Fehringer, Köpf : Die Poesie des Tötens

Die Poesie des Tötens

Fehringer, Köpf

Die Poesie des Tötens

Die Poesie des Tötens Originalausgabe: Pro-Talk Verlags GmbH, Königswinter 2016 ISBN: 978-3-939990-27-7, 256 Seiten, 14.90 € (D) ISBN: 978-3-939990-28-4 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Psychopath Christopher lässt die fünf­jährige Tochter des Ehepaars West von einem Komplizen entführen, um es er­pres­sen zu können. Der erfolgreiche Ghost­writer Max West soll nämlich einen Roman für ihn schreiben, und zwar über fünf Morde, die Christopher parallel zur Arbeit am Manuskript geplant hat. Aus Sorge um Ella wenden sich Max und Livia nicht an die Polizei und täuschen dem Freundeskreis vor, es sei alles normal ...
Weiterlesen

Kritik

"Die Poesie des Tötens" ist ein reißerischer Thriller, ja, aber Andrea Fehringer und Thomas Köpf ver­set­zen sich auch in den Albtraum, den das Ehepaar West durchleidet. Sie spielen mit Figuren und Ebenen, bauen eine hohe Spannung auf und überraschen mit Plot Twists.
Weiterlesen

Von den Tantiemen, die Max West als Ghostwriter von Biografien erhält, kann er sich eine Villa auf einem 6500 Quadratmeter großen Grundstück in Wien-Döbling leisten. Den Durchbruch schaffte er mit „Neun Sekunden Paradies“ über den Friedensnobelpreisträger Frank Kemmerling. Inzwischen stehen 13 von ihm verfasste Bestseller in seinem Bücherschrank.

Die 42-jährige Psychiaterin Livia West, die seit 20 Jahren mit ihm verheiratet ist, brachte am Morgen die fünfjährige Tochter Ella in den Kindergarten und arbeitet seither in ihrer Praxis. Max West, der ein Jahr jünger als seine Frau ist, hält sich zu Hause auf. Ein überaus höflicher Mann Mitte 30 ruft an, sagt aber schließlich, dass er bereits vor der Tür stehe, und der Autor öffnet ihm. Christopher Kleist, so nennt sich der Fremde, lässt sich zunächst fünf der von Max West verfassten Bücher signieren und erklärt ihm dann, dass er ihn als Ghostwriter eines außergewöhnlichen Romans engagieren wolle.

„Ich möchte eine Geschichte erzählen, eine, die aus dem Mittelmaß heraussticht. Heutzutage erreicht man nur noch etwas mit Extremen.“

Max möchte den Auftrag nicht annehmen. Damit hat der Besucher offenbar gerechnet, denn er behauptet, er habe Ella in seiner Gewalt. Um die Tochter zurückzubekommen, müsse Max den Roman schreiben.

„Max, du wirst das beste Buch deines Lebens schreiben. Sonst wird Ella dran glauben. Es muss in spätestens sieben Wochen fertig sein. Inklusive Recherche und allem, was dazugehört. Das finale Manuskript.“

Für den Fall, dass jemand die Polizei einschalten würde, droht der Verbrecher mit der qualvollen Ermordung des Kindes.

„Livia musst du im Griff haben. Sie wird das schon verstehen. In diesem Spiel bin ich derjenige, der die Regeln macht. Der Regisseur, wenn du so willst. Der Dramaturg.“

Sobald Christopher Kleist fort ist, ruft Max seine Frau an. Ella sei im Kindergarten, versichert sie. Er fährt sofort hin. Ella sei vor einer halben Stunde abgeholt worden, teilt ihm die Leiterin Hildegard Metznik mit, und zwar von ihrem Onkel Alfred. Livia eilt nach Hause, sobald sie die Nachricht erhalten hat.

Christopher Kleist kehrt zurück und erläutert sein Vorhaben:

„Gegenstand unserer Geschichte sind fünf Morde. Die gilt es zu dokumentieren und ihnen eine Rahmenhandlung zu geben, idealerweise meine Lebensgeschichte, der Einfachheit halber. […] Es geht um die Kunst des Tötens.“

Warum er das Buch nicht selbst schreibe?

„Weil die Lyrik meine Kernkompetenz ist. Dichtkunst. Ich erkenne im Wort die Essenz. Mir obliegt es nicht zu schwafeln. Prosa ist für die breite Masse, ich bediene vielmehr die Elite. Ich kitzel die Spitze des Geistes.“

Um vor allem Max unter Kontrolle zu haben, richtet sich Christopher im Gästezimmer ein. Er stellt den verzweifelten Eltern in Aussicht, ihnen während der sieben Wochen regelmäßig aktuelle Fotos, vielleicht sogar Videos von Ella zu zeigen. Aber er droht auch:

„Ist das Buch nicht rechtzeitig fertig, stirbt Ella. Nimmt einer von euch Kontakt zur Polizei auf, stirbt Ella. Gibt es Komplikationen jedweder Art, stirbt Ella.“

Livia meldet Ella im Kindergarten ab. Das Mädchen sei für einige Zeit bei seiner Großmutter, lautet die Begründung.

Dem Roman mit dem Titel „Die Poesie des Tötens“ soll ein Zitat aus dem Neuen Testament vorangestellt werden:

Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Max beginnt mit biografischen Details, die ihm der Erpresser inzwischen erzählt hat. Christopher Kleist wurde am 16. März 1978 in Gerasdorf bei Wien geboren. Sein Vater war ein leitender Gemeindebeamter und hatte ein großes Haus geerbt. Als Christopher 17 Jahre alt war, kamen die Eltern bei einem Autounfall ums Leben. Er studierte Medizin.

Als Christopher die ersten Zeilen auf dem Bildschirm des Laptops liest, rastet er aus:

„Dein Scheißkind wird gleich den letzten Atemzug machen, das schwör ich dir, du gottverdammter Dilettant. Was soll das sein? Soll das ein Text sein? Ein Manuskript? Mein Buch? Mein Roman?“ Er las vor, indem er ein sprachbehindertes Kind nachäffte. „Gebohren wurde Christoffa Klajsd am drittn – das ist dein Anfang? Für die aufregendste Biographie aller Zeiten?“

Dann legt er Max Polaroids vor, die zeigen, wie er das Gesicht eines noch lebenden Mannes häutete.

„Hannes Gartner hat sich zu Objekt eins erhoben. Damit du dir ein bisschen was vorstellen kannst, habe ich die wichtigsten Phasen für dich dokumentiert.“

„Verstehst du jetzt, was ich meine?“, fragte Christopher. „Das ist kein Spiel. Wir befinden uns schon im Buch, Max, wir sind mittendrin. Wir sind die Figuren, du und ich. Protagonist. Antagonist.“

Nachdem sich Max von dem Schock erholt hat, schlägt er vor, den Roman mit etwas Emotionslosen zu beginnen, mit der Lektion eines Meisters. Die Idee gefällt dem Mörder. Und Max tippt die Überschrift: „Betriebsanleitung eines Serienkillers“. „Lektion 1“ beginnt mit den Sätzen:

Jemandem die Haut abzuziehen, ist erstaunlich einfach. Man braucht nur drei Dinge: ein Skalpell mit einer 21er-Sheffield-Klinge, Beethovens Neunte und eine ruhige Hand.

Christopher ist erst einmal zufrieden, aber er glaubt, Max daran erinnern zu müssen, dass sich Ella in Lebensgefahr befindet:

„Solange du schreibst, pulsiert das Leben. Wenn nicht, kommt die Hacke. Stell dir vor, dass die kleine Ella die rechte Hand ausstreckt, und mein Bruder schlägt ihr mit einem sauberen Hieb die rechte Hand ab. Oder beide Hände. Rechts und links, dass sie nur noch zwei blutige Stümpfe hat. Stell dir das vor, und dann kommt sie zu dir und sagt, Papa, Papa, schau, was du gemacht hast.“ Er kicherte wieder.

Max entgeht nicht, dass Christopher erstmals von einem Bruder gesprochen hat. Er fragt, ob der Bruder Alfred heiße. Bereitwillig geht Christopher darauf ein und erzählt, es handele sich um seinen Halbbruder, der lange Zeit in London gelebt habe und inzwischen wieder in Wien sei.

Aus Sorge um die Tochter wenden sich Max und Livia nicht an die Polizei und täuschen Normalität vor. Aus diesem Grund sagen sie auch den Freunden nicht ab, die sich seit zehn Jahren jeden Freitagabend bei ihnen zum Essen treffen: der Lektor David und seine Lebensgefährtin Trisha, die Nachbarn Rita und Xaver, außerdem die Journalistin Anna, die in der Regel allein kommt, weil sie die Männer meistens schon nach wenigen Tagen wechselt. Christopher wird als Auftraggeber eines brisanten Enthüllungsbuches über die Pharmaindustrie vorgestellt, dessen Inhalt noch geheim gehalten werden müsse. Um intensiv mit dem Ghostwriter arbeiten zu können, sei Christopher für die Dauer des Projekts im Gästezimmer einquartiert. Ella verbringe den Sommer bei ihrer Großmutter.

Fünf Morde hat Christopher angekündigt. Bei „Objekt 2“ handelt es sich um Boro Petritsch, der es mit 26 bereits zum stellvertretenden Kreativdirektor einer Werbeagentur gebracht hat. Er schnupft Kokain und hält Christopher für einen potenziellen Liebhaber. Der Mörder hängt ihn im Keller des Rohbaus eines Altersheims an die Decke und jagt ihm Stromstöße zunehmender Stärke durch den Körper. Dabei unterrichtet er ihn zynisch über das Milgram-Experiment.

Jemandem Strom in den Körper zu leiten, ist erstaunlich einfach. Man braucht sechs Dinge: einen mobilen Generator, Elektroden, Kabel, Viehstäbe, Mozarts Königin der Nacht und einen Eimer Wasser.

Als drittes Opfer wählt Christopher die 34-jährige Musiklehrerin Veronika Schunko aus Meidling. Er lockt sie nachts zum „Wasserschloss“, dem zum Netz der Wiener Wasserversorgung gehörenden Wasserbehälter Hackenberg, schlüpft mit ihr durch ein Loch im Zaun – und nachdem sie sich zum Baden ausgezogen hat, schlägt er sie nieder und schleift sie zum Wasser.

Ich sehe ein weißes Frauengesicht. Im Mondlicht. Die Augen weit aufgerissen. Luft, Luft! Ihre Lungen wollen sich den Sauerstoff holen. Wasser in der Luftröhre. Röcheln. Sie will atmen, atmen! Meine Hände halten sie am Hals. Drücken sie unter Wasser. Sie wehrt sich, will rauf, den Kopf raus, an die Oberfläche, nein, nein, nein. Ich bin stärker. Sie spürt, wie das Ende naht. Der große Schlaf. Der Fährmann kommt über den Styx gerudert, er fordert seinen Preis. Objekt drei erschlafft. Letzte Luftblasen blubbern an der Oberfläche.

Jemanden zu ertränken, ist erstaunlich einfach. Man braucht vier Dinge: ein Bassin, einen kräftigen Händedruck, Lehárs Lustige Witwe (Lippen schweigen) und positives Denken.

Nachdem Max darauf hingewiesen hat, dass die Sprache keine Dirne, sondern eine Prinzessin sei, lässt sich Christopher von ihm erklären, worauf es beim Schreiben ankommt. Der Ghostwriter beginnt mit der Bedeutung des Plots und der Figuren. Um etwas in Worte kleiden zu können, brauche man einen Körper.

„Schreiben beginnt also viel früher, als man auf die Tastatur einschlägt. Im Kopf. Schreiben ist nichts andres als eine gigantische Denksportaufgabe.“

„Die Leute sollen sich auskennen, im Text zurechtfinden. Geschafft hast du es dann, wenn sie gedanklich in das Geschriebene hineinkriechen. Wenn sie vergessen, dass sie lesen. Wenn sie mitleben, direkt im Geschehen sind. So wie wir beide jetzt, in diesem Haus, an diesem gottverdammten Tag im Sommer, wenn die Sonne scheint, aber wir sitzen vor dem Computer und schreiben ein Buch über das Leben und das Morden.“

„Phanopoeia“, sagte Max, und Christopher sah ihn an, als hätte er gefurzt. „So hat Ezra Pound die Kunst genannt, dem Leser ein Bild auf die Netzhaut zu projizieren. Es gibt drei Arten von Poesie. Phanopoeia, Melopoeia und Logopoeia. Phanopoeia steht für die bildliche Vorstellung. Melopoeia geht dem Leser ins Ohr, er hört den Klang der Wörter, den Rhythmus und die Melodie des Textes. Und bei Logopoeia geht es um das Wort an sich, es stimuliert die Vorstellung.“

Zehn Schreibregeln zählt Max auf:

„Erstens, keine umständlichen Formulierungen, wie man sie von Ämtern und Gesetzestexten kennt, ich nenne es Amtsdeutsch, gestelzte Texte, Sätze, die sich aufplustern, nichts als Wichtigtuerei. Zweitens, viele Verben verwenden, Zeitworte bringen Leben in den Text, sie lassen ihn glänzen, sprießen, schillern, schreien oder beißen. Drittens, schlichte Worte. Stephen King hat einmal was Großartiges gesagt. […] Er hat gesagt: Eines der schlimmsten Dinge, die man der eigenen Sprache antun kann, ist, das Vokabular schön herauszuputzen und nach komplizierten Wörtern zu suchen, nur weil man sich ein bisschen für die vielen einfachen schämt. […] Fünftens, keine überflüssigen Silben, also kurze Wörter. […] Adjektive und Adverbien; das sind die meistüberschätzten Wortgattungen in der Sprache. […] Siebtens, keine Phrasen. Sie sind Geschwätz und fallen jedem anderen genauso ein. Achtens, kein Passiv. Wenn etwas gemacht wurde, ist das schwächer als etwas, das jemand macht. Neuntens, Wortwiederholungen. Absichtlich sind sie gut, unabsichtlich sind sie schlecht. Und zehntens, lass das Detail fürs Ganze sprechen. […] Wenn du von einer Mandarine schreibst, schmeckt der Leser sie. Wenn du von Obst schreibst, schmeckt er nichts.“

Annas Vater Viktor Borodek, der stellvertretende Chef des Wiener Sicherheits­büros, leitet die Ermittlungen in den drei Mordfällen. Er geht zwar von einem Serienmörder aus, hat aber noch keine heiße Spur. Deshalb macht sich der Bürgermeister Alfred Wampl Sorgen. Es stehen Wahlen an, und die möchte er mit dem Versprechen gewinnen, dass Wien eine sichere Stadt sei. Viktor Borodek und Alfred Kuhn, der Leiter der Mordkommission, müssen deshalb im Beisein Wampls und der leitenden Staatsanwältin Astrid Holzinger, die mit dem Bürgermeister liiert ist, dem Polizeipräsidenten Otto Friedhelm Bericht erstatten.

Viktor Borodek verschweigt, dass bei jedem der drei Mordopfer ein signiertes Buch von Max West gefunden wurde. Außerdem stellte die Polizei in Boro Petritschs Gesäßtasche ein Bonbonpapier („Wiener Zuckerl“) mit einem Fingerabdruck sicher.

Als Viktor Borodek bei den Freunden seiner Tochter Anna vorbeischaut, sieht er, wie Max West ein „Wiener Zuckerl“ in den Mund steckt. Unbemerkt nimmt er das Einwickelpapier mit, um die Fingerabdrücke vergleichen zu lassen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Livia versucht, mehr über Christopher Kleist herauszufinden. Sie googelt, fragt telefonisch im Gymnasium Gerasdorf nach einem früheren Schüler dieses Namens und forscht nach einem tödlichen Autounfall, der zu dem seiner Eltern passen könnte. Aber sie entdeckt nichts, was ihr Aufschluss über seine Vergangenheit geben könnte. Selbstverständlich kennt sie das Stockholm-Syndrom. Den umgekehrten Effekt versucht sie zu nutzen, um an den Serienmörder heran­zu­kommen. Außerdem setzt sie ihr professionelles Wissen als Psychiaterin ein, um ihn zu unüberlegten Äußerungen über sich selbst zu provozieren und ein Profiling durchzuführen. Als sie deshalb im Freitags-Freundeskreis Hypothesen über den Serienmörder aufstellt, über den alle reden, ohne zu ahnen, dass er unter ihnen sitzt, lässt Christopher sich nicht aus der Reserve locken. Aber sobald die Gäste gegangen sind, stellt er Livia zur Rede:

„… willst mich aus der Deckung holen. Gut, hier stehe ich, ich brauche keine Deckung, vor dir schon gar nicht, dachte ich wenigstens, aber gut, ich kämpfe mit offenem Visier. Aber wenn du einmal noch Bettnässer sagst, dann zünde ich dein Scheißkind an und sehe zu, wie es in Flammen aufgeht. Ich werde dabei zusehen, wie ihr die Haut von den Knochen runterbrennt, bis alles schwarz ist wie ein verkohltes Spanferkel.“

Zornig zwingt er Livia dazu, ihrem Mann zu gestehen, dass sie vor einiger Zeit eine Affäre hatte. Max fällt aus allen Wolken. Der Liebhaber heiße Luis Lembach, fährt Livia fort, und habe sich im Kindergarten als „Onkel Alfred“ ausgegeben, um Ella zu entführen. Christopher fügt hinzu, dass es sich bei dem 31-Jährigen um seinen jüngeren Halbbruder handele.

„Objekt 4“, der 58 Jahre alte Pfarrer Gottfried Fiedler von Alt-Ottakring, wird in der Kirche überfallen. Nachdem Christopher die Jesus-Figur vom Kreuz abgenommen hat, fixiert er den Geistlichen mit einem Druckluftnagler daran. Hundert über den Körper verteilte Nägel verbraucht er für die „Installation“.

Jemanden ans Kreuz zu nageln, ist erstaunlich einfach. Man braucht nur fünf Dinge. Einen Bosch-Druckluftnagler (GSK 50 Professional), ein volles Magazin Stauchkopfnägel, eine Pfarrkirche, Luciano Pavarottis Ave Maria und heidnische Entschlossenheit. Oder Wut.

Max West wird von der Polizei abgeholt und zu einer Vernehmung im Sicherheits­büro mitgenommen. Viktor Borodek sagt ihm, dass man bei allen Opfern des Serienmörders signierte Exemplare seiner Bücher gefunden habe. Außerdem konfrontiert er ihn mit der Tatsache, dass bei Boro Petritsch ein Bonbonpapier mit einem Fingerabdruck von ihm sichergestellt wurde. Max ahnt, dass Christopher die Spuren legte, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken. Aber aus Sorge um seine Tochter schweigt er bei der Vernehmung, und weil die Polizei noch nicht über gerichtsfeste Beweise gegen ihn verfügt, darf er schließlich nach Hause zurück­kehren.

Livia forscht weiter. Luis Lembach erwähnte einmal seine Mutter. Über den Namen Jennifer Lembach kommt Livia weiter. Die Engländerin war die zweite Ehefrau des welt­berühmten Thriller-Autors Conrad Kronsteiner, der vor seinem Durchbruch mit „Schwester Tod“ bei seiner Heimatgemeinde Pressbaum in Niederösterreich gearbeitet hatte. Gerda Kronsteiner, seine erste Ehefrau, war von ihrem fünfjährigen Sohn Christopher auf dem Dachboden erhängt aufgefunden worden.

Christopher leugnet nicht, dass Kronsteiner sein wahrer Familienname ist und gibt zu, dass es sich bei dem tödlichen Verkehrsunfall seiner Eltern um eine Lüge handelte. Er habe seinen Vater bewundert, sagt er. Aber das Genie sei herzlos gewesen.

Vaters Allmacht glänzte schwarz. Sein Innerstes war ein blank polierter Obsidian. Besonders hart im Schliff. Gnadenlos in seinem Urteil.

Nachdem Christophers Mutter sich das Leben genommen hatte, stellte der Vater ein 16 Jahre altes Kindermädchen für den Fünfjährigen ein. Amelie stammte aus Tulln. Ein Jahr später kam er auf die Privatschule Sacré Cœur Pressbaum. Dort wurde er wegen seiner Schüchternheit von den Mitschülern gemobbt. Er verliebte sich in Amelie, seine einzige Bezugsperson, und im Alter von 14 Jahren begann er, mit ihr zu schlafen. Sein Vater heiratete ein zweites Mal und zeugte noch einen Sohn. Luis war sieben Jahre alt, als die Eltern mit ihm nach London zogen und Christopher mit Amelie zurückließen. Er war 19, als Amelie nach Paris zog. Christopher gibt nun auch zu, dass er sein Medizinstudium abbrach. Er lebt von einem Treuhandkonto, das der Vater für ihn eingerichtet hat.

Für September hat der Verlag des am 2. Februar 1938 geborenen Schriftstellers Conrad Kronsteiners eine Autobiografie mit dem Titel „Die Abrechnung“ ange­kündigt. Es heißt, Conrad Kronsteiner rechne mit allen ab, mit der Buchbranche ebenso wie mit falschen Freunden und Familienmitgliedern. Christopher befürchtet, dass ihn der Vater, mit dem er seit 14 Jahren keinen Kontakt mehr hat, in dem Buch lächerlich machen wird. Deshalb will er ihm mit dem sensationellen Roman „Die Poesie des Tötens“ zuvorkommen. Luis brachte ihn auf die Idee, den Ghostwriter Max West durch die Entführung seiner Tochter zu zwingen, das Buch zu schreiben.

„Ich lebe im Jetzt. Ich kontrolliere das Morgen. Und ich redigiere die Vergangenheit.“

Angestrengt versucht Livia sich an Äußerungen Luis‘ zu erinnern, die einen neuen Ansatz für Nachforschungen ergeben könnten. Ihr fällt ein, dass er von einem Baumhaus erzählte, in dem er und sein Halbbruder viel Zeit verbracht hatten. War das in Pressbaum? Existiert es noch? Wird Ella dort versteckt? Livia überredet Christopher, ihr noch einmal das letzte als Lebenszeichen aufgenommene Video auf dem Smartphone zu zeigen und stellt fest, dass es in einem Baumhaus aufgenommen worden sein könnte.

Sie fährt nach Pressbaum. Dort hört sie die gleiche Musik wie im Hintergrund der Videoaufnahme. Die Band „Soundchecker“ spielt es live. Vor drei Tagen, als das Video aufgenommen wurde, traten die „Soundchecker“ im Hotel Kurnat in Pfalzau auf. Dort findet Livia ein Baumhaus. Es ist verlassen. Christopher ist ihr zuvorgekommen und hat Luis gewarnt.

Er muss es mitbekommen haben, dachte Livia, er muss es mitbekommen und sofort reagiert haben. „Scheiße“, schrie sie und schlug mit beiden Handflächen aufs Lenkrad.
Womit genau hatte sie sich nur verraten? Als sie das Video angeschaut hatte? Vermutlich war ihr Gesichtsausdruck zu gespannt gewesen. Zu aufmerksam. Hätte sie nur auf Ella geschaut, und nicht nach Hinweisen rund um sie gesucht, wäre sie mehr zusammengesunken, nicht so wachsam gewesen.

Während Livia noch unterwegs ist, klärt Christopher den Ghostwriter über das „Objekt 5“ auf:

„Du Max, du bist das fünfte Opfer.“

„Ameisensäure dient zum Desinfizieren von Wein- und Bierfässern, auch als Putzmittel in WC-Reinigern. Witzig, nicht? Sie ist sogar als Lebensmittelzusatzstoff E-zweihundertsechsunddreißig zugelassen, man braucht sie nämlich zur Konservierung von Fruchtsäften.“

In einem kürzlich getrunkenen Cocktail sei Methanol gewesen, erklärt der Serienmörder. Daraus entstehen nun in der Leber Formaldehyd und Ameisensäure, und zwar in einer Konzentration, die im Verlauf von 48 bis 72 Stunden tödlich wirken werde. Dann klatscht er in die Hände:

„Zur Krönung braucht es den fünften Mord. Den Ghostwriter selbst. Das ist work in progress. Der Ghostwriter wird zum Geist. Er schreibt sich in den Tod. Was für ein Plot!“

„Die Bewusstseinsstörungen werden dir zu schaffen machen. Bin schon gespannt, wie das stilistisch rüberkommt. Der Verfall. Hat was, nicht? Der Leser soll merken, wie die Energie aus dir herausrinnt.“

Christopher verlangt von Max, dass dieser die Mordserie im Roman gesteht. Der schreibt erst einmal:

Jemanden zu vergiften, ist erstaunlich einfach. Es braucht überhaupt nur zwei Dinge. Ameisensäure und Durst.

Währenddessen erzählt Anna ihrem Vater, dass Christopher – mit dem sie eine Affäre angefangen hat – auf Max Wests Computer zufällig einen Text über die Mordserie mit einem Geständnis entdeckt habe. Christopher beabsichtigt, das Manuskript heimlich für sie auf einen USB-Stick zu kopieren. Ihr Artikel darüber könnte ein Scoop werden.

Während der Heimfahrt entgeht Livia kurz vor der Ankunft einem Frontal­zusammenstoß nur durch ein Ausweichmanöver. Dadurch gerät sie in eine Nebenstraße, und dort fällt ihr ein orange-farbiges Stück Stoff auf. Es stammt von Ellas Teddybär. In der Nähe entdeckt sie ein Baumhaus und hört Ella singen.

Sie wird von Luis überrascht. Reflexartig holt sie mit einer zuvor aufgehobenen Eisenstange aus, aber er ist stärker als sie. Unvermittelt bricht er zusammen. Niedergestreckt wurde er von einem 20-Liter-Wasserbehälter, den Ella aus dem Baumhaus gerollt und geschubst hat.

Durch eine SMS an Max erfährt auch Christopher, dass Livia Ella befreit hat.

Max ist durch die Ameisensäure bereits schwer mitgenommen, aber er wehrt sich, als Christopher ihn mit einem Skalpell angreift. Der Adrenalinstoß bringt ihn auf die Beine. Nachdem er den Mörder niedergeschlagen hat, ruft er seine Frau an. Livia rät ihm, sofort so viel Wodka wie möglich zu trinken.

„Hörst du. Es ist Chemie. Ein ganz einfacher chemischer Prozess. Du musst deinem Körper Ethanol zuführen.“

Christopher liegt nicht mehr am Boden; er ist verschwunden. Plötzlich steht Anna in der Tür. Hinter ihr taucht Christopher auf. Er würgt sie und lässt den leblosen Körper zu Boden gleiten. Später werde es so aussehen, als habe Max sie mit seinem Schnitzmesser erstochen, sagt Christopher, weil er ihren entlarvenden Zeitungsartikel über den Serienmörder verhindern wollte. Jetzt warte er noch auf Livia und Ella.

„Ich würde alles wetten, dass sie direkt herkommen und auf dem Weg keine Polizei einschalten. Die wollen dich retten.“

Die Haustür wird eingetreten. Viktor Borodek stürmt mit der Dienstwaffe in der Hand herein, sieht Anna auf dem Boden liegen. Christopher deutet auf Max: „Er wollte uns beide umbringen!“ Als der Vater sich über seine Tochter beugt, rammt Christopher ihm das Schnitzmesser in den Bauch. Viktor Borodek blickt ihn fassungslos an und bricht zusammen. In diesem Augenblick treffen Livia und Ella ein. Christopher greift nach der zu Boden gefallenen Pistole. Max stürzt sich auf ihn, prallt gegen einen Abstelltisch. Die alte Schreibmaschine rutscht herunter und bricht auseinander. Der Autor packt den Typenhebel E und rammt ihn dem Serienmörder in den Hals.

In der Notaufnahme verabreichen die Ärzte Max Fomepizol und halten über Tage hinweg eine therapeutische Ethanol-Konzentration von einem Promille aufrecht, bis er sich von der Azidose erholt.

Anna und ihr Vater Viktor Borodek überleben ebenfalls. Luis Lembach liegt im Koma.

Conrad Kronsteiners Autobiografie „Die Abrechnung“ erscheint wie geplant. Aber es ist keine Abrechnung mit anderen, sondern er geht mit sich selbst ins Gericht. Es ist seine Lebensbeichte, und er stirbt noch vor der Veröffentlichung.

Kurz darauf kommt auch das Buch „Die Poesie des Tötens“ von Max West auf den Markt und erweist sich ebenfalls als Bestseller.

Christopher Kronsteiner wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Aus dem Gefängnis heraus verklagt er Max West wegen des Buches.

„Und wisst ihr, mit welcher Begründung? Immerhin wären das seine Morde gewesen, was zweifelsfrei bewiesen sei, wo er doch rechtmäßig dafür verurteilt wurde […].“

nach oben

Andrea Fehringer und Thomas Köpf spielen in ihrem Psychothriller „Die Poesie des Tötens“ mit den Ebenen Realität und Fiktion. Sie tun so, als würden wir die Entstehung des Romans, den wir gerade lesen, miterleben. Vor unseren Augen tippt der Ghostwriter Max West einen Text über den Serienmörder und schlüpft dabei in dessen Rolle, denn er verwendet die Ich-Form.

Max‘ Matrjoschka-Paradoxon handelte nicht von Puppen, sondern von Christopher und ihm. Max stellte sich vor, dass beide, er und Christopher, nur Figuren in einem Roman waren, die wiederum einen Roman schrieben. In diesem Roman kamen wieder sie beide vor, als Protagonist und Antagonist, zwei Figuren, die einen Roman im Roman schrieben, in dem wieder sie beide vorkamen. Ein Roman im Roman im Roman.

Ein fünfjähriges Mädchen in Gefahr, das sorgt schon allein für Aufmerksamkeit bei Leserinnen und Lesern. Außerdem nutzen Andrea Fehringer und Thomas Köpf in „Die Poesie des Tötens“ die Mittel sex and crime, vor allem wenn sie die grausamen, tödlich endenden Folterungen der Opfer in allen Einzelheiten schildern. Das ist zwar reißerisch, aber Andrea Fehringer und Thomas Köpf vermitteln auch mit viel Empathie den Albtraum, den Ellas Eltern durchleiden. Und sie bauen eine hohe Spannung auf, die im weiteren Verlauf nicht zuletzt von unerwarteten Wendungen hochgehalten wird. Besonders originell ist dabei die verblüffende Wahl des fünften Opfers.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Pro-Talk Verlags GmbH

Heinrich Mann - Professor Unrat
Mit der 1905 veröffentlichten gesellschaftskritischen Satire "Professor Unrat" wurde Heinrich Mann berühmt. In dem – 1930 unter dem Titel "Der Blaue Engel" verfilmten – Roman wird der Anarchist hinter der Fassade des Tyrannen entlarvt.
Professor Unrat

Heinrich Mann

Professor Unrat

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: