Der Junge mit dem Fahrrad

Der Junge mit dem Fahrrad

Der Junge mit dem Fahrrad

Der Junge mit dem Fahrrad – Originaltitel: Le gamin au vélo – Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne – Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne – Kamera: Alain Marcoen – Schnitt: Marie-Hélène Dozo – Darsteller: Thomas Doret, Cécile De France, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione, Egon Di Mateo, Laurent Caron, Youssef Tiberkanine u.a. – 2011; 85 Minuten

Inhaltsangabe

Cyril ist elf oder zwölf Jahre alt. Sein Vater Guy Catoul lieferte ihn vor einem Monat in einem Heim ab und verschwand. Bei der verzweifelten Suche nach ihm gerät Cyril an die Frisörin Samantha, die sich bereit erklärt, ihn an den Wochenenden zu sich zu nehmen. Sie findet schließlich auch seinen Vater, aber der will von dem Kind nichts mehr wissen. Cyril kann es nicht fassen. Als ihm ein Kleinkrimineller Respekt zollt, lässt er sich zu einem Raubüberfall anstiften ...
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Kritik

"Der Junge mit dem Fahrrad" ist ein nüchtern erzähltes Großstadtmärchen der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne. Getragen wird der Film von der Figur Cyril und ihrem überzeugenden Darsteller Thomas Doret.
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Cyril (Thomas Doret) ist elf oder zwölf Jahre alt. Von seiner Mutter erfahren wir nichts. Als ihn sein Vater Guy Catoul (Jérémie Renier) vor vier Wochen in einem Jugendheim ablieferte, sagte er, es sei nur für kurze Zeit, aber seither hat Cyril nichts mehr von ihm gehört, und wenn er die Handynummer seines Vaters wählt, läuft eine automatische Ansage, derzufolge sie nicht mehr vergeben ist. Niemand kann ihm sagen, wo sein Vater jetzt ist. Um ihn zu suchen, reißt Cyril aus.

Der Hausmeister des Mietshauses, in dem Cyril bis vor einem Monat mit seinem Vater wohnte, erklärt ihm, Guy Catoul sei ausgezogen. Als einer der Erzieher aus dem Heim auftaucht, flüchtet Cyril in eine Arztpraxis und klammert sich im Wartezimmer an einer Patientin fest. Der Erzieher und der Hausmeister holen ihn und führen ihn in die ausgeräumte Wohnung. Auch Cyrils Fahrrad ist weg.

Ein paar Tage später bringt die junge Frau, an die Cyril sich in der Arztpraxis klammerte, das Fahrrad ins Heim. Samantha (Cécile De France), so heißt sie, kaufte es jemanden in der Nachbarschaft ab. Cyril ist überzeugt, dass es gestohlen wurde. Er fragt Samantha, ob er an den Wochenenden zu ihr kommen dürfe, und sie verspricht, das mit dem Heimleiter zu besprechen.

Am nächsten Wochenende holt sie ihn tatsächlich ab. Sie arbeitet als Frisörin in ihrem eigene Salon. Cyril fährt mit dem Rad herum und fragt alle Leute, die seinen Vater kannten, nach ihm. Aber niemand weiß etwas. In einer Tankstelle entdeckt Cyril einen Aushang, auf dem sein Fahrrad und das Motorrad seines Vaters zum Verkauf angeboten werden. Dennoch kann er es noch immer nicht glauben, dass der Vater das Fahrrad verkaufte und verschwand, ohne sich um ihn zu kümmern.

Schließlich findet Samantha heraus, wo Guy Catoul zu erreichen ist. Sie ruft ihn an und arrangiert für Cyril eine Verabredung mit seinem Vater. Aber sie warten vergeblich auf Guy. Samantha fährt daraufhin mit ihrem Schützling zu der Adresse. Dort öffnet eine Frau (Selma Alaoui) die Tür, und nachdem Samantha ihr erklärt hat, dass Cyril der Sohn des Gesuchten sei, sagt sie, Guy arbeite als Koch in ihrem Restaurant. Das ist zwar noch geschlossen, aber Samantha und Cyril klopfen gegen die Fenster, bis Guy trotz der lauten Musik endlich auf sie aufmerksam wird. Während Samantha auf der Straße wartet, geht Cyril hinein. Er versucht alles, um eine Weile bei seinem Vater in der Restaurantküche bleiben zu können, aber dieser drängt ihn nach wenigen Minuten hinaus. Dann bittet er Samantha auf ein Wort unter vier Augen. Er sei in finanziellen Schwierigkeiten, erklärt er, und gerade dabei, ein neues Leben anzufangen. Da habe er genug Stress und könne sich nicht auch noch um seinen Sohn kümmern. Er bittet Samantha, für das Kind zu sorgen und ihm zu sagen, dass er es nicht mehr sehen will. Samantha weiß, dass Cyril ihr das nicht glauben würde und bringt Guy dazu, es ihm selbst zu sagen.

Im Auto bekommt Cyril einen Tobsuchtsanfall. Nur mit Mühe kann Samantha ihn beruhigen.

Als Cyril einen Jungen verfolgt, der ihm sein Fahrrad gestohlen hat, gerät er an eine Clique Jugendlicher. Wes (Egon Di Mateo), der Anführer, lobt Cyrils Kampfgeist und nimmt ihn mit in die Wohnung seiner Großeltern, wo er ein Zimmer hat. Währenddessen flickt ein Auszubildender in einer Werkstatt auf Wes‘ Kosten Cyrils kaputten Fahrradschlauch. Samantha ruft Cyril auf dem Handy an. Er lügt und sagt, er sei mit dem Rad unterwegs. Als ihr Name zum zweiten Mal auf dem Display erscheint, rät Wes ihm, das Handy auszuschalten. Zwei Stunden lang fahren Samantha und ihr Freund Gilles (Laurent Caron) mit dem Auto herum, bis sie Wes und Cyril auf der Straße entdecken. Sein Rad sei kaputt gewesen, und Wes habe es reparieren lassen, sagt Cyril. Samantha, die Wes kennt und ihn für einen kleinkriminellen Drogendealer hält, nimmt Cyril das Versprechen ab, dass er sich nie wieder mit ihm treffen werde.

Als Gilles mit Cyril in Streit gerät, fordert er Samantha auf, sich zwischen ihm und dem Jungen zu entscheiden. Sie wählt Cyril und hält Gilles nicht zurück, als er grußlos geht.

Trotz seines Versprechens trifft Cyril sich auch am nächsten Wochenende wieder mit Wes. Der stiftet ihn dazu an, einen Kioskbesitzer zu überfallen und auszurauben. Für den frustrierten Jungen ist Wes eine Art Vaterersatz. Deshalb hört er auf ihn. Als der Kioskbesitzer die Lottogelder in den Kofferraum seines Wagens packen will, greift Cyril ihn von hinten mit einem Baseballschläger an. Der Mann liegt bereits bewusstlos am Boden, als unerwartet sein Sohn auftaucht. Cyril schlägt ihn zwar auch nieder, rechnet aber damit, dass er erkannt wurde. Wes wartet in der Nähe in einem Auto. Als er begreift, dass der Überfall nicht wie geplant verlief, weist er das Geld zurück und schärft Cyril ein, er müsse bei der Polizei sagen, er habe allein und aus eigenem Antrieb gehandelt. Andernfalls werde er ihn umbringen.

Cyril bringt das Geld seinem Vater in die Restaurantküche, aber Guy will nicht in ein Verbrechen mit hineingezogen werden und schickt ihn deshalb fort.

Als Cyril Stunden später bei Samantha klingelt, teilt sie ihm mit, dass die Polizei wegen des Überfalls nach ihm suche und geht mit ihm zum Revier.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Der Kioskbesitzer erhält sein Geld zurück. (Wie das geschieht, erfahren wir nicht.) Aber er verlangt Ersatz für die medizinischen Behandlungskosten und den Verdienstausfall aufgrund seiner mehrtägigen Arbeitsunfähigkeit. Von Wes, der inzwischen inhaftiert wurde, ist nichts zu holen, denn er ist mittellos. Mit Hilfe einer Anwältin (Lara Persain) schließen Samantha und der Kioskbesitzer einen Vertrag: Samantha verpflichtet sich, seine finanziellen Ansprüche in 22 Monatsraten abzustottern. Im Gegenzug nimmt er Cyrils Entschuldigung an und verzichtet auf Schmerzensgeld.

Cyril glaubt endlich, dass er sich auf Samantha verlassen kann. Er will für immer bei ihr bleiben.

Während eines Ausflugs mit Fahrrädern fragt Samantha, ob Cyril Lust auf einen Grillabend habe. Nachdem er „ja“ gesagt hat, ruft sie die Eltern des Nachbarjungen Mourad (Youssef Tiberkanine) an und lädt sie mit ihrem Sohn und zwei Neffen ein. Auf dem Rückweg besorgt Samantha in einem Supermarkt, was sie zum Grillen benötigt. Da die Grillkohle jedoch ausgegangen ist, fährt Cyril mit dem Rad zu einer nahen Tankstelle und kauft dort welche.

Beim Verlassen des Shops entdeckt ihn der Sohn des Kioskbesitzers, rennt ihm nach und reißt ihn vom Fahrrad. Cyril flüchtet auf einen Baum, aber der Ältere wirft so lange mit Steinen nach ihm, bis er ihn an der Hand trifft und Cyril zu Boden stürzt. Dort bleibt er reglos liegen. Der Kioskbesitzer kommt dazu. Als Erstes schleudert er einen Stein, an dem Blut klebt, so weit wie möglich weg. Dann greift er zum Handy, um den Notruf zu wählen, aber da beginnt Cyril sich zu regen. Mühsam steht er auf, geht zu seinem Rad, hebt auch den Beutel mit der Grillkohle auf und macht sich auf den Heimweg.

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„Der Junge mit dem Fahrrad“ ist eine Art Großstadtmärchen. Jean Pierre und Luc Dardenne erzählen es kitschfrei und nüchtern. Die beiden Belgier verzichten auf jegliche stilistische Effekthascherei und mit Ausnahme von ein paar Takten aus dem Adagio des 5. Klavierkonzerts von Ludwig van Beethoven, die drei- oder viermal erklingen, auf eine Musikuntermaldung.

Warum die Frisörin Samantha es auf sich nimmt, einen elf- oder zwölfjährigen Jungen aus dem Heim zu sich zu nehmen, obwohl ihr dieser jede Menge Ärger einbringt, erfahren wir nicht. Auch sonst können wir das Verhalten der Erwachsenen nicht immer nachvollen. Bei Cyril ist das anders. Dessen Reaktionen, so krass einige davon sind, wirken überzeugend. Das liegt nicht zuletzt an der herausragenden schauspielerischen Leistung Thomas Dorets. Die Filmfigur Cyril und ihr Darsteller Thomas Doret tragen denn auch den Film und machen „Der Junge mit dem Fahrrad“ sehenswert.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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