Daniel Tammet


Daniel Paul Tammet wurde am 31. Januar 1979 in London als Sohn des Metallbauers Kevin Tammet und dessen Ehefrau Jennifer geboren. Seine acht Geschwister Lee, Claire, Steven, Paul, Maria, Natasha, Anna-Marie und Shelley sind zwei bis dreiundzwanzig Jahre jünger. Als Säugling schrie er extrem viel, aber er schien sich ganz normal zu entwickeln: Kurz nach seinem ersten Geburtstag konnte er laufen und sprach die ersten Wörter. Im Alter von vier Jahren erlitt Daniel Tammet einen heftigen epileptischen Anfall, an dem er gestorben wäre, wenn ihn nicht sein Vater sofort ins Krankenhaus gebracht hätte. Mit dem Antiepileptikum Carbamazepin gelang es den Ärzten, weitere Anfälle zu verhindern, und nach drei Jahren ließen sie den Patienten das Medikament absetzen.

Im September 1984 wurde Daniel Tammet eingeschult. Dass in den Rechenbüchern alle Zahlen schwarz und gleich groß waren, sah für ihn wie Druckfehler aus, denn in seiner Welt ist die Acht größer als die Sechs, und die Neun ist beispielsweise blau. Lange Zeit begriff er nicht, wieso ihn der Lehrer immer wieder ermahnte, die Ziffern und Zahlen bei Rechenaufgaben gleich groß zu schreiben. Daniel Tammet blieb auch in der Schule Einzelgänger, nicht nur, weil er schüchtern und in sich gekehrt war, sondern vor allem auch, weil er aufgrund des Asperger-Syndroms – einer leichteren Form von Autismus – nonverbale Signale nicht zu deuten vermochte. Deshalb kam er auch mit dem Mannschaftssport in der Schule nicht zurecht.

Im Sommer 1990 wechselte Daniel Tammet von der Grundschule (Dorothy Barley) auf eine weiterführende Schule (Barking Abbey), und fünf Jahre später erhielt er das dem deutschen Realschulabschluss entsprechende General Certificate of Secondary Education. Seine Mutter war enttäuscht, als er sich entschloss, nicht zu studieren, sondern sich stattdessen beim Jugendzweig der Volunteer Services Overseas bewarb und für ein Jahr als ehrenamtlicher Englisch-Lehrer nach Litauen ging. Als er von dort nach London zurückkam, gab er Kindern Nachhilfestunden in Rechnen, Schreiben und Lesen. Von dem Geld, das er damit verdiente, kaufte er sich einen Computer. Weil bei E-Mails und in Chatrooms keine Körpersprache zu beachten ist, fällt Daniel Tammet diese Art der Kommunikation sehr viel leichter als persönliche Gespräche.

Im Internet lernte er im Herbst 2000 den Programmierer Neil Mitchell kennen. Seit seinem elften Lebensjahr weiß er, dass er sich statt zum anderen zum

gleichen Geschlecht hingezogen fühlt. Mit sechzehn hatte er sich zum ersten Mal in einen Mitschüler verliebt, aber seine erotischen Gefühle waren nicht erwidert worden. Bevor er sich Anfang 2001 zum ersten Mal mit Neil Mitchell traf, klärte er seine Eltern über seine Homosexualität auf. Ein halbes Jahr später beschloss er, zu seinem Freund nach Kent zu ziehen. Während dieser das Geld für den Lebensunterhalt verdiente, führte Daniel den Haushalt. Einige Zeit später zogen sie nach Herne Bay bei Canterbury um. Dort richteten sie im September 2002 eine Website mit kostenpflichtigen Online-Sprachkursen ein (www.optimnem.co.uk). Neil Mitchell war für die Technik zuständig, Daniel Tammet für den Stoff. Sie genossen es, von zu Hause aus arbeiten zu können.

Ende 2003 regte Daniel Tammet die National Society for Epilepsy in Chalfont St. Peter, Buckinghamshire, dazu an, ihn am 14. März 2004 – dem internationalen Pi-Tag und Albert Einsteins 125. Geburtstag – den europäischen Rekord im Aufsagen der Zahl Pi brechen zu lassen. Auf diese Weise könne er demonstrieren, zu welchen Leistungen ein Epilepsie-Kranker fähig sei. Bei der Veranstaltung im Ashmolean-Gebäude beim Museum für Wissenschaftsgeschichte in Oxford nannte Daniel Tammet auswendig und fehlerfrei 22 514 Ziffern der Zahl Pi. Fünf Stunden und neun Minuten benötigte er dafür.

Jede Zahl zwischen 1 und 10 000 löst bei Daniel Tammet eine visuelle Vorstellung aus, einige davon auch eine emotionale Reaktion. Um zwei Zahlen zu multiplizieren, rechnet er nicht, sondern er sieht zwischen den Formen der beiden Ausgangszahlen innerhalb von Sekunden eine neue Form: das Ergebnis. „Es ist, als würde man rechnen, ohne nachdenken zu müssen.“ (Daniel Tammet) Mit Algebra tut er sich dagegen schwer; da fehlen ihm die Zahlen.

Nachdem Daniel Tammet am 14. März 2004 den europäischen Rekord im Aufsagen der Zahl Pi gebrochen hatte, nahm ihn eine Filmcrew mit in die USA. In Las Vegas gewann er im Blackjack gegen das Casino, und in Salt Lake City traf er den Savant Kim Peek (1951 – 2009) vor der Kamera, das Vorbild die für von Dustin Hoffman in „Rain Man“ gespielte Filmfigur Raymond Babbit. Anschließend an die Amerika-Reise, im September 2004, dokumentierten die Filmemacher, wie der „Brainman“ Daniel Tammet innerhalb von einer Woche so gut Isländisch lernte, dass er in Reykjavik Live-Interviews in dieser Sprache geben konnte. Der Film mit dem Titel „The Boy With The Incredible Brain“ wurde am 23. Mai 2005 erstmals ausgestrahlt.

Vier Wochen vorher, am 27. April 2005, hatte Daniel Tammet bei David Letterman in der Late Show gesessen.

Nach eigener Aussage beherrscht Daniel Tammet außer seiner Muttersprache Französisch, Finnisch, Estnisch, Spanisch, Deutsch, Litauisch, Esperanto, Rumänisch, Walisisch und Isländisch. Außerdem hat er eine eigene Sprache entwickelt, die er Mänti nennt.

In seinem 2006 veröffentlichten Bestseller „Elf ist freundlich und Fünf ist laut“ erzählt Daniel Tammet, wie er aufwuchs und schildert die Diskrepanz zwischen seinen Schwierigkeiten im Alltag und seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen und Sprachen, die ihn zu einem der wenigen Savants auf der Welt machen.

Während der Promotion-Tour für sein Buch lernte Daniel Tammet in New York den südfranzösischen Fotografen Jérôme Tabet (* 1980) kennen, der dann sein neuer Lebenspartner wurde.

2009 erschien sein zweites Buch: „Embracing the Wide Sky. A Tour Across the Horizons of the Mind “ („Wolkenspringer. Von einem genialen Autisten lernen“, Übersetzung: Maren Klostermann, Patmos Verlag, Düsseldorf 2009, ISBN 978-3-491-42116-5).

© Dieter Wunderlich 2010
Hauptquelle: Daniel Tammet, Elf ist freundlich und Fünf ist laut

Daniel Tammet: Elf ist freundlich und Fünf ist laut. Ein genialer Autist erklärt seine Welt

Autismus
Savant / Inselbegabung

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