Urs Widmer : Ein Leben als Zwerg

Ein Leben als Zwerg

Urs Widmer

Ein Leben als Zwerg

Ein Leben als Zwerg Originalausgabe: Diogenes Verlag, Zürich 2006 ISBN: 978-3-257-06513-8, 177 Seiten, 16.90 € Taschenbuch: Diogenes Verlag, Zürich 2008 ISBN: 978-3-257-23654-5, 177 Seiten, 8.90 €
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Zwerg aus Gummi erzählt aus seinem Leben. Er erinnert sich, wie er von dem kleinen Jungen Uti in einem Spielzeugladen ausgesucht und von dessen Mutter gekauft worden war. Uti und dessen Schwester Nana spielten viel mit ihren Zwergen. Als Uti größer geworden war, nahm er seinen Zwerg mit auf Reisen. In den letzten Jahren stand dieser auf einem Regalbrett in Utis Arbeitszimmer und sah dem älter werdenden Schriftsteller bei der Arbeit zu ...
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Kritik

Die ersten Seiten von "Ein Leben als Zwerg" sind vor allem wegen der ungewohnten Perspektive und Gedankenwelt des Ich-Erzählers – eines Gummi-Zwerges – recht originell, lustig und unterhaltsam.
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Ich heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi. Hinten, so etwa im Kreuz, hatte ich einmal ein rundes Etwas aus Metall, und wenn mir jemand, ein Mensch mit seinen Riesenkräften, auf den Gummibauch drückte, pfiff es. Pfiff ich. Das Metallding ist aber längst von mir gefallen, und ich pfeife nicht mehr. (Seite 7)

Mit diesen Worten beginnt Urs Widmer seinen Roman „Ein Leben als Zwerg“.

Der Zwerg erinnert sich, wie sein Bewusstsein einsetzte, als habe jemand einen Schalter betätigt. Es geschah, als ihn ein kleiner Junge in einem Spielzeugladen aus einem Regal nahm. Der Junge wurde zwar von seiner Mutter aufgefordert, den Gummi-Zwerg sofort wieder zurückzustellen, aber er tobte so lange, bis sie ihren Widerstand aufgab. So wurde der Zwerg in die Spielzeugsammlung der Geschwister Uti und Nana aufgenommen.

Zwerge kommen ohne jedes Wissen zur Welt. Aber wir haben ein Riesenhirn – Millionen Zellen auf zwei drei Kubikzentimetern – und ein absolutes Gedächtnis. Wir vergessen nichts. Nie. So lernen wir rasend schnell […] Wir hören zu, wenn die Menschen reden, wie, was. Sie sagen einmal Löffel oder Gabel oder Individuationsprozess, und wir haben es in unserem Wortschatz. Wissen sehr bald auch, was gemeint ist. Heute spreche ich fließend Portugiesisch, anders als der groß gewordene Bub, obwohl er das genau gleiche Angebot wie ich hatte. Zwei drei Reisen mit ihm nach Lissabon und durchs Alentejo reichten mir. Mir dröhnt der Kopf vor Jammer, wenn er der Putzfrau, die aus Galizien stammt, klarmachen will, dass sie seine am Boden liegenden Bücher liegenlassen soll. Was für ein Gestammel. Ich brülle dann, akzentfrei, „Teria a bondade de deixar ficar esses livros todos aí no chão, por favor?“ vom Regel herunter. Aber natürlich hören sie mich nicht. (Seite 23f)

Dass Zwerge lebendig sind, merken die Menschen nicht, denn sobald sie einen Blick auf einen Zwerg werfen, erstarrt dieser. Wenn Zwerge allerdings unbeobachtet sind, klettern sie flink herum oder rücken in „Zottelkolonnen“ zur Erforschung ihrer Umwelt aus. Das geschieht vor allem nachts, wenn die Menschen schlafen. Dann droht den Zwergen allerdings Gefahr von Haustieren, etwa von Hunden und Katzen oder von dem Fenek, den Papi einmal mit nach Hause brachte.

Im Hitzesommer 1947 geriet einer der Zwerge auf den glühend heißen Fenstersims aus Aluminium. Obwohl er verzweifelt herumhüpfte, verschmorten seine Gummifüße und es stank fürchterlich.

Sogar in die Ferien nahmen Uti und Nana je einen der Zwerge mit. Nanas Zwerg, der Grünsepp, ging allerdings verloren, als die Kinder ein Wettschwimmen der Zwerge veranstalteten und das Wasser des Baches den Grünsepp mitriss. An einem der nächsten Tage holte Papi zwar einen Zwerg aus einem Päckchen, von dem er behauptete, es handele sich um den zurückgekehrten Grünsepp, aber er war nicht grün, sondern gelb gekleidet und verhielt sich auch ganz ungewohnt. (Der echte Grünsepp tauchte erst nach einer langen Odyssee wieder auf.)

Als Uti größer geworden war und viel auf Reisen ging, nahm er seinen Zwerg stets mit und trug ihn in der Hosentasche. Dann tauchte an seiner Seite eine Frau namens Isabelle auf und einige Zeit später auch noch ein kleines Mädchen. Uti hörte zu reisen auf und stellte seinen Zwerg auf ein Regalbrett. Von dort aus beobachtete dieser den Mann, der aus dem Kind Uti geworden war.

Kein Zwerg hat je getan, was Uti […] tat. Stundenlang auf die Tasten der Schreibmaschine einschlagen, das Papier aus der Walze reißen, es zerknüllen, ein neues einspannen. (Seite 136)

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Zwerge werden weder geboren noch sterben sie, aber sie zerbröseln im Lauf der Zeit. Vigolette sah schon recht mitgenommen aus, als er einen anderen Zwerg wiedersah, der auch einmal zu den Spielsachen von Uti und Nana gehört hatte und inzwischen im Obergeschoss lebte: Dunkelblöe. Die beiden immer noch wissbegierigen Zwerge entdeckten das Fernsehen und zappten sich nachts, wenn Uti, Isabelle und das Kind schliefen, durch die Kanäle, wobei sie darauf achteten, den Ton leise zu halten, um die Menschen nicht aufzuwecken.

Eines Morgens trug Uti einen Blaumann, als er ins Zimmer kam, und er hatte Farbtöpfe und einen Rollpinsel dabei. Nachdem er die meisten Sachen ausgeräumt und in Schachteln verstaut hatte, beauftragte er die Putzfrau Esperanza, den Rest wegzuwerfen. Auch Vigolette wanderte in den Müllsack, und in dem Unrat hörte er Dunkelblöe um Hilfe rufen. Mit einer Grammophonnadel gelang es ihm, ein Loch in die Plastikfolie zu stechen, das er so lange erweiterte, bis Dunkelblöe und er sich befreien konnten. Da sahen sie auch all die anderen Zwerge wieder, die jahrzehntelang in einer Schachtel gefangen gewesen waren, bis die Mäuse Löcher in den Karton gefressen hatten.

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In dem skurrilen Roman „Ein Leben als Zwerg“ lässt Urs Widmer einen Gummi-Zwerg als Ich-Erzähler zu Wort kommen. Der erinnert sich, wie er von Uti – einer Figur, die leicht als Urs Widmer zu erkennen ist – in einem Spielzeugladen ausgesucht wurde. Als Uti größer geworden war, begleitete er ihn auf seinen Reisen, und in den letzten Jahren stand er auf einem Regalbrett in Utis Arbeitszimmer und sah dem älter werdenden Schriftsteller bei der Arbeit zu – bis dieser das Zimmer renovierte …

Die ersten Seiten von „Ein Leben als Zwerg“ sind vor allem wegen der ungewohnten Perspektive und Gedankenwelt des Erzählers recht originell, lustig und unterhaltsam. Aber dann wartet man vergeblich auf etwas Neues und stellt ein wenig enttäuscht fest, dass das Buch bis zum traurig schönen Ende keine weiteren Einfälle und Überraschungen zu bieten hat.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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