John Irving : Das Hotel New Hampshire

Das Hotel New Hampshire
Originaltitel: The Hotel New Hampshire E. P. Dutton, New York 1981 Das Hotel New Hampshire Übersetzung: Hans Hermann Diogenes Verlag, Zürich 1982 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, Band 10, München 2004 ISBN 3-937793-09-7, 572 Seiten

Inhaltsangabe

Nach einer gescheiterten Hotelgründung in New Hampshire versucht Winslow Berry, das Hotel eines Freundes in Wien zum Erfolg zu führen, aber dieser Versuch endet in einer Katastrophe, bei der er erblindet. Als er in New Hampshire einen dritten Anlauf nimmt, täuschen ihm seine inzwischen erwachsenen Kinder den Betrieb eines exklusiven Hotels vor.
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Kritik

"Das Hotel New Hampshire" ist eine vitale, aberwitzige Familiengeschichte, ein Panoptikum skurriler Figuren, die nicht aufs Träumen verzichten wollen. Mit hemmungsloser Fabulierlust vermischt John Irving in diesem fulminanten Roman märchenhafte, ironische, absurde und tragikomische Elemente.
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Winslow („Win“) Berry wurde 1920 in Dairy, New Hampshire, als Sohn des Lehrers und Football-Trainers Robert Berry geboren, den alle nur „Coach Bob“ nennen. Seine Mutter starb im Kindbett. Nach dem Abschluss der privaten Dairy School beginnt Win, für das Studium an Universität in Harvard Geld zu verdienen und zu sparen. So hilft er im Sommer 1939 im Strandhotel Arbuthnot-by-the-Sea aus, packt in der Küche mit an, schleppt das Gepäck und pflegt die Greens auf dem Golfplatz.

Zur gleichen Zeit verdient sich Mary Bates als Zimmermädchen ein paar Dollar im Arbuthnot-by-the-Sea. Sie ist ebenfalls neunzehn Jahre alt und hat im Juni das Thompson Female Seminary abgeschlossen, eine höhere Schule für Mädchen, zweitklassig wie die Dairy School. Ihr Vater, ein pensionierter Lehrer, erlitt in diesem Sommer einen Schlaganfall, und Mary kümmert sich nicht nur um den wirren, sabbernden Mann, sondern auch um ihre Mutter.

Winslow Berry und Mary Bates kennen sich von klein auf, aber erst im Sommer 1939 kommen sie sich näher. Zu verdanken haben sie es einem vierzigjährigen Wiener Juden, der 1933 emigriert war und im Sommer 1937 als Entertainer nach Arbuthnot-by-the-Sea kam. „Freud“, so wird er genannt, versucht die Gäste mit einem Bären zu unterhalten, den er in einem Holzfällercamp im Norden von Maine entdeckte. Seit Freud dem Bären beigebracht hat, im Beiwagen seines alten Motorrad zu sitzen und die Maschine auch selbst zu lenken, lässt der zahme Bär nicht mehr zu, dass jemand ohne ihn mit dem Motorrad fährt.

In dem Sommer, als Win und Mary in Arbuthnot-by-the-Sea arbeiten, liegt eines Tages ein Deutscher mit einer klaffenden Wunde am Landesteg. Er war gestolpert und hatte sich dabei die Wange aufgerissen. Im Strandhotel überredet man Freud, Hemd und Hose eines Kellners anzuziehen und sich als Arzt auszugeben. Widerstrebend fügt Freud sich, nimmt Nadel und Faden und näht die Wundränder zusammen. Als der Deutsche am nächsten Morgen sieht, wie Freud in Mechanikerkleidung das Motorrad repariert, grüßt er ihn spöttisch als „Judendoktor“ und verhöhnt ihn wegen der schrottreifen Maschine. Den Bären bemerkt er nicht. Freud fordert den arroganten Deutschen auf, eine Runde damit zu drehen. Sobald der Mann das Motorrad anlässt, richtet der Bär sich auf, und nach weniger als fünfundzwanzig Metern springt er hinter dem Fahrer auf. Diesmal muss der Deutsche von der Küstenwache ins Krankenhaus nach Bath gebracht werden. Man lässt ihn in dem Glauben, ein wilder Bär habe ihn angefallen.

Freud will weiterziehen und verkauft Win den Bären und das Motorrad. Der heiratet im Herbst 1939 Mary Bates und zieht mit dem Tier, das er „Earl“ nennt, durchs Land, um durch Vorführungen das Geld für sein Studium zu verdienen. Im Frühjahr 1940 kommt Mary mit ihrem ersten Kind nieder: Frank. Es folgen Franny im Winter 1940/41 und John im März 1942, einige Jahre später dann noch Lilly und Egg.

Nach einer Unterbrechung durch seinen Kriegseinsatz in Europa schließt Win 1946 sein Harvard-Studium ab und wird Lehrer an der Dairy School. Als Mary mit Frank, Franny, John im Auto und Win auf dem Motorrad mit dem Bären Earl im Beiwagen nach Arbuthnot-by-the-Sea fahren, damit die Kinder einmal sehen, wo ihr gemeinsames Leben begann, steht vor der Einfahrt des Strandhotels ein Schild mit der Aufschrift „Diesen Sommer geschlossen“. Kein Fenster, das nicht eingeschlagen oder herausgeschossen wurde. Offensichtlich stehen die Gebäude schon länger leer. Earl weicht nicht vom Motorrad, während seine menschlichen Begleiter den verwüsteten Pier besichtigen. Plötzlich sind zwei Gewehrschüsse zu hören. Win rennt zurück. „Ich hab einen Bären geschossen!“, schreit ein dreizehn- oder vierzehnjähriger Junge aufgeregt, der eigentlich auf der Jagd nach Robben war. Earl ist tot. Weinend hält Win den Kopf des Bären.

Als das Thompson Female Seminary 1956 geschlossen wird, verkauft Win Marys Elternhaus, erwirbt das leer stehende Gebäude und baut es zu einem Hotel um, das er „New Hampshire“ nennt.

[…] mein Vater hatte zwei Illusionen: einmal glaubte er, Bären könnten ein Leben überstehen, wie es von Menschen geführt wird und zum andern bildete er sich ein, Menschen könnten ein Leben überstehen, wie es in Hotels geführt wird. (Seite 97)

Für die Küche stellt er Mrs Urick ein, eine Kanadierin, die auf Prince Edward Island fünfzehn Jahre lang für eine Seemannsfamilie kochte. Ihr Ehemann Max, ein Matrose und Schiffskoch, soll sich um erforderliche Reparaturen kümmern. Zum Personal gehört außerdem das Servier- und Hausmädchen Ronda Ray. Sie alle wohnen mit Familie Berry in dem Hotel. Von den dreißig Zimmern in vier Etagen bleiben neunzehn für die Gäste.

Das Hotel ist noch nicht eröffnet, da beschimpfen die Footballspieler Chipper Dove, Chester Pulaski, Lenny Metz und Harold Swallow den sechzehnjährigen Frank als schwul, reißen ihm Hose und Unterhose herunter, drücken ihn bäuchlings in ein Schlammloch und zwingen ihn, Hüftbewegungen wie beim Sex zu machen, während sie ihn als „Schlammficker“ verspotten. Franny und John, die unzertrennlich sind, kommen zufällig in die Nähe, und das fünfzehnjährige freche und unerschrockene Mädchen sorgt dafür, dass die vier Sportler ihren größeren Bruder loslassen und er sich wieder anziehen kann.

Bevor das Hotel New Hampshire Strom bekommt, knipsen John und Franny alle Lichtschalter an. Es ist Halloween. Nachdem der Polizist Howard Tuck am Abend eine Weile in seinem vor dem Hotel geparkten Streifenwagen gesessen hat, dreht er den Zündschlüssel und schaltet die Scheinwerfer ein. Schlagartig erstrahlt in diesem Augenblick das Hotel. Howard Tuck, für den es so aussieht, als habe er das bewirkt, fährt ruckartig an, würgt den Motor ab und fällt auf die Hupe: Vor Schreck hat er einen Herzschlag erlitten.

Obwohl er tot ist, laufen John und Franny los, um einen Krankenwagen zu holen, aber sie geraten in das von Chipper Dove, Chester Pulaski, Lenny Metz und Harold Swallow ausgelegte Netz des Fußballtors. „Howard Tuck hatte einen Herzschlag!“, sagt John. „Wir müssen einen Krankenwagen holen!“ Chipper lässt sich jedoch nicht beirren und fordert Franny auf, ihm ins Dunkle zu folgen. Unter der Bedingung, dass seine Kumpane ihrem jüngeren Bruder nichts tun, ist sie bereit, freiwillig mitzukommen. Chester und Lenny begleiten Chipper und Franny, die noch Jungfrau ist.

Verzweifelt redet John auf Harold ein, der ihn bewachen soll. Er macht ihm klar, dass Franny vergewaltigt wird und bringt ihn dazu, mit ihm zum Wohnheim zu laufen, um den kräftigen Schwarzen Junior Jones um Hilfe zu bitten. Junior Jones ruft seine Freunde zusammen. Aber sie kommen zu spät: Chipper ist bereits fort. Lenny hat die Hose noch unten und klemmt Frannys Kopf mit den Knien ein, während Chester gerade – augenscheinlich als Dritter – zum Orgasmus kommt.

John bringt Franny zu Nachtschwester Mrs Butler. Obwohl allen klar ist, was geschehen ist, behauptet Franny, nur verprügelt worden zu sein.

Zu Hause möchte sie, dass ihr alter Hund „Kummer“ bei ihr im Zimmer schläft. Ausgerechnet an diesem Tag hat Win das an Flatulenz leidende Tier zum Einschläfern gebracht, weil der Gestank die Gäste abgeschreckt hätte. Er schickt Frank zum Tierarzt, aber der hat Kummer bereits getötet und weist auf einen Haufen toter Tiere. Heimlich nimmt Frank den Kadaver mit.

Junior Jones und seine Freunde ergreifen zwar Lenny und Chester, aber Chipper gelingt es, sich in dieser Nacht bei Melinda Mitchell im Mädchenwohnheim zu verstecken. Am nächsten Morgen werden sie alle drei von der Schule verwiesen, nicht wegen Vergewaltigung, sondern weil sie eine Mitschülerin verprügelt haben.

Nach diesem Schock beginnt John mit einem Krafttraining, denn er möchte sich nie wieder so hilflos fühlen wie an Halloween 1956.

Im Biologielabor der Schule stopft Frank den Hundekadaver aus. Um Franny an Weihnachten damit zu überraschen, versteckt er sein Werk im Schrank seines Großvaters Bob. Als der Achtundsechzigjährige kurz darauf mit einer Scheibenhantel trainiert, kippen ihm Gewichte von einer Seite und rollen durchs Zimmer. Eine der Scheiben schlägt gegen den Schrank. Die Tür geht auf, und Kummer rollt auf einer fahrbaren Bodenplatte heraus. Coach Bob erschrickt so, dass er tot umfällt.

Das Tierpräparat wird auf den Müll geworfen.

John schlüpft zwar hin und wieder zu Ronda ins Bett, aber sie verlangt dafür Geld und weigert sich, ihn zu küssen. Erst auf der Silvesterparty im Hotel New Hampshire zeigt ihm Junior Jones‘ neunundzwanzigjährige Schwester Sabrina, wie man küsst. Dabei muss er allerdings die Hände in den Hosentaschen lassen. Als er zu stark gegen ihre Schneidezähne drückt, rutscht ihr das Gebiss heraus: Man hatte sie vergewaltigt und ihr dabei mit einer Eisenstange die Zähne ausgeschlagen. Von Sabrina dazu ermutigt, richtet John es so ein, dass er um Mitternacht mit Frannys Freundin Bitty Tuck tanzt. Die Achtzehnjährige will von dem vier Jahre Jüngeren zunächst nichts wissen, doch als er ihr ein gutes neues Jahr wünscht und sie küsst, ist sie beeindruckt und nimmt ihn mit in ihr Zimmer. Sie verschwindet noch kurz im Bad, um ihr Pessar einzusetzen. Da stößt sie in der Badewanne auf einen toten Hund. Vor Schreck schreit sie die Leute zusammen.

Der Schuldige wird rasch gefunden: Egg. Er hatte den ausgestopften und vom Regen aufgeweichten Kummer heimlich hereingeholt und wollte ihn mit einem Fön trocknen. Da fing das Fell Feuer, und Egg setzte das brennende Präparat in der Badewanne unter Wasser.

Freud schreibt 1957 aus Wien, er habe endlich einen schlauen Bären gefunden und ein gut gehendes Hotel, aber er sei alt geworden und sie sollten kommen, um ihm bei der Führung zu helfen. Im ersten Stock, so berichtet Freud in einem seiner Briefe, sei ein Journal des Symposiums über Ost-West-Beziehungen untergebracht, eine Gruppe von Radikalen, die tagsüber dort ihre Manifeste tippen. Nachts seien dann die Prostituierten in der zweiten Etage aktiv.

„Macht euch keine Sorgen wegen der Prostituierten. Sie sind hier legal. Geschäft ist Geschäft.“ (Seite 267)

Irritiert fragt Ronda:

„Was meint er damit, dass es ‚legal‘ ist – die Prostitution ist legal – was meint er damit?“ (Seite 268)

Erst jetzt begreift sie, dass die Prostitution in den USA nicht legal ist, und beim nächsten Mal weigert sie sich, von John Geld zu nehmen; sie sei schließlich keine Verbrecherin.

Der einundvierzig Jahre alte, nur einen Meter zwanzig große Zirkusdirektor Frederick („Fritz“) Worter kauft das Hotel New Hampshire als Alterssitz. Mit seinen dreizehn ebenfalls zwergwüchsigen Artisten verwandelt er den Park in einen Jahrmarkt. In seinem Kleinbus bringt er die Familie nach Boston. Win, Frank, Franny, John und Lilly fliegen nach Frankfurt am Main und steigen dort in ein kleineres Flugzeug nach Wien um. Mary und Egg kommen am nächsten Tag nach, und Egg besteht darauf, den inzwischen von Frank noch einmal neu hergerichteten Kummer mitzunehmen. Der tote Hund ist dann auch das erste, was die Suchmannschaften nach dem Absturz der Maschine auf dem Atlantik schwimmen sehen. Überlebende finden sie keine.

Win und die vier älteren Kinder – Frank ist inzwischen siebzehn, Lilly elf – fahren zunächst am Gasthaus Freud in der Krugerstraße vorbei, ohne es zu bemerken. Erst im zweiten Anlauf finden sie es.

Wir erwarteten Freud, aber Freuds Bären hatten wir vergessen. Lilly hatte nicht erwartet, ihn in der Eingangshalle zu sehen – ohne Kette. Und keiner von uns erwartete, ihn auf der Couch beim Empfangsschalter zu finden, die kurzen Beine übereinandergeschlagen, mit den Füßen auf einem Stuhl; es sah aus, als lese er in einer Zeitschrift (sichtlich ein „schlauer Bär“, wie Freud ja auch behauptet hatte), bei Lillys Schrei jedoch flog ihm das Heft aus den Pfoten und er nahm eine bärenmäßige Haltung an. Er schwang sich von der Couch und trottete seitwärts zum Empfangsschalter, ohne uns weiter zu beachten […] Er richtete sich auf seinen Hinterbeinen auf und versetzte der Klingel am Empfangsschalter einen so fürchterlichen Hieb, dass das feine ping! vom dumpfen Aufprall der Pratze zugedeckt wurde. (Seite 304)

Freud kommt, um seinen Partner und dessen Kinder zu begrüßen. Inzwischen ist er erblindet, und der Bär führt ihn wie ein Blindenhund. Unvermittelt fängt der Bär zu sprechen an. Es ist gar kein richtiges Tier, sondern eine Zwanzigjährige aus Michigan mit Namen Susie, die vergewaltigt worden war und sich danach für ein Leben als Bär entschieden hatte. Gäste gibt es zwar keine in Freuds Gasthaus, aber bereits am Tag der Ankunft fangen die beiden Männer an, Pläne zu schmieden. Als erstes siedeln sie die Radikalen – Erich („der Pornograf“), Fehlgeburt, Schwanger, Schraubenschlüssel, Arbeiter, Alter Billig – vom ersten in den vierten Stock um und die Prostituierten – Alte Billig, Babette, Jolanta, Dunkle Inge, Kreisch-Annie – vom zweiten in den ersten Stock. Bei der Dunklen Inge handelt es sich um eine Mulattin. Ein schwarzer G. I. hatte sie mit Kreisch-Annie gezeugt und war dann 1955 wieder in die USA zurückgekehrt. Freier dürfen das Mädchen, das in Lillys Alter ist, nur ansehen und dabei masturbieren. Der Bär passt auf, dass niemand die Kleine befingert. Ihre Mutter und Jolanta teilen sich eine Wohnung; auch Babette lebt mit einer Prostituierten zusammen, die auf der Mariahilfer Straße anschafft.

Frank stellt rascht fest:

„Mit diesem Hotel geht es bergab. Wir können weggehen, wenn es untergeht oder nachdem es untergegangen ist.“ (Seite 347)

Aber sein Vater hält dagegen:

„Aber wir können nicht weggehen, solange das hier nicht läuft. Ich meine, wenn es ein erfolgreiches Hotel ist, dann können wir uns das Weggehen leisten. Wir können hier nicht einfach weggehen, wenn es ein Misserfolg ist, denn wir hätten dann gar nichts, womit wir weggehen könnten.“ (Seite 347)

Vom gemeinsamen Badezimmer aus sehen Frank und John eines Tages durch die angelehnte Tür einen Bärenkopf auf dem Teppich in Frannys Zimmer.

Aber es war nicht der Bärenkopf, der unsere Aufmerksamkeit fesselte. Es war die Musik, die von Franny kam – zugleich durchdringend und sanft, so lieb wie Mutter, so glücklich wie Egg. Es war ein Lied, das kaum an Sex denken ließ, obwohl Sex sein Thema war, denn Franny lag auf ihrem Bett, die Arme über dem Kopf, den Kopf zurückgeworfen und zwischen ihren langen, sich leicht hin- und her bewegenden Beinen (den wassertretenden Beinen einer Schwimmerin mit Auftrieb) im dunklen Schoß meiner Schwester (den ich nicht hätte sehen dürfen) lag ein kopfloser Bär – ein kopfloser Bär leckte dort voller Hingabe, wie ein Tier, das seine frisch erlegte Beute auffrisst […] (Seite 352)

In dem Gasthaus, das inzwischen Hotel New Hampshire heißt, übernachtet eines Tages eine ängstliche Familie aus New Hampshire. Mitten in der Nacht simuliert Kreisch-Annie wie gewöhnlich einen Orgasmus, diesmal aber besonders laut.

„So etwas können wir einfach nicht mehr dulden“, sagte Freud. „So was überlebt kein Hotel, egal, welche Klasse von Kundschaft es hat – das geht einfach zu weit, das hält doch kein Mensch aus.“ (Seite 382)

Freud, der Bär, die Berrys und die Familie aus New Hampshire treffen sich auf dem Korridor. Die Hotelgäste sind überzeugt, gerade Zeugen einer Mordtat geworden zu sein, aber Freud beruhigt sie:

„Verfickt nochmal, es war nur ein Orgasmus, sagte Freud. „Haben Sie denn noch nie einen gehabt, Himmel Herrgott?“ (Seite 383)

Entsetzt hält der Vater seiner Tochter die Ohren zu.

„Mein Gott“, sagte Franny später. „Die haben nichts dagegen, dass ihre Tochter einen Mord sieht, aber sie lassen sie nicht einmal zuhören, wenn von einem Orgasmus geredet wird.“ (Seite 384)

Beherzt öffnen Freud und der Bär die Tür.

Kreisch-Annie war nackt, bis auf Strümpfe und Strumpfhalter; sie rauchte eine Zigarette und beugte sich über den auf dem Rücken liegenden, absolut reglosen Mann im Bett und blies ihm Rauch ins Gesicht; weder zuckte er zurück, noch hustete er, und auch er war nackt bis auf seine köchellangen dunkelgrünen Socken.
„Tot!“, japste die Frau aus New Hampshire […]
„Ist sie eine Hure?“, fragte der Ehemann, und diesmal war es die Frau aus New Hampshire, die ihrer Tochter die Ohren zuhielt […]
„Was soll das, sind Sie blind?, fragte Freud. „Natürlich ist sie eine Hure!“ (Seite 384f)

Während Frank Volkswirtschaft studiert, wählen John und Lilly amerikanische Literatur als Studienfach.

„Du denkst zu viel an mich“, ermahnt Franny ihren Bruder John. Die Geschwister sind verliebt, und eines Tages küssen sie sich auf der Straße.

„Ich liebe dich“, sagte ich mit gesenktem Blick zu Franny. „Aber was sollen wir denn tun?“
„Wir werden uns lieben“, sagte Franny, „aber tun werden wir gar nichts.“
„Überhaupt nie, Franny?“, fragte ich sie.
„Nicht jetzt, jedenfalls“, sagte Franny […] (Seite 416)

Vor dem Eingang des Hotels New Hampshire haben die Leute vom Symposium über Ost-West-Beziehungen seit Jahren einen Mercedes geparkt, mit dem zwar niemand fährt, an dem jedoch pausenlos herumgebastelt wird. Was es damit auf sich hat, erfährt John im Sommer 1964, als die neunundzwanzigjährige Fehlgeburt, von der er sich aus dem Roman „Moby Dick“ vorlesen lässt, mit in ihr Zimmer nimmt. Sie verrät ihm, dass die Radikalen im Hotel New Hampshire zu Beginn der Festspiele im Herbst die Wiener Staatsoper sprengen wollen. Sie habe die Aufgabe, den Mercedes zu fahren, in dem eine Bombe versteckt ist, deren Explosion jedoch erst die richtige, unter der Bühne versteckte Bombe zünden soll. Außerdem wollen die Radikalen die amerikanische Familie Berry in ihre Gewalt bringen, um für internationales Aufsehen zu sorgen. Bevor es soweit ist, möchte Fehlgeburt wenigstens einmal Sex gehabt haben. Das Liebesspiel fällt verzweifelt und freudlos aus.

„Haben wir alles getan, sexuell gesehen?“, fragte Fehlgeburt. „War es das? War das alles?“
Ich versuchte mich zu erinnern. „Ich glaube schon“, sagte ich. „Möchtest du noch mehr tun?“
„Eigentlich nicht“, sagte sie. „Es ging mir nur darum, das alles einmal getan zu haben“, sagte sie. „Wenn wir alles getan haben, kannst du nach Hause gehen – wenn du möchtest“, fügte sie hinzu. (Seite 400f)

Kurz darauf nimmt Fehlgeburt sich das Leben.

Freud, Susie, Win und dessen Kinder überlegen, ob sie mit ihrem Wissen über den geplanten Anschlag zur Polizei gehen sollen, aber sie befürchten, als Betreiber des Hotels, in dem die Attentäter ihre Vorbereitungen durchführten, selbst angeklagt zu werden. Sie könnten sich den Rückflug nach Amerika inzwischen leisten, denn die kleinwüchsige Lilly hat ein autobiografisches Buch mit dem Titel „Wachstumsversuche“ geschrieben, und ein New Yorker Verleger will es veröffentlichen. Noch einmal geht Win in das Hotel Sacher und setzt sich dort mit John an die Bar. Er ahnt, dass es das letzte Mal sein wird. John warnt die Prostituierten im Hotel New Hampshire. Als er in Jolantas Handtasche greift, um nachzusehen, ob sie eine Pistole besitzt, zieht er ein Schraubglas heraus.

„Mein Baby!“, kreischte sie. „Stell sofort mein Baby hin!“
Ich ließ es fast fallen, dieses große Glas. Und in der trüben Flüssigkeit sah ich den menschlichen Fötus schwimmen, den winzigen Embryo mit geballten Fäusten: Jolantas einzige Blüte, die schon im Keim erstickt worden war. (Seite 435)

Die Berrys haben zu lang überlegt. Mit einem Revolver in der Hand bringt Schwanger Win, Franny, John und Susie in ihre Gewalt und zwingt sie, Freud und die restlichen Familienmitglieder in der Lobby zusammenzurufen. Pornograf, Schraubenschlüssel und Arbeiter kommen ebenfalls dazu. Die Attentäter wollen den Fehler vermeiden, zuerst Geiseln zu nehmen und dann mit Gewalt zu drohen. Nach der Sprengung der Wiener Staatsoper wird niemand daran zweifeln, dass sie es ernst meinen, und die Medien werden ihre von Pornograf zu verlesenden Manifeste weltweit verbreiten. Während die Geiselnehmer und ihre Opfer in der Halle stehen, verlassen die Prostituierten grußlos das Hotel New Hampshire – wie die Ratten das sinkende Schiff. Weil Fehlgeburt tot ist, benötigen die Radikalen jemand anderen zum Fahren des Wagens. Susie halten sie für bösartig und deshalb unzuverlässig, die Kinder, die schon die Mutter durch einen Unfall verloren haben, sollen ebenso wie ihr Vater am Leben bleiben. Freud ist bereit, die Aufgabe zu übernehmen. Dass er blind ist, sei kein Problem, erklärt Schraubenschlüssel. Er werde den Mercedes zur Oper fahren und vor dem Aussteigen so hinstellen, dass Freud nur noch Gas zu geben braucht. Sobald er mit dem vorderen Nummernschild auf ein Hindernis trifft, explodiert die „Sympathiebombe“ im Wagen und löst die „Kontaktbombe“ unter der Bühne aus. Als Pornograf sich geringschätzig über Franny äußert, erschlägt Win ihn mit Freuds Baseballschläger. Trotzdem hält Arbeiter stur an dem Plan fest. Er will die Geiseln bewachen, während Schwanger im Opernhaus nachsehen soll, dass nicht gerade Pause ist; auf ihr Zeichen hin wird Schraubenschlüssel sich von dem inzwischen in die Ausgangsposition gebrachten Mercedes entfernen und Freud das Kommando zum Losfahren geben.

Freud verabschiedet sich von Susie und den Berrys und geht mit Schraubenschlüssel zum Mercedes. Schraubenschlüssel solle ihn nur zum Kotflügel führen, verlangt er, die Tür finde er dann selbst.

„Da ist er, ich habe ihn!“, hörten wir Freud draußen fröhlich rufen. „Das ist der Scheinwerfer, hab ich Recht?“, fragte er Schraubenschlüssel. Mein Vater hob den Kopf aus seinen Händen und blickte mich an.
„Natürlich ist das der Scheinwerfer, du alter Trottel!“, brüllte Schraubenschlüssel Freud an. „Steig endlich ein!“
„Freud!“, kreischte Vater. Er muss es in dem Moment gewusst haben. Er lief zur Drehtür. „Auf Wiedersehen, Freud!“, schrie Vater. Von der Drehtür aus sah Vater ganz genau, was geschah […] (Seite 455)

Freud tastet sich zum Kühlergrill weiter. „In die andere Richtung, du Schwachkopf!“, weist Schraubenschlüssel ihn zurecht. Mit dem dritten Schlag trifft Freud das Nummernschild. Schraubenschlüssel rennt bereits um sein Leben, aber er kommt nicht weit genug. Win wird durch die Detonation zusammen mit dem Glas der Eingangstür in die Lobby geschleudert. John packt Arbeiter und erwürgt ihn.

Win ist erblindet. Frank kümmert sich um den Verkauf des Hotels. Im Herbst 1964 fliegen die Berrys mit Susie in die USA zurück, aber sie wollen nicht nach New Hampshire, sondern bleiben in New York.

Kurz vor Weihnachten hält Franny den Zeitpunkt für gekommen, sich und John von ihrer gegenseitigen Begierde zu befreien. Sie treibt es mit ihm, bis sie beide wund gerieben sind [Inzest]. Es soll tagelang weh tun. Dann verabschiedet sie ihren Bruder mit den Worten:

„Das war der Schluss. Nun sind wir frei. Nun haben wir’s hinter uns.“ (Seite 477)

Ausgerechnet auf dem Nach-Hause-Weg begegnet er Chipper Dove. Mitten auf der Straße stellt er ihn zur Rede und nennt ihm schließlich den Namen des Hotels, in dem Franny wohnt. Bevor John seine Schwester telefonisch warnen kann, ruft Chipper dort an. Franny fürchtet sich vor ihm. Susie, Frank, John und Lilly kümmern sich um sie und überlegen, wie sie sich an Chipper rächen können. Ihn von jemand vergewaltigen lassen? Nein, das würde ihm vermutlich noch Spaß machen. „Er hätte keinen Spaß daran, wenn er glauben müsste, er werde von einem Bären vergewaltigt“, wirft Lilly ein. Das ist die Idee! Am letzten Werktag vor Weihnachten 1964 lockt Franny ihren Vergewaltiger durch einen Anruf in ihr Hotelzimmer. Der hört selbst dann nicht auf, überlegen zu lächeln, als er die vielen Leute in dem Zimmer entdeckt. Sie drohen ihm mit einer Vergewaltigung, und er fragt, wer es sein soll. Frank? Nein, der beteuert, Schlammpfützen vorzuziehen. Die schwarze Ruthie, eine Freundin Susies, die neben Franny auf der Couch sitzt? Die zischt: „Mich fickst du nicht!“ John? Nein, der ist heterosexuell. Dann fällt sein Blick auf das braune Fell neben der Couch und er fragt John spöttisch: „Willst du mir weismachen, dieser Hund hier soll es tun? Du glaubst doch wohl nicht, dass ich für einen verfickten Hund stillhalte!“ Da meint Ruthie lächelnd: „Das ist doch kein Hund, Mann.“ Jetzt erst begreift Chipper: „Das ist ja ein Bär!“ Und Ruthie bestätigt es ihm: „Da kannst du deinen Arsch drauf verwetten, Mann“ – und tut so, als wecke sie das Tier. Die angeblich läufige Bärin lässt sich viel Zeit. John warnt Chipper, sich nicht hastig zu bewegen, denn Bären mögen das nicht. Dann öffnet er ihm den Gürtel; Chippers Hose rutscht, und die Bärenschnauze fährt ihm zwischen die Beine. „Bitte nicht! Bitte!„, schreit Chipper. – Schließlich lassen sie ihn laufen.

Im Jahr darauf verkündet Win, er wolle Arbuthnot-by-the-Sea kaufen und daraus das dritte Hotel New Hampshire machen. Frank und John fahren in seinem Auftrag hin. Vor der Einfahrt steht immer noch das Schild „Diesen Sommer geschlossen“. Vom Makler erfahren sie, dass der alte Arbuthnot in Kalifornien lebt. Weil er den Kaufvertrag nicht abschließen will, ohne sie gesehen zu haben, fliegen Frank und John nach Los Angeles. Der Greis, der todkrank in einem Rollstuhl sitzt, will sich persönlich vergewissern, dass die Käufer keine Juden sind. Als er den Vertrag unterschrieben hat und fragt, was die Berrys denn mit dem leer stehenden Strandhotel vorhaben, behaupten Frank und John, auf dem Gelände ein Ausbildungslager für ein Sonderkommando der israelischen Streitkräfte einrichten zu wollen.

Ihrem Vater gaukeln sie nach der Renovierung der Gebäude vor, das neue Hotel New Hampshire sei ein besonders exklusives Haus mit wenigen, ausgesuchten und dafür um so mehr zahlenden Gästen. Um ihn zu täuschen, laden sie Freunde ein, bei ihnen zu wohnen. Tatsächlich leben sie von Lillys Honoraren, und Franny wird unter einem Pseudonym zur weltbekannten Filmschauspielerin. Sie heiratet schließlich Junior Jones, der sich in New York einen Namen als Rechtsanwalt gemacht hat.

Als Lillys Romane nicht mehr so erfolgreich sind wie ihr Debüt, ruft sie eines Tages Frank an und flüstert „Auf Wiedersehen“ auf seinen Anrufbeantworter. Kurz darauf kommt er nach Hause und fährt sofort mit einem Taxi zu seiner Schwester, aber sie ist bereits tot.

Susie engagiert sich in einem Notrufzentrum in Boston für Opfer von Vergewaltigungen. Als ein paar Männerhasserinnen auf einem Parkplatz einen mutmaßlichen Vergewaltiger kastrieren, wird die Einrichtung geschlossen. Da eröffnet Susie im Hotel New Hampshire ein neues Notrufzentrum. Wenn sie möchten, können sich die vergewaltigten Frauen hier auch einige Zeit von dem Schock erholen.

John geht bereits auf die Vierzig zu, da schleicht sich eines Nachts ein Bär zu ihm ins Zimmer und ins Bett. Es ist Susie. Die beiden vermählen sich. Susie möchte keine Kinder, weil sie sich hässlich findet und nicht möchte, dass ihre Kinder so aussehen wie sie. Doch als Franny und Junior Jones ein Kind bekommen, bitten sie John und Susie, es aufzuziehen, weil sie selbst zu viel unterwegs sind.

Im Winter strandet einmal eine Familie aus Arizona im Hotel New Hampshire. John behauptet, das Hotel sei im Winter geschlossen und versucht, sie fortzuschicken, aber als er die vier von der langen Irrfahrt müden Kleinkinder sieht, nimmt er die Familie auf. Er überredet Susie, noch einmal ihr Bärenkostüm anzuziehen und in der Nähe des Hotels herumzutapsen, damit die Kinder später erzählen können, sie hätten einen wilden Bären gesehen.

„Jeder sollte einmal einen Bären sehen, Susie“, sagte ich. (Seite 571)

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„Das Hotel New Hampshire“ ist eine vitale, aberwitzige Familiengeschichte, ein Panoptikum skurriler Figuren, die nicht aufs Träumen verzichten wollen. Frank verweist einmal auf den großen Gatsby:

„Gatsby war in die Idee verliebt, in Daisy verliebt zu sein; es war nicht mal Daisy, in die er verliebt war, jedenfalls nicht mehr.“ (Seite 331)

Ich-Erzähler ist der bald vierzigjährige John Berry, der wie John Irving 1942 in New Hampshire geboren wurde. Mit hemmungsloser Fabulierlust vermischt John Irving in diesem fulminanten Roman märchenhafte, ironische, absurde und tragikomische Elemente.

John Winslow Irvings Stiefvater war Lehrer an einer Privatschule. Nach dem Studium an mehreren Universitäten unterrichtete John von 1967 bis 1978 an verschiedenen Colleges englische Literatur. 1963/64 und von 1969 bis 1971 hielt er sich in Wien auf. Als Schriftsteller wurde er 1978 mit dem Roman „The World According to Garp“ („Garp und wie er die Welt sah“) weltbekannt.

Tony Richardson verfilmte 1984 den Roman „Das Hotel New Hampshire“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: ©

Tony Richardson: Das Hotel New Hampshire

John Irving (Kurzbiografie)
John Irving: Garp und wie er die Welt sah (Verfilmung)
John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag (Verfilmung 1999)
John Irving: Die vierte Hand
John Irving: Witwe für ein Jahr (Verfilmung 2004)
John Irving: Bis ich dich finde

Jerome Charyn - Unter dem Auge Gottes
Jerome Charyn skizziert statt auszu­malen und versucht nicht, Figuren psychologisch auszuleuchten. Eine solche Darstellungsweise würde man eher in einem Comic als in einem Roman erwarten. Sie ist das Beson­dere an der Saga über Isaac Sidel bzw. an "Unter dem Auge Gottes".
Unter dem Auge Gottes

Jerome Charyn

Unter dem Auge Gottes

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde in den letzten Monaten von Experten komplett neu gestaltet. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei. Es war gar nicht so einfach, die etwa 30.000 Seiten Text in die neue Form zu bringen. Dabei haben sich gewiss Fehler eingeschlichen. Wenn Ihnen einer auffällt, geben Sie mir bitte Bescheid.