Fakten zu "Das Janusprojekt"

In seinem Kriminalroman „Das Janusprojekt“ vermischt Philip Kerr Fiktion und Realität. Als Ergänzung zu meinem Buchtipp finden Sie hier einige kurze Erläuterungen zu den Fakten.


Grippe-Pandemie 1918

1918/19 kamen 25 bis 50 Millionen Menschen durch die Spanische Grippe ums Leben.


Bürgerbräukeller

Philip Kerr schreibt, Adolf Hitler habe im „Bürgerbräukeller in der Kaufingerstraße“ angefangen (Seite 153). Das ist falsch. Der Bürgerbräukeller befand sich nicht in der Kaufingerstraße, sondern an der Rosenheimer Straße oberhalb des heutigen Kulturzentrums Gasteig. Dort rief Adolf Hitler am 9. November 1923 die Revolution aus.

Seine ersten Auftritte fanden jedoch im Sterneckerbräu im Tal unweit des Isartors statt. Dort hatte Anton Drexler (1884 – 1942) im Januar 1919 die „Deutsche Arbeiterpartei“ gegründet, und in einem Nebenraum der Gaststätte richtete Adolf Hitler im Oktober 1919 die erste Geschäftsstelle der Partei ein, die er im Jahr darauf in „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ (NSDAP) umbenannte.


Nationalsozialismus

Über den Nationalsozialismus


Franz Six

Franz Alfred Six (1909 – 1975), der Sohn eines Möbelhändlers, studierte Zeitungswissenschaft, promovierte 1934 und habilitierte sich 1936. 1930 wurde er Mitglied der NSDAP, und zwei Jahre später ließ er sich in die SA aufnehmen. Als Chef des Presseamtes kam Franz Six 1935 zum SD-Hauptquartier in Berlin. Der SS-Standartenführer (seit 1939) befasste sich im Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS vor allem mit der Juden- und Rassenpolitik bzw. der Logistik der Judenverfolgung und war der Chef von Adolf Eichmann. Franz Six avancierte zum SS-Brigadeführer und Chef des Amtes II (Gegnerforschung) im Reichssicherheitshauptamt.

Im Januar 1946 wurde er von den Amerikanern auf einem Bauernhof in Hessen festgenommen, wo er unter dem Namen Georg Becker gelebt hatte. Man verurteilte Franz Six zwar zu zwanzig Jahren Haft, aber John McCloy (1895 – 1989), der für die in den Nürnberger Prozessen Verurteilten zuständige amerikanischen Hochkommissar, begnadigte ihn 1952, und er wurde aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg am Lech entlassen.


Gerhard Flesch

Gerhard Flesch (1909 – 1948) wurde 1933 in die NSDAP und in die SS aufgenommen. Nach dem Jurastudium kam er zum Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführers-SS in Berlin. 1938 übernahm er das Amt des stellvertretenden Leiters der Gestapo in Frankfurt an der Oder und ihm Jahr darauf in Saarbrücken. Ab 1939 leitete Gerhard Flesch die Staatspolizeistelle Erfurt. Im besetzten Polen führte er ein Kommando der Einsatzgruppe VI. Ab April 1940 war er Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD zunächst in Bergen, dann in Trondheim, wo er am 30. Januar 1944 zum SS-Obersturmbannführer und Oberregierungsrat befördert wurde.

Ein norwegisches Gericht verurteilte Gerhard Flesch nach dem Krieg zum Tod, und er wurde am 28. Februar 1948 in Trondheim hingerichtet.


Herbert Hagen

Herbert Hagen (1913 – 1999), der seit 1933 der SS angehörte, fing im Mai 1934 beim Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführers-SS in München an und zog mit dem Amt im September 1934 nach Berlin. Unter Franz Six wurde er 1937 Leiter des Judenreferats im SD-Hauptamt und Vorgesetzter von Adolf Eichmann. 1940 avancierte Herbert Hagen zum Chef der Sicherheitspolizei und des SD in Bordeaux. Von 1942 bis 1944 amtierte er als persönlicher Referent von Karl Oberg, dem SS- und Polizeiführer in Paris. Im September 1944 wurde er nach Kärnten abkommandiert.

Ein Militärgericht in Paris verurteilte ihn 1955 in Abwesenheit zu lebenslanger Zwangsarbeit, und das Kölner Landgericht verurteilte ihn am 11. Februar 1980 zu zwölf Jahren Haft.


Adolf Eichmann

Kurzbiografie


Hadsch Amin el Husseini

Kurzbiografie


Haganah

Jüdische Siedler in Palästina bildeten 1920 zur Verteidigung gegen die Palästinenser die „Haganah“ (Verteidigung), eine Miliz, die sich ab 1929 zu einer paramilitärischen Untergrundorganisation entwickelte und 1936 schätzungsweise 10 000 aktive plus 40 000 einsatzbereite Mitglieder hatte.

Nach der Gründung des Staates Israel am 15. Mai 1948 und der Gründung einer israelischen Armee wurden alle anderen bewaffneten Organisationen verboten.


Eliyahu Golomb

Eliyahu Golomb (1893 – 1945) kam 1909 aus Weißrussland nach Palästina, das damals noch zum Osmanischen Reich gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er zu den Gründern der Haganah.


Kontakt zwischen SD und Haganah

Im Februar 1937 traf sich Adolf Eichmann im Weinrestaurant „Traube“ in Berlin mit Feivel Polkes, einem Repräsentanten der Haganah, der ihn nach Palästina einlud. Vier Monate später segnete Reinhard Heydrich, der Leiter des SD-Hauptamts, den von Eichmanns Vorgesetzten Franz Six eingebrachten Vorschlag ab, mit der Haganah zu verhandeln. Zusammen mit Herbert Hagen reiste er nach Constanza und schiffte sich auf dem rumänischen Dampfer „Romania“ nach Haifa ein – nicht nach Jaffa, wie Philip Kerr schreibt („Das Janusprojekt“, Seite 21). Dort trafen sie am 2. Oktober 1937 ein. Weil ihnen die britische Mandatsverwaltung ein Einreisevisum verweigerte, verabredeten sie sich mit Feivel Polkes, einem Vertreter der Haganah, und Franz Reichert, dem Leiter des Deutschen Nachrichtenbüros in Jerusalem, in Kairo. Die Unterredung fand am 10. und 11. Oktober statt.


Arthur Nebe

Nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg fing Arthur Nebe (1894 – 1945) am 1. April 1920 bei der Polizei in Berlin an. Hermann Göring holte ihn 1933 in die Gestapo, und Kurt Daluege (1897 – 1946) übertrug ihm 1935 die Leitung des preußischen Landeskriminalamts. Als Reichskriminaldirektor war Arthur Nebe von 1937 bis 1944 Chef der deutschen Kriminalpolizei.

Seine Einstellung gegenüber dem NS-Regime war widersprüchlich. Einerseits unterhielt Arthur Nebe Kontakte zu deutschen Widerstandsgruppen, andererseits war er als Kommandeur der SS-Einsatzgruppe B für den Völkermord in Russland mitverantwortlich.

Wegen seiner Beteiligung Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Arthur Nebe vom Volksgerichtshof am 2. März 1945 zum Tod verurteilt und kurz darauf hingerichtet.


Wilhelm Kube

Wilhelm Kube (1887 – 1943) ließ sich 1924 für die Nationalsozialistische Freiheitspartei in den Reichstag wählen. 1928 wurde er Gauleiter der NSDAP in der Brandenburgischen Ostmark. Von 1933 bis 1936 war er Oberpräsident von Brandenburg-Berlin; dann sorgte Martin Bormann dafür, dass er seiner Ämter wegen Korruption enthoben wurde.

Aber am 17. Juli 1941 ernannte man Wilhelm Kube zum Generalkommissar für Weißrussland in Minsk. Er beteiligte sich zwar am Holocaust, sabotierte allerdings eine Liquidierungsaktion im Ghetto von Minsk.

Am 23. September 1943 starb Wilhelm Kube bei der Explosion einer Bombe, die eine als Dienstmädchen eingeschleuste Partisanin namens Elena Mazanik unter seinem Bett in Minsk versteckt hatte.


Heidelberger Juristenkreis

Im Frühjahr 1949 bildete sich in Heidelberg ein Juristenkreis zur Verteidigung von Kriegsverbrechern, in dem sich außer Rechtsanwälten und Richtern Ministerialbeamte und Kirchenvertreter engagierten. Auch der Münchner Völkerrechtler Erich Kaufmann (1880 – 1972) schloss sich dem Heidelberger Juristenkreis an.

Philip Kerr lässt in seinem Roman „Das Janusprojekt“ einen jüdischen Rechtsanwalt Erich Kaufmann in München auftreten, der sich um die Freilassung der im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg inhaftierten Kriegsverbrecher bemüht.


Lucius D. Clay

Lucius Dubignon Clay (1897 – 1978) wurde im Mai 1945 Stellvertreter des Oberbefehlshabers der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland, General Dwight David Eisenhower (1890 – 1969), und stellvertretender Militärgouverneur der US-amerikanischen Besatzungszone in Deutschland (unter General Joseph T. McNarney (1915 – 1952)). Vom 15. März 1947 bis 15. Mai 1949 amtierte Lucius D. Clay als Militärgouverneur in der amerikanischen Zone. Er betrieb die Bildung der Bizone und organisierte die Berliner Luftbrücke 1948/49.


Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska

Im Herbst 1941 eröffneten die Deutschen auf einem Fabrikgelände an der Janowska-Straße in Lemberg (Lwow) einen Versorgungsbetrieb für die Wehrmacht, der zum SS-Unternehmens Deutsche Ausrüstungwerke (DAW) gehörte und Zwangsarbeiter einsetzte, für die Baracken errichtet wurden. Das Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska gliederte sich in Einrichtungen der SS, das Barackenlager und die Fabrikgebäude.

SS-Obersturmführer Fritz Gebauer übernahm im Mai 1942 das Kommando auf dem Fabrikgelände. Das Lager für die Zwangsarbeiter wurde zunächst von SS-Untersturmführer Gustav Wilhaus und ab Juli 1943 von seinem bisherigen Stellvertreter Friedrich Warzok geführt.

Im Lauf der Zeit wurde das Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska auch als Durchgangs- und Vernichtungslager verwendet. Man schätzt, dass dort 50 000 bis 200 000 Menschen ermordet wurden.


Kriegsverbrechergefängnis Landsberg am Lech

Am 1. Januar 1947 richtete die amerikanische Besatzungsmacht im Gefängnis von Landsberg am Lech das War Criminal Prison No. 1 ein. Bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurden im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg am Lech – so die deutsche Bezeichnung – 288 Todesurteile vollstreckt.

In der Bundesrepublik Deutschland war die Todesstrafe abgeschafft. Deshalb wurden die 28 noch nicht vollstreckten Todesurteile zunächst ausgesetzt. Aufgrund einer Entscheidung von John J. McCloy (1895 – 1989), des für die in den Nürnberger Prozessen Verurteilten zuständigen US-amerikanischen Hohen Kommissars, und General Thomas T. Handy (1892 – 1982), des für die in den Dachauer Prozessen Verurteilten zuständigen Oberbefehlshabers der US-amerikanischen Streitkräfte in Europa, wurden am 7. Juni 1951 noch einmal sieben Todesurteile vollstreckt.

Am 9. Mai 1958 wurde das Kriegsverbrechergefängnis Landsberg am Lech aufgelöst und die Haftanstalt der bayerischen Justiz zurückgegeben.


Netzwerke für Nationalsozialisten

Netzwerke wie die legendäre „Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen“ (Odessa), in denen sich auch katholische Geistliche wie Bischof Alois Hudal engagierten, verhalfen zahlreichen Nationalsozialisten, nach dem Zweiten Weltkrieg auf so genannten „Rattenlinien“ nach Argentinien zu fliehen. Wie weit Papst Pius XII. und Giovanni Montini (der spätere Papst Paul VI.) in die Aktionen verstrickt waren, ist umstritten.


Dam Yehudi Nakam

Bei Dam Yehudi Nakam (das jüdische Blut wird gerächt) handelte es sich um eine jüdische Geheimorganisation, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Rache für den Holocaust Anschläge auf Nationalsozialisten verübte und zum Beispiel am 14. April 1946 das Brot im Internierungslager Langwasser bei Nürnberg vergiftete.


Außerordentliche Staatliche Kommission

Die „Außerordentliche Staatliche Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutsch-faschistischen Eindringlinge und ihrer Komplizen, und des Schadens, den sie den Bürgern, Kolchosen, öffentlichen Organisationen, staatlichen Betrieben und Einrichtungen der UdSSR zugefügt haben“ wurde am 2. November 1942 durch einen Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets gegründet. Ihre Aufgabe war es, Kriegsverbrechen vor allem von Angehörigen der Wehrmacht aufzudecken.


Malaria-Forschung im KZ Dachau

Im Konzentrationslager Dachau führte der Tropenmediziner Claus Schilling (1871 – 1946) ab Februar 1942 über tausend Menschenversuche mit Malariaerregern durch. Am 13. Dezember 1945 wurde er zum Tod verurteilt und am 28. Mai 1946 im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg am Lech gehängt.

Berüchtigt sind auch die Menschenversuche, die Sigmund Rascher im Konzentrationslager Dachau durchführte.


Menschenversuche im KZ Dachau

Menschenversuche von Dr. Sigmund Rascher


Gerhard Rose

Dr. Gerhard Rose (1896 – 1992) war nicht in Dachau tätig, sondern in Berlin und in Pfaffenrode in Thüringen.

Er leitete im „Dritten Reich“ die tropenmedizinische Abteilung am Robert Koch-Institut, das Malaria-Forschungsinstitut und das Institut für Wehrhygiene der Luftwaffe. 1941/42 infizierte er 110 Patienten der sächsischen Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf zu Forschungszwecken mit Malaria.

Im Nürnberger Ärzteprozess wurde Gerhard Rose am 19. August 1947 wegen seiner Beteiligung an Menschenversuchen 1942 im Konzentrationslager Buchenwald zu lebenslänglicher Haft verurteilt. John J. McCloy (1895 – 1989), der für die in den Nürnberger Prozessen Verurteilten zuständige US-amerikanische Hohe Kommissar, reduzierte das Strafmaß am 31. Januar 1951 auf fünfzehn Jahre. Als letzter der im Ärzteprozess zu Haftstrafen Verurteilten wurde Gerhard Rose am 3. Juni 1955 aus dem Kriegsverbrechergefängnis Landsberg entlassen.


Herbert Kuhlmann

war Kommandeur der 12. SS-Panzer-Division „Hitlerjugend“. Unter dem Decknamen Pedro Geller setzte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien ab.


Rhein-Main Air Base

Der Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main bei Frankfurt wurde im April 1945 von den amerikanischen Streitkräften beschlagnahmt und als Luftwaffenstützpunkt – Rhein-Main Air Base – der United States Air Forces in Europa weiterbetrieben. Da die in Europa stationierten US-Soldaten über die Rhein-Main Air Base aus- und einreisten, nannte man sie auch „Gateway to Europe“. Während der Berliner Luftbrücke startete ein Großteil der „Rosinenbomber“ von der Rhein-Main Air Base.

Am 1. März 1955 landete erstmals wieder eine Maschine der Deutschen Lufthansa in Frankfurt am Main, und zwei Monate später, am 5. Mai, erhielt die Bundesrepublik Deutschland die Lufthoheit zurück.

1959 überließ die Rhein-Main Air Base dem zivilen Rhein-Main Flughafen den größten Teil des Areals, benutzte aber weiterhin dieselben Start- und Landebahnen.

Bei einem Sprengstoffanschlag der RAF auf die Rhein-Main Air Base am 8. August 1985 starben zwei Menschen, elf weitere wurden verletzt.

Nach schrittweisen Verkleinerungen stellte die Rhein-Main Air Base den Betrieb am 30. September 2005 ein, und am 31. Dezember 2005 wurde der Stützpunkt geschlossen. Aufgrund einer vertraglichen Regelung vom 23. Dezember 1999 erhielt die Bundesrepublik Deutschland das Gelände zurück. Es steht dem Frankfurter Flughafen zur Verfügung.

© Dieter Wunderlich 2009

Philip Kerr: Das Janusprojekt

Karin Feuerstein-Praßer - Die preußischen Königinnen
Die Historikerin Karin Feuerstein-Praßer verfolgt die Schicksale von sieben preußischen Königinnen und beleuchtet dabei zugleich mehr als 150 Jahre preußischer Geschichte.
Die preußischen Königinnen

Karin Feuerstein-Praßer

Die preußischen Königinnen

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