Kerstin Ehmer : Der weiße Affe

Der weiße Affe
Der weiße Affe Originalausgabe: Pendragon Verlag, Bielefeld 2017 ISBN: 978-3-86532-584-6, 280 Seiten ISBN: 978-3-86532-599-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der junge Kommissar Ariel Spiro lässt sich 1925 von seiner Heimatstadt Wittenberge in die Metropole Berlin versetzen. Am Tag seiner Ankunft wird der jüdische Bankier Eduard Fromm mit ein­geschlagenem Schädel auf­gefunden, und Ariel Spiro soll den Fall aufklären. Der unerfahrene Mann aus der Provinz wird in von Nackttänzerinnen und Prostituierten, Homosexuellen, Transvestiten und Transsexuellen frequentierten Bars von Reizen überflutet. Eine Animierdame stiehlt ihm die Brieftasche mit dem Dienstausweis ...
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Kritik

"Der weiße Affe" ist ein unterhaltsamer Kriminalroman von Kerstin Ehmer, bei dem vor allem die Kulisse interessant ist: die Goldenen Zwanzigerjahre in Berlin. Da trifft sexuelle Freizügigkeit auf Antisemitismus, Herrenmensch-Wahn und Nationalismus.
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Ariel Spiros erster Fall in Berlin

Die kleine Erika Wuhlke stolpert 1925 im Treppenhaus des Berliner Mietshauses über einen Toten. Es handelt sich um den jüdischen Bankier Eduard Fromm. Man hat ihm den Schädel eingeschlagen.

Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow beauftragt Ariel Spiro mit den Ermittlungen. Der junge Kommissar traf gerade erst aus Wittenberge ein. Dort war er als Sohn einer Bankdirektorentochter aus Berlin und eines Getreide- und Samenhändlers aufgewachsen. Während sein älterer Bruder den Betrieb in Wittenberge übernahm und die jüngere Schwester dort als Buchhalterin begann, studierte Ariel Jura und fing dann bei der Kriminalpolizei an. Wegen einer Lungenentzündung mit Verdacht auf Tuberkulose brauchte er nicht zum Militär. Nun hat er sich aus der Provinz in die Reichshauptstadt versetzen lassen.

Mit seinem derben Kollegen Ewald Bohlke eilt Ariel Spiro zum Tatort. Sie finden heraus, dass Eduard Fromm seit einem halben Jahr regelmäßig die 25-jährige Tänzerin Hildegard Müller besuchte. Er bezahlte auch die Miete. Fräulein Hilde ist allerdings seit fast fünf Jahren mit einem Kleinganoven verlobt, mit Gustav Mrozek, der wiederum mit einem Pädophilen namens Hugo Pattberg befreundet ist. Musste der Bankier sterben, weil er den beiden Kriminellen in die Quere gekommen war?

Erste Ermittlungsergebnisse

Bei seiner Vernehmung gesteht Gustav Mrozek, dass er die Leiche schon vor der kleinen Erika entdeckt und das Geld aus der Brieftasche gestohlen hatte. Aber er beteuert, kein Mörder zu sein und hat ein Alibi für die Tatzeit.

Nach der Autopsie steht fest, dass der tödliche Schlag mit einem schwarz-weiß-roten Gegenstand aus Holz ausgeführt wurde. Weil das auch die Farben der Reichsflagge von 1871 bis 1919 waren, könnte es sich um eine politische Tat gehandelt haben.

Die Eltern der Witwe, der Pianistin Charlotte Fromm, waren Chassiden, und sie wuchs in einem Schtetl auf. Nach dem Studium am Konservatorium in Lemberg begegnete sie Eduard Fromm, und der nahm sie mit nach Berlin, bezahlte ihr Musikunterricht bei berühmten Lehrern, führte sie ins Großstadtleben ein und formte sie nach seinen Vorstellungen wie einen Golem. Die Tochter Nike studiert Medizin, arbeitet an Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft in Berlin und hilft des Öfteren bei einer Damenkapelle aus, die Schlager wie „Ich hab das Fräulein Helen baden sehn“ im Repertoire hat.

Berliner Nachtleben

Ariel Spiro wohnt in Berlin bei der Kriegerwitwe Margarete Koch, die außer ihm noch einen Untermieter hat, den Barmixer Jake Heuer. Der nimmt ihn mit in das Lokal „La Cocotte“, wo Herren in Damenkleidern und Damen in Smokings zu den Gästen zählen. Ariel gibt der Animierdame Cora Sekt aus. Aber er braucht am Ende nichts zu bezahlen, denn Jake Heuer sagt, das gehe aufs Haus. Deshalb merkt Ariel erst später, dass ihm die Brieftasche gestohlen wurde, in der auch sein Dienstausweis steckte.

Ambros Fromm

In einer der folgenden Nächte fällt dem Kommissar der stark geschminkte Ambros Fromm auf. Er folgt ihm und dessen Tanzpartner in das von Homosexuellen frequentierte Nachtlokal „Zauberflöte“. Könnte Ambros‘ Vorliebe für Männer das Tatmotiv sein? Vielleicht wollte der Vater ihn wegen seiner Homosexualität enterben?

Der Verdächtige wird nach der Beisetzung des Ermordeten auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee vor den Augen der Angehörigen und Trauergäste festgenommen. Ariel Spiro hätte damit lieber noch ein wenig gewartet, denn er ist in Ambros‘ Schwester Nike verliebt und ahnt, dass sie ihm diesen Schritt nicht verzeihen wird, aber Ewald Bohlke schreitet entschlossen zur Tat.

Dr. Samuel Findeisen, der Notar und Anwalt der Familie Fromm, klärt die Kommissare darüber auf, dass Ambros keineswegs enterbt wurde. Eduard Fromm hat seiner Frau die Hälfte und den Kindern jeweils ein Viertel des Vermögens vermacht. Außerdem bezeugt das homosexuelle Paar Alwin von Tarnow und Bruno Wakenitz, dass Ambros sich zur Tatzeit um sie kümmerte, nachdem ein Stricher sie in ihrer Wohnung zusammengeschlagen hatte.

Der Krieger und die graue Königin

Weil es in einem Mietshaus immer übler aus einer Wohnung riecht, brechen zwei Polizisten die Tür auf – und stoßen auf eine Frauenleiche ohne Kopf. Bei der Ermordeten handelt es sich um die Kostümbildnerin Magdalena Gavorni, die aus Breslau stammt und eigentlich Gavornik heißt. Zeugen zufolge wurde sie häufig von wechselnden Männern besucht. In der Wohnung werden Kokain und Morphium sichergestellt. Unter einer Empore bemerkt Ariel Spiro einen Verschlag, aus dem eine Latte herausgebrochen wurde. Auf einer Matratze liegen zerlesene Bücher über Südsee-Expeditionen. Alexander, der vierzehnjährige Sohn der Toten, ist verschwunden.

Wenn Magdalena Gavorni Herrenbesuch hatte, sperrte sie Alexander in den Verschlag und gab ihm Morphium. Eine Schule besuchte der Junge nur für kurze Zeit, und zwar die reformpädagogische Freie Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld in Thüringen. Dort wurde er von den Mitschülern gehänselt. Nur einer verteidigte ihn, aber Günther Klauke wurde nach einer Prügelei relegiert. Kurz darauf holte Magdalena Gavorni ihren Sohn zurück nach Berlin. Weil er immer wieder Günther erwähnte und sie befürchtete, Alexander könne homosexuell sein, ging sie mit ihm ins Institut für Sexualwissenschaft. Magnus Hirschfeld meinte, aus der Schwärmerei des Jungen für seinen zeitweisen Beschützer könne nicht auf eine homosexuelle Neigung geschlossen werden. Aber mit seinen Erläuterungen löste er eine Schimpftirade Magdalena Gavornis aus:

„Sie sind ja hochgradig krank. Wegsperren muss man Sie und Ihre Schreibernutte hier auch. Sie sind ein Schandfleck für diese Stadt und sollten ausgemerzt werden, je früher desto besser. Ein wissenschaftliches Institut soll das hier sein? Dass ich nicht lache. Ein Haufen Perverser in einem Palast, das trifft es schon eher […]. Dass so etwas überhaupt geduldet wird. Ausräuchern sollte man Sie und Ihren ganzen Haufen, aufräumen und Platz machen für das gesunde Volksempfinden.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Spoiler

Zu Hause verprügelte Magdalena Gavorni ihren Sohn mit einem Rohrstock. Unter Drogeneinfluss und in den Lattenverschlag gesperrt, hielt der Junge sich für einen Krieger auf einer geheimnisvollen Südseeinsel. Er brach eine Latte aus dem Verschlag und schnitzte daraus einem Totempfahl. Als die graue Königin ihn wieder einmal zornig schüttelte, glitt das Messer in ihr Fleisch.

Er umkreist den Leichnam, springt über ihn, tanzt. Er taucht seine Finger in das Blut und fährt in zwei entschlossenen Halbkreisen über seine spitz gewordenen Wangenknochen hinab zum Hals, so seine Adern pochen.
Er sucht und findet Farben. Er vollendet seinen heiligen Pfahl, er nimmt ein Brotmesser und versucht den Kopf seines toten Feindes vom Rumpf zu trennen. Er sägt, er zerrt. Blut strömt, der Kopf sitzt fest. Er reißt an ihm, vergeblich. Erst als er die Spanaxt zu Hilfe nimmt, löst sich seine erste Trophäe, befreit er sein Geschenk an den Krokodilsgott.

Im Treppenhaus eines anderen Mietshauses stieß er auf einen Mann, der ihn kannte und entsetzt anstarrte, als der Kopf aus dem Bündel fiel und über Stufen polterte. „Alexander? Alex, Junge. Was hast du gemacht?“ Da erschlug ihn der „Krieger“ mit dem „heiligen Pfahl“.

Als einige Tage später auf dem Dach des Hauses ein auf einem dreifarbigen Pfahl gespießter Frauenkopf entdeckt wird, begreift Ariel Spiro, dass beide Morde zusammenhängen. Er erinnert sich an den Verschlag in Magdalena Gavornis Wohnung, die fehlende Latte und den verschwundenen Sohn der Toten.

Durch einen Hinweis Günther Klaukes, den er in einer Laube der Kolonie Alte Ziegenweide aufspürt, findet er Alexander Gavornik auf der Insel Lindwerder im Tegeler See. Er bringt den unterkühlten und halb verhungerten Jungen in die Charité. Dort können die Ärzte nicht verhindern, dass er stirbt.

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Kerstin Ehmer lässt ihren Debütroman „Der weiße Affe“ in den Goldenen Zwanzigerjahren in Berlin spielen. Der junge Kommissar Ariel Spiro, der sich aus der Provinz in die Reichshauptstadt versetzen lässt, wird in den von Nackttänzerinnen und Prostituierten, Homosexuellen, Transvestiten und Transsexuellen bevölkerten Nachtlokalen von Reizen überflutet. Gleich bei seinem ersten Besuch in „La Cocotte“ stiehlt ihm eine Animierdame die Brieftasche mit dem Dienstausweis. Einige Szenen spielen im Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, in dem sich Magnus Hirschfeld (1868 – 1935) als Sexualreformer in den Zwanzigerjahren einen Namen machte, und Kerstin Ehmer erwähnt außer einigen dort ausgestellten erotischen Kunstwerken einen Masturbationsapparat mit Pedalbetrieb. Aber die Metropole wird nicht nur von einer freizügigen Sexualmoral in einigen Gesellschaftskreisen geprägt, sondern auch von Antisemitismus, Herrenmenschen-Wahn und Nationalismus. In einer Villa im Grunewald findet beispielsweise ein konspiratives Treffen von einflussreichen Herren statt, die trotz der Auflagen der Siegermächte an einer heimlichen Aufrüstung des Deutschen Reichs arbeiten.

Dieses grell ausgeleuchtete Ambiente macht den Kriminalroman „Der weiße Affe“ zum Lesevergnügen.

Allerdings hätte Kerstin Ehmer die Charaktere stärker herausarbeiten können. Das gilt besonders für die Kostümbildnerin, die ihren Sohn (mit einer kurzen Ausnahme) vom Schulbesuch abhält. Um ungestört Herrenbesuche empfangen zu können, setzt sie den Jungen unter Morphium und sperrt ihn in einen Lattenverschlag. Dieses krasse Verhalten wird in „Der weiße Affe“ dargestellt, ist jedoch so nicht nachvollziehbar.

Die Drogenhalluzinationen des Jungen lesen wir in kursiv gesetzten Passagen, die immer wieder in den chronologisch aus der Perspektive des Ermittlers Ariel Spiro entwickelten Handlungsverlauf eingeschoben sind. Zeitlich beginnt diese Parallelhandlung drei Monate vor dem Mord, den Kerstin Ehmer als Auftakt für „Der weiße Affe“ gewählt hat. Gegen Ende zu führt sie beide Handlungsstränge zusammen.

Thriller und Kriminalromane enden gewöhnlich mit der Aufklärung des Falls oder einem Epilog. In „Der weiße Affe“ folgen auf die Auflösung einige amüsante Episoden: Ariel Spiro sucht Nike Fromm im Institut für Sexualwissenschaft und trifft sie und alle anderen Mitarbeiter, die der Freikörperkultur anhängen, nackt im Garten an. Sein Dienstausweis taucht wieder auf, als die Sittenpolizei ein aus einer Animierdame und einem Drogenhändler bestehendes Diebespaar festnimmt. Bei einem Besuch seiner Angehörigen in Wittenberge erfährt Ariel Spiro von seiner Mutter, dass die Vorfahren Juden waren. Das ahnte er nicht; er dachte, seine theaterbegeisterte Mutter habe ihn nach einer Figur in dem Shakespeare-Stück „Der Sturm“ benannt und beschnitten sei er aufgrund einer Infektion im Kindesalter. Den Abschluss bildet eine launig dargestellte Verkettung unglücklicher Umstände, durch die der Titel gebende Porzellan-Affe zu Bruch geht.

Bei dieser von Eduard Fromm in der für Hildegard Müller gemieteten Wohnung aufgestellten weißen Porzellan-Figur soll es sich um einen Mendelssohn-Affen handeln. Das geht auf eine Legende zurück, der zufolge der Philosoph Moses Mendelssohn zwanzig Affen-Figuren der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin erwerben musste, um 1762 Fromet Gugenheim heiraten zu dürfen. Glaubwürdig ist die Legende nicht, denn Friedrich der Große erließ die entsprechende Verordnung über die Sonderabgabe („Judenporzellan“) erst 1769.

Fazit: „Der weiße Affe“ ist ein unterhaltsamer Kriminalroman, bei dem vor allem die Kulisse interessant ist: die Goldenen Zwanzigerjahre in Berlin.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2017
Textauszüge: © Pendragon Verlag

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