Heinrich von Kleist : Das Käthchen von Heilbronn

Das Käthchen von Heilbronn

Heinrich von Kleist

Das Käthchen von Heilbronn

Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe Manuskript: 1807/08 Uraufführung: Theater an der Wien, 17. März 1810
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Rheingraf vom Stein will zweifelhafte Besitzansprüche Kunigundes von Thurneck gegen den Grafen vom Strahl in einer Fehde durchsetzen. Aber als vom Strahl sich in Kunigunde verliebt und sie aufgrund eines Traumes für eine Kaisertochter hält, beschließt sie, ihr Ziel nicht kriegerisch, sondern durch Eheschließung zu verfolgen. Es dauert einige Zeit, bis der Graf Kunigunde durchschaut und begreift, warum Käthchen, die Tochter eines Heilbronner Waffenschmieds, nicht von seiner Seite weicht ...
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Kritik

Weder das Patriarchat noch die Ständegesellschaft werden in "Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe" abgeschafft, aber Heinrich von Kleist stellt überkommene Konventionen zumindest in Frage.
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Der dreiundfünfzig Jahre alte verwitwete Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn beschuldigt Friedrich Wetter Graf vom Strahl vor einem in einer Höhle tagenden Femegericht, seine fünfzehnjährige, mit ihrem Cousin Gottfried Friedeborn verlobte Tochter Katharina („Käthchen“) durch Hexerei an sich gebunden zu haben.

Tatsächlich hatte der Graf die Schmiede aufgesucht, um eine abgebrochene Spange an seinem Harnisch reparieren zu lassen. Käthchen sah ihn bei dieser Gelegenheit, und nachdem er fortgeritten war, sprang sie (möglicherweise in selbstmörderischer Absicht) aus dem Fenster. Sobald sie sich von den Verletzungen erholt hatte, und wieder gehen konnte, schnürte sie ihr Bündel und folgte vom Strahl gegen den Willen ihres Vaters.

Das Femegericht unter dem Vorsitz von Otto Graf von der Flühe kommt zu dem Schluss, dass Käthchen freiwillig gehandelt habe und spricht Graf vom Strahl deshalb frei. Aber Friedeborn hält seine Tochter nach wie vor für ein Opfer schwarzer Magie. Anders kann er sich das Verhalten des unschuldigen Mädchens nicht erklären.

Kurz darauf erfährt Graf vom Strahl von seinem Vasallen Ritter Flammberg, dass ihm der Rheingraf Albrecht vom Stein die Fehde angesagt hat und ein Aufgebot zusammenstellt.

Flammberg: Der Rheingraf fordert, im Namen Fräulein Kunigundens von Thurneck, den Wiederkauf Eurer Herrschaft Stauffen; jener drei Städtlein und siebzehn Dörfer und Vorwerker, Eurem Vorfahren Otto, von Peter, dem ihrigen, unter der besagten Klausel, käuflich abgetreten; grade so, wie dies der Burggraf von Freiburg, und, in früheren Zeiten schon ihre Vettern, in ihrem Namen getan haben.

Der Graf vom Strahl (steht auf): Die rasende Megäre! Ist das nicht der dritte Reichsritter, den sie mir, einem Hund gleich, auf den Hals hetzt, um mir diese Landschaft abzujagen! Ich glaube, das ganze Reich frisst ihr aus der Hand. Kleopatra fand einen, und als der sich den Kopf zerschellt hatte, schauten die anderen; doch ihr dient alles, was eine Ribbe weniger hat, als sie, und für jeden einzelnen, den ich ihr zerzaust zurücksende, stehen zehn andere wider mich auf.

Durch den Hinweis eines Jungen finden Graf vom Strahl und Ritter Flammberg die vom Burggrafen von Freiburg, einem ihrer früheren Verlobten, entführte Kunigunde von Thurneck in einer Köhlerhütte. Der Graf vom Strahl befreit sie und stellt sie unter seinen Schutz, obwohl sie Albrecht vom Stein auf ihn hetzte, um ihm die Herrschaft Stauffen abzujagen.

Er bringt sie zu seiner Mutter Helena ins Schloss Wetterstrahl. Dort halten die alte Haushälterin Brigitte und die Kammerzofe Rosalie die junge Adelige aufgrund eines Traums des Grafen in der Silvesternacht vor zwei Jahren für eine Kaisertochter, deren Bestimmung es sei, seine Frau zu werden.

Im Beisein des Grafen und seiner Mutter zerreißt Kunigunde Dokumente, mit denen sie ihre Besitzansprüche begründete. Angeblich handelt sie aus Dankbarkeit für ihre Befreiung. Tatsächlich verfolgt sie damit weiter ihr Ziel, setzt dabei allerdings jetzt auf eine eheliche Verbindung statt auf eine Fehde. Geblendet von ihrem Aussehen und ihrem Verhalten, ist der Graf nur zu gern bereit, sie zu heiraten und ihr als seiner Braut die Herrschaft Stauffen zu schenken.

Als der Rheingraf vom Stein die Botschaft erhält, er solle die Fehde beenden, schickt er seinen Freund Eginhardt von der Wart nach Thurneck, um den Grund des Gesinnungswandels seiner Verlobten zu erfahren. In einer Herberge wartet er mit Friedrich von Herrnstadt, einem weiteren Freund, auf Eginhardt.

Rheingraf: Ich will mich hier, wie die Spinne, zusammenknäueln, dass ich aussehe, wie ein Häuflein argloser Staub; und wenn sie im Netz sitzt, diese Kunigunde, über sie herfahren – den Stachel der Rache tief eindrücken in ihre treulose Brust: töten, töten, töten, und ihr Gerippe, als das Monument einer Erzbuhlerin, in dem Gebälke der Steinburg aufbewahren!

Friedrich: Ruhig, ruhig Albrecht! Eginhardt, den du nach Thurneck gesandt hast, ist noch, mit der Bestätigung dessen, was du argwohnst, nicht zurück.

Rheingraf: Da hast du Recht, Freund; Eginhardt ist noch nicht zurück. Zwar in dem Zettel, den mir die Bübin schrieb, steht: ihre Empfehlung voran; es sei nicht nötig, dass ich mich fürder um sie bemühe; Stauffen sei ihr von dem Grafen vom Strahl, auf dem Wege freundlicher Vermittlung, abgetreten. Bei meiner unsterblichen Seele, hat dies irgend einen Zusammenhang, der rechtschaffen ist: so will ich es hinunterschlucken, und die Kriegsrüstung, die ich für sie gemacht, wieder auseinander gehen lassen. Doch wenn Eginhardt kommt und mir sagt, was mir das Gerüchte schon gesteckt, dass sie ihm mit ihrer Hand verlobt ist: so will ich meine Artigkeit, wie ein Taschenmesser, zusammenlegen, und ihr die Kriegskosten wieder abjagen: müsst ich sie umkehren, und ihr den Betrag hellerweise aus den Taschen herausschütteln.

Eginhardt berichtet dem Rheingrafen nach seiner Rückkehr über Kunigunde und vom Strahl:

Sie gehen mit vollen Segeln auf dem Ozean der Liebe, und ehe der Mond sich erneut, sind sie in den Hafen der Ehe eingelaufen.

Durch zwei vertauschte Briefe erfährt Käthchen von dem bevorstehenden Rachefeldzug des Rheingrafen gegen die Burg Thurneck. Unverzüglich bringt sie das Schreiben dem Grafen vom Strahl. Der nimmt an, das verliebte Mädchen aus Heilbronn habe sich nur etwas ausgedacht, um bei ihm bleiben zu können. Statt Käthchen zuzuhören, droht er ihr mit Peitschenhieben. Aber in der Nacht wird die Burg in Brand gesteckt, und der Rheingraf steht mit seinen Männern vor dem Tor.

Kunigunde bittet Käthchen heimtückisch, ein Futteral aus der brennenden Burg zu retten, das angeblich ein Porträt ihres Bräutigams enthält. Dabei nimmt die Aristokratin in Kauf, dass das folgsame Mädchen im Qualm erstickt oder von einem herabstürzenden Balken erschlagen wird. Der Graf sorgt sich um Käthchen, lässt eine Leiter bringen und will sie persönlich retten, aber bevor er zu einem Fenster hinaufklettern kann, stürzt das Gemäuer ein.

Ein Cherub bewahrt Käthchen vor dem Tod in den Flammen und führt sie ins Freie. Dort sinkt sie nieder. Als Kunigunde sieht, dass sie nur das zusammengerollte Ölgemälde in der Hand hat, herrscht sie das Mädchen mit der Frage an, warum es das Bild aus dem Futteral genommen habe. Käthchen beteuert jedoch, das Gemälde habe herumgelegen und es sei nicht möglich gewesen, beides aus dem Feuer zu holen.

Gleich darauf meldet Ritter von Thurneck, dass der Rheingraf in die Flucht geschlagen wurde.

Am nächsten Tag findet Käthchen das Futteral unverbrannt im Schutt der zerstörten Burg und überbringt es dem Grafen. Es enthält die Schenkungsurkunde, mit der er seiner Braut die Herrschaft Stauffen übertragen wollte. Da begreift er, dass Kunigunde aus Sorge um die Urkunde skrupellos ein Mädchen in die brennende Burg schickte. Das öffnet ihm die Augen, und er durchschaut ihre wahren Absichten.

Als Graf vom Strahl das unter einem Holunderstrauch vor Schloss Wetterstrahl im Halbschlaf sprechende Mädchen aus Heilbronn befragt, erfährt er, dass Käthchen zur gleichen Zeit wie er einen komplementären Traum hatte: Ein Engel zeigte ihr den Grafen und versprach ihn ihr als Bräutigam. Deshalb folgte sie ihm, nachdem sie ihn in der Schmiede ihres Vaters erkannt hatte. Aufgrund des Doppeltraums vermutet der Graf nun, dass es sich bei Käthchen nicht um eine Bürgerliche, sondern um eine Kaisertochter handelt.

Kurz darauf sieht Käthchen zufällig Kunigunde beim Bad in einer Grotte – und entdeckt deren Geheimnis: Sie ist hässlich und verdankt ihr schönes Aussehen einem Stahlkorsett, einer Perücke, falschen Zähnen und Schminke.

Nach dem Bad stiftet Kunigunde Rosalie zu einem Giftanschlag auf ihre Rivalin an, dem Käthchen allerdings entgeht.

Inzwischen ist der Graf nach Worms geritten. Dort residiert der Kaiser, der nach vom Strahls Überzeugung Käthchens Vater ist. Theobald Friedeborn reagiert auf die Behauptung, Käthchen sei nicht seine Tochter, indem er vom Strahl zum Zweikampf herausfordert. Nachdem der Graf sein Schwert weggelegt und seinen Helm abgenommen hat, bezwingt er seinen Herausforderer mit Blicken, entwindet ihm die Waffe und geht als Sieger aus dem Kampf hervor.

Es stellt sich heraus, dass der Kaiser das Mädchen während eines Aufenthalts in Heilbronn mit Gertrud, der späteren Frau des Waffenschmieds, gezeugt hatte. Er erkennt Käthchen als uneheliche Tochter an und macht sie zur kaiserlichen Prinzessin von Schwaben.

Im Beisein des Kaisers überrascht Graf vom Strahl sie mit einem Heiratsantrag. Da fällt sie ihn Ohnmacht. Bevor sie wieder zu sich kommt, fordert der Kaiser den Grafen auf, sie zur Kirche zu führen und sich mit ihr zu vermählen.

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„Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“ ist ein „großes historisches Ritterschauspiel“ in fünf Akten. Heinrich von Kleist schrieb es 1807/08. Die Uraufführung fand am 17. März 1810 am Theater an der Wien statt.

Ob es ein Vorbild für das Käthchen von Heilbronn gab, wissen wir nicht. Früher wurde vermutet, dass Heinrich von Kleist sich von der Heilbronnerin Lisette Kornacher oder der Dresdnerin Julie Kunze zu der Theaterfigur inspirieren ließ. Inzwischen werden auch die Heilbronnerin Elisabethe Zobel (1774 – 1806) und die Stuttgarterin Johanna Christina Carolina von Scheffauer, geborene Heigelin (1768 – 1808) in Betracht gezogen.

Drei Figuren stehen im Zentrum des Theaterstücks „Das Käthchen von Heilbronn“: Käthchen, der Graf vom Strahl und Kunigunde von Thurneck.

Bei der fünfzehnjährigen Tochter eines Heilbronner Waffenschmieds, deren Name Katharina bezeichnenderweise verniedlicht wird, verbinden sich Naivität, Unschuld und natürliche Schönheit. Als sie den Vater verlässt, widersetzt sie sich nicht nur der Autorität des Familienoberhaupts, sondern ignoriert zugleich gesellschaftliche Konventionen. Damit wird sie vom Kind zur Frau. Trotz schwerer Rückschläge verliert sie nie Mut und Zuversicht. Statt andere Menschen zu manipulieren, vertraut sie auf ihre Bestimmung. In ihrer bedingungslosen Liebe unterwirft sie sich Graf vom Strahl, obwohl dieser sie immer wieder wegschickt.

Jetzt bin ich nur neugierig, was Sie zu dem Käthchen von Heilbronn sagen werden, denn das ist die Kehrseite der Penthesilea, ihr andrer Pol, ein Wesen, das ebenso mächtig ist durch gänzliche Hingebung, als jene durch Handeln. (Heinrich von Kleist an Marie von Kleist, Spätherbst 1807)

Anders als Käthchen hält Kunigunde es für erforderlich, andere Menschen zu täuschen. Getrieben von ihrem Ehrgeiz, macht sie sich künstlich attraktiv und setzt ihre Verführungskünste ein, um Männer für ihre Zwecke zu manipulieren.

Es ist kein Zufall, dass Käthchen mit der Natur verbunden ist, während Kunigunde sich nur im Schutz von Gebäuden sicher fühlt, im Wald und beim Bad in der Grotte dagegen in Gefahr gerät.

So überträgt sich die ideelle Grundkonstruktion, der zufolge die Natur für das menschlich Gute und Wahre, die Zivilisation für das Verderbte und Falsche steht, immer wieder auch die szenische Grundstruktur. (Jochen Schmidt: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche, Darmstadt 2003, S. 140)

Friedrich Wetter Graf vom Strahl wirkt zunächst noch unreif. Er lässt sich von körperlichen Reizen einer Frau blenden und fällt auf die Machenschaften einer verschlagenen Intrigantin herein. Erst als er begreift, dass nicht Kunigunde, sondern Käthchen die Frau des Lebens für ihn ist, setzt er sich ebenso energisch wie zielstrebig dafür ein, die Barrieren für eine eheliche Verbindung zu beseitigen. Die Vermählung mit einer Bürgerlichen wäre für den Aristokraten undenkbar, aber glücklicherweise findet er heraus, dass Käthchen in Wirklichkeit eine – wenn auch illegitime – Tochter des Kaisers ist.

Am Ende fragen die Männer Käthchen zwar nach ihrer Meinung, entscheiden dann jedoch über die Eheschließung, bevor sie sich dazu äußern kann. Das Patriarchat ist also noch längst nicht überwunden. Immerhin deutet sich in „Das Käthchen von Heilbronn“ die Infragestellung überkommener Normen an.

Bemerkenswert sind auch die Traumszenen in „Das Käthchen von Heilbronn“. Ihnen kommt eine zentrale Bedeutung zu, denn sie erweisen sich als zutreffende Prophezeiungen.

Und typisch romantisch bezieht Kleist im Käthchen Traumszenen und Somnambulismus ein, denn die Romantik kultivierte alles, was jenseits der bloßen Verstandeswelt liegt – vom Traum bis zum Wahnsinn. (Jochen Schmidt: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche, Darmstadt 2003, S. 138)

Carl Martin Reinthaler (1822 – 1896) griff die Handlung des Bühnenstücks „Das Käthchen von Heilbronn“ in seiner 1881 in Frankfurt am Main uraufgeführten romantischen Oper in vier Akten auf.

Verfilmungen gibt es von Éric Rohmer („Käthchen von Heilbronn“, 1979) und Jürgen Flimm („Käthchens Traum“, 2004).

Käthchen von Heilbronn – Originaltitel: Catherine de Heilbronn – Regie: Eric Rohmer – Drehbuch: Eric Rohmer, nach dem Theaterstück „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“ von Heinrich von Kleist – Kamera: Francis Junek – Schnitt: Thérèse Sonntag – Darsteller: Pascale Ogier, Pascal Greggory, Arielle Dombasle, Jean-Marc Bory, Jean Boissery, Daniel Tarrare, Gérard Falconetti, Vanina Michel, Marie Rivière u.a. – 1980; 135 Minuten

Originaltitel: Käthchens Traum – Regie: Jürgen Flimm – Drehbuch: dem Theaterstück „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“ von Heinrich von Kleist – Kamera: Holly Fink – Schnitt: Ulrike Leipold – Musik: Hinrich Dageför, Frank Wulff, Stefan Wulff – Darsteller: Tobias Moretti, Julia Stemberger, Teresa Weißbach, August Zirner, Armin Rohde, Ernst Stötzner, Sylvester Groth, Nicholas Bodeux, Oliver Krietsch-Matzura u.a. – 2004; 90 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011

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