Louis Begley : Schiffbruch

Schiffbruch
Originaltitel: Shipwreck, New York 2003 Schiffbruch Übersetzung: Christa Krüger Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2003 ISBN: 3-518-41475-5, 279 S., 19.90 € (D) Taschenbuch: Suhrkamp, Frankfurt/M 2005
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bei einem beruflichen Aufenthalt in Paris betrügt der New Yorker Schriftsteller John North zum ersten Mal seine Ehefrau Lydia. Doch als seine Leidenschaft für Léa abkühlt und er nur noch verhindern will, dass Lydia etwas von der Affäre erfährt, klammert die Geliebte sich an ihn ...

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Kritik

"Schiffbruch" ist eine brillant erzählte, den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile fesselnde Geschichte über eine Amour fou.
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Ich stand rauchend an der Bar, hatte ein leeres Glas vor mir und überlegte, ob ich noch etwas trinken oder gehen solle, da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Eine ziemlich tiefe, angenehme Stimme sagte: Darf ich Sie zu einem Whisky einladen? ich trinke nicht gern allein. Sie doch sicher auch nicht.

An der Bar in der Pariser Kneipe „Entre Deux Mondes“ wird der Autor des vorliegenden Buches von einem gut vierzigjährigen Fremden angesprochen, der sich als John North vorstellt und offenbar ein erfolgreicher amerikanischer Schriftsteller ist. North lädt sein Gegenüber auf einen Whisky ein, bestellt eine Flasche, setzt sich mit ihm an einen Tisch und erzählt ihm unaufgefordert – über drei Abende verteilt – seine Geschichte.

North wohnt mit seiner Frau Lydia, einer erfolgreichen Kinderärztin, in New York City. Die Wochenenden verbringen sie so oft wie möglich in einem Ferienhaus in East Hampton auf Long Island, das ihnen Lydias reiche Eltern – Bunny und Judy Frank – zur Hochzeit geschenkt hatten. Sie besitzen auch noch ein Haus auf Martha’s Vineyard, das North von einem unverheirateten Onkel geerbt hatte – zusammen mit einem zwölf Meter langen Boot, das auf den Namen „Kassandra“ getauft worden war.

Als die französische Übersetzung des Romans „Der Ameisenhaufen“ von John North herauskam, lud sein Verleger Xavier Roche ihn nach Paris ein. Im Rahmen der PR-Arbeit gab North im Café Flore einer Journalistin von „Vogue“ ein Interview. Sie hieß Léa Morini und war knapp dreißig. Sobald sie den Entwurf ihres Artikels fertig hatte, wollte sie sich wieder bei ihm melden.

Zufällig trafen sie sich schon früher, nämlich bei einem Abendessen im Haus von Norths langjährigem Freund Pierre Lalonde und dessen Frau Marianne, zu dem auch Léa eingeladen war. Sie kam in Begleitung von Jacques Robineau, dem stellvertretenden Leiter einer staatlichen Bank. Später fand North heraus, dass die beiden zwar gelegentlich miteinander schliefen, aber kein Paar waren. Jacques war mit der Journalistin Françoise Lecomte zusammen, und Léa traf sich jede Woche mit ihrem Liebhaber, einem verheirateten Mitglied der Académie française und Physik-Nobelpreisträger.

Um North den Entwurf des Artikels zu zeigen, verabredete Léa sich mit ihm. Ohne zu zögern, schlief sie mit ihm. Dann schlug sie ihm vor, mit in ihr Apartment zu kommen, wo sie ihm die Bilder zeigen wollte, die sie gemalt hatte. Eines davon drängte sie ihm auf und verkaufte es ihm für einen Sonderpreis. Sie wollte, dass er es in New York aufhängte, seiner Frau von dem Interview und dem Kauf des Bildes berichtete und sie ihn und Lydia unter dem Vorwand, neugierig auf die Wirkung des Gemäldes in seiner Wohnung zu sein, besuchen konnte. Ohne lang zu überlegen, bezahlte North das Bild in bar. Auch später überließ er Léa keine Belege, weder Briefe noch Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Léa hätte gern „geordnete Verhältnisse“ geschaffen oder was sie darunter verstand, eine Ménage à trois, eine Freundschaft zu dritt. Davon hielt North gar nichts; er wollte auf keinen Fall, dass Lydia etwas von seinem Seitensprung erfuhr, zumal es sein einziger war. Er empfand es als störend, dass sie ihn auch in New York anrief, während sie Jacques auf zwei Geschäftsreisen an die Ostküste begleitete, und sie brachte es wütend auf den Punkt:

Du möchtest mich ficken können, wenn es dir gerade passt und wenn du nicht fürchten musst, dass Lydia dich erwischt. zu anderen Zeiten soll ich dir gefälligst nicht im Weg sein.

Da North wegen der Verfilmung seines vorwiegend in Paris spielenden Romans „Der Ameisenhaufen“ – mit Robert Redford in der Hauptrolle – einige Zeit in der französischen Hauptstadt zu tun hatte, sorgte Pierre dafür, dass er im Apartment einer in Buenos Aires lebenden und nur selten nach Frankreich reisenden Tante wohnen konnte. Weit weg von zu Hause wurde North wieder von der Leidenschaft für Léa gepackt, und sie fielen bei jeder Gelegenheit gierig übereinander her.

Inzwischen arbeitete er an einem neuen Roman mit dem Titel „Verlust“, und er ließ sich von dem Regisseur des Films „Der Ameisenhaufen“ überreden, George Eliots letzten Roman „Daniel Deronda“ aus dem Jahr 1876 für eine Verfilmung zu adaptieren.

Lydia flog zu einem Kongress nach Kioto, aber er wollte nicht mitkommen. Danach wollte er sich mit Lydia auf ein Anwesen von zwei mit ihm befreundeten Zürcher Malern auf Spetsai zurückziehen, aber sie hatte so viel zu tun, dass sie ihn nicht begleiten konnte. Weil Max, einer der beiden Künstler, einen leichten Schlaganfall erlitt, blieben er und Johann nicht auf Spetsai, sondern sie zogen es wegen der besseren medizinischen Betreuung vor, nach Zürich zurückzukehren. Da lud North Léa ein, mit nach Spetsai zu kommen, und sie sagte sofort zu.

Er musste allerdings vorzeitig wieder abreisen, weil sein Vater im Sterben lag. Die Grabrede hielt übrigens der beste Freund seines Vaters, ein ehemaliger Marineminister, der jahrzehntelang ein Verhältnis mit John Norths Mutter hatte.

Seit seiner überstürzten Abreise von Spetsai wollte North endgültig nichts mehr von Léa wissen. Seine Gier nach ihrem Körper war abgeklungen, und er fand sie nur noch lästig. Auf keinen Fall durfte Lydia etwas von dem Verhältnis erfahren. Er wollte unbedingt verhindern, dass Léa plötzlich irgendwo auftauchte und mit Lydia sprach. Immer wieder hinterließ Léa Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter. Als er sie einmal zurückrief, weil er sie aus Angst vor ihrem Zorn und ihrer Rache nicht zu sehr verärgern wollte, kündigte sie ihm ihren Besuch an, denn „Vogue“ habe ihr eine Stelle in New York angeboten. Wahrheitsgemäß erwiderte er, dass er zum vorgesehenen Zeitpunkt nicht in New York sein werde, sondern einige Wochen in Martha’s Vineyard verbringen werde. Da alle Flüge und Hotelzimmer ausgebucht waren, glaubte er dort vor ihr sicher zu sein.

Wie geplant, flog er mit Lydia nach Martha’s Vineyard und verbrachte ein herrliches langes Wochenende mit ihr. Sie musste am Dienstag zurück in die Klinik, aber sie wollte ihn am folgenden Wochenende erneut besuchen.

Nachdem er Lydia zum Flugplatz gebracht hatte, rief Léa an. Sie habe das Angebot in New York angenommen, in seiner Nachbarschaft ein Apartment gemietet und sei nun durch großzügige Unterstützung ihrer neuen Chefin in einem Hotel in Vineyard Haven. Sie wollte sich unverzüglich mit ihm treffen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Er protestierte. Da behauptete sie, ihn so zu lieben, dass sie das attraktive Stellenangebot ausgeschlagen habe und am nächsten Morgen mit der ersten Maschine nach Paris zurückfliegen werde. Erleichtert verabredete North sich mit Léa. Ein Tag und eine Nacht: Das schien überschaubar und ungefährlich zu sein. Doch nachdem sie am Strand miteinander geschlafen hatten, gestand sie ihm, dass sie den Job doch angenommen habe und nicht nach Paris zurückkehren wolle. Sie sprang auf, rannte nackt ins Wasser und schwamm los. Er hatte Mühe, ihr zu folgen. Allmählich holte er auf. Als er noch knapp dreißig Meter von ihr entfernt war, schwamm sie nicht mehr weiter, sondern winkte und rief seinen Namen. Er winkte und rief zurück, aber sie sah ihn nicht. Er hatte schon bei der ersten Begegnung in Paris bemerkt, dass sie extrem kurzsichtig war, und da sie im Wasser weder Brille noch Kontaktlinsen tragen konnte, sah sie so gut wie nichts. Er schwamm noch ein Stück auf sie zu, aber sie konnte ihn immer noch nicht erkennen und geriet allmählich in Panik. Um Zeit zu gewinnen, log er ihr vor, seine Beine wegen eines Krampfes massieren zu müssen. Seine Gedanken überstürzten sich. Dann tauchte er und entfernte sich von Léa. Mehrmals sah er sich nach ihr um, und als sie plötzlich nicht mehr zu sehen war, hetzte er zurück und suchte fieberhaft nach ihr. Nach einiger Zeit besann er sich darauf, dass er seine Kräfte schonen musste, um es bis ans Ufer zurück zu schaffen.

Gleich darauf segelte er mit der „Kassandra“ hinaus. Er geriet in einen Sturm. Von Gewissensbissen geplagt, forderte er das Schicksal heraus, warf das tragbare GPS-Gerät über Bord und riss die Kabel des Kompasses heraus. Er wollte es nicht besser haben als Léa, die orientierungslos im Wasser herumgeschwommen war. Auf einer Sandbank brach das Boot auseinander, aber er legte keine Rettungsweste an. Doch weil sein Schwager Ralph, der von dem geplanten Törn wusste, die Küstenwache alarmiert hatte, wurde North gerettet.

Nach dem Schiffbruch fand Lydia es ganz natürlich, dass er eine Weile allein sein wollte und nach Paris reiste.

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Ungeachtet der schriftlichen Wiedergabe wirkt die Beichte des Protagonisten John North wie mündlich erzählt. Damit wir beim Lesen auch nicht vergessen, dass John North das alles der Figur des Autors erzählt, unterbricht Louis Begley immer wieder kurz den Monolog, entweder durch eine Frage John Norths an sein Gegenüber, auf die er zumeist gar keine Antwort erwartet oder durch einen szenischen Einschub, etwa wenn sich die beiden Männer aus der Whiskyflasche nachgießen. Für jede Unterbrechung des Erzählflusses hat Begley sich etwas anderes ausgedacht. Diese Sorgfalt im Detail ist nicht nur in den kurzen Einschüben, sondern auf jeder Seite des Romans zu spüren. Einzelheiten, die zunächst unbedeutend erscheinen, spielen später eine wichtige Rolle oder sie verschaffen einer anderen Szene Resonanz. Zum Beispiel erfahren wir bereits auf Seite 20f, dass Léa Morini außergewöhnlich kurzsichtig ist; auf Seite 214f lesen wir, wie Léa beim Schwimmen im Meer, wo sie weder eine Brille noch Kontaktlinsen tragen kann, die Orientierung verliert und auf Norths Hilfe angewiesen ist. Dadurch wird die entscheidende Szene des Romans vorbereitet und verstärkt (Seite 270).

„Schiffbruch“ ist eine brillant erzählte, den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile fesselnde Geschichte über eine Amour fou.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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