Frank Wedekind : Lulu

Lulu
Lulu Manuskript: ab 1892 Veröffentlichung: 1913
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Um sich gutbürgerlich verheiraten zu können, verkuppelt der Berliner Chefredakteur Dr. Schön seine Mätresse Lulu, die er als Zwölfjährige aus der Gosse holte, mit dem senilen Medizinalrat Dr. Goll. Den trifft der Schlag, als er Lulu mit dem Maler Schwarz ertappt. Lulu heiratet Schwarz, der sich das Leben nimmt, nachdem er von ihrer Untreue erfahren hat. Daraufhin wird Lulu Dr. Schöns Ehefrau, empfängt jedoch auch weiterhin ihre Verehrer – bis es zu einer weiteren Katastrophe kommt ...
Weiterlesen

Kritik

In der Tragödie "Lulu" ignorierte Frank Wedekind die Regeln des zu seiner Zeit vorherrschenden naturalistischen Dramas und setzte auf grelle Panoptikum-Effekte, groteske Szenen und kolportageartige Elemente.
Weiterlesen

Dr. Schön, der reiche Chefredakteur einer Berliner Zeitung, holt die zwölfjährige Lulu aus der Gosse, schickt sie in die Schule und macht sie zu seiner Mätresse. Als er vorhat, sich standesgemäß zu verheiraten, trennt er sich von Lulu und verkuppelt sie mit einem vermögenden Freund: Medizinalrat Dr. Goll. Lulu vermählt sich mit dem sehr viel älteren senilen Mann. Als Dr. Goll herausfindet, dass sie ihn mit dem Maler Schwarz betrügt, der sie porträtieren soll, trifft ihn der Schlag. Daraufhin wird Lulu die Ehefrau des Künstlers und verhilft ihm mit ihrer Erbschaft zum Erfolg, setzt jedoch heimlich auch ihr Verhältnis mit Dr. Schön fort. Obwohl Schwarz sich an der Nase herumführen lässt, erfährt er schließlich durch Dr. Schön – der sich durch diesen Schritt endgültig von Lulu befreien möchte – von der Untreue seiner Frau. Entsetzt schneidet Schwarz sich die Kehle durch.

Die zweifache Witwe bringt nun Dr. Schön dazu, seine gutbürgerliche Verlobung zu lösen und sich mit ihr zu vermählen. Während er an der Börse tätig ist, empfängt Lulu ihren siebenundsiebzigjährigen Vater Schigolch und ihre Verehrer: Dr. Schöns homosexuellen Sohn Alwa, die lesbische Gräfin Geschwitz, den Athleten Rodrigo Quast und den schwärmerischen Gymnasiasten Hugenberg. Sie sind der femme fatale verfallen. Als ihr Mann vorzeitig nach Hause kommt und Lulu mit seinem Sohn in flagranti ertappt, drückt er ihr einen Revolver in die Hand. Damit soll sie sich selbst das Leben nehmen. Stattdessen erschießt Lulu ihren Ehemann.

Lulu wird zu einer Haftstrafe verurteilt, aber nach eineinhalb Jahren gelingt es ihr, eine ansteckende Krankheit vorzutäuschen und aus der Isolierbaracke zu entkommen. Alwa, Schigolch und Gräfin Geschwitz begleiten sie auf der Flucht nach Paris, wo Lulu sich als Gräfin Adélaïde d’Oubra ausgibt und ein Luxusleben in der Demimonde beginnt – bis Alwa und der Gräfin Geschwitz nach einem Jahr das Geld ausgeht.

Auf diesen Augenblick hat der Marquis Casti-Piani gewartet: Der Polizeispitzel und Mädchenhändler, der weiß, wer Dr. Schön erschoss, will Lulu an ein Edelbordell in Kairo verkaufen. Zur gleichen Zeit versucht auch Rodrigo Quast, Lulu zu erpressen und verlangt für sein Schweigen Geld. Da missbraucht Lulu die Liebe der Gräfin Geschwitz und überredet die ihr hörige Lesbierin dazu, sich dem Athleten hinzugeben, damit Schigolch ihn ermorden kann.

Vor Casti-Piani flieht Lulu mit Alwa und Schigolch nach London, wohin ihr die Gräfin Geschwitz später folgt. Weil sie mittellos sind, geht Lulu als Hure auf die Straße. Alwa kommt bei einer Auseinandersetzung mit einem ihrer Freier ums Leben. Am Ende gerät Lulu an Jack the Ripper, der zuerst die Gräfin Geschwitz und dann sie ersticht.

nach oben

1892 begann Frank Wedekind (eigentlich: Benjamin Franklin Wedekind, 1864 – 1918) an einem Bühnenstück zu arbeiten, das er drei Jahre später unter dem Titel „Der Erdgeist“ veröffentlichte. Die Tragödie in vier Akten wurde 1898 in Leipzig uraufgeführt. Die Zeitschrift „Die Insel“ druckte 1902 die Fortsetzung – „Die Büchse der Pandora“ –, eine Tragödie in drei Aufzügen, die 1904 in Nürnberg erstmals auf die Bühne kam. 1913 verschmolz Frank Wedekind beide Bühnenwerke zu einer Tragödie in fünf Akten: „Lulu“.

Lulu, die Hauptfigur, verkörpert den Konflikt zwischen der Sexualität und der bürgerlichen Moral: Dr. Schön, Dr. Goll, der Maler Schwarz, Alwa Schön und die lesbische Gräfin Geschwitz verfallen Lulu und kommen dabei ums Leben. Vergeblich verlangt Lulu nach Liebe; sie zerbricht daran, dass sie von allen nur als Objekt der Begierde gesehen wird. Schuld und Unschuld, Täter und Opfer lassen sich in den „Lulu“-Tragödien nicht klar voneinander unterscheiden. Lulu entwickelt sich von einer Lolita zur femme fatale und steigt parallel dazu vom Berliner Straßenkind zur Halbweltdame in Paris auf, bevor sie in London als mittellose Straßenhure wieder in der Gosse endet. Karl Kraus schrieb, Lulu sei „die Tragödie von der gehetzten, ewig missverstandenen Frauenanmut“, die von allen zerstört wird und alles zerstört.

Die Lulu Wedekinds […] war dazu angetan, die Bürger, deren brüchige Moral in dem Drama aufgezeigt wurde, zu schockieren. Was Wedekind bezweckte und was ihm gelang, war ein épater les bourgeois, nicht um zu belehren, nicht um zu verbessern, sondern um das satte Bürgertum aus seiner Lethargie herauszureißen und es zu zwingen, die Welt zu sehen, wie sie war.
Wedekind war ein Prediger des ungebändigten Individualismus, er trat ein für die von lästigen Vorurteilen befreite Persönlichkeit, die nur nach eigenen Gesetzen und Grundsätzen leben […] sollte.
(Paul Frischauer: Die Welt als Bühne als Bühne der Welt, Marion von Schröder Verlag)

Frank Wedekind ignorierte die Regeln des zu seiner Zeit vorherrschenden naturalistischen Dramas: Bewusst setzte er in „Der Erdgeist“, „Die Büchse der Pandora“ und „Lulu“ auf grelle Panoptikum-Effekte, groteske Szenen und kolportageartige Elemente, ohne sich über Stilbrüche zu bekümmern.

Auch hundert Jahre nach der Entstehung wird „Lulu“ auf der Bühne immer wieder neu interpretiert und inszeniert. Es gibt auch mehrere Verfilmungen – darunter: „Lulu“ von Uwe Janson (2006) –, und Alban Berg (1885 – 1935) machte daraus die 1937 in Zürich uraufgeführte unvollendete Oper „Lulu“.

 

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

Frank Wedekind: Der Erdgeist
Frank Wedekind: Die Büchse der Pandora
Uwe Janson: Lulu

Giorgio Fontana - Im Namen der Gerechtigkeit
Obwohl Giorgio Fontana in "Im Namen der Gerechtigkeit" Thriller-Elemente verwendet, verzichtet er auf einen Spannungsbogen und nimmt sich viel Zeit, das Dilemma des Staatsanwalts und dessen Gedanken nachzuvollziehen.
Im Namen der Gerechtigkeit

Giorgio Fontana

Im Namen der Gerechtigkeit

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: