Daniel Tammet : Elf ist freundlich und Fünf ist laut

Elf ist freundlich und Fünf ist laut

Daniel Tammet

Elf ist freundlich und Fünf ist laut

Originalausgabe: Born on a Blue Day. A memoir of Asperger's and an Extraordinary Mind Hodder & Stoughton, London 2006 Elf ist freundlich und Fünf ist laut. Ein genialer Autist erklärt seine Welt Übersetzung: Maren Klostermann Patmos Verlag, Düsseldorf 2007 ISBN: 978-3-491-42108-0, 247 Seiten Heyne Taschenbuch, München 2008 ISBN: 978-3-453-64040-5, 283 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der am Asperger-Syndrom leidende Engländer Daniel Tammet erzählt, wie er in London aufwuchs und an sich arbeitete, um trotz seiner Behinderung ein eigenständiges Leben führen zu können. Faszinierend ist v. a. die Diskrepanz zwischen seinen Schwierigkeiten im Alltag und seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen und Sprachen, die ihn zu einem der wenigen Savants auf der Welt machen ...
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Kritik

Bei "Elf ist freundlich und Fünf ist laut" handelt es sich nicht um die Schilderung eines Außenstehenden, sondern um die Innenansicht eines Savants. "Ein genialer Autist erklärt seine Welt" heißt es denn auch im Untertitel des Buches von Daniel Tammet.
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Ich wurde am 31. Januar 1979 geboren – einem Mittwoch. Ich weiß, es war ein Mittwoch, denn in meiner Vorstellung ist der Tag blau, und Mittwoch ist immer blau – wie die Zahl Neun oder der Klang lauter, streitender Stimmen. Mir gefällt mein Geburtsdatum, weil ich die meisten Zahlen darin als glatte, runde Formen vor mir sehen kann – so wie Kieselsteine an einem Strand. Das liegt daran, dass es Primzahlen sind: 31, 19, 197, 97 und 1979 lassen sich alle nur durch sich selbst und durch eins teilen. Ich kann jede Primzahl bis 9973 an ihrer „kieselsteinartigen“ Beschaffenheit erkennen. So arbeitet mein Gehirn.
Ich habe eine seltene Krankheit, das sogenannte Savant-Syndrom, das wenig bekannt war, bis es 1988 von dem Schauspieler Dustin Hoffman in dem Oscar-prämierten Film „Rain Man“ dargestellt wurde […]
Immer wenn ich unter zu starken Stress gerate und nicht ordentlich atmen kann, schließe ich die Augen und zähle. An Zahlen zu denken hilft mir, mich wieder zu beruhigen.
Zahlen sind meine Freunde und sie sind ständig um mich. Jede ist einzigartig und hat ihre ganz eigene „Persönlichkeit“. Elf ist freundlich und Fünf ist laut, während Vier still und schüchtern ist – sie ist meine Lieblingszahl, vielleicht weil sie mich an mich selbst erinnert. Einige Zahlen sind groß, wie 23, 667, 1179, andere klein, wie 6, 13, 581. Einige sind schön, wie 333, und einige hässlich, wie 289. Für mich ist jede Zahl etwas Besonderes […]
Die Wissenschaft bezeichnet meine visuell-emotionale Wahrnehmung von Zahlen als Synästhesie, eine seltene neurologische Vermischung der Sinne […] Bei mir ist die Synästhesie so ungewöhnlich und komplex ausgeprägt, dass ich Zahlen als Formen, Farben, Stoffe und Bewegungen wahrnehme. Die Zahl Eins zum Beispiel ist ein strahlend helles Weiß, als ob mir jemand mit einer Taschenlampe direkt in die Augen leuchten würde. Fünf ist ein Donnerschlag oder der Klang von Wellen, die gegen Felsen branden. Siebenunddreißig ist klumpig wie Porridge, während mich Neunundachtzig an fallenden Schnee erinnert. (Seite 15f)

Mit diesen Sätzen beginnt Daniel Tammet seine Autobiografie „Elf ist freundlich und Fünf ist laut“.

Wenn jemand meinen Eltern vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich einmal völlig selbstständig leben, eine Partnerschaft führen und einen Beruf ausüben würde, hätten sie es bestimmt nicht geglaubt, und ich bin nicht sicher, ob ich es selbst geglaubt hätte. Dieses Buch erzählt, wie ich dieses Ziel erreicht habe. (Seite 26)

Dem siebenundzwanzigjährigen britischen Buchautor fällt es zwar schwer, rechts und links zu unterscheiden, und er besitzt keinen Führerschein, weil er das Verhalten anderer Autofahrer ebenso wenig einzuschätzen vermag wie die Gesamtsituation, doch wenn man ihn fragt, wieviel 37 hoch 4 sei, nennt er blitzschnell das Ergebnis (1 874 161), und das Ergebnis der Division 13 durch 97 gibt er problemlos auf hundert Kommastellen genau an. Oliver Sacks stellt in seiner Fallsammlung „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ die sechsundzwanzigjährigen debilen Zwillinge John und Michael vor, die zwar nicht einmal die Grundrechnungsarten beherrschen, sich jedoch ohne mnemotechnische Hilfsmittel Zahlen mit dreihundert Stellen merken können. Im Gegensatz zu anderen Savants ist Daniel Tammet in der Lage, selbst zu beschreiben, wie er Zahlen erlebt und wie sie ihm dabei helfen, Gefühle anderer Menschen nachzuempfinden.

Daniel Paul Tammet wurde am 31. Januar 1979 in London als Sohn des Metallbauers Kevin Tammet und dessen Ehefrau Jennifer geboren. Seine acht Geschwister Lee, Claire, Steven, Paul, Maria, Natasha, Anna-Marie und Shelley sind zwei bis dreiundzwanzig Jahre jünger. Als Säugling schrie er extrem viel, aber er schien sich ganz normal zu entwickeln: Kurz nach seinem ersten Geburtstag konnte er laufen und sprach die ersten Wörter.

Immerhin entwickelte ich mich von einem brüllenden, weinenden Kind, das mit dem Kopf gegen die Wand schlug, zu einem stillen, zurückhaltenden, völlig in sich gekehrten Jungen. (Seite 34)

Im Alter von vier Jahren erlitt Daniel Tammet einen heftigen epileptischen Anfall, an dem er gestorben wäre, wenn ihn nicht sein Vater sofort ins Krankenhaus gebracht hätte. Mit dem Antiepileptikum Carbamazepin gelang es den Ärzten, weitere Anfälle zu verhindern, und nach drei Jahren ließen sie den Patienten das Medikament absetzen. Vermutlich kam Daniel Tammet nicht mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten auf die Welt, sondern erwarb sie durch die Epilepsie in der Kindheit.

Man weiß nicht, ob und wie sich Epilepsie langfristig auf das Gehirn auswirkt. Meine Kindheitsanfälle gingen vom linken Temporallappen aus, und nach Ansicht einiger Forscher liegt eine mögliche Ursache der Savant-Fähigkeiten darin, dass eine Schädigung der linken Hirnhälfte von der rechten Hirnhälfte kompensiert wird. (Seite 55)

Es scheint, dass meine Kindheitsanfälle viel dazu beigetragen haben, mich zu dem Menschen zu machen, der ich heute bin. (Seite 59)

Im September 1984 wurde Daniel Tammet eingeschult. Dass in den Rechenbüchern alle Zahlen schwarz und gleich groß waren, sah für ihn wie Druckfehler aus, denn in seiner Welt ist die Acht größer als die Sechs, und die Neun ist beispielsweise blau. Lange Zeit begriff er nicht, wieso ihn der Lehrer immer wieder ermahnte, die Ziffern und Zahlen bei Rechenaufgaben gleich groß zu schreiben. Daniel Tammet blieb auch in der Schule Einzelgänger, nicht nur, weil er schüchtern und in sich gekehrt war, sondern vor allem auch, weil er aufgrund des Asperger-Syndroms – einer leichteren Form von Autismus – nonverbale Signale nicht zu deuten vermochte.

Ich verstand nicht, dass Gespräche noch einen anderen Zweck haben können, als über die Themen zu sprechen, die einen am meisten interessieren […]
Mir fällt es schwer, Sprache auf soziale Art zu benutzen. (Seite 92f)

Für Autisten wie Daniel Tammet ist es schwierig, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Beispielsweise rief er einmal seine Mutter aus einer Telefonzelle an, und als ihm die Münzen ausgingen, bat er sie um einen Rückruf – ohne ihr die Telefonnummer durchzugeben.

Ich hatte einfach angenommen, dass sie wusste, was ich wusste. (Seite 101)

Aufgrund seiner Unfähigkeit, nonverbal zu kommunizieren kam er in der Schule mit dem Mannschaftssport nicht zurecht.

Ich […] erkannte nicht, ob ich ausweichen, einen Pass spielen oder den Ball an jemand anderen abgeben sollte. (Seite 119)

Meine Isolation war mit schmerzlich bewusst. (Seite 95)

Im Sommer 1990 wechselte Daniel Tammet von der Grundschule (Dorothy Barley) auf eine weiterführende Schule (Barking Abbey), und fünf Jahre später erhielt er das dem deutschen Realschulabschluss entsprechende General Certificate of Secondary Education. Seine Mutter war enttäuscht, als er sich entschloss, nicht zu studieren, sondern sich stattdessen beim Jugendzweig der Volunteer Services Overseas bewarb und für ein Jahr als ehrenamtlicher Englisch-Lehrer nach Litauen ging. Als er von dort nach London zurückkam, gab er Kindern Nachhilfestunden in Rechnen, Schreiben und Lesen. Von dem Geld, das er damit verdiente, kaufte er sich einen Computer. Weil bei E-Mails und in Chatrooms keine Körpersprache zu beachten ist, fällt Daniel Tammet diese Art der Kommunikation sehr viel leichter als persönliche Gespräche.

Im Internet lernte er im Herbst 2000 den Programmierer Neil Mitchell kennen. Seit seinem elften Lebensjahr weiß er, dass er sich statt zum anderen zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt. Mit sechzehn hatte er sich zum ersten Mal in einen Mitschüler verliebt, aber seine erotischen Gefühle waren nicht erwidert worden. Bevor er sich Anfang 2001 zum ersten Mal mit Neil Mitchell traf, klärte er seine Eltern über seine Homosexualität auf. Ein halbes Jahr später beschloss er, zu seinem Freund nach Kent zu ziehen. Während dieser das Geld für den Lebensunterhalt verdiente, führte Daniel den Haushalt. Einige Zeit später zogen sie nach Herne Bay bei Canterbury um. Dort richteten sie im September 2002 eine Website mit kostenpflichtigen Online-Sprachkursen ein (www.optimnem.co.uk). Neil Mitchell war für die Technik zuständig, Daniel Tammet für den Stoff. Sie genossen es, von zu Hause aus arbeiten zu können.

Ende 2003 regte Daniel Tammet die National Society for Epilepsy in Chalfont St. Peter, Buckinghamshire, dazu an, ihn am 14. März 2004 – dem internationalen Pi-Tag und Albert Einsteins 125. Geburtstag – den europäischen Rekord im Aufsagen der Zahl Pi brechen zu lassen. Auf diese Weise könne er demonstrieren, zu welchen Leistungen ein Epilepsie-Kranker fähig sei. Bei der Veranstaltung im Ashmolean-Gebäude beim Museum für Wissenschaftsgeschichte in Oxford nannte Daniel Tammet auswendig und fehlerfrei 22 514 Ziffern der Zahl Pi. Fünf Stunden und neun Minuten benötigte er dafür.

Seither wurde er oft gefragt, ob das nicht eine sinnlose Anstrengung gewesen sei. Für Daniel Tammet ist die Zahl Pi jedoch wie ein Kunstwerk.

Wenn ich mir die Ziffernfolge ansehe, habe ich eine Fülle von Farben, Formen und Strukturen im Kopf, die sich spontan zu einer visuellen Landschaft verbinden. Das ist immer ein sehr schönes Erlebnis für mich. (Seite 196)

[…] dass Pi für mich etwas ungeheuer Schönes und absolut Einmaliges ist. Wie die Mona Lisa oder eine Mozart-Symphonie liegt der Grund, warum man Pi liebt, in der Sache selbst. (Seite 205)

Jede Zahl zwischen 1 und 10 000 löst bei Daniel Tammet eine visuelle Vorstellung aus, einige davon auch eine emotionale Reaktion.

Zahlen sind meine Hauptsprache, in der ich oft denke und fühle. Es ist manchmal schwierig für mich, Emotionen zu verstehen oder darauf zu reagieren, deshalb helfe ich mir oft mit Zahlen. Wenn ein Freund sagt, er sei traurig oder niedergeschlagen, stelle ich mir vor, dass ich der dunklen Leere der Zahl Sechs sitze, um seine Gefühle nachzuempfinden und zu begreifen. Wenn ich in einem Artikel lese, dass jemand sich durch etwas eingeschüchtert fühlt, stelle ich mir vor, neben der Zahl Neun zu stehen. Wenn jemand seinen Besuch an einem wunderschönen Ort beschreibt, erinnere ich mich an meine Zahlenlandschaften und welche Glücksgefühle sie in mir auslösen. Auf diese Weise tragen Zahlen tatsächlich dazu bei, dass ich andere Menschen besser verstehe. (Seite 21)

Um zwei Zahlen zu multiplizieren, rechnet Daniel Tammet nicht, sondern er sieht zwischen den Formen der beiden Ausgangszahlen innerhalb von Sekunden eine neue Form: das Ergebnis.

Es ist, als würde man rechnen, ohne nachdenken zu müssen. (Seite 19)

Mit Algebra tut er sich dagegen schwer; da fehlen ihm die Zahlen.

Meine Synästhesie beeinflusst auch, wie ich Wörter und Sprache wahrnehme. Das Wort „ladder“ (Leiter) zum Beispiel ist blau und glänzend, während „hoop“ (Reifen) ein weiches, weißes Wort ist. (Seite 24)

Nachdem Daniel Tammet am 14. März 2004 den europäischen Rekord im Aufsagen der Zahl Pi gebrochen hatte, nahm ihn eine Filmcrew mit in die USA. In Las Vegas gewann er im Blackjack gegen das Casino, und in Salt Lake City traf er den Savant Kim Peek (1951 – 2009) vor der Kamera, das Vorbild die für von Dustin Hoffman in „Rain Man“ gespielte Filmfigur Raymond Babbit. Anschließend an die Amerika-Reise, im September 2004, dokumentierten die Filmemacher, wie der „Brainman“ Daniel Tammet innerhalb von einer Woche so gut Isländisch lernte, dass er in Reykjavik Live-Interviews in dieser Sprache geben konnte. Der Film mit dem Titel „The Boy With The Incredible Brain“ wurde am 23. Mai 2005 erstmals ausgestrahlt.

Vier Wochen vorher, am 27. April 2005, hatte Daniel Tammet bei David Letterman in der Late Show gesessen.

Nach eigener Aussage beherrscht Daniel Tammet außer seiner Muttersprache Französisch, Finnisch, Estnisch, Spanisch, Deutsch, Litauisch, Esperanto, Rumänisch, Walisisch und Isländisch. Außerdem hat er eine eigene Sprache entwickelt, die er Mänti nennt.

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In seinem Buch „Elf ist freundlich und Fünf ist laut“ erzählt der am Asperger-Syndrom leidende Engländer Daniel Tammet (* 1979), wie er in London aufwuchs und an sich arbeitete, um trotz seiner Behinderung ein eigenständiges Leben führen zu können. Dabei beeindruckt seine positive, zuversichtliche Grundeinstellung die Leser. Bei allem Stolz auf das Erreichte bleibt Daniel Tammet bescheiden und unpathetisch. Faszinierend ist vor allem die Diskrepanz zwischen seinen Schwierigkeiten im Alltag und seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen und Sprachen, die ihn zu einem der wenigen Savants auf der Welt machen. Bei „Elf ist freundlich und Fünf ist laut“ handelt es sich nicht um die Schilderung eines Außenstehenden, sondern um die Innenansicht eines Savants. „Ein genialer Autist erklärt seine Welt“ heißt es denn auch im Untertitel.

Während der Promotion-Tour für sein Buch lernte Daniel Tammet übrigens in New York den südfranzösischen Fotografen Jérôme Tabet (* 1980) kennen, der dann sein neuer Lebenspartner wurde.

Daniel Tammet schrieb auch das Buch „Embracing the Wide Sky. A Tour Across the Horizons of the Mind“ („Wolkenspringer. Von einem genialen Autisten lernen“, Übersetzung: Maren Klostermann, Patmos Verlag, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-491-42116-5).

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Patmos Verlag

Daniel Tammet (kurze Biografie)

Autismus
Savant, Inselbegabung
Barry Levinson: Rain Man
Oliver Sacks: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

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