Josh Bazell : Schneller als der Tod

Schneller als der Tod

Josh Bazell

Schneller als der Tod

Originalausgabe: Beat the Reaper Little, Brown & Co, New York 2009 Schneller als der Tod Übersetzung: male Krutzsch S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2010 ISBN: 978-3-10-003912-5, 303 Seiten, 18.95 € (D) Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M 2011 ISBN: 978-3-596-18416-3, 303 Seiten, 9.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

New York. Pietro Brnwa wird vom Vater seines besten Freundes Adam wie ein Sohn behandelt. David Locano ist als Anwalt für die Mafia tätig, und auch Pietro wird in die "Familie" aufgenommen. Nachdem er sich in eine Musikerin verliebt hat, arbeitet Pietro mit dem FBI zusammen und wird im Rahmen des Zeugenschutzprogramms zum Assistenzarzt Peter Brown. Alles geht gut, bis er unter den Krankenhauspatienten auf einen todkranken Mafioso trifft, der ihn sofort erkennt und zum Handy greift ...
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Kritik

"Schneller als der Tod" ist eine flotte Persiflage auf die Genres Mafia-Thriller und Arztroman. Die Lektüre ist kurzweilig, aber mit grotesken Übertreibungen ist Josh Bazell übers Ziel hinausgeschossen.

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Auf dem Weg zum Dienst im Manhattan Catholic Hospital wird der Assistenzarzt Peter Brown überfallen. Dass sich der Mediziner mit der menschlichen Anatomie auskennt, ist für ihn von Vorteil. Er zielt mit der linken Faust auf die Kehle des Angreifers.

Trifft sie, wird sie die empfindlichen Knorpelspangen zerstören, die die Wand der Luftröhre versteifen. Wenn er dann das nächste Mal einatmet, verschließt sich die Luftröhre wie ein After, und ihm bleiben vielleicht noch sechs Minuten, bis ihn der Schnitter holt. Selbst, wenn ich bei dem Versuch, ihm einen Luftröhrenschnitt zu machen, meinen Propulsatilkuli ruiniere.

Brown schlägt den Räuber zusammen und nimmt ihm die Pistole ab. Aber dann leistet er fachgerecht Erste Hilfe, legt sich den Bewusstlosen über die Schulter und bringt ihn in die Notaufnahme des Krankenhauses.

Wie die meisten der anderen Ärzte auch, schluckt er abwechselnd Aufputsch- und Beruhigungsmittel, um dem Krankenhausbetrieb gewachsen zu sein.

Er übernimmt es, einem Patienten namens Nicholas LoBrutto die Diagnose zu überbringen: Krebs im Endstadium. In der Türe des Krankenzimmers prallt er zurück, und der Patient glaubt, dass seine letzte Stunde geschlagen habe. Sie kennen sich, allerdings unter den Namen Pietro Brnwa bzw. Bärentatze und Eddy Squillante. Bei Squillante handelt es sich um einen Mafioso, und Brown gehörte früher zur selben Mafia-Familie in New York.

Pietro wurde 1977 von seiner drogensüchtigen Mutter in einem indischen Ashram geboren. Als sie zu ihrem Freund nach Rom zog, holten ihre Eltern den Enkel zu sich. Er wuchs in New Jersey auf.

Stefan Brnwa und Anna Maisel, seine Großeltern, hatten sich in Polen kennengelernt. Beide stammten aus jüdischen Familien. Den Holocaust hatten sie zwar überlebt, aber am 10. Oktober 1991 wurden sie in New York ermordet. Da die Geschosse aus zwei verschiedenen Waffen stammten, ging man von zwei Tätern aus, aber die Polizei konnte den Doppelmord nicht aufklären.

Pietro, der nun unter der Vormundschaft seines Onkels Barry stand, aber weiterhin im Haus der Großeltern lebte, fing Ende 1991 an, die verheiratete Polizistin Mary-Beth Brennan in ihrem verdreckten Auto zu beschlafen. Es waren seine ersten sexuellen Erfahrungen mit einer Frau. Vergeblich hoffte er, sie könne ihm mehr Informationen über die Mörder seiner Großeltern besorgen.

Sein bester Freund war damals der gleichaltrige Mitschüler Adam Locano. Dessen Eltern, der Mafia-Anwalt David Locano und seine Ehefrau Barbara, behandelten Pietro wie einen eigenen Sohn.

Anfang 1993 verriet David Locano dem fünfzehnjährigen Pietro, wer die Großeltern ermordet hatte: Die Brüder Joe und Mike Virzi. Mit dem Doppelmord hatten sie sich vermutlich für die Aufnahme in die Mafia qualifizieren wollen. Pietro vergewisserte sich, dass Stefan und Anna Brnwa tatsächlich von den beiden umgebracht worden waren und erschoss die Virzi-Brüder dann.

Einige Zeit später schickte David Locano ihn nach Brighton Beach. Dort sollte er in der Bar „Shamrock“ nach Nick Dzelany fragen. Der Mafia-Anwalt versicherte, die Fahrt dorthin sei gefährlicher als der Auftrag, aber die Barfrau lockte Pietro in eine Falle: Drei Männer schlugen ihn zusammen, und als er wieder zu sich kam, war er mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt. Als ihn Nick Dzelany mit einer Machete bedrohte, zerbrach er beim Aufstehen den Stuhl. Obwohl Holzteile an seinen Armen und Beinen klebten, kämpfte er und tötete die vier Männer, die ihn gefangen gehalten hatten. – David Locano konnte es kaum glauben und war stolz auf ihn.

Im Winter 1994/95 flog Pietro nach Polen und suchte nach Wladislaw Budek, dem Mann, der seine Großeltern angeblich nach Auschwitz gebracht hatte. Budecks Schwester Blancha Przedmiescie klärte ihn darüber auf, dass seine Großeltern keine Juden gewesen waren, sondern die Identität eines im Holocaust ermordeten Paares angenommen hatten. Die beiden hatten Wladislaw Budeck 1944 erschossen.

Am 13. August 1999 heiratete Adam Locanos einundzwanzigjährige Cousine Denise. Aus diesem Anlass wurde ein Streichsextett engagiert. Und Pietro verliebte sich in die Viola-Spielerin Magdalena. Die katholische Rumänin war zwei Jahre jünger als er und wohnte noch mit ihrem Bruder Christopher („Rovo“) bei den Eltern in Brooklyn. Ihr Vater, Mr Niemerover, arbeitete als Schichtleiter bei der U-Bahn, obwohl er in Rumänien Zahnarzt gewesen war. Seine Frau half in der Bäckerei eines Familienfreundes mit.

Pietro und sein Kokain schnupfender Freund Adam, der inzwischen den Spitznamen Skinflick trug, erhielten von David Locano den Auftrag, Les Karcher und dessen Söhne Corey und Randy zu töten. Ein Klempner hatte auf der Farm der Karchers die Leiche einer nackten Frau entdeckt. Die drei Männer hielten Frauen gefangen, misshandelten sie und zwangen sie zur Prostitution. Pietro und Skinflick ließen sich vom Lebensmittel-Ausfahrer einschleusen. Wider Erwarten hatten die Karchers zwei scharfe Wachhunde. Die entdeckten die Einbrecher im Schuppen, den Les Karcher daraufhin mit einem Maschinengewehr durchlöcherte. Pietro rettete seinem Freund das Leben, indem er Les Karcher erschoss. Bei den beiden Söhne zielte er auf die Beine. Aber Corey verblutete, und Randy wurde von Skinflick in den Kopf geschossen, nachdem Pietro dem Verletzten das Bein abgebunden hatte. Die beiden Mafiosi befreiten zwei gefangene Frauen und fanden einige tote.

Zwei Wochen später wurde Pietro verhaftet und angeklagt, auf der Farm zwei Frauen ermordet zu haben. Sie hießen beide Mary, aber die jüngere der beiden trug den Spitznamen Tits. Die ältere Mary hatte jemand erschlagen. Tits war ebenso verschwunden wie die drei Karchers.

Acht Monate lang saß Pietro im Federal Metropolitan Correctional Center for the Northeast Region in Manhattan in Untersuchungshaft, bis im Frühsommer 2000 die Gerichtsverhandlung stattfand. Das FBI hatte acht Stunden Telefongespräche von David Locano mitgeschnitten. Dass der Mafia-Anwalt einen Besuch des „Polacken“ bei den „K-Brüdern“ angekündigt hatte, belastete den Angeklagten. Aber dann stellte sich heraus, dass es sich bei der skelettierten Hand einer der beiden angeblich von ihm ermordeten Frauen um eine Bärentatze handelte. Daraufhin wurde Pietro freigesprochen und bekam den Spitznamen Bärentatze.

Er arbeitete mit dem FBI zusammen und berichtete, was er über die Mafia im Allgemeinen und David Locano im Besonderen wusste. Dafür wurde Pietro Brnwa mit dem Decknamen Ismael in das Federal Witness Protection Program aufgenommen, bekam die Möglichkeit, Medizin zu studieren und erhielt eine neue Identität als Assistenzarzt Peter Brown.

Skinflick verabredete sich am 9. April 2001 mit ihm im New York Aquarium auf Coney Island. Dort hingen Magdalena und ihr Bruder Rovo gefesselt und mit zugeklebtem Mund über dem Haifischbecken. Skinflick erklärte seinem früheren Freund, dass sein Vater die Brüder Joe und Mike Virzi beauftragt hatte, das Ehepaar Brnwa zu töten, um israelischen Freunden einen Gefallen zu tun. Pietro gelang es zwar, Magdalena und sich selbst zu retten, aber Rovo wurde von den Haien zerfleischt.

Pieto und Magdalena kamen nicht weit. Sie wurden aus einem vorbeifahrenden Wagen beschossen. Pietro blieb unverletzt, aber Magdalena starb im Kugelhagel.

Danach drang Pietro in Skinflicks Apartment ein, tötete die beiden Leibwächter und warf seinen bekifften früheren Freund kopfüber aus einem Fenster im fünften Stock.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Von dem todkranken Patienten Eddy Squillante erfährt er jetzt, dass Skinflick den Sturz überlebte. Bestimmt sucht der Sohn des Mafia-Anwalts nach ihm, um sich für den Verrat und den Mordanschlag zu rächen. Und Brown muss damit rechnen, dass Squillante entweder Skinflick oder dessen im Bundesgefängnis von Beaumont, Texas, einsitzenden Vater darüber informiert, dass er im Manhattan Catholic Hospital zu finden ist. Er überlegt, ob er Squillante mit einer tödlichen Kalium-Injektion zum Schweigen bringen soll, aber er zaudert und reißt erst einmal nur die Telefonschnur aus der Wand. Kurz darauf erwischt er Squillante mit einem Handy. Offenbar hat er gerade einem Kontaktmann mit Vornamen Jimmy durchgegeben, was er über Pietro Brnwa alias Peter Brown herausgefunden hat. Jimmy werde die Information an die Locanos weitergeben, sagt Squillante, falls ihm etwas passiere. Brown weist den Patienten entsetzt auf seine extrem kurze Lebenserwartung hin.

Bei der Operation Squillantes am nächsten Morgen assistiert er Dr. John Friendly, einem Chirurgen Mitte fünfzig mit Werbeaufnähern am Arztkittel. Während der Operation fällt Friendly der Kauter auf die Milz des Patienten, die sofort aufplatzt. Um den Fehlgriff nicht melden zu müssen, versucht Friendly die Milz zu retten, aber die Blutung lässt sich nicht beherrschen. Notgedrungen entfernt er mit Brown zusammen die Milz, lässt sie aber zur Pathologie bringen und auf Metastasen untersuchen, um sich später darauf hinausreden zu können, das Organ habe krebsverdächtig ausgesehen. Unvermittelt bleibt Squillantes Herz stehen. Er stirbt.

Brown sieht sich die EKG-Kurven an und geht dem Verdacht nach, dass der Patient ermordet wurde. Tatsächlich findet er zwei leere Kalium-Fläschchen.

Nach SquillantesTod ist Pietro seines Lebens nicht mehr sicher. Gerade noch rechtzeitig verdrückt er sich aus dem Krankenhaus. Er beobachtet, wie vier schwarze Limousinen vorfahren und Mafiosi ins Gebäude vordringen, um nach ihm zu suchen.

Da fällt ihm ein, dass die einundzwanzigjährige Patientin, der an diesem Morgen ein Bein amputiert werden soll, möglicherweise gar nicht an einem Osteosarkom, sondern an einer Endometriose erkrankt ist. In diesem Fall wäre die Amputation ein Fehler. Um die Operation zu verhindern, schleicht Brown sich trotz des Risikos ins Krankenhaus zurück. Die junge Frau liegt bereits auf dem Operationstisch. Die Anästhesie wird vorbereitet, und zwei Pfleger streiten sich darüber, wer ihre Scham rasieren darf. Es gelingt Brown, den verantwortlichen Arzt zum Abbruch der geplanten Operation zu überreden.

Kurz darauf wird er von den Mafiosi entdeckt und mit einem Teaser niedergestreckt.

Als er wieder zu sich kommt, liegt er mit festgefrorenem Gemächt am Boden des Kühlraums für Blutkonserven. Er ahnt, dass man ihn nur am Leben ließ, weil Skinflick ihn persönlich töten will. Nachdem er seinen Penis mit Spucke vom Boden gelöst hat, reißt er sich an einer scharfen Metallkante den Unterschenkel auf, betäubt die Wunde mit einem Beutel gefrorenen Blutes und durchtrennt einen bestimmten Nervenstrang.

Ich setze mich auf den Hintern. Mein ohnehin schon straffer Hodensack zieht sich so schnell noch fester zusammen, dass es sich anfühlt, was wollte er mit die Hoden in den Schädel katapultieren. ich stoße die Finger beider Hände in meine Beinwunde.
Eine ganz neue Art von Schmerz erfasst mich, er reicht bis in die Hüfte hinauf, und mir wird klar: Noch mal kann ich das nicht. Also zwänge ich die Fingerspitzen zwischen die warmen Muskelstränge.
Die sich, so glitschig sie sind, zu Stahlkabeln zusammenziehen und mir fast die Finger brechen. „Leckt mich!“, rufe ich aus, ziehe sie mit Gewalt auseinander und schiebe die Finger der rechten Hand tiefer hinein. Ich spüre das Pulsen der Schlagader an den Fingerknöcheln.
Dann ist es so weit: Ich berühre mein rechtes Wadenbein

Er bricht das scharfkantige Wadenbein heraus.

Als die Türe geöffnet wird und Skinflick sich mit einem Messer in der Hand auf ihn stürzt, rammt Brown ihm das Wadenbein in die Aorta und tötet ihn. Dann erschießt er die überraschten Begleiter mit Skinflicks Pistole.

Im Krankenbett erfährt er später, dass Squillante das Kalium von Medizinstudenten verabreicht wurde, die das während der Operation aufgetretene Vorhofflimmern abstellen wollten.

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„Schneller als der Tod“ ist eine flotte Persiflage auf die Genres Mafia-Thriller und Arztroman. Wenn der Amerikaner Josh Bazell, der sowohl ein Medizin- als auch ein Literaturstudium abgeschlossen hat, vom Betrieb in einem (fiktiven) New Yorker Krankenhaus erzählt, ist das kaum weniger gruselig als die Schilderung eines Massakers.

OP-Anzüge sind doppelseitig tragbar, für den Fall, dass man eine Anästhesie oder so etwas machen muss, aber zu müde ist, um sich die Hose richtig anzuziehen.

Josh Bazell lässt seinen Protagonisten Pietro Brnwa alias Peter Brown in der Ich-Form erzählen. Die Handlung entwickelt sich auf zwei verschiedenen Zeitebenen: In der Gegenwart, als die im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms angenommene neue Identität des früheren Mafiosos aufgedeckt wird und in der durch Erinnerungen bzw. Rückblenden nachgereichten Vorgeschichte.

Das ist durchaus kurzweilig, nicht zuletzt aufgrund zynischer Bemerkungen und eines witzigen Spiels mit Fußnoten. Aber mit grotesken Übertreibungen ist Josh Bazell in seinem Debütroman über das Ziel einer Persiflage hinausgeschossen, und sprachlich bzw. stilistisch ist „Schneller als der Tod“ selbst für einen Trivialroman nicht besonders anspruchsvoll.

Den Roman „Schneller als der Tod“ von Josh Bazell gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Christoph Maria Herbst (Regie: Matthias Kapohl, München 2010, 6 CDs, ISBN 978-3-86717-540-1.)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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