Camorra


Wie die Cosa Nostra auf Sizilien (legendäre Hochburg: Corleone) und die ‚Ndrangheta in Kalabrien (Hochburg: Plati) gehört die Camorra zur italienischen Mafia.

Die Camorra ging aus einer in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Neapel gegründeten verbrecherischen Bruderschaft hervor, der „Confraternidad de la Garduña“, die während der spanischen Besetzung des Königreichs Neapel zunehmend an Macht gewann. Die „Confraternidad de la Garduña“ trieb Schutzgelder ein und sorgte für Ordnung. Am 12. September 1842 gab sich die Organisation eine Verfassung: „Die Ehrbare Gesellschaft des Schweigens, mit anderm Namen Schöne Reformierte Gesellschaft der Camorra, schließt alle beherzten Männer zusammen, auf dass sie sich unter besonderen Umständen in moralischer und materieller Hinsicht helfen können.“ (zit. nach: Hans Magnus Enzensberger: Politik und Verbrechen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1964, Seite 149). Die Mitglieder verpflichteten sich dazu, außer Gott und den Führern der Camorra keine Autorität anzuerkennen. In Artikel 24 hieß es: „Die eingetriebenen Gelder sind an die Oberhäupter der Gesellschaft abzuführen. Ein Viertel davon steht dem Großmeister zu, der Rest geht in die gemeinsame Kasse der Gesellschaft und wird auf das gewissenhafteste unter den aktiven, den arbeitsunfähigen und denjenigen Mitgliedern verteilt, welche die Laune der Regierung ins Gefängnis gebracht hat.“ (a. a. O.)

Benito Mussolini unterdrückte die Camorra, aber nach seiner Entmachtung erstarkte sie wieder und erwarb nach der alliierten Invasion zunächst im Schwarzmarkt neue finanzielle Mittel.

1970 setzte sich Raffaele Cutolo (* 1941) mit seinen Anhängern von den alten Clans ab und gründete die „Nuova Camorra Organizzata“. Die „neue Camorra“ setzte vor allem auf das Baugewerbe, und es gelang ihr im großen Stil, durch Korruption an kommunale Aufträge zu kommen. Als nach dem Erdbeben von Irpinia am 23. November 1980 (Terremoto dell’Irpinia) knapp 59 Milliarden Lire für den Wiederaufbau in Kampanien flossen, kam es unter den Clans zu blutigen Verteilungskämpfen mit Hunderten von Toten.

Ende der Achtzigerjahre stieg Paolo Di Lauro (* 1953) zum Oberhaupt des mächtigsten Clans auf, der sich mit den Licciardi, Contini-Bosto und anderen Clans zur „Alleanza di Secondigliano“ zusammenschloss. Die Allianz kontrollierte die nördlichen Vorstädte von Neapel und konzentrierte sich in den Neunzigerjahren auf den Kokain-Handel und die Textilindustrie. Als Paolo Di Lauro die Führung des Clans seinem Sohn Cosimo Di Lauro (* 1973) überließ, spalteten sich 2004 unter der Führung von Raffaele Amato (* 1965) einige Clans von der Allianz ab („Scissionisti di Secondigliano“). Dadurch kam es zu einem blutigen Bandenkrieg („Faida di Scampìa“), bei dem über hundert Menschen getötet wurden. Cosimo Di Lauro, Raffaele Amato und schließlich auch Paolo Di Lauro wurden 2005 verhaftet. Danach endete der Bandenkrieg.

Als Ergebnis eines zehn Jahre dauernden Verfahrens verurteilte ein Gericht in Neapel am 19. Juni 2008 sechzehn Mitglieder des in Casal di Principe beheimateten Casalesi-Clans („Spartacus-Prozess“), darunter Francesco Schiavone („Sandokan“) und Francesco Bidognetti, zu lebenslanger Haft. Die untergetauchten Paten Antonio Iovine und Michele Zagaria konnten allerdings nur in Abwesenheit verurteilt werden.

Im Zentrum des Spartacus-Prozesses stehen die Ereignisse seit dem Tod des legendären Casalesi-Bosses Antonio Bardellino 1988. Es hat fast zehn Jahre gedauert, die Verbrechen aufzuklären und das Verfahren in erster Instanz im Jahr 2005 abzuschließen. Damals wie heute mussten Justiz und Polizei eine gigantische Operation in Gang setzen. Rund 200 Carabinieri und Polizisten, Minenhunde, Scharfschützen, Polizeistreifen, Hubschrauber schützten den Prozess. 1300 Angeklagte. 626 Verhandlungstage, 508 Zeugen, dazu 24 »Reuige«, die mit der Justiz kooperierten, 6 davon Angeklagte. 90 Ordner mit Ermittlungsakten. Ein Hauptermittlungsverfahren, das Dutzende Parallelprozesse nach sich gezogen hat wegen Mordes, illegaler Auftragsvergaben, Drogen, Staatsbetrug. (Roberto Saviano, „Die Zeit“, 3. Juli 2008)

Zum „System“ – so lautet eine neuere Bezeichnung für die Camorra – gehören derzeit schätzungsweise 110 Familien mit über 6500 Personen (camorristi). Schutzgelderpressungen gelten längst als altmodisch. Die Camorra hat sich zu einem globalen, horizontal strukturierten Wirtschaftsimperium entwickelt und engagiert sich vor allem im Drogenhandel, in der Produktpiraterie, in der Modebranche, im Baugewerbe und bei der illegalen Müllentsorgung.

Literatur über die Camorra

  • Nanni Balestrini: Sandokan. Eine Camorra-Geschichte (Roman, Übersetzung: Max Henninger, Assoziation A, Berlin 2006, 142 Seiten, ISBN: 978-3-935936-55-2)
  • Raffaele Cantone: Allein für die Gerechtigkeit. Ein Leben im Kampf gegen die Camorra (Übersetzung: Friederike Hausmann und Rita Seuß, Kunstmann, München 2009, 255 Seiten, ISBN: 978-3-88897-584-4)
  • Diego De Silva: Gewisse Kinder (Roman, Übersetzung: Peter Klöss, Berlin-Verlag, Berlin 2003, 178 Seiten, ISBN: 3-8270-0471-3)
  • Giuseppe Ferrandino: Pericle der Schwarze (Roman, Übersetzung: Max Looser, Suhrkamp, Frankfurt/M 2000, 158 Seiten, ISBN: 3-518-39884-9)
  • Giuseppe Marrazzo: Camorrista. Das mysteriöse Leben des Don Rafele Cutolo (Übersetzung: Werner Raith und Maria Teresa Galluzzo, Commedia-und-Arte-Verlag Mayer, Stuttgart 1987, 279 Seiten, ISBN: 3-924244-04-9)
  • Birgit Müller-Wieland: Das neapolitanische Bett (Roman, Wagenbach, Berlin 2005, 235 Seiten, ISBN: 3-8031-2522-7)
  • Luca Rossi: Camorra. Reportage aus Ottaviano, dem Ort, wo ein Leben nichts gilt (Übersetzung: Elisabeth Schmidt, Zambon, Frankfurt/M 1984, 172 Seiten,
    ISBN: 3-88975-011-7)
  • Salvatore Rotondo: Die Rechtsanwältin der Camorra (Roman, Heiler, Eberbach/Neckar 2006, 339 Seiten, ISBN: 978-3-00-019411-5)
  • Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra (Übersetzung: Friederike Hausmann und Rita Seuß, Carl Hanser Verlag, München 2007)
  • Roberto Saviano: Das Gegenteil von Tod (Übersetzung: Friederike Hausmann und Rita Seuß, Carl Hanser Verlag, München 2009, 72 Seiten, ISBN 978-3-446-23335-5)

© Dieter Wunderlich 2009

Roberto Saviano: Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra

Anna Silvia - Kreide fressen
"Kreide fressen" ist weniger Roman als Sachbuch. Anna Silvia berichtet über ihre Erfahrungen und denkt darüber nach. Die Lektüre ist er­muti­gend, weil es der Geschundenen am Ende gelingt, sich trotz der grau­samen Erlebnisse freizukämpfen.
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