Lara Andriessen : Die Faust des Märchenprinzen

Die Faust des Märchenprinzen

Lara Andriessen

Die Faust des Märchenprinzen

Die Faust des Märchenprinzen Verlag Hartmut Becker, Kirchhain 2004 ISBN 3-929480-27-1, 207 Seitenm, 13.80 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die fünfzehnjährige Lara glaubt, in dem gut zehn Jahre älteren Bruno ihren "Märchenprinzen" gefunden zu haben, bis der labile, erfolglose Bauunternehmer sie durch seinen krankhaften Besitzanspruch quält, sich immer häufiger betrinkt und sie dann schlägt. Während Bruno in einen Zyklus Alkoholmissbrauch – Gewalttätigkeit – Bedauern – Rückfall gerät, schöpft Lara immer wieder neue Hoffnung und wird stets aufs Neue enttäuscht.
Weiterlesen

Kritik

Nicht in einer abstrakten Abhandlung weist Lara Andriessen auf das Thema Alkohol und Gewalt hin, sondern sie sensibilisiert ihre Leserinnen und Leser durch eine furiose, emotionale Romanhandlung. Es ist ihr gelungen, die beklemmende psychologische Entwicklung eindrucksvoll darzustellen.
Weiterlesen

Die Protagonistin Lara Range ist fünfzehn und im ersten Jahr ihrer Ausbildung zur Krankenschwester. Zu Hause hält sie es nicht mehr aus.

Ich lege eine Hand auf meine Stirn, will meine Vergangenheit wegstreichen: eine Mutter, die mich hasst und prügelt. Aus einem Heim für schwer erziehbare Mädchen getürmt. Auf dem Babystrich herumgetrieben. Drogen genommen. Und mein Vater? Seit ich mich erinnern kann, kam er in mein Zimmer, bald jede Nacht, und missbrauchte mich. (Seite 9)

Im November 1971 flieht Lara nachts aus dem Elternhaus in Berlin-Spandau und läuft barfuß nach Moabit, zu Bruno Klein, einen gut zehn Jahre älteren Bauunternehmer, den sie vor drei Wochen kennen lernte. In einem Abschiedsbrief an ihre Eltern steht, wo sie zu finden ist, aber ihr Vater, ein Berliner Polizeibeamter, vergewissert sich lediglich durch einen Anruf, dass sie bei Familie Klein ist; sonst unternimmt er nichts.

Vier Wochen nach Laras Einzug bei Bruno fährt er mit ihr im Auto zu einer Stelle am Volkspark Klein-Glienicke, wo zerknüllte Papiertaschentücher und gebrauchte Kondome herumliegen. Für das erste Mal mit Bruno wünscht Lara sich einen weniger abscheulichen Ort; außerdem gerät sie wegen der schmerzlichen Erinnerungen an die Vergewaltigungen durch ihren Vater in Panik. Im Februar legen Bruno und sie sich im Tiergarten ins nasse Gras. Lara streift ihren Slip ab und lässt es zu, dass er ihre Brüste liebkost, bis er ejakuliert, ohne in sie eingedrungen zu sein.

Bald darauf telefoniert sie mit ihrer achtundzwanzigjährigen Freundin Cornelia („Conny“) Melius in Berlin-Kreuzberg. Bruno will wissen, mit wem sie redete. Als sie es ihm sagt und ihm vorwirft, nach Alkohol zu riechen, schlägt er sie unerwartet ins Gesicht. Gleich darauf entschuldigt er sich bei ihr und bittet sie, bei ihm zu bleiben.

Lara kauft sich ein Minikleid und freut sich darauf, damit vor Bruno zu posieren. Doch sobald er sie sieht, beschimpft er sie wegen ihrer Aufmachung als Flittchen, und er schlägt sie innerhalb einer Woche zum zweiten Mal.

Wieder einmal schleicht Lara sich aus einer Wohnung fort. Diesmal sucht sie bei Conny Zuflucht. Bruno kann sich denken, dass sie bei ihrer besten Freundin zu finden ist, und er holt sie mit dem Versprechen zurück, er werde sich bessern. Dann geht er mit ihr in ein Juweliergeschäft und kauft Verlobungsringe.

Obwohl Lara es sich inzwischen wünscht, dass Bruno sie nimmt, ist es recht schmerzhaft für sie. Erst beim zweiten Mal kommt sie zum Orgasmus.

Es dauert nicht lang, bis Bruno wieder zu viel trinkt und sie im Rausch schlägt. Zwischendurch besinnt er sich und klagt:

„Glaub mir, ich hasse es selbst, zu was mich der Alkohol zwingt.“ (Seite 109)

Lara flüchtet sich erneut zu Conny. Die Freundin versucht, ihr die Augen zu öffnen:

„Du vermisst nicht ihn, Lara, sondern deinen Märchenprinzen!“ (Seite 115)

Wie beim ersten Mal holt Bruno sie zurück. Er schämt sich wegen seines Verhaltens und bittet sie um Verzeihung, schwört, mit dem Trinken aufzuhören und ihr nicht mehr weh zu tun. Trotz guter Vorsätze schafft er es nicht und willigt schließlich ein, zusammen mit Lara einen Psychotherapeuten in Wedding aufzusuchen. Dort verwahrt er sich gegen den Verdacht, ein Alkoholiker zu sein, springt auf, unterstellt dem Therapeuten, auf Sex mit Lara aus zu sein und rennt hinaus. Lara folgt ihm und gibt nicht auf.

Vielleicht bin ich naiv, vielleicht bin ich blauäugig, aber ich habe noch immer Hoffnung, dass ich es allein schaffe, Bruno vom Alkohol wegzubringen. (Seite 140)

Verzweifelt bitte Lara seine Eltern um Hilfe. Clarissa Klein zeigt Verständnis. Niemand sei schuld, meint sie; Ursache sei allein der Alkohol, und Bruno müsse davon loskommen. Da rastet ihr Mann aus. Sein Sohn sei nicht krank und werde auch zu keiner Therapie gehen, brüllt er, bevor er die Wohnung verlässt, um eine Kneipe aufzusuchen.

Nach diesem Vorfall wirft Bruno seine Freundin mit dem Gesicht nach unten aufs Bett und fesselt ihr die Handgelenke an den Rahmen. Er reißt sie an den Haaren, schlägt sie mit seinem Hosengürtel und vergewaltigt sie von hinten. Nach seinem Orgasmus bettelt er wieder um Verzeihung.

Im März 1974 – knapp zweieinhalb Jahre, nachdem sie Bruno kennen gelernt hat – zieht Lara ins Schwesternheim. Am dritten Tag lauert Bruno ihr auf und droht, sie umzubringen, falls sie nicht zu ihm zurückkehrt. Lara fürchtet sich vor ihm und steckt am nächsten Tag, dem 31. März, vorsichtshalber ein Taschenmesser in ihre Kitteltasche. Bruno taucht erneut auf und schlägt sie mit der Faust ins Gesicht. Lara flüchtet in die verlassene Pförtnerloge und ruft Conny an, die wiederum die Polizei alarmiert. Dann wird sie von Bruno gepackt und gegen die Wand gedrückt. Er presst ihr seine Lippen auf den Mund, reißt ihr den Schwesternkittel auf, zerfetzt ihren Slip und versucht, sie zu vergewaltigen. Blind vor Furcht, Wut und Schmerz klappt Lara das Taschenmesser auf und stößt zu, verletzt Bruno allerdings nur leicht am Oberschenkel.

Am 1. April 1974, ihrem achtzehnten Geburtstag, kommt sie in einem Krankenhausbett wieder zu sich.

Aufgrund von Connys Anruf und Laras Zustand wird Bruno in Untersuchungshaft genommen. Drei Wochen später findet die Gerichtsverhandlung gegen ihn statt. Erst jetzt erfährt Lara, dass er wegen Körperverletzung und unerlaubten Waffenbesitzes bereits zweifach vorbestraft ist. Bruno hält sich zwar für unschuldig und leugnet auch weiterhin, alkoholabhängig zu sein, aber das Gericht verurteilt ihn zu drei Jahren und zwei Monaten Haft ohne Bewährung.

Lara macht ein Jahr später ihre Abschlussprüfung als Krankenschwester. Am Tag darauf verlässt sie Berlin und fährt mit dem Zug nach Südwestdeutschland, um dort ein neues Leben zu beginnen.

nach oben

In „Verdauung der Masken“ hat Lara Andriessen das Verhältnis der Protagonistin mit Bruno bereits kurz geschildert. „Die Faust des Märchenprinzen“ beginnt genau an der Stelle, mit der ihr Buch „Blutiger Sonnenaufgang“ endet: mit der Flucht Laras vor den Eltern zu Bruno. In diesem „Tatsachenroman“ (so der Untertitel) schildert Lara Andriessen, wie die fünfzehnjährige Lara glaubt, in einem gut zehn Jahre älteren Mann ihren „Märchenprinzen“ gefunden zu haben, bis der labile, erfolglose Bauunternehmer sie durch seinen krankhaften Besitzanspruch quält, sich immer häufiger betrinkt und sie dann schlägt. Während Bruno in einen Zyklus des Alkoholmissbrauchs und der Gewalttätigkeit gerät – Frustration, Rausch, Gewalttätigkeit, Bedauern, Rückfall –, schöpft Lara mehrmals neue Hoffnung und wird stets aufs Neue enttäuscht.

Nicht in einer abstrakten Abhandlung weist Lara Andriessen auf das Thema Alkohol und Gewalt hin, sondern sie sensibilisiert ihre Leserinnen und Leser durch eine furiose, emotionale und gut zu lesende Romanhandlung mit vielen lebendigen Dialogen. Auch wenn einige Passagen theatralisch sind – etwa, wenn die Fünfzehnjährige barfuß von Spandau nach Moabit läuft, obwohl es so kalt ist, dass ihre Tränen zu Eiskristallen gefrieren (Seite 9) –, ist es Lara Andriessen gelungen, die beklemmende psychologische Entwicklung eindringlich darzustellen.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Verlag Hartmut Becker

Lara Andriessen: Verdauung der Masken
Lara Andriessen: Blutiger Sonnenaufgang
Lara Andriessen: Das selbst gewählte Exil

Patrick Süskind - Die Taube
Vermutlich hat Patrick Süskind in der Erzählung "Die Taube" eigene Wesenszüge karikiert, denn der Schriftsteller scheut Auftritte in der Öffentlichkeit und lässt sich nicht fotografieren.
Die Taube

Patrick Süskind

Die Taube

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: