Eva Demski : Das siamesische Dorf

Das siamesische Dorf

Eva Demski

Das siamesische Dorf

Das siamesische Dorf Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2006 ISBN 3-518-41740-1, 382 Seiten Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M 2007
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Ferienanlage in einem siamesischen Dorf verspricht einen Aufenthalt wie im Paradies, aber die Journalistin Kecki und der Pressefotograf Max, die darüber eine Reportage erarbeiten wollen, stoßen in der angeblichen Idylle und in den beiden buddhistischen Klöstern in der Nähe auf eine skrupellose, gewinnsüchtige Geheimorganisation mit internationalen Verbindungen, die nicht vor Morden zurückschreckt ...
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Kritik

Eva Demski entwirft in ihrem Roman "Das siamesische Dorf" eine geheimnisvolle Szenerie, in der vieles unerklärlich und in der Schwebe bleibt.
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Zusammen mit vierundzwanzig Touristen aus Deutschland treffen die Journalistin Albertine Aulich („Kecki“) und der Pressefotograf Wilhelm Riepel („Max von Deggendorf“) mit dem Flugzeug in Thailand ein. Die beiden waren vor einigen Jahren ein Paar, sind jedoch inzwischen nur noch Kollegen und haben zwei der fünfzig Bungalows in der siamesischen Ferienanlage „Andaman Paradise Resort“ gebucht, die ein japanischer Destilleriebesitzer als Mitgift für die Tochter eines seiner Cousins hatte bauen lassen, denn sie sollen darüber eine Reportage machen.Madame Sourathorn leitet das Resort. Ihre zwanzigjährige, aus dem Dorf der Einheimischen in der Nähe stammende Mitarbeiterin Virikit wundert sich über die Touristen, die sich vor zwar Ungeziefer ekeln, aber Insektenspray für bedenklich halten.

Die Fremden brauchen diese seltsamen Häuser mit den mächtigen Betten, sie fürchten sich vor Geckos und hassen die schönen Hahnenkämpfe. Andererseits verschwinden sie nach längstens drei Wochen wieder und lassen Geld da. Man kann für sie waschen, ihnen Gummisandalen und schlechten Mekong-Whisky verkaufen, manchmal laden sie Mädchen oder Jungen zum Essen ein und wollen danach etwas Liebe haben. Sie sind nicht glücklich und bezahlen gern für ein bisschen Freude. (Seite 9)

Zwei unaufgeklärte Todesfälle, die sich im letzten Jahr mitten in der Saison ereigneten, überschatten das Paradies. Im Abstand von einer Woche wurden eine tote Frau im Wald und die Leiche ihrer Freundin im Meer gefunden. Die beiden waren mit einem Kind nach Deutschland gegangen und dort in einem Hotel beschäftigt worden, das Marianne und Leopold („Poldi“) Stricker gehört, die zu der soeben eingetroffenen Reisegruppe gehören. Als die ehrgeizige Hotelbesitzerin gemerkt hatte, dass sie zu alt geworden war, um von den männlichen Gästen begehrt zu werden, hatte sie „ein bisschen fremdes Gewürz“ gesucht und die beiden jungen Asiatinnen eingestellt, die ihr von Varus Wyandotte-Spielvogel zu Brendelenburg vermittelt worden waren. Der Baron hält sich ebenfalls im „Andaman Paradise Resort“ auf, aber er zog es vor, mit seiner Privatmaschine zu fliegen.

Einige der Touristen erschrecken über abgetrennte Menschenhände in zwei Schreinen. Max und der Internist Dr. Louis Reinemer, der seit elf Jahren mit einer Frau verheiratet ist, die er Santa Clara nennt, entdecken beim Tauchen im Meer menschliches Gekröse als Köder in einer Hummerreuse. Von einem Kurzausflug ins Dorf der Einheimischen kehrt Max mit einem Stück Menschenhaut mit einem tätowierten blauen Elefanten zurück, das kurz darauf spurlos aus seinem Bungalow verschwindet. Handelt es sich um Opfergaben? Sind es die Überreste einer Leiche oder stammen Hände, Innereien und Haut von verschiedenen Toten? Haben die Funde etwas mit den beiden im Vorjahr getöteten Frauen zu tun?

Für die Zeit ihres dreiwöchigen Aufenthalts im „Andaman Paradise Resort“ nimmt Kecki sich eines streunenden Hundes an, den sie „Kautschuk“ nennt.

Einmal kommen Treiber mit neun Elefanten in das siamesische Dorf. Achtzehn Touristen klettern über ein eigens aufgestelltes Podest in die Tragekörbe, die im Nacken der Elefanten befestigt sind, um zum buddhistischen Kloster beim Goldenen Huhn getragen zu werden. Kecki ereifert sich über die blutigen Wunden hinter den Ohren der Tiere, die von den Ketten stammen, mit denen sie gefesselt sind. Kurz vor dem Ziel taucht plötzlich eine Horde kleiner, dunkelhäutiger Männer aus dem Dschungel auf, reißt den neben Kecki sitzenden Poldi Stricker vom Elefanten und zerrt ihn fort. Kecki alarmiert einen für Madame Sourathorn arbeitenden Jungen, der eigentlich Tosaphon Tongchaiprasit heißt, aber nur Mow gerufen wird.

Entschlossen packt sie Mow an seinem dünnen, braunen Arm, und es ist ihr vollkommen egal, ob das ethnisch korrekt ist oder ob sie grade Anlass zur Blutrache gibt.
Hören Sie, sagt sie. Der Herr Stricker ist entführt worden! Mitten im Wald, es waren mindestens sieben Typen. Sie haben ihn blitzschnell vom Elefanten geholt und sind mit ihm verschwunden. Ging alles sehr schnell. (Seite 181)

Mow kann es nicht glauben, aber er bricht den Ausflug ab und sorgt dafür, dass die Touristen mit Pick-ups ins Dorf zurückgebracht werden.

Nach einer Zeit taucht Stricker wieder auf. Man hat ihm vier Fingerkuppen links und drei rechts zerquetscht, die Zunge gespalten und gezielt auf den Solarplexus und in die Hoden geschlagen. Möglicherweise wurde er mit einem australischen Milliardär verwechselt. Es kann aber auch sein, dass ein Foto, das die beiden im letzten Jahr getöteten Asiatinnen ihren Angehörigen aus Deutschland geschickt hatten, wie ein Steckbrief wirkte. Vielleicht gibt man Stricker die Schuld an der Schande und am Tod der beiden jungen Frauen.

Max plant eine Fotostrecke über thailändische Schneiderateliers und sucht einen Einheimischen auf, dem nahezu alle Schneidereien in der Umgebung gehören. Man nennt ihn Onkel Aphaluck oder Père Gibbon.

Er [Max] war richtig begeistert gewesen, selten bei ihm: Ah, diese Ateliers! Klimatisierte Museen, in denen an bleichen Puppen die Abendgarderobe der Adenauer– und Ulbricht-Ära hängt! (Seite 118)

Kecki sucht verzweifelt nach Themen, über die sie schreiben könnte und verfällt auf den Gedanken, über den heruntergekommenen Schlagersänger Curd Caramel zu schreiben, der bei seinen Auftritten im Feriendorf ein Toupet trägt und sich mit einem Korsett schnürt. Caramel argwöhnt jedoch, dass es der Journalistin nicht gerade um eine Lobeshymne geht:

Abgehalfteter Schreihals tingelt für ein Butterbrot? Fällt besoffen von der Bühne? Stürzt sich aus dem Fenster? Oder noch besser: Heruntergekommener Schlagerstar befriedigt seine perversen Sehnsüchte in Asien? Promi als Kinderschänder? […] Warum sollte ich Ihnen erlauben, ein Porträt über mich zu schreiben? (Seite 224)

Beim Anblick eines Kindes in Begleitung des Schlagersängers erinnert Max sich an seine eigene Kindheit:

Natürlich war es kein Tortenschlecken damals in Deggendorf, aber eben doch – beim Orgelbälgetreten mit der Hand in einer anderen Hose und hinterher Pistazieneis beim Italiener am Markt. (Seite 121)

Die gehörlose Schwester einer der beiden Toten vom Vorjahr wird von Madame Sourathorn als Hilfskraft im Dorf beschäftigt und „Kleines Gemüse“ gerufen. Plötzlich ist sie verschwunden. Einige Tage später wird ihre Leiche mit einem Spielzeugmesser aus Holz im Hals gefunden.

Zu den Gästen im Feriendorf gehört auch die kleine, verkrüppelte Kanadierin Lilly Gribouille. Wie durch ein Wunder geht sie plötzlich aufrecht, und Kecki kommentiert:

Das, was ich hier sehe, ist die schärfste Vorher-Nachher-Nummer, die mir in meinem ganzen Leben vorgekommen ist. (Seite 196)

Lilly beschließt, für immer in diesem wundersamen Paradies zu bleiben.

An einem Regentag begegnet Kecki am Strand einem Mann, der sich als Passagier während des Fluges von Deutschland nach Thailand besonders auffällig benahm. Er behauptet, Steve zu heißen und erklärt Kecki, er gehöre zu einer Investorengruppe, die hier große Pläne verfolgt. Die Journalistin könnte die PR dafür machen. Für den Anfang bietet Steve ihr 500 000. Kecki ist sprachlos.

Beim Besuch eines zweiten Klosters in der Nähe des Feriendorfes stoßen Max und Kecki auf einen aus Deutschland stammenden Mönch. Max erkennt ihn wieder: Es handelt sich um Ulf Hagebrecht. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte man ihn wegen Totschlags und Kindesentführung angeklagt; er floh jedoch aus dem Gerichtssaal, sprang aus einem Fenster im ersten Stock und verschwand spurlos. Mit dem sensationellen Foto von dem Sprung, das Max gelungen war, illustrierten einige Zeitungen und Zeitschriften ihre Berichte über das „Lämmchenmonster“.

Kecki geht allein ins Innere der Anlage, in eine mit Neonröhren beleuchtete Höhle, die zu einem See im Inneren des Berges führt, der als das siamesische Lourdes gilt. Sie zieht sich aus und klettert über eine Strickleiter hinunter, um ein paar Runden zu schwimmen. Als sie die Strickleiter wieder sucht, ist diese nicht mehr da. Die drei Meter hohe Felswand kann sie nicht erklimmen. Bevor Kecki in Panik gerät, taucht oben an der Kante der Hund „Kautschuk“ auf und schubst das Ende der Strickleiter herunter. Wer hatte versucht, sie umzubringen?

Ein falscher Grieche aus Berlin, bei dem Kecki nicht weiß, ob „Atropos“ sein Vor- oder Zuname ist, macht sich seit fünfzehn Jahren an reiche Witwen heran, um sie zu beerben. Mit Wanda Landau, um die er sich seit zehn Monaten bemüht, ist er ins „Andaman Paradise Resort“ gekommen. Jetzt liegt sie in ihrem Bungalow im Sterben. Gegen die Schmerzen gab ihr ein chinesischer Arzt aus dem Krankenhaus von Takuapa Morphium. Wanda weigert sich, ein vorbereitetes Schriftstück zu unterschreiben und ihr Vermögen Atropos zu übereignen. Wütend meint er, dann müsse er mit einem ihrer Testamente versuchen, an das Geld zu kommen. Atropos, Steve und und der Baron gehören zu den Investoren, die in diesem Paradies einen esoterischen Greisenpuff errichten wollen.

Alle werden alt. Sie haben Geld und Lüste und sollen dazu gebracht werden, auf ihre Nachkommen, also ihre Erben, zu pfeifen und sich zu kaufen, was immer sie wollen. Und zwar hier. Fern von der neidischen Verwandtschaft, lästigen Gesetzen und aufdringlicher Presse. In einer wunderbaren Gegend hinter mehr als sieben Bergen. Wo Dienstleistungen billig sind, das Wetter traumhaft und die Menschen jung und willig! Und zu allem Überfluss ist auch noch für die Seele gesorgt, wenn alles andere nicht mehr klappt: Heerscharen von Geistern, Göttern und Wundern bieten sich an, wenn das Laster keinen Spaß mehr macht! (Seite 315)

Santa Clara hat herausgefunden, dass die Investoren zu einer asienweit bekannten Geheimorganisation gehören, die „Der Blaue Elefant“ heißt und mit Drogen, Prostitution, Kindern, Waffen und Immobilienspekulationen Geschäfte macht.

Das Dorf der Einheimischen wird von Unbekannten niedergebrannt. Propangasflaschen explodieren in der Hitze. Neun Menschen kommen um. Die Überlebenden suchen Zuflucht im „Andaman Paradise Resort“.

Poldi Stricker stirbt am Strand. Niemand kümmert sich um ihn, außer Madame Sourathorn, die den Toten zu ihrer Hütte schleift und ihn in ihre Gefriertruhe packt. Ein rumänischer Junge, der eigentlich Nicolae („Nico“) heißt, aber von seinem Vater „Conducator“ und von seinem thailändischen Freund Meksophawannakul „Johnny“ gerufen wird, schaut heimlich in die Truhe und entdeckt neben Strickers Leiche den abgetrennten Kopf eines anderen Mannes. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Kopf von Ulf Hagebrechts Bruder handelt, der im Buddhistenkloster für den „Blauen Elefanten“ tätig gewesen war. Madame Sourathorn hatte offenbar vor, den toten bayrischen Gastwirt ebenso rituell zu zerstückeln wie die anderen Leichen.

Bevor Max, Kecki und die Touristengruppe das siamesische Dorf verlassen und zurück nach Deutschland fliegen, verkündet „Mr Oss“, ein etwas über vierzigjähriger Deutscher mit Vornamen Horst – was für die Thailänder wie „Oss“ klingt –, dass er nach langen Verhandlungen der neue Besitzer des Resorts geworden ist, das von der nächsten Saison an „Blue Elephant“ heißen wird.

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Ein vermeintliches Ferienparadies an der thailändischen Küste und die beiden buddhistischen Klöster in der Nähe, die von den Touristen nicht nur als Sehenswürdigkeiten, sondern auch als Orte von Wunderheilungen geschätzt werden, erweisen sich als Objekte, für die sich eine skrupellose, gewinnsüchtige Geheimorganisation mit internationalen Verbindungen, die nicht vor Morden zurückschreckt. Buddha warnte vor dem Begehren, denn er hielt es für eine Quelle böser Taten. Eva Demski entwirft in ihrem Roman „Das siamesische Dorf“ eine geheimnisvolle Szenerie, in der vieles unerklärlich und in der Schwebe bleibt.

Eva Katrin Küfner wurde am 12. Mai 1944 als Tochter eines Bühnenbildners in Regensburg geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte arbeitete sie jahrelang als Übersetzerin, Verlagslektorin und bei den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main als Dramaturgieassistentin. 1974 starb der Rechtsanwalt Reiner Demski, mit dem sie seit 1967 verheiratet war.

Eva Demski: Bibliografie (Auswahl)

  • Goldkind (Roman, 1979)
  • Karneval (Roman, 1981)
  • Scheintod (Roman, 1984)
  • Hotel Hölle, guten Tag … (Roman, 1987)
  • Afra (Roman, 1992)
  • Katzenbuch (1992)
  • Land & Leute (Essays und Erzählungen, 1994)
  • Die Katzen von Montmartre (Bildband, mit Ruth Westerwelle, 1996)
  • Das Narrenhaus (Roman, 1997)
  • Mama Donau (Geschichten, 2001)
  • Das Karussell im Englischen Garten (Bildband, mit Isolde Ohlbaum, 2002)
  • Frankfurter Kontraste (Bildband, mit Mirko Krizanovic, 2004)
  • Von Liebe, Reichtum, Tod und Schminke (Essays, 2004)
  • Das siamesische Dorf (Roman, 2006)


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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Suhrkamp

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