Der Sohn

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Der Sohn

Der Sohn – Originaltitel: Le fils – Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne – Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne – Kamera: Alain Marcoen – Schnitt: Marie-Hélène Dozo – Darsteller: Olivier Gourmet, Morgan Marinne, Isabella Soupart, Nassim Hassaïni, Kevin Leroy, Félicien Pitsaer, Rémy Renaud, Annette Closset, Fabian Marnette, Jimmy Deloof, Anne Gerard u.a. – 2002; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Der kleine Sohn des Schreinermeisters Olivier und seiner Frau Magali wurde von dem elfjährigen, in Panik geratenen Autodieb Francis erwürgt. Nachdem Francis fünf Jahre Haft verbüßt hat, kommt er auf Bewährung frei und bewirbt sich in einer Lehrwerkstatt für straffällig gewordene Jugendliche – ohne zu ahnen, dass es sich bei dem Leiter der Schreinerwerkstatt um den Vater seines Opfers handelt. Olivier erkennt ihn sofort, beobachtet ihn und umschleicht ihn. Was hat er vor?
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Kritik

"Der Sohn" ist ein formal karges, aber ausdrucksstarkes und ungemein spannendes Psychodrama der Gebrüder Dardenne. Die Inszenierung wirkt so authentisch, dass man den Eindruck hat, "echte" Menschen im Alltag zu beobachten.
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Olivier (Olivier Gourmet) leitet die Schreiner-Lehrwerkstatt einer staatlichen Einrichtung für straffällig gewordene Jugendliche, die hier nach der Verbüßung ihrer Strafe die Chance erhalten, einen Beruf zu erlernen und sich in die Gesellschaft zu integrieren. Der Meister ist ein ernster, in sich gekehrter Mensch, der kein unnötiges Wort redet und millimetergenaue, sorgfältige Arbeit verlangt.

Die Direktorin des Berufsbildungszentrums (Annette Closset) fragt Olivier, ob er einen fünften Lehrling aufnehmen kann, der gerade eine fünfjährige Haftstrafe in Fraipont verbüßt hat und auf Bewährung entlassen wurde. Olivier lehnt das ab, und der sechzehnjährige Francis Thirion (Morgan Marinne) wird der Schweißerwerkstatt zugeteilt. Olivier kennt den Jungen und beobachtet ihn auf Schritt und Tritt: Im Alter von elf Jahren erwürgte Francis den kleinen Sohn von Olivier und Magali (Isabella Soupart). Eigentlich hatte Francis nur Oliviers Autoradio stehlen wollen, aber dabei das Kind im Auto übersehen. Dadurch war er in Panik geraten.

Die Ehe von Olivier und Magali ist inzwischen zerbrochen, aber sie sind in Kontakt geblieben, und Magali kommt an diesem Abend vorbei, um ihrem Ex-Mann mitzuteilen, dass sie wieder schwanger sei und bald heiraten werde.

Am nächsten Morgen sucht Olivier die Direktorin auf. Weil sie telefoniert, will er ihr Büro wieder verlassen, aber sie ruft ihn zurück, und er meint, er könne Francis doch in der Schreinerei gebrauchen. Damit ist die Direktorin einverstanden. Olivier weist Francis ein, umschleicht ihn und folgt ihm am Abend auf dem Heimweg.

Anschließend fährt er zu der Tankstelle, in der Magali arbeitet. Unschlüssig tritt er ein und meint zunächst, es freue ihn, dass sie wieder ein Kind bekomme. Dann erzählt er ihr, dass der Mörder ihres Sohnes freigelassen worden sei und sich in seiner Schreiner-Lehrwerkstatt beworben habe. Doch er habe ihn nicht genommen, lügt er, und er rechne nicht damit, dass Francis noch einmal auftauchen werde.

Am Stehtisch eines Schnellimbisses gesellt Francis sich zu Olivier. Der Junge ist noch immer davon beeindruckt, dass Olivier beim Aussuchen eines Overalls seine Körpergröße auf den Zentimeter genau erriet und Entfernungen genau abzuschätzen vermag.

Am dritten Tag entwendet Olivier heimlich Francis‘ Schlüssel, dringt während der Arbeitszeit in dessen Wohnung ein und sieht sich dort um. Zurück in der Werkstatt, fragt er den Jungen, ob dieser das Wochenende mit seinen Eltern verbringe. Nein, lautet die Antwort, der Freund seiner Mutter wolle das nicht, und wo sein Vater inzwischen wohne, wisse er nicht.

Nach der Arbeit bietet Olivier ihm an, ihn nach Hause zu fahren. Zufällig kommt Magali vorbei, als Francis ins Auto steigt. Der Schock raubt ihr vorübergehend die Besinnung. Als sie wieder zu sich gekommen ist, fragt sie ihren Ex-Mann, warum er sich um den Jungen kümmere. Er wisse es nicht, antwortet Olivier.

Während der Fahrt sagt Olivier, er müsse am Samstag Nachschub aus dem Holzlager seines Bruders holen. Francis könne mitkommen, ihm dabei helfen und zugleich weitere Holzarten kennen lernen.

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Also fahren sie am nächsten Tag gemeinsam zu dem Holzlager. Francis schläft auf dem Beifahrersitz ein. Er nehme Schlaftabletten, erklärt er. Während einer Pause fragt Francis, ob Olivier bereit sei, seine Vormundschaft zu übernehmen. Verblüfft meint Olivier, er müsse erst darüber nachdenken, bevor er eine Antwort geben könne.

In dem Holzlager suchen sie geeignete Bohlen aus und schneiden sie so zurecht, dass sie im Anhänger transportiert werden können. Unvermittelt sagt Olivier: „Der Junge, den du getötet hast, war mein Sohn.“ Da rennt Francis panisch vor Angst weg. Olivier ruft ihm nach, er habe nichts von ihm zu befürchten, aber der Junge traut ihm nicht. Im angrenzenden Wald holt Olivier ihn ein und wirft ihn zu Boden.

Nachdem er wieder zu Atem gekommen ist, lädt er die zugeschnittenen Bohlen auf den Anhänger. Francis kommt dazu und hilft ihm wortlos.

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Bei dem eigenwilligen Film „Der Sohn“ handelt es sich um ein formal karges, aber ausdrucksstarkes Psychodrama, bei dem eine unruhige Handkamera den Protagonisten Olivier ständig aus nächster Nähe umkreist und dessen Nervosität unterstreicht. Obwohl Jean Pierre und Luc Dardenne bewusst auf eye catcher und Musikuntermalung verzichtet haben, zieht der Film die Zuschauer in seinen Bann. Die Spannung ergibt sich aus der Frage, was Olivier mit Francis vorhat – will er sich an ihm rächen? –, und wie dieser darauf reagieren wird. Wie ertragen die beiden Personen ihr Trauma? Die Inszenierung wirkt so authentisch, dass man den Eindruck hat, „echte“ Menschen im Alltag zu beobachten. Der belgische Schauspieler Olivier Gourmet, der den Schreinermeister Olivier überzeugend verkörpert, wurde für diese Rolle in Cannes 2002 mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet.

Synchronsprecher in „Der Sohn“: Douglas Wolbat (Olivier), Josso Grimm (Francis), Marion Elskis (Magali) u.a. – Buch und Dialogregie: Katrin Miclette.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007

Jean Pierre und Luc Dardenne (kurze Biografie / Filmografie)

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