Thomas Bernhard : Ein Kind

Ein Kind

Thomas Bernhard

Ein Kind

Ein Kind Erstausgabe: Residenz Verlag, Salzburg / Wien 1982 Taschenbuch: dtv
Buchbesprechung

Inhaltsangabe



"Du hast mir noch gefehlt!", schreit Thomas Bernhards Mutter ihren Sohn immer wieder an. "Du hast mein Leben zerstört!" ...


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Kritik

Thomas Bernhard erinnert sich an seine ersten dreizehn Lebensjahre. Es war keine glückliche Kindheit. Thomas Bernhard erzählt in #"Ein Kind" von traumatisierenden Erlebnissen, aber trotz des Schmerzes übersieht er auch nicht die komischen Elemente.
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„Du hast mir noch gefehlt!“, schreit Thomas Bernhards Mutter ihren Sohn immer wieder an. „Du hast mein Leben zerstört!“

Die Mutter hatte den Tischler Alois Zuckerstätter – Thomas Bernhards Vater – durch ihren Bruder Rudolf kennen gelernt. Weil sie nicht verheiratet war, flüchtete sie kurz vor der Geburt ihres Sohnes nach Holland: „In Henndorf, dem kleinen Nest, wäre meine Geburt völlig unmöglich gewesen, ein Skandal und die Verdammung meiner Mutter wären die unausbleibliche Folge gewesen in einer Zeit, die uneheliche Kinder nicht haben wollte. Meine Großtante Rosina hätte ihre Nichte Herta, meine Mutter, aus dem Haus geworfen und ihr weiteres Leben durch die Schande einer unehelichen Geburt, noch dazu des Kindes eines Gauners, wie man meinen Vater am häufigsten bezeichnete, verdüstert, und sie wäre die restlichen Jahrzehnte nur noch in schwarzer Kleidung ins Dorf gegangen und selbstverständlich auch da nur auf den Friedhof und wieder zurück.“ Am 9. Februar 1931 kam Thomas Bernhard zur Welt. Weil die Mutter den Lebensunterhalt verdienen musste, überließ sie den Säugling der Frau eines Fischers, die auf einem im Hafen von Rotterdam liegenden Fischkutter sieben oder acht Pflegekinder in Hängematten untergebracht hatte. Nach einigen Monaten war die Mutter so verzweifelt, dass sie ihre Eltern über ihre Mutterschaft benachrichtigte und mit dem Kind zu ihnen nach Wien zog.

Dort arbeitete sie als Hausangestellte und zeitweise auch als Köchin. „Es war deprimierend: mit sieben Jahren tanzte sie in der Hofoper in Schneewittchen und bekam dafür vom Kaiser eine Medaille. Mit zwölf erkrankte sie an einem sogenannten Lungenspitzenkatarrh und musste auf die Karriere einer Primaballerina, die ihr Vater ihr zugedacht hatte, verzichten. Die Tochter sollte in dem allerhöchsten Musentempel des Reiches Karriere machen und hatte tatsächlich alle Voraussetzungen dazu, wie ich weiß, und landete staubwischend in den Vor- und Schlafzimmern der Neureichen Döblings und in diversen Küchen in der Gegend der Währinger Hauptstraße.“

Die Großmutter war Hebamme. Der Großvater (Johannes Freumbichler, 1881 – 1949) schrieb Romane, aber erst im Alter von 55 Jahren veröffentlichte er sein erstes Buch. „Er war ein Einzelmensch, er war gemeinschaftsunfähig, untauglich also für jede Anstellung“. Bis dahin hatten er und seine Frau von dem kärglichen Einkommen ihrer Tochter gelebt. Der Sohn Rudolf, den alle „Farald“ nannten, verbüßte wegen seiner kommunistischen Aktivitäten mehrmals Haftstrafen. Später heiratete er die Maurerstochter Fanny und lebte mit ihr als „freier Künstler“ vom Schildermalen.

1937 heiratete Thomas Bernhards Mutter den Friseurgehilfen Emil Fabjan, zog zu ihm nach Traunstein und holte den Sohn nach. Der war todunglücklich über die Trennung von seinem geliebten Großvater, der zumindest in der Theorie Anarchie, Widerspruch und Revolution schätzte. Er hielt nichts davon, Kinder streng zu erziehen: „Nein, das Kind muss neugierig sein, dann ist es gesund, und man muss seiner Neugierde freien Lauf lassen. Es fortwährend anzubinden, ist verbrecherisch und eine gemeine Dummheit. Das Kind soll seinen Ideen nachgehen, nicht den Ideen seiner Erzieher.“ Seine Tochter Herta hatte er selbst zu Hause unterrichtet, denn auf Lehrerinnen und Lehrer war er schlecht zu sprechen: „Wir schicken unsere Kinder in die Schule, damit sie so widerwärtig werden wie die Erwachsenen.“

In Traunstein wurde Thomas Bernhard eingeschult. Im ersten Jahr hatte er eine Lehrerin, die er sehr verehrte. Da brachte er gute Noten nach Hause. Aber vom zweiten Schuljahr an war es damit vorbei. Die Schule war die Hölle für ihn. Zu Hause hatte er es nicht viel besser. Zum Glück fand sich für die Großeltern gleich außerhalb von Traunstein, in Ettendorf, eine Wohnung im Obergeschoß eines Bauernhofs. Dorthin eilte er fast jeden Tag. „Nur aus Liebe zum Großvater habe ich mich in meiner Kindheit nicht umgebracht“, schreibt Thomas Bernhard.

Als er sieben Jahre alt war, bekam er einen Bruder und zwei Jahre später eine Schwester. Die Mutter war überfordert und gegenüber dem unangepassten Verhalten des ältesten Sohnes so hilflos, dass sie ihn nur immer wieder verzweifelt mit dem Ochsenziemer schlug. Schlimmer war es, wenn sie ihn anschrie: „Du bist so ein Nichtsnutz wie dein Vater! Du Unruhestifter!“ Kein Wunder, dass er Bettnässer war. „Wenn ich von der Schule nach Hause kam, schon auf halber Höhe der Schaumburgerstraße, sah ich mein Leintuch mit dem großen gelben Fleck aus dem Fenster hängen. Meine Mutter hängte mein nasses Leintuch abwechselnd in der Schaumburgerstraße und dann wieder auf dem Taubenmarkt aus dem Fenster, zur Abschreckung, damit alle sehen, was du bist!“

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In der Erzählung „Ein Kind“ erinnert sich Thomas Bernhard an seine ersten dreizehn Lebensjahre. Er berichtet nicht chronologisch, sondern er lässt sich von einer Erinnerung zur anderen tragen und monologisiert darüber ohne Unterbrechung, ohne eine Strukturierung in Absätze oder gar Kapitel. Es war keine glückliche Kindheit. Thomas Bernhard erzählt von traumatisierenden Erlebnissen, aber trotz des Schmerzes übersieht er auch nicht die komischen Elemente.

Ein Beispiel dafür ist der Anfang der Autobiografie. Ohne Erlaubnis probiert der Achtjährige das Radfahren auf dem Fahrrad seines an der Ostfront eingesetzten Vaters. Weil er noch zu klein ist, um auf dem Sattel zu sitzen, tritt er mit einem Bein unter der Querstange hindurch auf das Pedal auf der anderen Seite. „Auf den Geschmack dieser mir vollkommen neuen Disziplin gekommen, radelte ich bald aus dem Taubenmarkt hinaus durch die Schaumburgerstraße auf den Stadtplatz, um nach zwei oder drei Runden um die Pfarrkirche den kühnen, wie sich schon Stunden später zeigen musste, verhängnisvollen Entschluss zu fassen, auf dem, wie ich glaubte, von mir schon geradezu perfekt beherrschten Rad meine nahe dem sechsunddreißig Kilometer entfernten Salzburg in einem mit viel Kleinbürgerliebe gepflegten Blumengarten lebende und an den Sonntagen beliebte Schnitzel backende Tante Fanny aufzusuchen, die mir als das geeignetste Ziel meiner Erstfahrt erschien …“ Auf halbem Weg muss er ein Stück schieben und merkt, wie anstrengend das Radfahren ist. „Sollten meine Lungenflügel nicht mehr die Kraft bis Salzburg haben? Ich schwang mich auf das Rad und trat in die Pedale, es war jetzt mehr aus Verzweiflung und Ehrgeiz denn aus Verzückung und Enthusiasmus, dass ich die berühmte Rennfahrerhaltung einnahm, um die Geschwindigkeit noch einmal steigern zu können. Hinter Straß, von wo aus man schon Niederstraß sehen kann, riss die Kette und verwickelte sich erbarmungslos in den Speichen des Hinterrades. Ich war in den Straßengraben katapultiert worden. Ohne Zweifel, das war das Ende. Ich stand auf und blickte mich um. Es hatte mich niemand beobachtet. Es wäre zu lächerlich gewesen, in diesem fatalen Kopfsprung ertappt worden zu sein. Ich hob das Fahrrad auf und versuchte, die Kette aus den Speichen zu ziehen. Mit Öl und Blut verschmiert, zitternd vor Enttäuschung, blickte ich in die Richtung, in welcher ich Salzburg vermutete. Immerhin, ich hätte nur noch zwölf oder dreizehn Kilometer zu überwinden gehabt. Erst jetzt war ich darauf gekommen, dass ich die Adresse meiner Tante Fanny gar nicht kannte. Ich hätte das Haus im Blumengarten niemals gefunden.“

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Residenz Verlag

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