Manfred Mittermayer u.a. (Hg.) : Thomas Bernhard

Thomas Bernhard

Manfred Mittermayer u.a. (Hg.)

Thomas Bernhard

ide. Informationen zur Deutschdidaktik.Zeitschrift für den Deutschunterrichtin Wissenschaft und Schule. Heft 4-2005. © StudienVerlag, Innsbruck 2005 118 Seiten, 14.50 €
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Thomas Bernhards Literatur [...] sollte[n] ihren fixen Platz im Literaturunterricht im gesamten deutschsprachigen Raum erhalten. Aus inhaltlichen Gründen ohnehin, aber auch [...], weil die literarische Öffentlichkeit sich so zentral immer wieder mit ihm beschäftigt, ist die Bernhard-Lektüre ein unverzichtbarer Bestandteil der Einführung in das literarische Leben." (Manfred Mittermayer und Werner Wintersteiner, a. a. O., S. 7)
Weiterlesen

Kritik

Das von Manfred Mittermayer, Eva Maria Rastner und Werner Winterstein herausgegebene "ide"-Heft über Thomas Bernhard bietet in 15 Beiträgen Orientierung über das Werk des österreichischen Schriftstellers und Anregungen für den Deutschunterricht.

Inhaltsangabe und Besprechung

Die Beiträge im ersten Drittel des „ide“-Heftes über Thomas Bernhard dienen der Orientierung und Einordnung.

Manfred Mittermayer und Werner Wintersteiner führen in das Heft ein („Ausstrahlen, und zwar weltweit“. Thomas Bernhard zum 75. Geburtstag).

Biografische Daten wurden von Manfred Mittermayer zusammengestellt (Thomas Bernhard. Biographische Stichworte).

Hans Höller (Die entscheidenden Sechzigerjahre. Thomas Bernhards Werk in der österreichischen Literaturgeschichte nach 1945) und Gregor Thuswaldner (Die politische Dimension von Thomas Bernhards Œuvre) schildern, wie sich Thomas Bernhard über die Verdrängung der jüngsten Vergangenheit und die Restauration, die Scheinheiligkeit und die Funktionalisierung des Heimatbegriffs in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Österreich empörte.

Ganz Österreich ist zu einem skrupellosen Geschäft geworden, in welchem nurmehr noch um alles gefeilscht und in welchem jeder um alles betrogen wird. Sie glauben, in ein schönes Land zu reisen und reisen in Wahrheit und in Wirklichkeit in ein pervers geführtes Geschäftshaus. (Thomas Bernhard: Auslöschung, hier: Seite 20)

Die Stadt [Salzburg] ist von zwei Menschenkategorien bevölkert, von Geschäftsmachern und ihren Opfern […] (Thomas Bernhard: Die Ursache, hier: Seite 24)

Während Thomas Bernhard zunächst als humorloser Schriftsteller der Verzweiflung, Sinnlosigkeit und Todessehnsucht missverstanden wurde, gilt er seit den Achtzigerjahren als „Übertreibungskünstler“, den man nicht ernst zu nehmen braucht. Damit werde man ihm ebensowenig gerecht, meint Gregor Thuswaldner:

Während Bernhards Werke zu Lebzeiten des Autors Skandale ungeahnter Ausmaße erreicht haben, werden heute seine Stücke als großes Gaudium gefeiert. (Seite 21)

Über die Aufarbeitung des Nachlasses von Thomas Bernhard und die Werkausgabe referieren Martin Huber und Manfred Mittermayer (Der literarische Nachlass und die Gesamtausgabe der Werke Thomas Bernhards).

Thomas Bernhards Halbbruder und Erbe Peter Fabjan (*1938) trug zunächst den literarischen Nachlass in der Wohnung des Verstorbenen in Gmund zusammen und sein Vater Emil Fabjan (1913 – 1993) sichtete das Material. Bearbeitet wurden die von Thomas Bernhard hinterlassenen Aufzeichnungen und Manuskripte ab April 1999 von dem Wiener Germanisten Martin Huber. Im November 2001 wurde das Thomas-Bernhard-Archiv in der Villa Stonborough-Wittgenstein in Gmunden eröffnet.

Weil Thomas Bernhard in seinem Testament bestimmt hatte, dass nach seinem Tod nichts publiziert werden dürfe, was er nicht bereits zu Lebzeiten veröffentlicht hatte, müssen Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler bei der von ihnen herausgegebenen Werkausgabe in 22 Bänden (Suhrkamp, Frankfurt/M 2003 – 2009), von der bis Ende 2005 neun Bände erschienen sind, auf den Abdruck des Theaterstücks „Die Schwerhörigen“, mehrerer Prosatexte und Gedichte verzichten.

Um charakteristische Themen und Motive im Werk von Thomas Bernhard geht es im zweiten Drittel des „ide“-Heftes.

Bernhard Judex befasst sich mit dem Verhältnis, das Thomas Bernhard zu seinem Großvater hatte und mit seinem Aufbegehren gegen das patriarchalische System in der Familie (Erde, Hölle, Rettungsversuch. Kindheit bei Thomas Bernhard).

Zu den Themen, die Thomas Bernhard immer wieder aufgriff, gehört die Affinität von Kunst und Krankheit. Renate Langer, die darauf eingeht (Kunst und Krankheit. Über einen zentralen Themenkomplex bei Thomas Bernhard), führt aus, dass Thomas Bernhard Krankheit als Zeichen der Auserwähltheit auffasste und der romantischen Vorstellung vom Zusammenhang zwischen Krankheit und Künstlertum, Wahnsinn und Sehergabe nachhing, diese Ansicht jedoch in seinen Werken durch die Darstellung von Krankheitssymptomen konterkarierte.

Weil Thomas Bernhard überzeugt war, dass sowohl sein Großvater als auch seine Mutter Opfer medizinischer Kunstfehler waren, misstraute er den Ärzten:

Der Bernhard’sche Arzt verhält sich gegenüber seinen Patienten meist nicht als Helfer und Heiler, sondern als selbstherrlicher Despot, wenn nicht gar als potenzieller Mörder. (Seite 45)

Mireille Tabah weist in ihrem Beitrag (Weiblichkeitsimagines bei Thomas Bernhard) darauf hin, dass Frauenfiguren in Thomas Bernhards Werk spätestens mit dem Roman „Das Kalkwerk“ (1970) an Bedeutung gewannen. Dabei hält Mireille Tabah die frauenverachtenden und frauenfeindlichen Äußerungen der männlichen Hauptfiguren nicht für affirmativ, sondern für subversiv.

[…] scheinen sie [die männlichen Hauptfiguren] doch die kulturell tradierte Opposition zwischen geistig schöpferischer Männlichkeit und rein körperlicher, triebhafter, vernunft- und sprachloser Weiblichkeit kritiklos zu reproduzieren und als „naturgemäß“ auszugeben […] Doch der Schein trügt.“ (51)

Ob Thomas Bernhard zu Recht als „Kryptokomiker“ betrachtet werden dürfe, fragt Wendelin Schmidt-Dengler (Thomas Bernhard – ein „Kryptokomiker“?). Den Titel der 1967 veröffentlichten Erzählung „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“ versteht der Autor dieses Beitrags programmatisch. Dass die Werke von Thomas Bernhard auch komische Züge aufweisen, fiel überhaupt erst in den Siebzigerjahren auf. (Gregor Thuswaldner wies in seinem Beitrag bereits darauf hin, dass Thomas Bernhard anfangs als humorlos gegolten hatte.) Einer der Ersten, die es merkten, war Eckhard Henscheid, der 1973 eine Glosse darüber schrieb: „Der Krypto-Komiker. Wie der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard seine Bewunderer, seine Kritiker und wahrscheinlich sich selber an der Nase herumführt“ („Pardon“, 7/1973, S. 21 – 23). Der Begriff „tragikomisch“ passt jedoch laut Wendelin Schmidt-Dengler nicht für die Werke von Thomas Bernhard:

Bernhards Texte sind sowohl von ihrer komischen Seite wie auch von ihrer tragischen Seite zu lesen; sie funktionieren nach dem Modell von Umspringbildern […] (Seite 62)

Liesbeth Bloemsaat-Voerknecht beschäftigt sich mit dem Verhältnis Thomas Bernhards zur Musik („Nicht nur ein musikalischer Mensch, sondern ein Musiknarr …“ Einführende Bemerkungen zu Thomas Bernhard und der Musik).

Das Thema der Musik hat Bernhard sein ganzes Leben keine Ruhe gelassen. (Seite 73)

Zunächst schildert sie die Hassliebe des Schülers zu seiner Geige und seinen Widerwillen gegen die vom Großvater aufgezwungenen Violinstunden. Als Thomas Bernhard während seiner Lehre bei einem Lebensmittelhändler seine Stimme entdeckte, verschaffte ihm der Großvater Unterricht bei der Gesangslehrerin Maria Keldorfer, und deren Ehemann Professor Theodor W. Werner unterwies Thomas Bernhard in Musiktheorie und –ästhetik. Der Kapellmeister Josef Krisp riet ihm dann allerdings unumwunden, lieber Metzger als Sänger zu werden. – Nach diesen einleitenden biografischen Angaben geht Liesbeth Bloemsaat-Voerknecht näher auf die Affinität der Sprache von Thomas Bernhard zur Musik ein.

Das letzte Drittel des „ide“-Heftes über Thomas Bernhard ist Anregungen für den Deutsch-Unterricht vorbehalten: Markus Kreuzwieser geht auf unterschiedliche Lektüreerfahrungen ein („Jedes Wort ein Treffer“. Thomas Bernhard im Deutschunterricht der Oberstufe). Stefan Krammer schlägt vor, sich in der Oberstufe anhand des Stückes „Der Theatermacher“ (1985) mit dem Verhältnis zwischen einem dramatischen Text und seiner Aufführung zu beschäftigen (Der Theatermacher Thomas Bernhard. Dramapädagogische Anregungen für den Deutschunterricht). Einen Lernzirkel zum Thema „Thomas Bernhard“ regt Gudrun Kuhn an (variatio delectat. Ein fächerübergreifender Lernzirkel für die Sekundarstufe II).

Den Abschluss des Heftes bilden bibliografische Hinweise (Friedrich Janshoff: Thomas Bernhard im Deutschunterricht? Bibliographische Hinweise auf Textausgaben, Hörbücher, unterrichtspraktische, fachdidaktische und wissenschaftliche Veröffentlichungen) und Material über Thomas Bernhard im Internet (Erich Perschon: Thomas-Bernhard-Links).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © StudienVerlag

Thomas Bernhard (Kurzbiografie)

Thomas Bernhard: Viktor Halbnarr. Ein Wintermärchen
Thomas Bernhard: Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?
Thomas Bernhard: Das Verbrechen eines Innsbrucker Kaufmannssohns
Thomas Bernhard: Ein Kind
Thomas Bernhard: Der Untergeher
Thomas Bernhard: Holzfällen. Eine Erregung
Thomas Bernhard: Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen
Thomas Bernhard / Siegfried Unseld: Der Briefwechsel

Ronald B. Tobias - 20 Masterplots
Nun muss man Ronald B. Tobias' Thesen nicht wie ein Evangelium übernehmen, aber es ist aufschlussreich, sich die grundlegenden Erzählstrukturen zu vergegenwärtigen und konkrete Romane und Spielfilme damit zu vergleichen.

20 Masterplots

Ronald B. Tobias

20 Masterplots

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: