Sebastian Fitzek : Der Augensammler

Der Augensammler
Der Augensammler Originalausgabe: Droemer Verlag, München 2010 ISBN: 978-3-426-19851-3, 442 Seiten Knaur Taschenbuch, München 2011 ISBN: 978-3-426-50375-1, 442 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Berliner Polizei fahndet nach einem Serienmörder, der nach folgendem Schema vorgeht: Er bricht einer Mutter das Genick und entführt ihr Kind. Dem Vater und der Polizei gibt er 45 Stunden Zeit, um das versteckte Kind zu finden. Dann ertränkt er es und schneidet ihm das linke Auge heraus. Unversehens gerät der Reporter Alexander Zorbach ins Visier der Polizei, der mit Hilfe der blinden Physiotherapeutin Alina Gregoriev versucht, ein gerade entführtes Zwillingspaar zu retten ...
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Kritik

Sebastian Fitzek erzählt die Geschichte aus ständig wechselnden Perspektiven. Spannung entsteht in dem Thriller "Der Augensammler" durch Cliffhanger, unerwartete Wendungen und eine raffinierte Verknüpfung von Einzelheiten.
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Vor einigen Jahren versuchte der Berliner Polizist Alexander Zorbach, eine psychisch kranke Siebendunddreißigjährige zu überreden, ihm den von ihr entführten sechs Monate alten Säugling zu übergeben. Größte Eile war geboten, weil der kleine Tim am Undine-Syndrom erkrankt war und zu ersticken drohte. Als es so aussah, als wolle die Frau das Kind über ein Brückengeländer schleudern, tötete Zorbach sie durch einen Kopfschuss.

Daraufhin wurde er zunächst vom Dienst suspendiert und später aus dem Polizeidienst entlassen. Seit vier Jahren arbeitet er als Reporter einer Berliner Zeitung. Das traumatische Ereignis auf der Brücke macht ihm noch immer zu schaffen, obwohl er bei dem Psychiater Dr. Martin Roth in Behandlung ist.

Vor zwölf Jahren heiratete Alexander Zorbach. Nicci und er hatten sich während des Psychologie-Studiums kennengelernt. Ihr Sohn Julian wird in den nächsten Tagen elf Jahre alt. Kürzlich eröffnete Nicci ihrem Mann, dass sie sich scheiden lassen wolle. Am selben Abend ging Zorbach erstmals in einen Swingerclub. Als er dort an der Theke stand, kam eine schöne Frau nackt auf ihn zu. Sie hatte es gerade mit zwei Kerlen gleichzeitig getrieben und wollte noch einen Drink, bevor sie zu ihrem ahnungslosen Ehemann heimkehrte. Zorbach und Charlie – so nannte sie sich – redeten eine Weile miteinander. Seither haben sie sich immer wieder einmal getroffen, aber es handelt sich paradoxerweise um eine platonische Beziehung, und Zorbach kennt auch nicht Charlies richtigen Namen.

Beruflich beschäftigt sich Zorbach vor allem mit einer Mordserie in Berlin, die vor drei Monaten begann. Der Serienmörder, den die Medien „Augensammler“ nennen, ging in allen drei Fällen, die ihm zur Last gelegt werden, nach demselben Schema vor: Er brach einer Mutter das Genick und entführte ihre Tochter bzw. ihren Sohn. Dem Vater und der Polizei gab er 45 Stunden Zeit, um das versteckte Kind zu finden. Nach Ablauf dieser Frist ertränkte der Verbrecher es und schnitt ihm das linke Auge heraus. Bisher fielen ihm drei Frauen und die Kinder Karla, Melanie und Robert zum Opfer.

Im Polizeifunk hört Zorbach, dass der Serienmörder erneut zugeschlagen hat. Er fährt sofort los. Thomas Traunstein fand im Garten seiner Villa die Leiche seiner vierzehn Jahre jüngeren Ehefrau Lucia. Die neun Jahre alten Zwillinge Tobias und Lea sind verschwunden. Philipp Stoya, der Chef der Mordkommission, der die Ermittlungen selbst leitet, fragt seinen früheren Kollegen Zorbach, woher er von dem neuen Fall wisse. Über die Antwort wundert er sich, denn aufgrund einer speziellen Anweisung wurde nichts über den Polizeifunk durchgegeben. Das kann Zorbach sich nicht erklären. Leidet er unter Halluzinationen?

Kurz darauf wird seine Brieftasche in der Nähe des Tatorts gefunden. Er hatte sie jedoch schon vermisst, bevor er hinfuhr.

Verwirrt will Zorbach sich auf sein an abgelegener Stelle verankertes Hausboot zurückziehen. Dort trifft er zu seiner Überraschung auf eine Blinde und ihren Hund. Die fünfundzwanzigjährige, wie ein Punk gekleidete Physiotherapeutin Alina Gregoriev behauptet, er habe sie selbst angerufen und hinbestellt, aber davon weiß Zorbach nichts.

Alina Gregoriev glaubt, den Augensammler am Vortag behandelt zu haben. Der neue Patient, der über Schmerzen im Lendenwirbelbereich klagte, nannte sich Tim. So hieß auch das von Zorbach gerettete Baby. Als die Therapeutin ihn berührte, erlebte sie plötzlich die Ermordung einer Frau und die Entführung eines Jungen aus seinem Blickwinkel. Ein Mädchen sah sie nicht. Sie weiß jetzt auch, dass die Frist nicht 45 Stunden beträgt, wie es in den Medien hieß, sondern 45 Stunden und 7 Minuten. Sie täuschte einen Migräneanfall vor, um die Physiotherapie abbrechen zu können. Danach ging sie zur Polizei. Dort hörte sich zwar jemand ihre Aussage an, aber weiter wurde nichts unternommen. Vermutlich glaubte man ihr nicht.

Ihr Vater war ein deutscher Bauingenieur, ihre Mutter eine russischstämmige Amerikanerin. Im Alter von drei Jahren kam Alina nach Kalifornien. In der Absicht, mit ihrer Freundin eine Sandburg zu bauen, holte sie ein Einmachglas aus der Garage, das der Vorbesitzer dort hatte stehen lassen. Als sie das weiße Pulver herausspülen wollte, entzündete es sich, denn es handelte sich um Calziumcarbid. Die Stichflamme zerstörte ihre Augen.

Zorbach fährt mit Alina zur Villa der Familie Traunstein. In einem der Fenster ist Licht zu sehen. Es stammt von einem Beamer. Thomas Traunstein scheint sich einen Pornofilm anzuschauen. Dabei wurde gerade seine Frau ermordet, und seine Kinder befinden sich in der Gewalt des Serienmörders! Ohne lange darüber nachzudenken, betritt Zorbach das Haus und überrascht Traunstein, der offenbar betrunken ist. In dem Video ist das Liebesspiel eines Paares im Bad zu sehen. Bei der Frau handele es sich um seine eigene, erklärt Traunstein niedergeschlagen, aber der Mann sei ein Fremder. Lucia habe herumgehurt. Als Zorbach das Gesicht der Frau sieht, erschrickt er: Es ist Charlie! Weil Traunstein den Eindringling für den Mörder hält, geht er auf ihn los, ist jedoch zu betrunken, um Zorbach niederschlagen zu können. Der Reporter fesselt und knebelt ihn. Dann lässt er sich und Alina von seinem einundzwanzigjährigen Volontär Frank Lahmann mit dem Auto abholen.

Während der Fahrt ruft er Philipp Stoya an und sagt ihm, dass Thomas Traunstein gefesselt in seiner Villa sitzt. Außerdem rät er dem Chef der Mordkommission, sich die Aufnahmen auf der eingelegten DVD anzuschauen und gesteht, sich einige Male mit Lucia Traunstein getroffen zu haben. Stoya will es nicht glauben, dass sein ehemaliger Kollege der Augensammler sein sollte, aber die Indizien lassen kaum einen anderen Schluss zu: Zorbach wusste von dem vierten Fall, bevor etwas davon bekannt gegeben wurde. Seine Brieftasche lag in der Nähe des Tatorts. Er hatte eine Beziehung mit Lucia Traunstein, und jetzt überfiel er den Witwer. Außerdem scheint er über Täterwissen zu verfügen, denn er kennt die bisher geheim gehaltene genaue Dauer der vom Augensammler gesetzten Frist. Stoya will ihn unbedingt vernehmen, aber das hält Zorbach für Zeitverschwendung. In 8 Stunden und 52 Minuten läuft das Ultimatum ab.

Der Reporter versteckt sich bei Alina. In ihrer Wohnung nimmt sie die Perücke ab. Ihr Kopf ist kahlgeschoren. Dass sie bisexuell ist, weiß er noch nicht, aber über ihre Freizügigkeit gibt es keinen Zweifel, denn sie läuft unbekümmert nackt vor ihm herum.

In einem Schaufenster neben Alinas Hauseingang sieht Zorbach sich selbst auf einem Bildschirm. Es handelt sich um eine Kunstinstallation, bei der die Passanten automatisch gefilmt werden. Auf dem angeschlossenen Festplattenrecorder müsste also auch der Patient zu sehen sein, den Alina für den Augensammler hält! Obwohl Zorbach damit seinen Standort preisgibt, ruft er Stoya an und weist ihn auf die Möglichkeit hin, dass der Serienmörder auf einem Video zu erkennen ist. Aber der Leiter der Mordkommission hält das für ein Ablenkungsmanöver. Deshalb handelt Zorbach auf eigene Faust, schlägt die Scheibe ein, raubt den Recorder, schleppt ihn in Alinas Wohnung und schaut sich an, wer am Vortag zur angegebenen Zeit durchs Bild lief. Plötzlich glaubt er sich selbst zu sehen. Der Mann im Bild sieht aus wie er und trägt die gleiche Kleidung. Allerdings hat er sich die Kapuze des Parkas über den Kopf gezogen. Mit dem Fuß stößt er gegen den aufgeklappten Gitarrenkoffer eines Bettlers. Münzen werden herausgeschleudert.

Den Bettler findet Zorbach in einer nahen Kneipe. Er heißt Linus. Was er sagt, ist unverständlich; nur seine Freundin Yasmin kann sich einen Reim darauf machen. Linus erinnert sich, dass der Kerl, der gegen seinen Gitarrenkoffer trat, von einem Behinderten-Parkplatz wegfuhr und einen Strafzettel unter dem Scheibenwischer hatte. Auch das teilt Zorbach der Polizei mit, aber Stoya weist der Überprüfung eine nachrangige Priorität zu.

Der Profiler Professor Adrian Hohlfort vertritt die Auffassung, dass der Serienmörder keine Augen sammelt. Er weist darauf hin, dass die Kinder zu Kyklopen werden und erinnert Stoya und dessen Mitarbeiter Mike Scholokowsky an die griechische Sage, derzufolge die Kyklopen Brontes, Steropes und Arges, die Kinder von Gaia und Uranos, von ihrem Vater verabscheut und im Tartaros versteckt wurden. Möglicherweise handelt es sich bei den Kindern, auf die es der Augensammler abgesehen hat, um von ihren Vätern abgelehnte Söhne und Töchter.

Nicci ruft ihren Mann an. Sie macht sich Sorgen, weil Julian, der am nächsten Tag elf Jahre alt wird, erkältet ist und Fieber hat. Zorbach ist froh, dass sein Sohn nicht schlimmer erkrankt ist, denn er hat keine Zeit, sich darum zu kümmern. Immerhin verspricht er, am nächsten Morgen zum Geburtstagsfrühstück nach Hause zu kommen und ein Geschenk mitzubringen.

Er beauftragt seinen Volontär Frank Lahmann, nach einem Bungalow zu suchen, den Alina in ihrer Vision sah. Noch in der Nacht gibt Lahmann die Adresse durch. Anhand der Angaben habe er das Gebiet eingegrenzt, erklärt er, und dann mit Hilfe von Google Earth und Streetview nach einem Anwesen gesucht, auf das die Beschreibung passt.

Der Bungalow ist weihnachtlich geschmückt. In einem Pflanzkübel findet Zorbach den Türschlüssel. Zusammen mit Alina dringt er in das Haus ein. Es stinkt. Die Lichtschalter funktionieren nicht. Als Zorbach jedoch die Kellertüre öffnet, schaltet sich über einen Bewegungsmelder die Beleuchtung ein. Der Anblick ist grauenvoll. Im Keller liegt eine mit durchsichtiger Folie luftdicht umwickelte nackte Frau, deren Körper bereits so verwest ist, dass Sehnen, Muskelstränge und Knochen zu sehen sind. Aber sie lebt noch, ist an medizinische Geräte angeschlossen und wird beatmet. Während Zorbach die Sterbende anstarrt und Alina ihn fragt, was er sehe, fällt die Kellertüre zu. Sie ist aus Metall und lässt sich nicht mit Gewalt öffnen. Eine Pumpe springt an, die offenbar die Luft aus dem abgedichteten Keller saugt. Fürs Handy gibt es hier keinen Empfang, aber auf einem Tisch steht ein altes Telefon mit Wählscheibe. Das angebrachte Telefonschloss lässt nur die Wahl von Telefonnummern aus den Ziffern Eins und Zwei zu. Zorbach wählt die Notrufnummer.

„Ja, hallo?“ Die gutgelaunte Stimme am anderen Ende war schon irritierend, und der Hintergrundlärm entsprach noch viel weniger den Geräuschen einer Notrufzentrale. Der Mix aus alkoholisiertem Gelächter und schiefem Gesang schien eher aus einer Karaoke-Bar zu stammen.
„Dreh doch mal die Mucke runter“, rief der Mann wie zur Bestätigung in die fröhliche Partyrunde hinter ihm, und tatsächlich schien jemand auf ihn zu hören, denn mit einem Mal wurden die stampfenden Discobässe leiser.
„Scheiße, sprech ich mit der Rettungsleitstelle?“
„Was? Ach so, ja. Der Notruf. Logisch!“ Er lachte ebenso breit, wie er beim Sprechen die Vokale dehnte. Der Mann war ganz eindeutig angetrunken. Und gewiss niemand, den man am Apparat haben wollte, nachdem man die 112 gewählt hatte.
„Hätte noch nicht so schnell mit dem Anruf gerechnet, sorry.“
Noch nicht damit gerechnet?

Gegen die Absprache mit seinem Auftraggeber verrät der Student am anderen Ende der Leitung, dass ihm ein Unbekannter 100 Euro für die Teilnahme an einem Rollenspiel versprochen habe. Dazu gehört, dass er Zorbach den Text einer E-Mail mit dem Betreff „Denk an deine Mutter“ vorliest:

Du hast noch Luft für fünfzehn Minuten. So lange dauert es, bis die Pumpen die Luft aus dem Keller gesaugt haben. Wenn du nicht alleine gekommen bist, um das Rätsel zu lösen, bleibt dir noch weniger. Aber du weißt ja, ein Spiel ist ein Spiel. Und es gibt kein Spiel ohne Chancen. Du kannst die Pumpe abstellen und gewinnen!

Dass Zorbach dem Studenten die Adresse des Bungalows nennt, ihn um Hilfe anfleht und ihn drängt, die Polizei zu alarmieren, hält dieser für einen Teil des Spiels: „Ja, ja. Der Typ hat mir schon gesagt, dass Sie so einen Quatsch labern würden.“ Er legt auf.

Was bedeutet der Hinweis auf Zorbachs Mutter? Sie liegt seit einem Schlaganfall vor fünfeinhalb Jahren im Wachkoma. Zorbach besucht sie hin und wieder im Park-Sanatorium. Sie hatte klar den Wunsch geäußert, nicht mit Apparaten künstlich am Leben gehalten zu werden, aber Zorbach konnte sich nicht zur Sterbehilfe durchringen, schon gar nicht, nachdem er eine wehrlose Frau erschossen hatte.

Er vermutet, dass er sich und Alina befreien könnte, wenn er das Beatmungsgerät der vor ihm liegenden Frau abstellen würde. Aber das bringt er nicht fertig, obwohl es für die Sterbende eine Erlösung wäre. Während er nachzudenken versucht, ertastet Alina einen photoelektrischen Pulsmesser, und als sie den Finger der Frau herausnimmt, öffnet sich die Kellertüre. Offenbar reagierte der Mechanismus auf den vorgetäuschten Herzstillstand.

In der Zwischenzeit wurde Frank Lahmann von der Polizei vernommen. Während Philipp Stoya, der offenbar Kokain schnupft, wegen Nasenblutens in der Toilette ist, droht Mike Scholokowsky dem Volontär, er werde ihm einen spitzen Bleistift durchs Trommelfell rammen.

Scholokowsky hatte eine junge, in einem Bordell tätige Russin ausgelöst, sie geheiratet und versucht, von den Drogen wegzukriegen, aber als er Natascha mit einem anderen Mann im Bett erwischte, ließ er sich von ihr scheiden. Das Urteil sah vor, dass sie einmal im Jahr mit dem gemeinsamen Sohn Marcus Ferien machen durfte. Sie nutzte die Möglichkeit, um das Kind nach Russland zu entführen und dort unterzutauchen. Scholokowsky hatte geahnt, dass sie das vorhatte, war ihr jedoch nicht zum Flughafen gefolgt, sondern hatte sich stattdessen an die gerichtliche Regelung gehalten. – Seither missachtet er Vorschriften.

Erst als Stoya zurückkommt, nimmt Scholokowsky den Bleistift aus Lahmanns Ohr. Der verrät schließlich die Adresse des Bungalows.

Ein Sondereinsatzkommando findet dort die Sterbende im Keller, für die jede Hilfe zu spät kommt. Es handelt es sich um die siebenundfünfzigjährige Witwe Katharina Vanghal. Bis vor zwei Jahren hatte sie als Pflegerin im Park-Sanatorium gearbeitet, war dann jedoch wegen mehrerer Fälle von Dekubitus IV entlassen worden. – Zorbach und Alina sind bereits fort, aber ihre Fingerabdrücke werden sichergestellt.

Bei der Überprüfung der Strafzettel stellt sich heraus, dass der auf Katharina Vanghal zugelassene VW Passat am Vortag auf dem von Zorbach angegebenen Behindertenparkplatz stand.

Lahmann lässt sich von Stoya überreden, Zorbach mit einer SMS zu seiner Mutter ins Park-Sanatorium zu locken.

Auf dem Nachttisch der Koma-Patientin fällt Zorbach ein Foto auf. Er nimmt es aus dem Rahmen und liest auf der Rückseite: „Grünau, 21.7. (77)“. Bevor er darüber nachdenken kann, was das bedeutet, wird er von Scholokowsky und zwei uniformierten Polizisten verhaftet.

Aber statt zum Polizeirevier bringen sie ihn in die stillgelegte Großküche im Keller. Während die beiden Polizisten vor der Türe Wache halten, eröffnet Scholokowsky dem Journalisten höhnisch, dass gar kein Haftbefehl gegen ihn vorliege. Er hält Zorbach für den Augensammler. Um endlich herauszufinden, wo die Kinder versteckt sind, heizt er die Kochfelder auf und droht, seinem Gefangenen das Gesicht zu verbrennen. Da zerrt einer der Polizisten Alina herein. Bevor Zorbachs Nase das glühende Kochfeld berührt, presst Alina ihre Hand darauf. Vor Schmerz schreiend bricht sie zusammen.

Sie machte das nicht nur, um Zorbach zu helfen, sondern auch, weil sie inzwischen glaubt, nur unter Schmerzen in die Vergangenheit sehen zu können. Tatsächlich sieht sie mit den Augen des Serienmörders, wie er einen Jungen im Rollstuhl über einen Bootssteg schiebt.

Lahmann stürmt durch eine Hintertüre herein, schlägt Scholokowsky nieder und befreit die beiden Gefangenen. Nachdem er die SMS geschickt hatte, fuhr er zum Park-Sanatorium, sah, wie Alina festgenommen wurde und folgte ihr in den Keller.

Ungefähr zur gleichen Zeit erhält Thea Bergdorf, Zorbachs Chefin, eine E-Mail des Augensammlers, die sich nicht zurückverfolgen lässt. Der Serienmörder schreibt, sein jüngerer Bruder sei im Alter von fünf Jahren aufgrund eines Karzinoms auf dem linken Auge erblindet. Der Vater kümmerte sich nur wenig um die beiden Söhne; er war die meiste Zeit geschäftlich unterwegs. Als die Mutter die Familie verließ, wollten die beiden Jungen ihren Vater einem „Liebestest“ unterziehen. Dazu versteckten sie sich in einer alten Gefriertruhe, die jemand im Wald abgeladen hatte und deren Deckel sich nur von außen öffnen ließ. Je schneller der Vater sie fand, desto lieber hatte er sie. Davon gingen sie aus. Statt vom Vater wurden die Kinder nach 45 Stunden und 7 Minuten von einem Waldarbeiter entdeckt. Der jüngere der beiden Brüder war zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

26 Minuten vor Ablauf des Ultimatums ruft Zorbach Stoya an und drängt ihn, auf einem Boot oder Schiff nach den entführen Kindern zu suchen. Er fährt mit Alina und Lahmann zu einem Industriegelände an der Stelle, wo Dahme, Spree und Teltowkanal zusammenfließen.

Nicci ruft an: Julian ist tief enttäuscht darüber, dass sein Vater nicht, wie versprochen, zum Frühstück gekommen ist. Zorbach, der auch noch keine Zeit hatte, ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen, nimmt seine teure Armbanduhr ab, reicht sie Lahmann und bittet ihn, sie Julian zu bringen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Sobald Lahmann fort ist, fällt Zorbachs Blick auf ein Straßenschild: „Grünauer Straße“, heißt es da. Hausnummer 217. Auf einem Verbotsschild steht: „Vorsicht – Lebensgefahr. Keller 77 komplett unter Wasser“. „Grünau, 21.7. (77)“!

In einem amerikanischen Kühlschrank auf dem Fabrikgelände finden Zorbach und Alina das entführte Mädchen und befreien es. In diesem Augenblick läuft das Ultimatum ab. Ihren Bruder habe man zum Lastenaufzug gebracht, sagt Lea. Zorbach rennt hin. Seine Befürchtung bestätigt sich: Die Kabine befindet sich im Kellergeschoss. Unter der Wasseroberfläche! Er springt hinunter, um Tobias zu retten. Das Licht geht aus. Im dunklen Wasser verliert Zorbach die Orientierung.

Stoya kommt mit seinen Männern. Zorbach und Tobias werden herausgezogen und wiederbelebt. Der Junge, der mehrere Minuten unter Wasser war, wird in ein künstliches Koma versetzt.

Zorbach ist bald wieder in der Lage, einen Anruf auf seinem Handy entgegenzunehmen. Es ist Nicci. Sie spielt gerade Verstecken mit Julian und kann ihn nicht finden.

Da begreift Zorbach, dass Alina nicht in die Vergangenheit sah. Bei dem Jungen in ihren Visionen handelt es sich um Julian! Zorbach hetzt nach Hause. Nicci liegt tot im Garten. Der Augensammler hat ihr das Genick gebrochen. Zorbach bleiben 45 Stunden und 7 Minuten, um seinen Sohn zu retten.

Noch einmal wendet der Mörder sich mit einer E-Mail an Thea Bergdorf. Seine Großmutter habe im Pflegeheim unter einem Dekubitus gelitten, weil sie von Katharina Vanghal vernachlässigt worden sei, schreibt er. Aus Rache ließ er sie bei lebendigem Leib verfaulen. Die erforderlichen medizinischen Kenntnisse hat er von seinem Großvater, einem Tierarzt. Der Racheakt gehörte ursprünglich nicht zu dem „Spiel“ mit Alexander Zorbach und der Familie Traunstein, ließ sich dann aber gut einbauen. Er stahl Zorbach die Brieftasche und legte sie in die Nähe der Stelle, an der er Lucia Traunsteins Leiche abgelegt hatte. Um den Reporter zum Tatort zu locken, manipulierte er den Polizeifunk. Bei der Verschleppung von Lea und Tobias hatte er sich den Rücken verrenkt. Deshalb suchte er die Physiotherapeutin Alina Gregoriev auf. Auf dem Polizeirevier gab er sich der Blinden gegenüber als Polizist aus, ging mit ihr in einen leeren Warteraum und tat so, als nehme er ihre Aussage zu Protokoll. Dann gab er sich am Telefon als Zorbach aus und sorgte dafür, dass Alina zu dessen Hausboot ging. Die Bezeichnung „Augensammler“ lehne er ab, erklärt er, bei seinem „Spiel“ komme es ihm darauf an, die Liebe von Vätern zu ihren Kindern auf die Probe zu stellen. Und er betont, er sei ein fairer Spieler. Er habe sogar verhindert, dass Scholokowsky seinem Gefangenen das Gesicht verbrannte. Zorbach hatte während der ganzen Zeit die Möglichkeit, sich um seinen Sohn zu kümmern, aber er entschied sich für die Arbeit und gegen die Familie. Deshalb wird er nun geprüft. Alinas tatsächliche oder vermeintliche Visionen haben ihm die Grundlagen für das Drehbuch des neuen Spiels geliefert. Das neue Ultimatum läuft.

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Sebastian Fitzek erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Er wechselt in „Der Augensammler“ fortwährend zwischen dem Ich-Erzähler Alexander Zorbach, der blinden Physiotherapeutin Alina Gregoriev, Philipp Stoya, dem Leiter der Mordkommission, dem Zeitungsvolontär Frank Lahmann und dem entführten Tobias Traunstein. Eingefügt sind drei lange E-Mails, in denen der Serienmörder über seine Darstellung in den Medien schimpft und seine Beweggründe erläutert. (Das ist ein bisschen plump.)

Es geht in „Der Augensammler“ weniger um die Entlarvung des Serienmörders („whodunit“), als um die Frage, ob es entweder der Polizei oder dem Journalisten Alexander Zorbach mit seiner blinden Helferin gelingt, die beiden entführten Kinder vor Ablauf des 45-Stunden-Ultimatums zu finden und zu retten. Den Wettlauf mit der Zeit unterstreicht Sebastian Fitzek, indem er die Seiten und Kapitel rückwärts zählt, mit dem Epilog auf Seite 442 anfängt und mit dem Prolog auf Seite 16 aufhört. Die meisten der kurzen Kapitel sind mit einer Zeitangabe versehen. So ist auch ersichtlich, dass 30 Stunden übersprungen werden (von 44 Stunden und 6 Minuten vor Ablauf des Ultimatums bis 13 Stunden und 57 Minuten).

Seit Stieg Larssons Millenium-Trilogie ist es en vogue, eine gegen den Strich gebürstete Frauenfigur nach dem Vorbild von Lisbeth Salander in Kriminalromane einzubauen. Bei Sebastian Fitzek handelt es sich um eine fünfundzwanzigjährige Blinde, die sich wie ein Punk kleidet:

„Ich bin das, was Psychologen eine Extremblinde nennen. Hab mir schon früh das Fahrradfahren beigebracht, bin, sooft es ging, ohne Stock und nur mit Hund gelaufen, und letztes Jahr war ich sogar Skifahren. Scheiße, ich pack mich immer wieder auf die Schnauze, nur damit ich nicht wie eine Aussätzige behandelt werde.“

Spannung entsteht durch zahlreiche Cliffhanger, eine Reihe unerwarteter Wendungen und eine raffinierte Verknüpfung von Einzelheiten. Die eine oder andere Straffung hätte die Dynamik des Psychothrillers noch erhöht.

Ganz am Ende lesen wir: „Erstes Kapitel. Der Anfang“. Tatsächlich hat Sebastian Fitzek bereits eine Fortsetzung geschrieben, die im Herbst 2011 unter dem Titel „Der Augenjäger“ veröffentlicht werden soll. Nach seiner eigenen Aussage plant er eine Trilogie.

Den Roman „Der Augensammler“ von Sebastian Fitzek gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Simon Jäger (Regie: Lars Reschke, Köln 2010, 4 CDs, ISBN 978-3-7857-4368-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Droemer Verlag

Eduard von Keyserling - Wellen
"Wellen" liest sich wie eine ironische, humorvolle Sommergeschichte, aber in dem elegant aufgebauten Roman geht es um ernste Themen wie die Selbstbestimmung der Frau und die überkommene Gesellschaftsordnung der Aristokratie.
Wellen

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