Doris Gercke : Schlaf, Kindchen, schlaf

Schlaf, Kindchen, schlaf

Doris Gercke

Schlaf, Kindchen, schlaf

Schlaf, Kindchen, schlaf Originalausgabe: Ullstein Verlag, Berlin 2004 ISBN 3-550-08607-5, 335 Seiten, 20 € (D) Ullstein-Taschenbuch, Berlin 2006 ISBN 3-548-26394-1, 335 Seiten, 7.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem ihr Haus in Hamburg explodiert ist und sie selbst beinahe bei einer Bruchlandung ums Leben gekommen wäre, will sich die frühere Polizistin Bella Block in einem Dorf erholen. Doch im Wald zeigt ihr ein Bekannter zwei von Tieren halb aufgefressene Kinderleichen, und eine Bekannte holt sie nach Hamburg zurück, weil sie befürchtet, dass illegal eingereiste Kinder, die sich dort zusammenrotten, in Lebensgefahr sind ...
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Kritik

"Schlaf, Kindchen, schlaf" ist ein abstruser Roman, in dem Doris Gercke das Elend von vielen Kindern in der Welt thematisiert und die Untätigkeit der Politiker anprangert, ohne sich jedoch näher damit zu beschäftigen.
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November 2004. Die frühere Polizistin Bella Block tat sich mit vier weiteren Frauen zusammen, um die Welt von Rüstung und Krieg zu befreien. Zwei der Frauen sind nun tot: Ruth wurde ermordet und Elfriede kam ums Leben, als eine Leuchtrakete ihren mit Sprengstoff gefüllten Rucksack traf. Natalja kehrte nach Italien zurück. Hannah floh mit Bella Block in ihrem Kleinflugzeug. Bei der Landung knickte das Fahrwerk ein, aber die beiden Frauen erlitten keine ernsthaften Verletzungen. Bevor Hannah nach Hamburg zurückkehrte, besorgte sie Bella Block in der Nähe der Unglücksstelle ein Ferienapartment, denn Bellas Haus in Hamburg wurde bei einer Explosion zerstört.

Ein Mann namens Martin Wagner macht sich an Bella Block heran. Er gibt vor, eine neue Biografie über Dashiell Hammett zu schreiben. Eines Abends zeigt er Bella Block im Wald zwei von Schweinen und anderen Wildtieren halb aufgefressene Leichen von vermutlich verhungerten und erfrorenen Kindern. Bella Block will die Polizei verständigen, aber Martin Wagner hält sie davon ab: Das habe Zeit bis zum nächsten Morgen.

In der Nacht taucht Hannah auf und drängt Bella Block, mit ihr nach Hamburg zu fahren. Dort seien auffallend viele illegale Kinder aus dem Ausland und Hannah befürchtet, dass sie sich in Lebensgefahr befinden. Kurz vor einer Straßensperre springt Bella Block aus dem langsam weiterfahrenden Auto und umgeht die Wachen auf den Äckern. Sie wird beschossen, aber sie stößt unverletzt wieder auf Hannah, die in auf der anderen Seite der Sperre in sicherer Entfernung auf sie gewartet hat.

In Hamburg quartiert Bella Block sich in der Wohnung ihres Lebensgefährten Paul Kranz ein, der gerade eine Kreuzfahrt macht.

Zur gleichen Zeit bereitet Carola von Werner, die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Jugend, Familie, Gesundheit, Sport und Entwicklungshilfe, eine viertägige Weltkinderkonferenz vor, die am 25. Januar 2005 im Gebäude des Internationalen Seegerichtshofes an der Elbchaussee stattfinden soll. Für die Sicherheit ist ein gewisser Kaul zuständig, der mit dem BND und dem Verfassungsschutz zusammenarbeitet und seine Männer bei der Polizei, dem BKA und dem Bundesgrenzschutz auswählte. Kaul beteiligt auch eine Reihe von handverlesenen Hamburger Zuhältern an seinem Sicherheitskonzept.

Carola von Werner ist geschieden. Weil sie früh verwaist war, wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. Die besucht sie nun jeden Morgen und Abend in einer Seniorenresidenz in Berlin. Hin und wieder lässt Carola von Werner sich von ihrem Chauffeur auch zu einem Sex-Club fahren.

Zwei ausländische Kinder werden in Berlin von einem Bus erfasst und getötet. Ein vierzehnjähriger türkischer Junge erstickt, als er unbemerkt in die Garage der Fahrbereitschaft des Ministeriums eindringt, in dem Carola von Werner beschäftigt ist, und sich dort zum Schlafen hinlegt, obwohl der Motor eines der Autos läuft. Immer häufiger gehen bei der Polizei Beschwerden über Kinder ein, die aggressiv betteln, in Läden stehlen oder in Treppenhäusern schlafen.

Ein Unbekannter wirft durch den Briefschlitz von Kranz‘ Wohnung einen Sprengkörper, aber Bella Block kann den Brand rasch löschen.

Auf dem Dom macht sich eine Obdachlose namens Edda Feist an Bella Block heran, lässt sich auf ein Brathähnchen und ein Bier einladen und macht Bella mit der etwa dreizehnjährigen Inderin Maja bekannt, die mit einem Glückspieler in dessen Wohnwagen lebt. Maja kommt aus dem indischen Bundesstaat Manipur. Als in ihrem Dorf eine Polizeipatrouille überfallen worden war, hatten Sicherheitskräfte aus Rache die Bewohner getötet. Maja versteckte sich in einem Getreidespeicher, und bevor sie fortging und sich nach Deutschland durchschlug, verbrannte sie die Leichen ihrer Eltern und ihrer drei Geschwister.

Maja führt Bella Block zu einer ehemaligen Hutfabrik in Bramfeld, wo sich etwa hundertfünfzig während der letzten Wochen und Monate illegal eingereiste Kinder aus Lateinamerika, Afrika und Asien versteckt haben. Es handelt sich um Minenopfer, Kindersoldaten, aufgrund von chemischen Kampfmitteln beispielsweise in Vietnam verkrüppelt geborene Kinder, aidskranke Kinder, Straßenkinder und Kinderarbeiter, Kinderprostituierte für Sex-Touristen und Opfer von Kinderpornografie. Angeführt werden sie von der zehnjährigen Nan und dem drei Jahre älteren Jorge.

Jorge war seit seinem zehnten Lebensjahr Foqueteiro in Rio de Janeiro, das heißt, er hielt Wache vor den Slums und warnte die „Chefs“, wenn sich Polizisten oder Konkurrenten blicken ließen. Kürzlich bestellte ihn einer der Chefs zu einem abgelegenen Ort. Dort sollte er sich bewähren und zeigen, dass er es wert war, in die Verbrecherbande aufgenommen zu werden. Der ein Jahr jüngere Foqueteiro Amadeo, der die Befehle der Chefs nicht befolgt hatte, hing über einer Grube mit Schweinen an einem Baum. Lee drückte Jorge ein Rasiermesser in die Hand. Damit sollte er Amadeo die Haut in Streifen vom Leib schneiden und den Jungen langsam an die Schweine verfüttern. Jorge rannte jedoch davon. Während er sich als blinder Passagier auf ein bald auslaufendes Schiff schmuggelte, setzte Pepe, ein Aufpasser in einem Internet-Café, der von einer bevorstehenden Weltkinderkonferenz in Hamburg erfahren hatte, in Jorges Namen einen Aufruf ins Netz: Not leidende Kinder aus aller Welt sollten versuchen, nach Hamburg zu kommen.

Nan stammt aus dem Grenzgebiet zwischen Thailand und Kambodscha. Dort musste sie ebenso wie ihre Mutter für ihre Großmutter als Prostituierte arbeiten. Als sie eine Woche mit einem schwedischen Journalisten in dessen Hotelzimmer verbrachte, lernte sie, wie man ein Notebook bedient und las schließlich den mit „Jorge“ unterzeichneten Aufruf.

Bella Block will den in Hamburg versammelten Kindern helfen, auf der Konferenz gehört zu werden. Das macht sie auch Paul Kranz klar, als dieser von der Kreuzfahrt zurückkommt.

Kranz ist aufgefallen, dass er und Bella Block observiert werden, und in seiner Wohnung finden sie vier Abhörmikrofone. Bei einem der Beschatter handelt es sich um Martin Wagner. Er gehört zu Kauls Leuten, aber er sympathisiert mit Bella Blocks Vorhaben. Seine eigene, damals zehnjährige Tochter war vor drei Jahren spurlos verschwunden, und seine Ehefrau ertrug das nicht: Sie ist seit zwei Jahren in der Psychiatrie. Er spricht Bella Block erneut an und enthüllt ihr ein Geheimnis: Kaul, der längst über die Kinder Bescheid weiß, beabsichtigt, die seit einigen Monaten heimlich und ohne gesetzliche Grundlage aufgestellten Einheiten der Heimwehr in Hamburg einzusetzen. Mit einem von großen Teilen der Bevölkerung gebilligten Einsatz gegen illegal eingereiste ausländische Kinder könnte er vollendete Tatsachen schaffen.

Carola von Werner wird von Hamburg nach Berlin zurückgerufen, weil ihre Großmutter im Sterben liegt. Einige Stunden später ist sie wieder in Hamburg und trifft sich mit Kaul, der die illegal eingereisten Kinder und deren deutsche Unterstützer verhaften will. Die Staatssekretärin schlägt ihm dagegen vor, die Kinder am ersten Tag der Konferenz in den Park vor dem Internationalen Seegerichtshof zu bringen und ausgewählte Medienvertreter hinzubestellen, damit diese ein paar Fotos von der Ministerin mit hübschen afrikanischen Kindern knipsen. Erst wenn die Pressefotografen wieder weg sind und sich die Konferenzteilnehmer in den Sitzungsräumen befinden, sollen die Kinder fortgeschafft werden.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Zu Bella Blocks Mitstreitern gehören außer Paul Kranz, Edda Feist, Hannah und deren Chauffeur Wohlers der alkoholkranke ehemalige Polizist Brunner und dessen Freundin Charly sowie Brunners Tochter Marie und Charlys Sohn Pit, die ebenfalls ein Paar sind.

Als Jorge bemerkt, dass Edda Feist in ihrer Tasche ein Funkgerät hat, tut er sich mit ein paar anderen Jungen zusammen, und sie erschlagen die Frau. Tatsächlich spionierte sie für Kaul.

Unmittelbar bevor die inzwischen etwa zweihundert Kinder mit Lastwagen zum Internationalen Seegerichtshof gebracht werden, treffen die letzten mit der „Mombasi“ ein, einem Schiff, das dem international bekannten Fußballstar Mbola Menge gehört. Es handelt sich um Kinder, die man von Benin zur Elfenbeinküste hatte bringen wollen, um sie dort als Sklaven für Baumwollplantagen zu verkaufen. Die Kinder hatten die Besatzung überwältigt, den Kapitän und den Ersten Offizier sowie weitere sieben Mann mit auf dem Schiff gefundenen Waffen erschossen, drei Männer im Maschinenraum eingesperrt und den Zweiten Offizier gezwungen, den Kurs zu ändern und sie nach Hamburg zu bringen.

Die Ministerin lässt sich mit ein paar Kindern fotografieren und reist dann nach Berlin zurück, und Carola von Werner hört sich an ihrer Stelle die von Nan und Jorge vorgetragenen Forderungen an. Dann werden die Kinder mit Essen versorgt und man wartet, bis die meisten von ihnen erschöpft eingeschlafen sind.

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„Schlaf, Kindchen, schlaf“ ist ein Roman, in dem Doris Gercke das Elend von vielen Kindern in der Welt thematisiert und die Untätigkeit der Politiker anprangert, die glauben, dass es mit Weltkinderkonferenzen getan sei. Das ist ein wichtiges Anliegen, doch Doris Gercke benennt die Themen nur plakativ, ohne sich in irgendeiner Weise eingehender damit zu beschäftigen. Stattdessen macht sie daraus einen mäßig spannenden Roman mit einer abstrusen Handlung und billigen Schockeffekten.

Was Bella Block mit vier anderen Frauen vor der Bruchlandung tat und welche Rolle Hannah spielt, erfahren wir nur bruchstückhaft.

Offenbar hat Doris Gercke noch nie ein Maschinengewehr angehoben, denn sonst wüsste sie, dass ein einzelner Polizist nicht ohne weiteres vier Maschinengewehre auf einmal tragen kann. Vielleicht verwechselte sie Maschinenpistole und Maschinengewehr. Unplausibel ist es, dass sich Straßenkinder aus Brasilien, Kinderprostituierte aus Thailand, Kinderarbeiter aus Mexiko, aidskranke Kinder aus Afrika, Minenopfer aus verschiedenen Kriegsgebieten der Erde und verkrüppelte Kinder aus Vietnam im Internet zu einem Treffen in Hamburg verabreden und zu Hunderten illegal nach Deutschland einreisen. Wie und an wen wurde der Aufruf verschickt? In welcher Sprache verständigen sich die Kinder? Wie kamen sie an Computer? Wie nach Deutschland? Wer soll glauben, dass eine Horde afrikanischer Kinder die aus mindestens elf Männern bestehende Besatzung eines Schiffes in ihre Gewalt bringt, eine Kursänderung erzwingt und unbemerkt bzw. unbehelligt von Benin nach Hamburg reist?

Eigentlich stelle ich auf dieser Website nur Bücher und Filme vor, die ich für lesens- bzw. sehenswert halte. Bücher, die mir nicht gefallen, pflege ich zuzuklappen und wegzulegen. „Schlaf, Kindchen, schlaf“ las ich dagegen bis zum Schluss, weil ich es nicht fassen konnte, dass die Erfinderin der Figur Bella Block einen so unausgegorenen Roman hingeschludert hat.

Empfehlenswert sind dagegen die Fernsehfilme mit Hannelore Hoger als Bella Block.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

Doris Gercke (Kurzbiografie / Bibliografie)
Doris Gercke: Weinschröter, du musst hängen (Verfilmung)
Bella Block

Alfred Komarek - Daniel Käfer
Bei den Romanen, die Alfred Komarek über Daniel Käfer geschrieben hat, dient die Handlung vor allem dazu, das Lokalkolorit, den Genius loci des Salzkammerguts, darzustellen. Nicht dramatische Wendungen fesseln den Leser, sondern die Atmosphäre.
Daniel Käfer

Alfred Komarek

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