Bastienne Voss : Mann für Mann

Mann für Mann

Bastienne Voss

Mann für Mann

Mann für Mann Originalausgabe: Piper Verlag, München / Zürich 2010 ISBN: 978-3-492-05370-9, 251 Seiten, 16.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Sibylle, die Tochter eines Dirigenten und einer Sopranistin, wächst in Ollingerode in der DDR auf und kommt mit vierzehn in ein Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1988 hofft sie, dass ihr ein ehemaliger Geliebter der geschiedenen Mutter zur Aufnahme in eine Schauspielschule in Ostberlin verhilft. Das ist zwar nicht der Fall, aber er wird ihr Sexualpartner, bis er nach der Öffnung der Mauer in Depressionen verfällt und Sibylle ihn verlässt. Ein Theaterregisseur, der ihr eine Rolle in einer Daily Soap verschafft, erweist sich nach der Hochzeit als Spießer. Mann für Mann sammelt Sibylle ihre Erfahrungen ...
Weiterlesen

Kritik

Der Roman "Mann für Mann" weist keine Handlung im eigentlichen Sinn auf, sondern besteht stattdessen aus einer Reihe von Episoden, aber das schmälert das Lesevergnügen kaum, denn Bastienne Voss erzählt ironisch, mit viel Witz und lakonischem Humor. "Mann für Mann" ist ausgesprochen unterhaltsam.
Weiterlesen

Sibylle, das einzige Kind des Dirigenten Friedrich Augustin und dessen Ehefrau, der Sopranistin Magdalena Augustin, wächst in Ollingerode in der DDR auf. Die Ehe der Eltern, die viel auf Reisen sind, zerbricht, und Sibylle kommt mit vierzehn in ein Internat. Der Vater wollte eine Konzertpianistin aus ihr machen, aber sie war zu faul zum Üben und schaffte keine Zulassungsprüfung zu einem Wettbewerb. Jetzt singt sie im Chor und träumt davon, nach dem Abitur Sängerin oder Schauspielerin zu werden.

Seit vier Wochen hat die inzwischen fünfzehn Jahre alte Schülerin einen Freund. Weil Clemens in dieser Zeit nur zweimal mit ihr geschlafen hat, ist Sibylle frustriert und nimmt sich vor, an diesem Abend nach dem Chorsingen vor den in Ilsenburg stationierten russischen Soldaten Igor zu küssen. Der ist zwar Angehöriger einer Siegermacht, verheiratet und Vater, hat jedoch in der DDR kein eigenes Zimmer. Deshalb geht er trotz des Regens mit ihr in den Innenhof, öffnet seine Hose und macht sich an ihrem Kleid zu schaffen, während sein erigierter Penis auf und ab wippt. Da flammen Scheinwerfer auf, und ein dicker russischer Offizier befiehlt Igor, wieder in die Baracke zurückzukehren. – Weil es sich herumspricht, dass Sibylle mit einem russischen Soldaten ertappt wurde, beschimpft Clemens sie als Nutte und spuckt ihr vor die Füße.

Daraufhin wird der Abiturient Jimmy ihr neuer Freund, obwohl Sibylle weiß, dass er im Sommer zum Lehrerstudium in eine ferne Großstadt ziehen wird.

Bei Proben mit dem Sinfonieorchester in Ostberlin sieht Sibylle einen Mann Ende dreißig wieder, der sie vor einiger Zeit während eines Aufenthalts an einem FKK-Strand an der Ostsee begafft hatte: Helmut Sprengel spielt im Berliner Sinfonieorchester Oboe. Er umwirbt sie eifrig, aber Sibylle weist ihn zurück.

Nachdem Sibylle das Abitur 1988 mit „Befriedigend“ bestanden hat und sowohl das Internat als auch den Chor nach vier Jahren verlässt, denkt sie:

Viel hatten ihr die vier Jahre nicht gebracht, aber zwei Dinge hatte sie gelernt, die die meisten nie lernten: sie konnte singen, und sie war trinkfest. Immer nach den Chorkonzerten hatten sie gebechert, unter Aufsicht, ganz offiziell, und die Unmengen Russenwodka hatten ihr den letzten Schliff gegeben. So schnell soff sie keiner unter den Tisch. Für das Leben, das jetzt kam, keine schlechte Voraussetzung. (Seite 51)

Sie bittet Frank Hesse um ein Treffen. Der Philosophie-Dozent einer Schauspielschule in Berlin, der vor einigen Jahren der Geliebte ihrer Mutter war und sie als Kind lästig fand, soll ihr helfen, auf die Schauspielschule zu kommen. Sibylle versucht, den Dozenten zu verführen, der so alt wie ihr Vater ist, aber er meint:

„Nee, nee, du, das lassen wir mal lieber. Ist besser, wenn du nach Hause fährst.“ (Seite 58)

Eine Woche später treffen sie sich erneut, diesmal bei ihm in der Wohnung. Frank Hesse räsoniert über den „Steppenwolf“, bis es Sibylle zu viel wird.

Sie aber hatte jetzt genug vom Steppenwolf und wollte einen Zungenkuss. Es war bereits nach einundzwanzig Uhr.
Hesse hörte nicht auf. Er redete und redete, über den Wolf und über den Menschen, über den Wolf im Menschen und den Menschen im Wolf, über die Einsamkeit seiner menschlich-wölfischen Seele und über die einsame menschliche Seele im Wolf, redete so was oder so Ähnliches, sie hörte schon gar nicht mehr hin, als sie beschloss zu gehen. Sie hielt das nicht aus. Das war ihr noch nie passiert, dass ein Mann nur mit ihr reden wollte, nichts weiter wollte als reden. Das konnte er mit einem Freund machen, stundenlang reden, aber nicht mit ihr, dazu war sie sich zu schade, und es war inzwischen schon fast zweiundzwanzig Uhr. „Wahrscheinlich hast du recht“, verkündete sie, „der Wolf ist ein Mensch, und der Mensch ist ein Wolf, aber ich muss jetzt, leider.“
[…] Sie stakste zur Garderobe und war dabei, ihren Mantel anzuziehen, als Hesse plötzlich hinter ihr stand. Er zog ihr den Mantel wieder aus und schob seine Hand in ihren Schritt […]
„Bleib, Sibylle. Bitte bleib. Ich kann nicht … nicht mehr länger warten.“ Ihr Herz schlug im Kehlkopf. Sie hatte nicht weiter gedacht als bis zu einem Zungenkuss. (Seite 62f)

In den nächsten Wochen schlafen Sibylle und Hesse „morgens, mittags, abends, nachmittags und in der Nacht“ (Seite 65) miteinander. Er sieht ihr auch gern zu, wenn sich selbst befriedigt. Beim Dozent-und-Putzfrau-Spiel sitzt er am Schreibtisch und tut so, als lese er Hegel, während sie nackt auf den Knien herumrutscht und Staub wischt. Erst nach längerer Zeit gesteht Sibylle ihrer Mutter, in wen sie sich verliebt hat. Magdalena bleibt überraschend ruhig und begleitet Sibylle sogar zum Bahnhof, als diese zu Hesse nach Berlin zieht. Ihr Vater rastet dagegen aus, als er es erfährt:

„Das ist ja das Allerletzte“, hatte er gebrüllt, „dass du mit diesem alten Mann, der noch dazu ein Versager ist, eine Niete, eine Null, dass du mit dem überhaupt sprichst! An alles andere will ich gar nicht denken. Der hat schon deine Mutter unglücklich gemacht, und jetzt vergreift er sich an meiner Tochter, dieser Hanswurst, dieser verkommene Triebtäter, dieses minderbemittelte Subjekt.“ (Seite 104)

Von der Schauspielschule in Ostberlin wird Sibylle abgelehnt. Das ist ein Schock für sie. Selbstverständlich könnte sie es in einer anderen Stadt versuchen, aber sie will bei Hesse in Berlin bleiben, und er besorgt ihr einen Hilfsjob in einem Kunstverein.

Im Spätherbst 1989 wird Sibylle von ihrer früheren Schulfreundin Isabel besucht. Die Tochter eines Übersetzers und einer Bibliothekarin studiert inzwischen in Leipzig Literaturwissenschaften, während Sibylle im „Zauberberg“ zum dritten Mal nicht über Seite 100 hinausgekommen ist. Als Hesse in der Küche zu tun hat, lässt sich Isabel im Schlafzimmer widerstandslos von ihrer Freundin ausziehen. „Na, ihr macht ja Sachen!“, flüstert Hesse beim Anblick der beiden nackten Mädchen und lässt sich in den Sessel gegenüber dem Bett fallen. Er schaut zu, wie Sibylle auf Isabel herumtobt. Als sie aus dem Bad kommt, liegt Hesse neben Isabel auf dem Bett und hat den Arm um sie gelegt. Da wird Sibylle übel. Er sollte sich doch nicht in Isabel verlieben! Sibylle übergibt sich, zieht sich an und läuft auf die Straße. Dort begegnen ihr Passanten, die jubeln, die Mauer sei offen. Sibylle kehrt zurück, aber sie können keine Nachrichten empfangen, weil Hesse kein Fernsehgerät besitzt.

Seit der Öffnung der Berliner Mauer ist Hesse depressiv. Deshalb bringt ihn Sibylle dazu, mit ihr, ihrer Westberliner Verwandten Rosa und deren Ehemann Hans an die Nordsee zu fahren. Doch es wird nicht besser. Sibylle erträgt Frank Hesses Niedergeschlagenheit nicht länger; sie verlässt ihn. Hans bringt sie in seiner Zweitwohnung in Wilmersdorf unter, ohne seiner Frau etwas davon zu erzählen und besteht darauf, dass die Vorhänge geschlossen bleiben und Sibylle sich nicht von den Nachbarn sehen lässt.

Früher oder später würde sie mit Hans schlafen müssen. Sie konnte hier nicht wohnen, ohne dass sich irgendwas in dieser Richtung tat. (Seite 107)

Um ihren Schauspiel- und Gesangsunterricht bezahlen zu können, arbeitet Sibylle als Aushilfe in einem Zeitungskiosk, aber sie kann nicht gut rechnen und gibt immer wieder zu viel Geld heraus. Nach zwei Wochen hört sie auf – und vergeht in Selbstmitleid. Schließlich findet sie einen Job als Kellnerin im „Dicken Engel“. Der Wirt bedrängt sie mit Liebeserklärungen, aber sie benötigt das Geld. Erst als sie versehentlich einem Gast ein Glas frisch gepressten Orangensaft über den Anzug kippt, wirft sie auch hier das Handtuch. Nur widerwillig verschafft ihr der Vater einen Job als Schließerin an der Berliner Oper, und Sibylle kann endlich eine eigene Wohnung mieten.

Während eines Kurzurlaubs auf Darß fällt ihr am Nacktbadestrand ein Mann auf, der wie Jacques Brel aussieht. Doch ist der nicht längst tot? Der deutlich über vierzig Jahre alte Fremde heißt Jakob Eichblatt, ist Theaterregisseur und will in Berlin eine Bühne mit dem Namen „Kalinka Company“ gründen. Sibylle erzählt ihm, sie würde gern am Theater vorsprechen, und er fordert sie auf, sich in Berlin telefonisch mit ihm in Verbindung zu setzen:

„Sie haben das Gesicht, ich habe die Kontakte.“ (Seite 137)

Die beiden kommen sich näher, und Sibylle verführt Jakob Eichblatt dazu, sie und sich auszuziehen. Als sie nackt sind, sucht er allerdings vergeblich im Bücherregal zwischen Goethe und Kroetz nach Kondomen.

Ob im Osten die Geburtenrate sank? Jakob und Hesse waren sicher nicht die einzigen, die durch den Mauerfall ihre Potenz verloren hatten. Das große Schwanzsterben war ausgebrochen, aufgrund von Zukunftsangst und Bedeutungslosigkeit. Unfruchtbarkeit durch Mangel an Geld und Freiheit im neuen Land der Freiheit. Aus dem Osten war ein Massengrab für impotente Schwänze geworden. (Seite 160)

Immerhin vermittelt Eichblatt ihr ein Vorsprechen bei Kordula Kraut von der Agentur „Magic Faces“, und Sibylle wird für die Rolle der intriganten Schmuckdesignerin Hella Feldgruber in der Daily Soap „Ebbe und Flut“ engagiert.

Nach einem Urlaub in Venedig heiraten Sibylle und Jakob Eichblatt. Von diesem Tag an verliert Eichblatt jegliches Interesse daran, mit Sibylle auszugehen. Der Spießer will nur noch fernsehen und erwartet von ihr, dass sie dabei neben ihm sitzt. Erst als der Journalist Arnd-Axel Ewers mit einem Pressefotografen anrückt, um für die Illustrierte „Mega-Play“ eine Homestory der Schauspielerin Sibylle Augustin-Eichblatt und ihres Ehemanns zu machen, lebt er wieder etwas auf. Sibylle korrigiert die Übertreibungen des Reporters, bis er ihr erklärt, sie müsse positiver herüberkommen; die Wahrheit sei unwichtig, man müsse den Leuten stattdessen das bieten, was sie lesen wollen.

Friedrich Augustin teilt seiner Tochter am Telefon mit, dass er von der nächsten Spielzeit an nicht mehr an der Berliner Oper dirigieren werde, weil man ihm vorwirft, Stasi-Kontakte gehabt zu haben.

„Was? Das geht doch nicht! Kein Schwein kann so gut dirigieren wie du!“
„Das ist lieb von dir, dass du das sagst.“ (Seite 192)

Sibylles Mutter geht es nicht viel besser: Die Sopranistin darf nur noch im Chor der Berliner Oper singen.

In ihrer kleinen Wohnung, die sie trotz der Eheschließung behalten hat, betrügt Sibylle ihren Mann mit Arnd-Axel Ewers. Als Eichblatt sich einen Hund anschafft und in ein eigenes Haus in einem Vorort ziehen möchte, trennt Sibylle sich von ihm. Bald darauf wirft sie auch Ewers hinaus, der nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern im Pyjama seiner Mutter schlafen will.

Nachdem sie aus der Daily Soap „rausgeschrieben“ wurde, fährt sie mit ihrer ebenfalls arbeitslosen Freundin Doris nach München.

Dort lernt sie den berühmten Schauspieler Theo Schmitt kennen. Sechs Wochen später ruft er sie an und schlägt ihr vor, ihn in Leipzig zu treffen. Dort tritt er im Gewandhaus als Sprecher in „Reineke Fuchs“ auf. Nach der Vorstellung wird Theo Schmitt jedoch von anderen Leuten umringt und hat keine Zeit für Sibylle. Trotzdem träumt sie davon, er werde sein Versprechen halten und mit ihr zu den Malediven fliegen. Sie kauft eigens einen großen Koffer, Kleider und Unterwäsche – aber Theo Schmitt meldet sich nicht und geht nicht ans Telefon. (Später erfährt sie, dass er den Sommer in Kuba verbrachte.)

Für die Spielzeit 1995/96 erhält Sibylle vom Theater in Stralsund einen Vertrag. Als erstes spielt sie die Emilia Galotti.

Als sie sich nach Isabel erkundigt, erfährt sie, dass ihre frühere Freundin nach dem Literaturstudium Bankkauffrau wurde, inzwischen bei einer bedeutenden Bank in London viel Geld verdient und eine Zweitwohnung in Berlin hat.

In einer Imbissbude denkt die siebenundzwanzigjährige Schauspielerin, die inzwischen mit Jens Katzberg, dem Chefdramaturgen des Theaters in Stralsund, eine Affäre hat:

Was war das, das Leben? Es war Mann für Mann, Hoffnung für Hoffnung. (Seite 249)

nach oben

Der Roman „Mann für Mann“ weist keine Handlung im eigentlichen Sinn auf, sondern besteht stattdessen aus einer Reihe von Episoden im Leben der Protagonistin. Wir verfolgen, wie die 1968 in der DDR-Provinz geborene Sibylle Augustin zwischen ihrem 15. und 27. Lebensjahr von einem Mann zum nächsten stolpert, während Deutschland wiedervereinigt wird. Das Fehlen eines Plots schmälert das Lesevergnügen kaum, denn Bastienne Voss erzählt ironisch, mit viel Witz und lakonischem Humor. „Mann für Mann“ ist ausgesprochen unterhaltsam.

Die Figur Sibylle Augustin ist zwar im gleichen Jahr wie die Autorin Bastienne Voss geboren, hat Künstler als Eltern, macht das Abitur in einem Internat und spielt in einer Daily Soap mit, doch ob „Mann für Mann“ über diese Parallelen hinaus autobiografische Züge hat, wissen wir nicht.

Bastienne Voss (Bastienne Voss-Büttner) wurde 1968 in Ostberlin als Tochter eines Balletttänzers und einer Balletttänzerin geboren. Mit vierzehn kam sie auf ein Internat in Wernigerode (Spezialmusikschule „Gerhard Hauptmann“). Nach dem Abitur arbeitete Bastienne Voss zunächst als Sekretärin. In den Neunzigerjahren studierte sie Schauspiel und Gesang. In dieser Zeit spielte sie in den Daily Soaps „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ und „Verbotene Liebe“ mit. Von 1999 bis 2006 gehörte Bastienne Voss zum Ensemble des Kabaretts „Die Distel“ in Berlin. 2007 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Drei Irre unterm Flachdach“.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Piper Verlag

Peter Liendl undGisela Klötzer - Takimo
"Sternenstaub" ist eine intelligente und spannende Geschichte, die dazu anregt, sich näher mit astronomischen und kosmologischen Fragen zu beschäftigen: "Science und Fiction". – Die dramaturgische und technische Gestaltung ist auf hohem Niveau.
Takimo

Peter Liendl undGisela Klötzer

Takimo

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: