Louis Begley : Der Mann, der zu spät kam

Der Mann, der zu spät kam

Louis Begley

Der Mann, der zu spät kam

Originalausgabe: The Man Who Was Late Alfred A. Knopf, New York 1992 Der Mann, der zu spät kam Übersetzung: Christa Krüger Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1996 ISBN 3-518-40812-7, 284 Seiten, 39.80 DM Taschenbuch: List Verlag, München 2004 ISBN 3-548-60404-8, 283 Seiten, 7.95 € /D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem Ben sich das Leben nahm, beschäftigt sich sein Freund Jack mit der Frage, woran er scheiterte. Ben, der während des Zweiten Weltkriegs in Polen aufgewachsen und dann mit seinen jüdischen Eltern in die USA emigriert war, hatte sich zu einem bedeutenden Banker hochgearbeitet. Er meisterte schwierige Verhandlungen über internationale Großprojekte und war auch bei Frauen erfolgreich. Wenn es jedoch um persönliche Entscheidungen ging, kam er zu spät ...
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Kritik

In dem Roman "Der Mann, der zu spät kam" entwickelt Louis Begley elegant und unaufgeregt ein berührendes, differenziertes und einfühlsames Porträt eines entwurzelten Juden.

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Ben und Jack lernten sich als Studenten in Harvard kennen. Sie waren drei Jahrgänge auseinander. Ihre Freundschaft begann, als sie nach dem Studium beide in New York lebten, wo Jack als Wissenschaftsjournalist tätig war und Ben bei einer alteingesessenen, renommierten Investment Bank an der Wall Street anfing.

Bei Bens Eltern handelte es sich um jüdische Immigranten. Aus Einwanderern setzte sich auch die Klientel von Bens Vater zusammen, der in Jersey City eine bescheidene Anwaltskanzlei betrieb und schließlich auch das Scheidungsverfahren seines Sohnes übernahm.

Ben war mit Rachel verheiratet. Die beiden hatten sich kennen gelernt, als Rachels Zwillinge Sarah und Rebekka zwei Jahre alt gewesen waren. Rachels erster Ehemann war durch einen Unfall ums Leben gekommen, als er etwas auf dem Dach seines Schuppens hatte reparieren wollen. Als auch Rachels Vater starb, erbte sie ein Vermögen. Die finanzielle Unabhängigkeit nutzte sie, um für den Sommer eine Villa bei Hyères zu mieten. Sie bezahlte Ben die Reise und ein kleines Gehalt dafür, dass er mitkam und sich um die Kinder kümmerte. An der Côte d’Azur kamen Ben und Rachel sich näher; später heirateten sie, und Ben wurde für Sarah und Rebekka ein liebevoller Stiefvater.

Bei der Ehescheidung ging es dann nicht ums Geld, sondern Ben kämpfte darum, die Zwillinge auch weiterhin sehen zu dürfen. Am Ende einigte man sich außergerichtlich darauf, dass Sarah und Rebekka ihren Stiefvater besuchen und auch einen Teil ihrer Ferien mit ihm verbringen durften. Allerdings zog Rachel bald darauf in die Nähe von Boston, Sarah kam in ein Internat in Milton, Massachusetts, und Rebekka in eines in Putney, Vermont.

Im nächsten Sommer mietete Ben eine Villa auf einer Insel vor Hyères für sich und die beiden jungen Damen. Rachel verbrachte die Zeit ebenfalls an der Riviera, und als sie bei einem Besuch der Mädchen in ihrem Feriendomizil erfuhr, dass sie in Bens Beisein ihre Bikini-Oberteile abgelegt hatten, schimpfte sie über den Lüstling und verbot ihnen, zu ihm zurückzukehren.

Schließlich wollten die Zwillinge nichts mehr von ihm wissen.

Als Ben 1961 zum Gesellschafter der Bank ernannt wurde, waren seine Eltern bereits tot.

Im August 1969 übernahm er die Leitung der Niederlassung der Bank in Paris.

Dort besuchte ihn Jack mit seiner Ehefrau Prudence. Ben war inzwischen mit Dolores liiert, der Ehefrau eines Reeders, und hatte außer ihr auch noch einige andere Geliebte. Durch Jack lernte Ben dessen Cousine Véronique kennen, die mit dem Rechtsanwalt Paul Decaze verheiratet war und einen damals fünf Jahre alten Sohn namens Laurent hatte. Die wohlsituierte Familie besaß eine Wohnung in Paris und ein Landhaus bei Arpajon.

Kurz darauf wurde Ben von Dolores nach Athen eingeladen, wo die Reeders-Gattin gerade ein neues Haus bezogen hatte. Ihr Ehemann habe in New York zu tun, teilte sie Ben mit. Statt jedoch nach Griechenland zu fliegen, lud Ben Véronique in ein Restaurant ein – und sie kam tatsächlich. Noch am selben Abend gingen sie miteinander ins Bett. Damit begann eine intensive Beziehung. (Dass Jack und Véronique vor ihren Eheschließungen auch eine Affäre gehabt hatten, erfuhr Ben nie.)

Als Paul Decaze Verdacht schöpfte, baute er Abhörwanzen ins eigene Telefon ein, nahm das Liebesgeflüster von Ben und Véronique auf und spielte es seiner Frau vor. Ben warnte sie, Paul könne ihr Laurent wegnehmen.

Aber das Problem ist nur vorgeschoben: Der eigentliche, verborgene Grund, weshalb ich mich schuldig fühle, ist, dass ich Angst davor habe, Véronique und Laurent bei mir aufzunehmen. Ich habe keine Lust mehr, den Stiefvater zu spielen; die haben mir die Zwillinge gründlich ausgetrieben. (Seite 151)

Im November 1970 hatte Ben in Rio de Janeiro mit Brasilianern, Japanern und Belgiern Verhandlungen über ein petrochemisches Projekt zu führen. Zuvor musste er unerwartet zu den japanischen Geschäftspartnern nach Tokio. Véroniques Brief fand er erst nach seiner Ankunft im Hotel in Rio de Janeiro vor. Sie berichtete ihm von einem Familientreffen der Decazes, bei dem sie sich missachtet und ausgeschlossen gefühlt hatte. Deshalb war sie aufgestanden, wie um einen Toast auszubringen und hatte verkündet, sie werde Paul verlassen und mit Ben zusammen leben. – Ben las den Brief, aber er glaubte, sich auf die schwierigen Geschäftsbesprechungen konzentrieren zu müssen und keine Zeit zu haben, um über seine persönlichen Beziehungen nachzudenken. Auch als die Verträge endlich unterschrieben waren, blieb er in Brasilien.

Eine schwere, ihn paralysierende Trägheit ergriff Besitz von ihm, er mochte nur noch gähnen, sich räkeln und schlafen. (Seite 184)

Sein Freund Dr. Alvaro de Carvalho nahm ihn mit zu einer Party bei dem aus Deutschland stammenden Zahnarzt Dr. Willi, der – wie Ben erst vor Ort merkte – einen Prostituiertenring in Rio de Janeiro betrieb. Dr. Willi schickte eines seiner Mädchen zu Ben, und Lotte schmiegte sich gleich an ihn. Unterbrochen wurden sie in ihren Liebkosungen, als Carvalho und der Zahnarzt Lottes Brustumfang messen wollten. Die anderen Frauen hatten ihre Oberteile bereits abgelegt, und bald waren die ersten ganz nackt. Ben nahm Lotte in sein Hotelzimmer mit und flog im Dezember mit ihr für einige Tage nach Angra dos Reis, wo das Paar die Tage in einsamen Buchten verbrachte.

In einem Brief warnte Ben Véronique noch einmal vor möglichen Konsequenzen und überließ ihr die Entscheidung über die Zukunft. Damit kam er zu spät.

Véronique vertraute sich in ihrer Wut und Verzweiflung ihrem Cousin Jack an. Sie empfand sich als Opfer.

Ich war überzeugt, wenn Véronique Ben liebte und er sie auch, dann könnte er mit ihr ein neues, ungleich erfüllteres und unterhaltsameres Leben beginnen. Ben hatte einfach erheblich mehr zu bieten als Paul Decaze. Aber jetzt war er mit Véronique gescheitert, und sie und Paul hatten es in die Hand genommen, die Krise zu überwinden. (Seite 229)

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Monatelang redete Véronique nicht mehr mit Ben. Als er im Sommer nach Paris kam und sie telefonisch bat, mit ihm essen zu gehen, willigte sie ein. Sie trafen sich am 7. Juli 1971 im Crillon.

Sie sagte: Ben, du hast dich überhaupt nicht verändert. Du redest aus Angst vor dem Schweigen und hörst dir dabei selber zu. (Seite 242)

Ben versuchte, ihr zu erklären, dass er aus „Misstrauen gegen die eigene Person“ und manchmal auch aus Selbsthass gezaudert habe, und er gestand ihr, in Brasilien mit einer Prostituierten zusammen gewesen zu sein. Das verstand Véronique überhaupt nicht; sie sei doch zu allen sexuellen Praktiken bereit gewesen, meinte sie. Dann fragte sie abrupt: „Können wir jetzt in dein Zimmer gehen?“ Als sie ihr Kleid ablegte, sah Ben, dass sie keine Unterwäsche trug. Obwohl sie schwanger war, forderte sie Ben auf, sie so brutal wie möglich von hinten zu nehmen. Nach dem Orgasmus erzählte sie ihm, sie sei mit Paul und Laurent beim Skifahren in Verbier gewesen, als sie seine beiden Briefe aus Brasilien bekommen habe. Unter dem Vorwand, sie müsse wegen Blutungen zu ihrem Gynäkologen in Paris, reiste sie auf der Stelle ab und ließ ihren Mann und ihren Sohn zurück. Die Flüge von Genf nach Paris waren ausgebucht, und sie bekam nur noch einen Platz in der Touristenklasse, in der hintersten Reihe der letzten Maschine an diesem Tag. Statt des Essens ließ sie sich eine Decke geben und schlief ein. Neben ihr saß ein dicker Kerl, der auf seinem Sitz kaum genügend Platz hatte. Sie wachte auf, als er unter der Decke mit den Fingern in sie eindrang. In Orly folgte sie ihm ins Hilton. Sie trieben es, bis ihre Genitalien wund waren und die Körpersäfte sich rötlich färbten. Dann zeigte der Dicke Véronique eine Sammlung pornografischer Fotos, die er gemacht hatte, packte eine Kamera und ein Stativ aus und knipste sie und sich in verschiedenen Positionen.

Schuld daran bist du, du Bastard, zischte sie Ben an, du hast mich zerbrochen, du hast mich dazu gebracht. (Seite 248)

Das Kind sei von dem Dicken, aber sie wolle es austragen.

Was jetzt, Ben? Willst du mich aufnehmen, mit dem Baby? Vergiss nicht: Du hast dieses Kind gemacht, der Mann war nur Zufall. (Seite 249)

In den Wochen nach dem Treffen mit Véronique war Ben geschäftlich viel unterwegs. Zu einer Verabredung mit Jack und Prudence erschien er mit der französischen Architektin Marie-France, deren Brustwarzen sich deutlich unter der durchsichtigen weißen Bluse abzeichneten.

Ich stinke nach Einsamkeit und Verlorenheit. (Seite 224)

Als er in Genf zu tun hatte, besorgte er sich in einer Apotheke zusätzlich zu den vorhandenen sechsundzwanzig Sekonal-Schlaftabletten dreißig weitere. Die wollte er zusammen mit Beruhigungstabletten schlucken und dabei eine Flasche Burgunder trinken. Dann verließ er jedoch das Hotel, ging auf den Pont de la Machine und sprang vor den Augen englischer Touristen mit dem Kopf voraus in die Tiefe. Das geschah am 13. August 1971.

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Ein Paradoxon, an dem er im Lauf der Zeit sogar Gefallen fand, war typisch für Ben: Immer dann, wenn lebenswichtige Entscheidungen auf dem Spiel standen, kam er, der pünktlichste und zuverlässigste Mensch unter der Sonne, zu spät – er verpasste seinen Zug. (Seite 7)

Mit diesen Worten beginnt Louis Begley seinen Roman „Der Mann, der zu spät kam“. Jack, der beste Freund dieses Mannes – er heißt Ben –, ist der Erzähler. Vor seinem Suizid setzte Ben ihn als Nachlassverwalter ein. Auf diese Weise kam Jack in den Besitz umfangreicher Notizen seines unglücklichen Freundes.

Ich kann die Möglichkeit nicht von der Hand weisen, dass Ben mit diesem Text, ganz gleich, wann er ihn schrieb, Theater spielte, wie so oft, nicht weil er ein Poseur war, sondern – aus Mutlosigkeit. Ben betonte gern im Scherz, er habe sich selbst erfunden und sei sich deshalb seiner Gefühle in Bezug auf Personen oder Sachen nie wirklich sicher. (Seite 44)

Jack schildert, was er im Lauf der Jahre von Ben und Véronique erfuhr. Zwischendurch zitiert er seitenlang aus Briefen und Aufzeichnungen. Auf diese Weise entsteht das berührende Porträt eines erfolgreichen Bankers, der seine jüdische Herkunft verdrängte, sich gewissermaßen selbst erfand, aber immer dann, wenn er vor einer für ihn persönlich bedeutsamen Entscheidung stand, so lange zauderte, bis es zu spät war. – „Der Mann, der zu spät kam“ ist ein unaufgeregt und zurückhaltend geschriebener Roman von Louis Begley, der auch hier mit einer differenzierten und einfühlsamen Charakterzeichnung brilliert.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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