Savant


Unter einem Savant versteht man einen Menschen, der auf einem sehr begrenzten Gebiet außergewöhnliche intellektuelle Leistungen zeigt. Den Begriff „Savant“ prägte der Neurologe J. Langdon Down 1887 in London. Er sprach allerdings von einem „idiot savant“. Diese Bezeichnung wird heute nicht mehr verwendet. Im Deutschen spricht man von einer Inselbegabung.

Man unterscheidet zwischen Savants, die stupende Fähigkeiten aufweisen und solchen, die geistig behindert sind und dennoch in wenigstens einem Bereich normale Leistungen vollbringen. Bei den meisten Savants liegen psychische Defekte vor; man schätzt, dass es sich bei etwa der Hälfte von ihnen um Autisten handelt. Bemerkenswert ist, dass 85 Prozent der Savants männlich sind. Wie häufig das Phänomen der Inselbegabung vorkommt, ist unbekannt.

Der Savant Stephen Wiltshire ist beispielsweise in der Lage, nach einem fünfundvierzig Minuten dauernden Flug über Rom jedes einzelne Haus mit seinen Fenstern aus dem Kopf korrekt zu zeichnen (Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele, Seite 103). Kim Peek liest angeblich die linke und die

rechte Seite eines Buches mit je einem Auge gleichzeitig, und es heißt, er könne den Text von zwölftausend Büchern aufsagen. Emil Krebs soll achtundsechzig Sprachen in Wort und Schrift beherrschen. Der Blinde Derek Paravicini hat sich angeblich zwölftausend Musikstücke durch einmaliges Hören eingeprägt. Oliver Sacks erzählt in „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ von einem Mann, Martin A., der sich an alle Konzerte, die er jemals besucht hatte, erinnern konnte, und zwar nicht nicht nur an die Einzelheiten der Musik und der Interpretation, sondern auch der Begleitumstände. Außerdem kannte er die neun Bände von „Grove’s Dictionary of Music and Musicians“ (1954) auswendig. Oliver Sacks beschreibt auch die erstaunliche Leistung der debilen Zwillinge John und Michael, die zwar nicht die Grundrechnungsarten beherrschten, jedoch zu jedem beliebigen Datum, das man ihnen zurief, sofort den Wochentag nennen konnten. Ohne mnemotechnische Hilfsmittel merkten sie sich Zahlen mit dreihundert Stellen. Einmal beobachtete Oliver Sacks, wie eine Streichholzschachtel zu Boden fiel und die Zwillinge sofort die Zahl 111 nannten. Tatsächlich handelte es sich um 111 Streichhölzer. John und Michael erklärten dem Neurologen, sie hätten das „gesehen“. Dieses Phänomen ging in den Film „Rain Man“ ein. Der Engländer Daniel Paul Tammet (* 1979) wurde 2005 im Rahmen der Fernseh-Dokumentation „The Boy With the Incredible Brain“ aufgefordert, innerhalb einer Woche Isländisch zu lernen. Das gelang ihm ohne weiteres, und er demonstrierte es anschließend, indem er in der neu gelernten Sprache ein Interview gab.

Die Ursache solcher Inselbegabungen kennen wir noch nicht; es gibt nur verschiedene Hypothesen über die Entstehung. Beispielsweise wird angenommen, dass die Inselbegabung eine Kompensation für psychische Störungen sei. Andere Forscher vermuten, dass bei Savants die normalen Filterfunktionen im Gehirn beeinträchtigt sind und sie deshalb auf einem bestimmten Gebiet Zugriff zu allen wahllos gespeicherten Eindrücken haben. Die Neurologen Norman Geschwind und Albert Galaburda suchen die Erklärung beim Embryo. Sie weisen darauf hin, dass zwischen der zehnten und achtzehnten Woche der Schwangerschaft ein enormes Wachstum des Gehirns und eine explosionsartige Zunahme der neuronalen Verbindungen einsetzen. Vielleicht entstehen Inselbegabungen, wenn es in dieser Phase zu Störungen kommt.

Literatur über Savants und Inselbegabungen

Jodi Picoult - Zeit der Gespenster
"Zeit der Gespenster" ist eine spannende Mischung aus Schauerroman, Thriller, Familiendrama und Romanze. Souverän bewältigt Jodi Picoult die formale und inhaltliche Komplexität.

Zeit der Gespenster

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