Ketil Bjørnstad : Der Fluss

Der Fluss

Ketil Bjørnstad

Der Fluss

Originalausgabe: Elven Aschehoug & Co, Oslo 2007 Der Fluss Übersetzung: Lothar Schneider Insel Verlag, Frankfurt/M / Leipzig 2009 ISBN: 978-3-458-17425-7, 383 Seiten, 22.80 € (D) Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2010 ISBN: 978-3-518-46171-6, 383 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 18-jährige Klavierschüler Aksel Vinding, dessen Freundin Anja Skoog kürzlich an den Folgen ihrer Anorexie starb, lässt sich auf zwei ältere Frauen ein: seine Musiklehrerin Selma Lynge, die von ihm diszipliniertes Üben verlangt, und seine neue große Liebe, Anjas Mutter Marianne Skoog, die ihm wegen ihrer psychischen Instabilität ein Übermaß an Verantwortung aufbürdet. Obwohl er sich für beide Herausforderungen zu jung fühlt, stellt er sich ihnen ...
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Kritik

Intensiv und einfühlsam beschäftigt Ketil Bjørnstad sich in "Der Fluss" mit der psychischen Entwicklung des Protagonisten, der – hin- und hergerissen zwischen Trauer, Lust und Karriereziel – seinen Weg sucht.
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Was bisher geschah: „Vindings Spiel“

Ende Juli 1970 halten sich Aksel Vinding und Rebecca Frost im Ferienhaus der Familie Frost im Schärengarten vor Tvedestrand auf. Aber sie schlafen in getrennten Zimmern. Rebecca hielt den ein Jahr jüngeren Klavierschüler zwar einmal für den Mann ihres Lebens, aber als er ihr Anja Skoog vorzog, hielt sie sich nicht mit dem aussichtslosen Versuch auf, ihn doch noch für sich zu gewinnen, sondern verlobte sich mit dem Jurastudenten Christian Langballe und blieb Aksels engste, wenn auch platonische Freundin. Anja starb vor wenigen Wochen an Magersucht, kurz nachdem ihr Vater Bror sich im Keller seines Hauses erschossen hatte.

Während Aksel und Rebecca in der Sonne liegen, beobachten sie eine Segelyacht mit drei Männern und zwei Frauen an Bord. Bei einem gewagten Manöver bricht der Mast, und die Yacht kentert. Aksel weiß nicht recht, was er tun soll, aber Rebecca begreift sofort, dass niemand anderes den Schiffbrüchigen helfen kann. Sie rennt zum Motorboot und fordert Aksel auf, ihr zu helfen. Sie steuert die Unglücksstelle an, und während sie vorsichtig manövriert, zieht Aksel die Schiffbrüchigen aus dem Wasser, denn die Badeleiter ging zu Beginn des Sommers kaputt. Unter den Geretteten ist Anjas Mutter, die Gynäkologin Marianne Skoog. Ein Mann wird vermisst, bis seine Leiche von einem Hubschrauber der inzwischen alarmierten Küstenwacht aus dem Wasser gezogen wird.

In dieser Nacht will Rebecca nicht allein bleiben. Sie holt deshalb Aksel vom Gäste- ins Schlafzimmer und schließlich auch in ihr Bett. Nach dem Orgasmus meint sie:

„Und was gerade war, darüber dürfen wir nie reden. Verstehst du? Diese Nacht ist eine Ausnahme und kehrt nie wieder. Wir haben nicht miteinander geschlafen. Was wir getan haben, passierte nur, weil es nicht anders ging. Weil wir Trost brauchten. Weil wir in einer tiefen Not waren.“

Zurück in Oslo entdeckt Aksel im September Aushänge von Marianne Skoog: Sie sucht einen Untermieter, möglichst einen Musikstudenten, denn in Anjas Zimmer steht ein Steinway-Konzertflügel. Aksel bezog zwar im Juni eine Wohnung im Stadtteil Majorstuen, die ihm sein verstorbener früherer Musiklehrer Oscar Synnestvedt vermacht hatte, aber er würde die teure Wohnung gern vermieten und sich selbst mit einem billigen Zimmer begnügen, um auf diese Weise seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Der Gedanke, in Anjas Zimmer zu wohnen, lässt Aksel nicht mehr los, und schließlich einigt er sich mit Marianne über die Konditionen.

Die Fünfunddreißigjährige fängt kurz darauf wieder zu arbeiten an: Sie engagiert sich im Verein der Sozialistischen Ärzte, berät Patientinnen über Verhütungsmethoden und Abtreibung.

Kurz nach seinem Einzug in Mariannes Haus kehren Selma und Torfinn Lynge von einem Urlaub in München zurück. Damit beginnt für Aksel wieder der Klavierunterricht im Sandbunnveien. Als Selma Lynge merkt, dass er in der Zwischenzeit zu wenig übte, tobt sie. Nach den Enttäuschungen mit Rebecca Frost und Anja Skoog könnte sie es kaum ertragen, wenn Aksel sein Talent vernachlässigen würde. Als die Fünfzigjährige sich etwas beruhigt hat, erklärt sie ihm, dass er ihr letzter Schüler sein werde und sie sein Debüt für den 9. Juni 1971 geplant habe. Aksel nimmt sich vor, sie nicht zu enttäuschen.

So wie im Vorjahr mit Anja wandert Aksel nun mit Marianne auf den Brunkollen. Die Fünfunddreißigjährige erzählt ihrem achtzehnjährigen Untermieter, dass sie 1951 im Alter von sechzehn Jahren von einem Nachbarjungen defloriert und geschwängert wurde. In ihrer Verzweiflung bearbeitete sie sich mit Stricknadeln, bis es zum Abortus kam. Niemand merkte etwas. 1952 lernte sie den sieben Jahre älteren Medizinstudenten Bror Skoog kennen – und wurde gleich beim ersten Koitus mit ihm erneut schwanger. Bror, der zeitlebens glaubte, der erste Mann in Mariannes Leben zu sein, drängte sie zur Abtreibung, aber sie weigerte sich. Sie heirateten, bevor Marianne mit achtzehn Anja gebar. Weil ihn sein Gewissen quälte, liebte Bror seine Tochter über alles. Es gab sogar Gerüchte, er missbrauche sie, aber Marianne fand nie heraus, ob das stimmte oder nicht.

Auf dem Rückweg zur Straßenbahnhaltestelle Grini bricht Marianne zusammen. Aksel bleibt nichts anderes übrig, als sie zu tragen.

Am nächsten Tag lieben sich Marianne und Aksel in Anjas Bett.

Marianne graut es vor einem Verhältnis wie zwischen Mrs Robinson und Ben Braddock in dem Film „Die Reifeprüfung“, aber sie lässt sich auf ein Liebesverhältnis mit dem Achtzehnjährigen ein.

Als sie zusammen im Theatercafé in Oslo sitzen, kommt ein Herr zu ihnen an den Tisch, in dem Aksel den waghalsigen Skipper erkennt, der das Schiffsunglück verursachte. Es handelt sich um den Urologen Richard Sperring. Marianne verbirgt nicht ihren Hass auf diesen Mann, und als er sich wieder zurückgezogen hat, erklärt sie Aksel, sie mache Sperring für den Tod des Mannes verantwortlich, dessen Leiche vom Hubschrauber geborgen wurde. Er hieß Erik Holm, arbeitete im Ullevål-Krankenhaus und war nicht nur ihr Psychiater, sondern nach Abschluss der Therapie auch ihr Freund. Als er ums Leben kam, wurde ihr die Hoffnung auf einen Neuanfang nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Tochter geraubt.

Beim Verlassen des Theatercafés treffen Marianne und Aksel auf Rebecca Frost und Christian Langballe. Aksel kannte Rebeccas Verlobten noch nicht. Er ist ihm auf den ersten Blick unsympathisch.

Zu viert gehen sie ins Kino, um sich den Film von Michael Wadleigh über das Woodstock-Festival vom 15. bis 18. August 1969 anzuschauen. Aksel, Rebecca und Christian sind überrascht, als sie Marianne im Publikum des Festivals erkennen: Sie steht im weißen BH im strömenden Regen und streckt die Arme nach oben.

Aksel ist allein im Haus, als er durchs Fenster blickt und ihm eine ältere Dame auffällt, die auf der Straße stehen geblieben ist. Er geht hinaus und fragt, ob er ihr helfen könne. Es handelt sich um Martha Skoog, Mariannes Schwiegermutter. Sie erklärt Aksel, sie habe nur noch einmal das Haus ihres Sohnes betrachten wollen, denn sie könne nicht verstehen, warum dieser sich erschoss und ihre Enkelin sich zu Tode hungerte. Außerdem verrät sie Aksel, dass Marianne mehrere Male in psychiatrischen Kliniken behandelt wurde.

Als Selma Lynge erfährt, dass Aksel inzwischen bei Marianne Skoog wohnt, lädt sie die beiden im Oktober zum Essen ein. Die beiden Frauen schätzen sich auf Anhieb gegenseitig. Marianne erzählt, wie sie vor gut einem Jahr mit einer Freundin beim Woodstock-Festival war und sich auf eine lesbische Beziehung mit ihr einließ. Im Frühsommer 1970 belauschte Bror ein Telefongespräch, das sie mit ihr führte. Auf diese Weise erfuhr er nicht nur von der Untreue seiner Frau, sondern auch, dass sie vorhatte, sich nach dem achtzehnten Geburtstag der Tochter von ihm zu trennen. Daraufhin ging er in den Keller und erschoss sich. Anja, die schwer krank in ihrem Zimmer lag, hörte den Schuss und wusste sofort, dass ihr Vater sich das Leben genommen hatte. Am selben Abend noch wurde sie in ein Krankenhaus in Ullevål eingeliefert. Dort starb sie bald darauf. Die lesbische Beziehung fortzusetzen, brachte Marianne nach dem Suizid ihres Mannes nicht fertig.

Nach Mariannes Geständnis legen die Lynges das 2. Klavierkonzert in B-Dur von Johannes Brahms auf, eine Aufnahme mit Emil Gilels. Kurz nach dem Beginn verlässt Marianne den Raum. Im dritten Satz schreckt Aksel hoch. Marianne, die er auf der Toilette vermutete, ist noch immer nicht zurück. Er reißt die Nadel von der Platte und rennt los. In Mariannes Haus brennt Licht.

Sie ist im Keller. Natürlich ist sie im Keller! Ich haste nach unten, stolpere auf der Treppe, schramme mir das Knie an der Mauer auf, es tut weh.
Und ich rufe nicht mehr. Die Beine zittern. Denn ich weiß, dass sie da unten ist. Natürlich ist sie da unten. Das Licht zur Kellertreppe brennt.
Ich reiße die Tür zu dem Raum mit der Tiefkühltruhe auf [in dem Bror sich erschoss]. Mich schaudert.
Sie steht auf einem Schemel. Sie hat das türkisfarbene Kleid ausgezogen, steht da im BH. Sie starrt mich an, mit verzerrtem Gesicht, ohnmächtig und böse.
„Was willst du mit dem Strick?“, brülle ich sie wütend an, als wäre sie weit entfernt. „Das willst du mit dem Strick?“

Während Marianne in einer psychiatrischen Klinik außerhalb von Oslo behandelt wird, betritt Aksel ihr Arbeitszimmer – was sie ihm beim Einzug strikt verboten hatte. In einem mit „Marianne“ beschrifteten Ordner findet er Epikrisen, denen er entnimmt, dass sie seit 1952, also seit ihrem 17. Lebensjahr als manisch-depressiv und suizidgefährdet gilt. Martha Skoog sagte die Wahrheit.

Es erschreckt mich, dass es Marianne in der Zeit, in der wir zusammen waren, so gut zu gehen schien und ich nicht gemerkt habe, wie ernst es um sie steht.

Einen Tag bevor er Marianne an ihrem Geburtstag erstmals besuchen darf, kommt ihre Mutter Ida Marie Liljerot zu ihm. Von der pensionierten Psychiaterin erfährt Aksel, dass Marianne eine fünf Jahre jüngere Schwester hat. Sigrun arbeitet in der Finnmark als Landärztin und ist glücklich verheiratet. Ida Marie Liljerot versucht Aksel klarzumachen, dass Marianne nach der Entlassung aus der Klinik sehr viel Fürsorge benötigen werde. Möglicherweise müsse er seine Karriere als Pianist aufschieben, um für sie da zu sein. Noch eine Enttäuschung würde sie nicht verkraften. Lieber solle Aksel sich von ihr trennen, solange sie in ärztlicher Behandlung ist.

Auch die zuständige Ärztin in der Klinik, die mit Aksel spricht, bevor er zu Marianne geht, weist darauf hin, dass die Patientin nach der Entlassung in etwa drei Monaten noch intensiv betreut werden müsse. Marianne habe ihr aufgetragen, ihm zu sagen, dass er sich zu nichts verpflichtet fühlen solle und frei sei. Nur müsse er sich jetzt entscheiden.

Aksel will sich beiden Aufgaben stellen, für Marianne da sein und sich aber auch auf sein Debüt am 9. Juni vorbereiten.

Der Fluss. Für mich gibt es jetzt zwei Welten, auf jeder Seite des Flusses eine. Auf der einen Seite die Welt der Marianne Skoog. Eine schöne, gefährliche und befreiende Welt. Die andere Welt gehört Selma Lynge. Eine fordernde, anstrengende und verpflichtende Welt. Ich fühle mich zu jung für beide, kann aber trotzdem nicht ohne sie leben.

Er verabredet sich mit Iselin Hoffmann, der Frau, mit der Marianne in Woodstock war. Es handelt sich um eine Hautärztin, die siebzehn Jahre älter als Marianne ist. Aksel findet sie hässlich und abstoßend.

Rebecca Frost und Christian Langballe heiraten Ende 1970. Aksel fungiert als Rebeccas Trauzeuge. Gilbert Vogt, der Trauzeuge des Bräutigams, ist Aksel beinahe noch unsympathischer als Christian. In seiner kurzen Ansprache erwähnt Aksel, Rebecca habe einmal gemeint, sie und er seien ein ideales Paar. Daraufhin bewirft ihn Christian mit seinem Hochzeitsgeschenk, einer teuren Glasvase.

Beim Silvesterbesuch in der Klinik fragt Aksel spontan, ob Marianne seine Frau werden wolle. Sie sagt ja, möchte aber, dass die Zeremonie möglichst unauffällig stattfindet, um kein Getuschel in der Nachbarschaft auszulösen, und Aksel schlägt ihr vor, in Wien zu heiraten, wenn er dort von Professor Bruno Seidlhofer an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst den letzten Schliff fürs Debüt bekommt.

Im Januar 1971 kehrt Marianne nach Hause zurück, und im Februar setzt sie ihre Berufstätigkeit wieder fort.

Am 19. April nehmen Aksel und Marianne ein Taxi zum Flughafen Fornebu und fliegen nach Wien, wo sie im Hotel Sacher absteigen. Zufällig begegnet ihnen Margrethe Irene Floed. Die Frau, mit der Aksel seine ersten sexuellen Erfahrungen sammelte, studiert in Wien und nimmt bei Bruno Seidlhofer Klavierunterricht.

Die Hochzeit findet am 23. April in der norwegischen Botschaft statt. Mit Familiennamen heißt Marianne nun Skoog Vinding.

Sie überrascht Aksel mit zwei Karten für den Musikverein. Unter der Leitung von Claudio Abbado werden die Wiener Philharmoniker die 3. Sinfonie in d-Moll von Gustav Mahler aufführen. Begeistert will Aksel seiner Frau, die sich zwar in der Rock-Musik, aber nicht in der Klassik auskennt, den Inhalt der sechs Sätze erklären.

„Weißt du, wie der erste Satz heißt? ‚Pan erwacht, der Sommer zieht ein‘.“
„Beeindruckend.“
„Das ist beeindruckend. Eine erschütternde Geschichte. Ein Kampf auf Leben und Tod, zwischendurch mit unendlich schönen Partien, eine Art verzweifelter Sehnsucht […] Aber bereits im zweiten Satz kommt eine Idylle, die Freude über die kleinen Dinge im Leben. Und den Satz hat er ‚Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen‘ genannt. Aber im dritten Satz, dem Scherzo, das ‚Was mir die Tiere im Walde erzählen‘ heißt, kehrt das Unheimliche zurück als ein Gewitter, eine unerwartete Gefahr, ein Raubtier […] Etwas Fürchterliches geschieht […]
Aber von da an ist alles Versöhnung oder Auferstehung […] Satz vier, ‚Was mir der Mensch erzählt‘, ist eine wunderbare Elegie, in der ein Mezzosopran Nietzsches berühmten Text aus ‚Also sprach Zarathustra‘ singt: ‚O Mensch! Gib acht! […] Lust – tiefer noch als Herzeleid. Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit. Will tiefe, tiefe Ewigkeit!'“

Weiter kommt Aksel nicht, denn Marianne läuft verstört ins Bad. Eine Panikattacke schüttelt sie.

Nach dem, was sie über die Mahler-Sinfonie erfahren hat, will Marianne sie auf keinen Fall hören. Aksel sträubt sich, allein ins Konzert zu gehen, aber Marianne überredet ihn, es zu tun. Ein paar Minuten nach dem Beginn hält er es nicht mehr aus. Er verlässt das Haus des Wiener Musikvereins und eilt zum Hotel zurück. Erleichtert stellt er fest, dass Marianne sich nichts angetan hat.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Zurück in Oslo, beobachtet Aksel, dass Marianne noch mehr Alkohol trinkt als zuvor [Alkoholkrankheit] und die Tabletten abgesetzt hat, die ihr von der psychiatrischen Klinik verschrieben wurden.

Voller Freude eröffnet sie ihm, sie sei schwanger und werde im Januar 1972 noch ein Kind zur Welt bringen.

Marianne kauft das neue Album ihrer Lieblingssängerin Joni Mitchell: „Blue“. Im Song „River“ heißt es: „And I’m gonna quit this crazy scene. I wish I had a river I could skate away on. I wish I had a river so long I would teach my feet to fly. Oh I wish I had a river I could skate away on.“ Als Marianne das hört, schaltet sie den Plattenspieler aus.

Am 9. Juni 1971 sitzt sie bei Aksels Debüt im Publikum. Aksel beginnt mit den zwei Präludien op. 29 von Fartein Valen. Es folgen die Klaviersonate Nr. 7 von Sergei Sergejewitsch Prokofjew, die f-Moll-Fantasie von Frédéric Chopin und die Klaviersonate Nr. 31, op. 110 in As-Dur von Ludwig van Beethoven. Aksel beschließt sein Konzert mit einem Präludium und einer Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier I von Johann Sebastian Bach. Als Zugabe wählt er, wie mit Selma Lynge abgesprochen, „Pavan und Galliard“ von William Byrd. Und als noch immer applaudiert wird, spielt er spontan seine eigene Komposition „Elven“ (Fluss).

Sobald die letzten Töne verklungen sind, sieht er, dass Marianne aufsteht und hinausgeht. Sie dreht sich noch einmal um und winkt ihm zu. Durch den Trubel abgelenkt, denkt Aksel sich nichts dabei. Er ahnt nicht, dass es ein Abschiedsgruß für immer war.

Fortsetzung: „Die Frau im Tal“

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„Der Fluss“ lautet der Titel des mittleren Teils einer Romantrilogie, die der norwegische Schriftsteller, Pianist und Komponist Ketil Bjørnstad mit „Vindings Spiel“ begann und mit „Die Frau im Tal“ (2009) vollendete.

„Der Fluss“ ist sowohl ein Künstler- als auch um ein Entwicklungsroman. Im Mittelpunkt steht der norwegische Klavierschüler Aksel Vinding, der wie der Autor 1952 geboren wurde und offenbar autobiografische Züge aufweist. Die Handlung spielt zwischen Juli 1970 und Juni 1971.

Aksel Vinding, dessen große Liebe Anja Skoog kürzlich an den Folgen ihrer Anorexie starb, lässt sich auf zwei ältere Frauen ein: seine Klavierlehrerin Selma Lynge, die von ihm diszipliniertes Üben verlangt, und seine neue große Liebe, Anjas Mutter Marianne Skoog, die ihm wegen ihrer psychischen Instabilität ein Übermaß an Verantwortung aufbürdet. Obwohl er sich für beide Herausforderungen zu jung fühlt, stellt er sich ihnen. Hin- und hergerissen zwischen Trauer, Lust und dem ehrgeizigen Karriereziel, sucht er seinen Weg. Die erschütternde Geschichte, die Ketil Bjørnstad in „Der Fluss“ erzählt, endet tragisch, aber für Aksel Vinding wird das Leben im dritten Roman („Die Frau im Tal“) weitergehen.

Ketil Bjørnstad beschränkt sich in „Der Fluss“ auf wenige Figuren und Schauplätze. Umso intensiver beschäftigt er sich mit der psychischen Entwicklung seines Protagonisten und dem konfliktreichen Beziehungsgeflecht der Charaktere. Dabei beweist er großes Einfühlungsvermögen.

Ruhig, ohne Effekthascherei und ohne stilistischen Schnickschnack entwickelt Ketil Bjørnstad die Handlung. Gerade weil vieles ungesagt bleibt oder nur angedeutet wird, entsteht eine Spannung, die bis zum Ende anhält. Die dichte Atmosphäre wechselt zwischen Trauer und Sehnsucht, Hoffnung und Verzweiflung. Mal schwelgt Ketil Bjørnstad in Gefühlen, dann lässt er den Protagonisten wieder über sein Leben, seine Ziele und seine Beziehungen reflektieren. Leitmotiv ist der Fluss (norwegisch: Elven).

Ärgerlich sind ein paar Schlampigkeiten, die im Lektorat übersehen wurden. Beispielsweise verströmt ein aus Lily of the Valley hergestelltes Parfum keinen Lilien-, sondern einen Maiglöckchenduft (Seite 110). Der Imperfekt von to dwell lautet nicht dwelled, sondern dwelt (Seite 117). Es heißt nicht „Venedig sehen und sterben“ (Seite 327), sondern „Neapel sehen und sterben“ bzw. „Vedi Napoli e poi muori“ (so auch die Titel von drei Filmen aus den Jahren 1924, 1951 und 2007 von Eugenio Perego, Riccardo Freda bzw. Enrico Caria). Gleich zwei Grammatikfehler enthält der folgende Satz:

Jetzt treten Gilbert Vogt und ich zu dem Brautpaar, die einen Augenblick aussehen, als stünden sie oben auf einer Riesentorte und nicht auf den zerschlissenen Teppich der Frognerkirche und tauschten die Ringe. (Seite 309)

Und wie können Marianne Skoog und Aksel Vinding im Jahr 1970 ihren 36. bzw. 19. Geburtstag feiern (S. 274, S. 296), wenn sie 1935 bzw. 1952 geboren sind (S. 136f)?

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Insel Verlag

Ketil Bjørnstad (kurze Biografie)

Ketil Bjørnstad: Oda
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Ketil Bjørnstad: Vindings Spiel
Ketil Bjørnstad: Die Frau im Tal
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Winston S. Churchill - Die Weltkrise 1911 – 1918
Winston Churchill war nicht nur ein herausragender Staatsmann, sondern auch ein brillanter Autor. Kenntnisreich und engagiert schrieb er über "Die Weltkrise 1914 – 1918".
Die Weltkrise 1911 – 1918

Winston S. Churchill

Die Weltkrise 1911 – 1918

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