg, und zwar 1980, als die Kunstszene dort von Individualisten geprägt wurde, die nicht von einer Akademie kamen und sich mit Aushilfsjobs durchschlugen. Sven Regener versteht es, die Figuren in schnoddrigen Dialogen lebendig zu machen.
Wiener Straße

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