Edith Templeton : Die Stunde des Cupido

Die Stunde des Cupido

Edith Templeton

Die Stunde des Cupido

Originalausgabe: The Darts of Cupid and other stories Pantheon Books, New York 2002 Die Stunde des Cupido Übersetzung: Giovanni und Ditte Bandini Claassen Verlag, Berlin 2005 ISBN 3-546-00322-5, 334 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Unter dem Titel "Die Stunde des Cupido" hat Edith Templeton sieben melancholische Erzählungen zusammengefasst:

Die Stunde des Cupido – Unwiderstehlich – Die Kostümprobe – Gleichheitskuchen – Eine Kaffeehausbekanntschaft – Die blaue Stunde – Nymphe & Faun
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Kritik

Die melancholischen Erzählungen von Edith Templeton handeln von Erotik und Sexualität. Die Ich-Erzählerinnen von "Die Stunde des Cupido" weisen vermutlich autobiografische Züge auf.
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Die Stunde des Cupido

Die vierundzwanzigjährige Eve Prescott-Clark ist eine der englischen Zivilistinnen, die während des Zweiten Weltkriegs in einem Dechiffrier-Büro des US-Kriegsministeriums in Bathdale arbeiten. Einen Monat nachdem sie die Tätigkeit übernommen hatte, wurde ihr Ehemann ins Ausland abkommandiert, aber sie hätte sich so oder so von ihm getrennt. Zweimal lässt sie sich auf kurze Affären mit amerikanischen Offizieren ein.

Ein amerikanischer Major Anfang dreißig übernimmt die Leitung des Büros. Eve gilt als ausgezeichnete Mitarbeiterin, doch um ihre Eigenwilligkeit zu demonstrieren, trödelt sie hin und wieder herum, wenn ein Vorgesetzter zuschaut. Darüber amüsiert sich der Major und er ruft sie immer wieder zu sich, um mit ihr zu plaudern.

Nachdem der Major seine Freundin Constance Ray aus London nachkommen ließ und mit ihr zusammen eine Wohnung gemietet hat, lädt er Eve zusammen mit einem Captain ein. Eve stellt fest, dass Constance mindestens im sechsten Monat schwanger ist. Der Major erzählt ihr, Constance sei mit einem englischen Major verheiratet, der zur Zeit in Indien Dienst tue. Sie werde sich von ihm scheiden lassen. Der Geliebte hatte vergeblich versucht, sie zu einer Abtreibung zu überreden; Constance will das Kind haben, obwohl sie weiß, dass sie es allein aufziehen muss.

Eve trinkt zu viel. Es wird ihr übel und sie übergibt sich im Bad. Constance lässt nicht zu, dass sie nach Hause fährt, sondern bringt sie ins Gästebett.

Im Dunkeln kommt der Major herein und legt sich zu ihr. Eve muss sich erneut übergeben. Ohne Murren führt der Major sie ans Fenster, öffnet es und hält sie. Auch beim nächsten Versuch, ein Liebesspiel zu beginnen, muss Eve wieder ans Fenster. Danach meint er Major rücksichtsvoll, sie sei jetzt zu schwach und müsse schlafen. Er bleibt neben ihr liegen.

Und dann fiel mir ein, dass mein Mann mich jeden Tag gefragt hatte: „Liebst du mich? Bist du froh, mit mir verheiratet zu sein?“ und dass ich immer ja geantwortet habe, obwohl es gar nicht stimmte, und dass mein Mann trotz dieser Worte mir während unserer ganzen Ehe nicht ein Mal auch nur ein Glas Wasser geholt oder eine Tasse Tee gebracht hatte, wenn ich mich nicht wohl fühlte oder erklältet war, während dieser Mann hier, dieser Fremde, dem ich nicht mehr bedeutete als der Gegenwert von ein paar amüsanten Plaudereien, mich gewaschen und gepflegt und gesäubert hatte, gut gelaunt und ohne Widerwillen, und mich im Laufe einer einzigen Nacht die Bedeutung der Liebe gelehrt hatte – was meinem Mann in vier Jahren nicht gelungen war. (Seite 62)

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist der Major bereits ins Büro gegangen. Eve sucht nach Constance und findet sie mit dem Captain im Bett. Die beiden begrüßen sie ganz unbekümmert.

Einige Zeit später erhält der Major einen neuen Versetzungsbefehl. Die letzte Nacht verbringen er und Eve gemeinsam.


Die Kostümprobe

Prag 1929. Edith ist zwölf Jahre alt, als sie und ihre Mutter bei einer Inszenierung des Stücks „Das Mirakel“ von Max Reinhardt als Statisten mitwirken.

Als ein anderer Komparse bei der Kostümprobe zu Edith sagt, er finde sie atemberaubend, erinnert sie sich an ihre ersten Schulferien, die sie mit ihrer Mutter und dem Dienstmädchen Emma an einem Badeort in Kärnten verbrachte. Damals umwarb ein knapp fünfzigjähriger Herr das Mädchen. Er machte Edith Geschenke und bat sie, doch einmal für ihn zu lächeln, aber sie ging nicht darauf ein und setzte ein verächtliches Gesicht auf. Als ihre Mutter von dem Herrn erfuhr, erkundigte sie sich über ihn und erfuhr, dass es sich um einen Börsenrat aus Wien handelte. Da forderte sie Edith auf, ihn zum Tee einzuladen und freundlich zu ihm zu sein.

Vor dem Ende der Kostümprobe nimmt der Komparse Edith bei der Hand und zieht sie in einen Seitengang.

Ich wusste, dass er mich küssen würde, aber die sich sträubende, tretende, kratzende Katze in mir, das Tier, das sich losreißen und fliehen konnte, hatte mich im Stich gelassen. (Seite 130f)

Statt sie auf den Mund zu küssen, streicht der Mann ihr das Haar von der Stirn und küsst sie auf eine sonst verdeckte Stelle.


Gleichheitskuchen

Als Kind lebt Edith Anfang der Zwanzigerjahre auf dem Schloss ihrer Großmutter in Böhmen. Man redet über den kommunistischen Umsturz.

[…] als ich der Köchin eines Nachmittags Marie Antoinettes Bemerkung „Wenn die Armen kein Brot haben, warum essen sie dann keinen Kuchen?“ referierte und erklärte, dies sei der Auslöser der Französischen Revolution gewesen, zeigte sie sich nicht beeindruckt. „Für solche Blödheiten, Fräulein Edith“, sagte sie, „brauchen Sie nicht bis nach Frankreich zu fahren. Die hätten Sie hier gleich nebenan finden können, in Sestajovice, bei der alten Gräfin Sternborn, wenn Sie die kennen.
„Ach, das“, sagte ich. Gräfin Sternborn, die Mutter des gegenwärtigen Grafen Sternborn, dessen Güter an diejenigen meiner Großmutter grenzten, war einmal von einem Bettler angesprochen worden. „Erlaucht, ich habe seit drei Tagen nicht gegessen“, sagte er, worauf die Gräfin erwiderte: „Das ist aber sehr unvernünftig von Ihnen. Man muss sich zwingen zu essen.“ (Seite 137)


Eine Kaffeehausbekanntschaft

Der Mann ist am Anfang immer anders als jeder andere, den man je gekannt hat. Hat man schließlich herausgefunden, dass er zu einem bestimmten Typ gehört, ist das Ende in Sicht. (Seite 170)

1965 fliegt Edith für sechs Wochen von London in ihre Heimatstadt Prag, während ihr Ehemann zu Hause bleibt.

Im Café ihres Hotels wird sie von einem zweiundvierzigjährigen Russen angesprochen. Er schreibt ihr seinen Namen auf: Konstantin Blonik. Nachdem sie eine Nacht zusammen in seiner Wohnung verbracht haben, nimmt Edith sein Angebot an, ihre Sachen zu packen und zu ihm zu ziehen. Blonik erzählt, er sei Physiker und mit einem militärischen Geheimprojekt beschäftigt. Vor zwei Jahren habe er sich wegen eines Ehebruchs seiner Frau scheiden lassen. Zuerst behauptet er, kein Kind zu haben, doch am nächsten Tag spricht er von einer achtjährigen Tochter.

Drei Tage vor ihrer Abreise trifft Edith sich mit ihrem Cousin Ferdinand. Nach dem Essen gehen sie in das Hotel-Café, in dem Edith von Blonik angesprochen wurde. Der Russe sitzt an einem der Tische. Als Edith ihrem Cousin sagt, mit dem Mann habe sie einige Male geplaudert, ist er entsetzt und warnt sie: Das sei ein Geheimagent, diese Leute erkenne er sofort.

1968 kommt Edith erneut nach Prag, und weil die Hotels ausgebucht sind, mietet sie ein Privatzimmer. Im Telefonbuch sucht sie nach Konstantin Blonik, aber sie findet nur einen Antonin Blonik. Den ruft sie ihn an, aber er kennt sie nicht. Dabei wohnt er seit zehn Jahren in dem Apartment, in dem Edith vor drei Jahren zusammen mit ihrem Liebhaber war. Das kann sich Antonin Blonik nicht erklären, aber er kennt den Russen. Der heiße allerdings nicht Blonik, sondern Konstantin Bjelogradow, sei seit zehn Jahren geschieden und habe vor drei Jahren trotz seines Jura-Examens als Chauffeur gearbeitet. Von einer Tochter weiß Antonin Blonik nichts.

Edith verabredet sich mit Antonin Blonik in dem Hotel-Café, das sie von damals kennt, doch er kommt nicht. Stattdessen erscheint der Russe. Wieder fordert er sie auf, ihre Sachen zu packen, und zu ihm zu ziehen. Ja, er heiße Konstantin Bjelogradow sagt er, habe aber den Eintrag im Telefonbuch nicht ändern lassen, als er in Bloniks Wohnung gezogen sei. Nebenbei erzählt er von seiner angeblich achtjährigen Tochter. Als er zur Toilette geht, fragt Edith eine Frau, die ihn offenbar kennt, nach seinen Nachnamen: „Golowjew“, antwortet sie und behauptet, es handele sich um den Generaldirektor eines bedeutenden Unternehmens.


Die blaue Stunde

Louise ist fünfundvierzig Jahre alt. Ihr Ehemann Edmund, mit dem sie seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet ist, praktizierte zwanzig Jahre lang als Arzt in Indien. Jetzt leben sie in Bordighera.

Dort werden sie eines Tages von Clarence besucht, dem sechzigjährigen Ehemann von Louises Cousine Sylvia, die zwölf Jahre jünger ist als er. Die beiden sind seit zweiundzwanzig Jahren verheiratet und haben drei Kinder.

Als Edmund das Zimmer verlässt, um Fotos zu holen, stürzt Clarence auf Louise zu und will sie küssen, aber sie weist ihn zurecht. Als sie dann mit ihm im Aufzug nach unten fährt, um ihn zum Bahnhof zu bringen, bedrängt er sie erneut. Louise wehrt ihn ab, aber er packt sie an der Taille, und sie verspürt einen stechenden Schmerz.

Später erzählt sie es Edmund. Der diagnostiziert eine gebrochene Rippe.

Edmund sagte: „So wie ich das sehe, ist er gar nicht auf diese Art von Befriedigung aus. Ich würde sagen, es ist eine Form von Kleptomanie, der Drang Sex zu stehlen, aber es geht dabei nicht um realen Sex, sondern nur um eine symbolische Handlung. Man könnte sagen, dass er – in seiner Vorstellung – die Befriedigung hatte, dich zu vergewaltigen […] Und für die reale Sache hat er ja schließlich Sylvia, nicht wahr, und sie haben drei Kinder, die sogar von ihm sein könnten […] und dieses Haschmichspiel, das er treibt […] befriedigt seine Eitelkeit und schenkt ihm gleichzeitig das Gefühl, tugendhaft zu sein […] Wenn es um Wahnsinn geht, sollte man nicht versuchen, einen vernünftigen, logisch nachvollziehbaren Grund zu finden, wo es keinen gibt.“ (Seite 263f)

Am 31. Oktober 1984 hört Louise in den Nachrichten, dass Indira Gandhi ermordet wurde. Edmund hatte sowohl Indira Gandhi als auch ihren Vater Jawaharlal Nehru gekannt – doch von dem Attentat bekommt er nichts mehr mit: Louise findet ihn bewusstlos im Bett liegend. Am 4. November stirbt er.

Anfang 1985 erfährt Louise von Sylvia, dass sich Clarence bei einem Autounfall am zweiten Weihnachtstag mehrere Rippen und einen Oberschenkel brach. War das die Strafe dafür, dass er Louise eine Rippe gebrochen hatte?


Nymphe und Faun

Bordighera 1990. Mrs Richardes ist zweiundfünfzig und seit drei Jahren Witwe. Ihr Ehemann, ein renommierter Kardiologe, starb im Alter von dreiundachtzig Jahren. Wie reich er war, erfuhr sie erst nach seinem Tod.

Vor ihrer ersten Begegnung hatte sie eine Affäre mit einem Psychiater namens Gordon gehabt, von dem sie auf einer Parkbank vergewaltigt worden war. Gordon hatte sich später in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten und das Leben genommen [Suizid].

Nach ein paar Jahren Ehe hatte ihr Mann ihr erklärt, sie langweile ihn im Bett, weil sie zu passiv sei und keinen Humor habe.

Als sie noch auf einem prächtigen Anwesen in Portugal lebten, lud er seine früheren Geliebten zu Besuchen ein. Das hörte auf, nachdem sie in Bordighera ein kleines Haus gemietet hatten. Hier gab es auch keine Dienstboten mehr. Stattdessen erwartete der Greis von seiner sehr viel jüngeren Frau, dass sie ihn wie eine Magd bediente. Dabei tarnte er seine Boshaftigkeit als Scherz und Freundlichkeit.

Während eines Aufenthalts in Monte Carlo erzählt die Witwe einem Herrn, sie habe in der Schweiz eine Kiste mit 60 Kilogramm Silber, für die seit dreißig Jahren Lagergebühren anfielen. Der Gesprächspartner gibt ihr die Adresse des internationalen Auktionshauses „Brentford’s“ in Paris. Mrs Richardes schreibt einen Brief und erhält einige Tage später einen Anruf von der Filiale des Unternehmens in Genf. Ein gewisser E. Byrnes Forbes erkundigt sich nach den Sachen und verabredet sich mit ihr bei der Spedition „Rosecrans“ in Chiasso.

Dort wird Mrs Richardes von einem freundlichen jungen Mitarbeiter namens Cortona empfangen. Nach der Mittagspause trifft auch Forbes ein, der zur Überraschung von Mrs Richardes noch keine dreißig Jahre alt ist. Die beiden Männer können sich nicht ausstehen, und Forbes nutzt jede Gelegenheit, Cortona seine Verachtung zu zeigen.

Die Kiste, die nun aufgebrochen wird, enthält außer einer größeren Anzahl von Zigarettenetuis ein silbernes Teeservice und zwei silberne Kerzenständer, die eine Nymphe und einen Faun darstellen. Der hässliche Faun erinnert Mrs Richardes an ihren verstorbenen Mann. Die Sachen sind weit weniger wert, als erwartet. Aber das spielt für Mrs Richardes keine Rolle: Sie benutzte das Silber nur als Köder, um einen Mann wie Forbes zu treffen.

Nachdem Forbes das Silber übernommen hat, verhält Mrs Richardes sich gegenüber Cortona betont aufmerksam, um Forbes zu ärgern.

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Unter dem Titel „Die Stunde des Cupido“ hat Edith Templeton sieben melancholische Erzählungen zusammengefasst. Sie handeln von Erotik und Sexualität, beispielsweise von einer Pubertierenden, die erfährt, dass Männer sie begehren, von Frauen, die von ihren Ehemännern unterjocht werden und von verheirateten Frauen, die auf amouröse Abenteuer aus sind.

Die Geschichten spielen zwischen 1920 und 1990. Unter den Namen Eve Prescott-Clark, Edith, Louise und Mrs Richardes treten Ich-Erzählerinnen auf, von denen die jüngste noch ein Kind und die älteste zweiundfünfzig Jahre alt ist. Dass Schauplätze und Lebensumstände Übereinstimmungen mit der Biografie von Edith Templeton aufweisen, lässt vermuten, dass die Erzählerinnen Züge der Autorin tragen.

Edith Templeton wurde 1916 in Prag geboren und verbrachte ihre Kindheit großenteils in einem Schloss. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie als Arzthelferin und Dolmetscherin für die Alliierten. 1956 zog sie mit ihrem zweiten Ehemann, einem renommierten Kardiologen und Leibarzt des Königs von Nepal, nach Indien. Seit einigen Jahren lebt sie in Bordighera.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Ullstein

Edith Templeton: Gordon

Zeruya Shalev - Schmerz
Zeruya Shalev entwickelt die mehrere Wochen dauernde Handlung chronologisch aus der Sicht der Protagonistin Iris. Intensiv leuchtet sie das Beziehungsgeflecht, die Motive und das Verhalten der Romanfiguren in "Schmerz" aus.

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