Elie Wiesel : Die Richter

Die Richter

Elie Wiesel

Die Richter

Originalausgabe: Les Juges Editions du Seuil, Paris 2000 Die Richter Übersetzung: Christiane Landgrebe Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch Gladbach 2001 ISBN 3-7857-1524-2, 251 Seiten Taschenbuch: BLT, Bergisch Gladbach 2003 ISBN 3-404-92130-5, 253 Seiten, 8.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach einer Notlandung auf dem Flug von New York nach Tel Aviv werden fünf der Passagiere – vier Männer und eine Frau – von einem rätselhaften Mann in dessen Haus aufgenommen. Er bezeichnet sich als Richter, zwingt seinen Gästen, die bald merken, dass sie eingesperrt sind, ein Frage-und-Antwort-Spiel auf und droht damit, einen der Anwesenden zum Tod zu verurteilen. In dieser Ausnahmesituation denken die Betroffenen über ihr Leben nach ...
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Kritik

Obwohl Elie Wiesel eine bedrohliche Situation schafft und Suspense-Elemente einbaut, handelt es sich bei "Die Richter" nicht um einen Thriller. Im Mittelpunkt der Darstellung steht vielmehr die Suche nach dem Sinn der Vergangenheit und des Lebens.
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Eine trotz eines Schneesturms vom J. F. Kennedy Airport nach Tel Aviv gestartete Maschine gerät kurz nach dem Start in so heftige Turbulenzen, dass der Kapitän beschließt, auf einem verwaisten Flughafen zwischen New York und Boston notzulanden. Einige Bewohner eines nahen Dorfes holen die Gestrandeten in ihre Häuser.

Vier Männer und eine rothaarige Frau, die sich zuvor nicht kannten, kommen in einem abgelegenen Haus unter. Ihr Gastgeber verrät zwar seinen Namen nicht, behauptet jedoch, er sei Richter.

„Ich bin Richter. Ja, heute Nacht, werde ich Ihr Richter sein.“ (Seite 13)

Ein Buckliger, dessen Namen die Gäste ebensowenig erfahren, versorgt sie mit heißem Tee und Kaffee. Vor zwanzig Jahren waren seine Eltern und ihr erst wenige Monate altes Baby bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Er selbst überlebte schwer verletzt und ist seither entstellt und verkrüppelt. Der Richter nahm ihn bei sich auf; der Bucklige dient ihm als Koch, Kammerdiener, Sekretär, Leibwächter, Laufbursche, Hofnarr, Prügelknabe und Zerrspiegel.

Der Richter verlangt zunächst von seinen Gästen, dass sie ihre persönlichen Angaben aufschreiben, so als ob sie einen Pass beantragen würden. Die Frau heißt Claudia; die Namen der Männer lauten: Bruce Schwarz, George Kirsten, Razziel Friedman und Joab.

Claudia fragt, ob sie telefonieren dürfe, aber der Richter behauptet, die Leitungen seien durch den Schneesturm unterbrochen.

Als Nächstes fordert der Richter die Gäste auf, ein Erlebnis zu schildern, das ihrem Leben eine Wendung gab. Mehr oder weniger widerwillig lassen sie sich auf das vermeintliche Gesellschaftsspiel ein.

Claudias Lebensweg nahm eine neue Richtung, als sie sechzehn war und mit ihrer Klasse zum ersten Mal eine Theateraufführung besuchte. Hypnotisiert von der Handlung, vergaß sie die reale Welt und beschloss danach, zum Theater zu gehen.

Inzwischen ist sie dreißig und Pressesprecherin einer Theatertruppe in New York. Nach zehn Jahren Ehe verließ sie kürzlich ihren Mann Lucien, weil sie sich in einen anderen verliebt hatte. Mit David erlebte sie erst eine einzige Liebesnacht, denn am nächsten Morgen musste er nach Israel zurückfliegen. Claudia saß in der notgelandeten Maschine, weil sie ihm folgen wollte.

Bruce Schwarz bezeichnet sich selbst als Playboy. Auf die Frage nach einer Wendung in seinem Leben erzählt er, wie er als junger Priesterschüler seinen Vater mit der Freundin seiner Mutter im Bett ertappt hatte. Von da an machte er sich einen Spaß daraus, Frauen zu verführen, auch wenn er damit Paare auseinanderriss und viel Leid verursachte. Auf eine längere Beziehung ließ er sich nie ein; es ging ihm nur darum, möglichst viele Frauen herumzukriegen. Die einzige Tochter eines alten jüdischen Mathematiklehrers, der seine Geschwister, Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten im Holocaust verloren hatte, nahm sich das Leben, als sie begriff, dass Bruce nichts für sie empfand.

Jetzt ist er auf dem Weg zu der Psychologie-Studentin Stacy in Israel, um sich bei ihr für sein Verhalten zu entschuldigen. Am liebsten würde er alle von ihm betrogenen Frauen um Verzeihung bitten.

Bei George Kirsten handelt es sich um einen zweiundvierzigjährigen Archivar. Er wurde in Düsseldorf geboren. Seine beiden Kinder leben bei ihrer Mutter Marie-Anne in Manhattan.

Durch Zufall stieß George im Archiv auf den Bericht eines deutschen Hauptmanns an seinen Divisionsgeneral, der beweist, dass die Wehrmacht die mit der Ermordung der Juden beauftragten Einsatzkommandos in Litauen zumindest logistisch unterstützte. Der damalige Hauptmann gehört inzwischen der österreichischen Regierung an und ist wegen seiner juden- und israelfreundlichen Äußerungen bekannt. George wollte das Dokument in Israel einem Agenten des Mossad zeigen, einem Bekannten seiner jüdischen Geliebten Pamela, und mit ihm besprechen, ob es veröffentlicht werden sollte oder nicht. Er fragt sich, ob ein Mensch im Lauf der Zeit seine Verbrechen bereuen und unschuldig werden könne.

Razziel Friedman kennt weder seinen richtigen Namen, noch sein genaues Alter. Er ist ungefähr fünfzig. Aus Gründen, von denen er nichts (mehr) weiß, wurde er in einem Gefängnis in Rumänien von den Kommunisten so gefoltert, dass er sein Gedächtnis verlor. Der hilfreiche Mithäftling Razziel Paritus riet ihm, sich vorläufig ebenfalls Razziel zu nennen.

Der jüdisch-amerikanische Fabrikant Aryé-Leib Friedman holte ihn schließlich mit Hilfe einer ultraorthodoxen Organisation nach New York und gab ihn als politisch Verfolgten und Verwandten aus. Wegen der Formalitäten, aber auch aus Dankbarkeit, nahm Razziel den Familiennamen Friedman an.

Später heiratete er Kali, die Tochter eines jüdischen Diamantenhändlers aus Antwerpen. Sie starb während der ersten Schwangerschaft. Daraufhin verließ Razziel die Wohnung, die ihnen sein Schwiegervater in Manhattan gekauft hatte und zog sich in ein kleines Apartment in der Nähe der von ihm geleiteten Jeschiwa (Talmud-Hochschule) in Brooklyn zurück.

Nun wollte er nach Israel fliegen und sch mit Razziel Paritus treffen.

Der fünfunddreißigjährige Israeli Joab stammt aus Jerusalem. Auf die Frage des Richters nach einer Wende in seinem Leben schildert er, wie er sich aufgrund eines Geheimdienstberichtes als Hauptmann der israelischen Armee mit sechs Untergebenen auf die Lauer legte, um zwei palästinensische Selbstmordattentäter abzufangen. Sie gerieten jedoch selbst in einen Hinterhalt, und sein Freund Schmulik war unter den Toten.

Einige Jahre zuvor hatte Schmuliks Ehefrau Lidia es darauf angelegt, ihrem Mann vorzutäuschen, dass Joab sie liebe und verführen wolle. Joabs kluge und verständnisvolle Ehefrau Carmela verhinderte damals, dass die Freundschaft der beiden Männer zerbrach.

Vor kurzem diagnostizierte der Arzt Dr. Schreiber, der seit fünfzehn Jahren mit Joab befreundet ist, bei dem Reserveoffizier einen Gehirntumor, der nicht operiert werden kann. Auf seinen Rat hin flog Joab mit Carmela nach New York und ließ sich im Sloan Kettering Hospital untersuchen. Bei dem für ihn zuständigen Arzt handelte es sich ausgerechnet um einen Deutschen, Dr. Heinrich Blaufeld, der ihm gestand, dass sein Vater bei der SS gewesen war und bei den Selektionen in Birkenau mitgemacht hatte.

Carmela flog vor Joab zurück nach Israel, um alles für seine Rückkehr vorzubereiten.

Der Richter meint schließlich, bei dem Spiel fehle ein wesentliches Element: der Tod.

„‚Da die Menschheit in eine Zeit moralischen Niedergangs eingetreten ist, fordert Gott ein Menschenopfer, um sie vor Strafe zu bewahren.‘ Das ist die eigentliche Frage: Wer soll der Sündenbock sein? Und wer nimmt die Hinrichtung vor?“ (Seite 93)

Dann verlässt er den Raum und gibt seine Anordnungen über Lautsprecher. Claudia, Bruce Schwarz, George Kirsten, Razziel Friedman und Joab stellen fest, dass sie eingesperrt sind: Weder die Türe noch die Fenster lassen sich öffnen, und die Fensterscheiben lassen sich nicht einschlagen.

Joab nimmt sich vor, sich auf den Richter zu stürzen, sobald er den Raum wieder betritt, und ihn als Geisel zu nehmen, die Situation also umzukehren. Doch statt des Richters kommt der Bucklige und erzählt von Gerüchten, denen zufolge die Frau und die Tochter des Richters vergewaltigt und ermordet wurden. Den oder die Mörder habe man nie gefunden.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Im Morgengrauen hören die Eingeschlossenen einen Schrei.

Dann öffnet der Bucklige die Tür. Der verrrückte Richter hatte von ihm verlangt, einen der Eingeschlossenen zu töten und ihm ein großes Fleischermesser in die Hand gedrückt. Als der Bucklige sich sträubte, zeigte ihm der Richter, wie man es an die Kehle setzt.

„Es ist so einfach, einem Menschen sein Leben zu nehmen, oder einer Frau […] Siehst du, du nimmst das Messer, du legst es ihr an die Kehle und du drückst, sanft, sehr sanft, und dann stärker, ein bisschen stärker und …“ (Seite 247)

Im nächsten Augenblick brach der Richter mit durchschnittener Kehle zusammen. Der Bucklige weiß nicht, ob der Richter selbst eine Bewegung zu viel gemacht hatte, oder wie es sonst geschehen war.

„Der Richter hat sich selbst gerichtet, und ich glaube, ich war sein Henker.“ (Seite 248)

Als der Schneesturm nachlässt, werden die Gestrandeten zum Flugzeug zurückgebracht, und sie setzen ihre Reise fort. Die Polizei kommt zu dem Schluss, dass der Richter Selbstmord beging. Der Bucklige wohnt weiterhin im Haus des Richters.

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Als Leser nimmt man zunächst vielleicht an, es handele sich bei „Die Richter“ um einen Thriller, aber bald wird klar, dass Elie Wiesel zwar bewusst eine bedrohliche Situation schafft und Suspense-Elemente einbaut, aber einem ganz anderen Thema nachgeht. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen weder die Gruppendynamik der Eingeschlossenen noch ein Verbrechen, sondern Schuld, Erinnerung und Verdrängung, die Suche nach dem Sinn der Vergangenheit und des Lebens.

Claudia fällt dazu ein Zitat von Gertrude Stein ein:

Es gibt keine Antwort. Es hat nie eine Antwort gegeben. Es wird nie eine Antwort geben. Und vielleicht ist das die Antwort. (Seite 136)

Die zugespitzte surreale Szenerie erinnert an „Die Panne“ von Friedrich Dürrenmatt. Die Reflexionen der fünf Eingeschlossenen ziehen den Leser in ihren Bann, auch wenn sie nicht sehr weit in die Tiefe gehen, aber mit der Konstruktion der Rahmenhandlung hat Elie Wiesel sich zu wenig Mühe gegeben.

Elie Wiesel wurde am 30. September 1928 in Sighet in Siebenbürgen als Sohn eines jüdischen Kaufmannes geboren. Das gehörte damals zu Ungarn. Die Nationalsozialisten deportierten ihn 1944 nach Auschwitz. Während seine Großeltern, seine Eltern und seine jüngere Schwester dem Holocaust zum Opfer fielen, erlebte Elie Wiesel den Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ im Konzentrationslager Buchenwald.

Nach dem Krieg studierte er an der Sorbonne in Paris; 1956 zog er in die USA. Die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt Elie Wiesel 1963. Seit 1978 lehrt er an der Universität Boston, und seit 1979 ist er Vorsitzender des Holocaust Memorial Council. 1986 wurde Elie Wiesel mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Der Holocaust steht auch im Zentrum seines Wirkens als Schriftsteller. Mit seinem 1958 veröffentlichten Roman „Die Nacht“ war Elie Wiesel berühmt geworden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Verlagsgruppe Lübbe

Keigo Higashino - Verdächtige Geliebte
Wir glauben, die Täter von Anfang an zu kennen. Dass Keigo Higashino uns Leser in "Verdächtige Geliebte" ebenso täuscht, wie der Protagonist die Polizei, verwundert nicht. Wie er die Puzzle-Teile zu verschiedenen Bildern zusammensetzt, ist intelligent und spannend.
Verdächtige Geliebte

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