W. G. Sebald : Die Ringe des Saturn

Die Ringe des Saturn

W. G. Sebald

Die Ringe des Saturn

Die Ringe des Saturn Originalausgabe: Eichborn Verlag, Frankfurt/M 1995 ISBN 3-8218-4130-3, 371 Seiten, 48 DM
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Trotz des Untertitels handelt es sich bei der Wanderung des Erzählers nicht um eine Wallfahrt. Hier pilgert niemand aus Sorge um sein Seelenheil, und es wird keinerlei Transzendenz beschworen. "Die Ringe des Saturn" ist aber auch kein Reisebericht. Die Wanderung des Autors bildet nur eine lose Klammer für eine Gedankenexkursion, ein Sammelsurium von assoziativ verknüpften Spuren des Verfalls und der Zerstörung. Es sind Zeugnisse unserer "beinahe nur aus Kalamitäten bestehende[n] Geschichte".
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Kritik

Mit der mäandrierenden Struktur stellt "Die Ringe des Saturn" ein formales Experiment dar. Der Ich-Erzähler wirkt gebildet, bedächtig und melancholisch. Mehr erfahren wir kaum von ihm. Er kommt uns also auch nicht nahe.
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Der Erzähler bricht im August 1992 zu einer Wanderung durch die ostenglische Grafschaft Suffolk auf. Er hofft, dadurch „der nach dem Abschluss einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere entkommen zu können“. Ein Dieseltriebwagen bringt ihn zunächst auf der Bahnstrecke Norwich – Lowestoft nach Somerleyton. Dort steigt er aus und schließt sich einer Besuchergruppe in Somerleyton Hall an. Dann geht er zu Fuß nach Lowestoft. In dem Küstenort, der den östlichsten Punkt der britischen Inseln markiert, steht fast jedes zweite Haus zum Verkauf. Der Wanderer nimmt sich ein Zimmer im Promenadenhotel „Victoria“, das ebenso heruntergekommen ist wie alles andere in Lowestoft. Er ist der einzige Gast, und die verschreckte Frau, die ihm den Zimmerschlüssel aushändigte, serviert ihm am Abend „einen gewiss seit Jahren schon in der Kühltruhe vergrabenen Fisch“, an dem sich seine Gabel verbiegt.

Beim Anblick von Strandfischern am nächsten Morgen erinnert er sich daran, was er über die Naturgeschichte des Herings weiß. Außerdem ruft er sich die Seeschlacht von Solebay am 28. Mai 1672 ins Gedächtnis.

Er geht zum Brackwassersee Benacre Broad zwischen Lowestoft und Southwold sowie zu einem Herrenhaus in Henstead, in dem George Wyndham Le Strange lebte. Der Major hatte in dem Panzerabwehrregiment gedient, von dem das Vernichtungslager Bergen-Belsen am 14. April 1945 befreit worden war. Einige Wochen später übernahm er die Verwaltung der Güter eines Großonkels in der Grafschaft Suffolk. 1955 stellte der unverheiratete 77-Jährige eine 20 Jahre jüngere Frau als Köchin und Haushälterin ein: Florence Barnes aus Beccles. Von ihr verlangte er, dass sie die von ihr zubereiteten Mahlzeiten mit ihm gemeinsam einnahm und dabei ebenso wie er kein Wort sprach. Dafür setzte er sie als Alleinerbin für seine Ländereien in Suffolk und seinen millionenschweren Immobilienbesitz in Birmingham ein.

Nach der Ankunft in Southwold sucht der Wanderer den öffentlichen Lesesaal auf. Er blättert im Logbuch des Wachschiffs Southwold und in einem 1933 von der Redaktion des Daily Express zusammengestellten Bildband über den Ersten Weltkrieg. Dabei fällt ihm ein am 28. Juni 1914 in Sarajewo gemachter Schnappschuss auf, dazu ein Foto der durchlöcherten, blutgetränkten Uniformjacke des beim Attentat ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand.

Am zweiten Tag seines Aufenthalts in Southwold sieht er eine Dokumentation der BBC über den britischen Diplomaten Sir Roger David Casement (1864 – 1916), der maßgeblich zur Aufklärung der Kongogräuel beitrug und sich später für die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien einsetzte. Weil er während des Ersten Weltkriegs versuchte, deutsche Unterstützung für den irischen Widerstand zu bekommen, wurde er 1916 wegen Hochverrats hingerichtet. Von der Beschäftigung mit Sir Roger David Casement verlagert sich das Augenmerk des Wanderers vorübergehend auf Joseph Conrad, der den britischen Diplomaten im Kongo kennengelernt hatte. Und das bringt ihn dazu, die Biografie des Schriftstellers zu rekapitulieren.

In der Nähe von Laxfield schaut sich der Wanderer die 1875 erbaute eiserne Brücke über den Blyth an.

Drachenembleme lassen ihn an die chinesische Geschichte denken, speziell an den Taiping-Aufstand (1851 – 1864), den blutigsten Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte.

Von Southwold aus unternimmt er einen Ausflug die Heide von Dunwich. Dort verirrt er sich im Eibenlabyrinth von Somerleyton. Zwei Stunden später erreicht er Middleton, wo er den mit ihm befreundeten Schriftsteller Michael Hamburger (1924 – 2007) besucht.

Einen Tag später kommt er an der Bar des Crown Hotels in Southwold mit Cornelis de Jong ins Gespräch. Der Niederländer wuchs auf einer Zuckerrohrplantage nahe der indonesischen Stadt Surabaya auf. Nach dem Studium an der Landschaftsakademie in Wageningen wurde er Zuckerrübenbauer. Seine Felder befinden sich außerhalb von Deventer.

Auf dem vierstündigen Weg von Woodbridge nach Orford gerät der Wanderer in einen Sandsturm. Das erinnert ihn an den zerstörerischen Sturm, den er in der Nacht vom 16./17. Oktober 1987 in Norfolk erlebte. Zuvor schon, Mitte der Siebzigerjahre, waren die Wälder in Norfolk von einer Ulmenkrankheit heimgesucht worden.

In Orford nimmt er den Bus über Woodbridge nach Yoxford und geht dann weiter in nordwestliche Richtung bis zur Moat Farm, wo der vorzeitig pensionierte Dorfschullehrer Alec Garrand seit zwei Jahrzehnten an einem Modell des Tempels von Jerusalem bastelt.

Schließlich wandert er weiter von Ilketshall St. Margaret nach Bungay, über die Marschwiesen des Waveney-Tals bis nach Ditchingham/Norfolk. Dort befindet sich Ditchingham Lodge, wo Charlotte Ives nach der Trennung von François-René de Chateaubriand und ihrer Vermählung mit Admiral Sutton viele Jahre lebte.

Eingehend befasst sich der Erzähler mit der Geschichte der Seidenraupenzucht. Dabei erwähnt er auch, dass es unter dem NS-Regime eine Reichsfachgruppe Seidenbauer e. V. im Reichsverband Deutscher Kleintierzüchter e. V. gab.

Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beginn der Reise wird er wegen eines akuten Bandscheibenvorfalls in ein Krankenhaus von Norwich eingeliefert und operiert. Dort beginnt er in Gedanken mit der Niederschrift seines Reiseberichtes.

Bald nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus beginnt er mit Recherchen über Thomas Browne (1605 – 1682), den Sohn eines Seidenhändlers, der in Norwich als Arzt praktizierte. Möglicherweise nahm er an der am 16. Januar 1632 im Amsterdamer Waagebouw von Dr. Nicolaus Tulp (1593 – 1674) durchgeführten Autopsie des hingerichteten Stadtgauners Adriaan Adriaanszoon alias Aris Kindt teil, die Rembrandt noch im selben Jahr malte.

Ein Jahr nach seinem Krankenhausaufenthalt schreibt der Autor das Manuskript ins Reine. Er stellt es am 13. April 1995 fertig, auf den Tag genau 397 Jahre nach dem Erlass des Edikts von Nantes, 253 Jahre nach der Uraufführung des Messias-Oratoriums von Händel in Dublin, 223 Jahre nach Warren Hastings‘ Ernennung zum Gouverneur von Bengalen, 113 Jahre nach der Gründung der antisemitischen Liga in Preußen, 74 Jahre nach dem Massaker von Amritsar, 50 Jahre nach der Meldung über die kampflose Übergabe der Stadt Celle an die Briten am Vortag.

Ja, und zuletzt, wie wir am Morgen früh noch nicht wussten, ist Gründonnerstag, der 13. April 1995 auch der Tag, an dem Claras Vater, kurz nach seiner Einlieferung in das Coburger Spital, aus dem Leben geholt wurde.

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Obwohl der Untertitel „Eine englische Wallfahrt“ lautet, handelt es sich bei der Wanderung des Erzählers nicht um eine religiöse bzw. spirituelle Erfahrung. Hier pilgert niemand aus Sorge um sein Seelenheil, und es wird keinerlei Transzendenz beschworen.

„Die Ringe des Saturn“ ist aber auch kein Reisebericht. Die Wanderung des Autors bildet nur eine lose Klammer für eine Gedankenexkursion, ein Sammelsurium von assoziativ verknüpften Spuren des Verfalls und der Zerstörung. Es sind Zeugnisse unserer „beinahe nur aus Kalamitäten bestehende[n] Geschichte. W. G. Sebald zoomt auf Fundstücke, Biografien und historische Momente. Damit lehnt er sich gegen das Vergessen auf.

Mit der mäandrierenden Struktur stellt „Die Ringe des Saturn“ ein formales Experiment dar. W. G. Sebald hat zwar den Text in zehn Kapitel gegliedert, aber die Abgrenzung ist nicht zwingend, und die Bricolage könnte wohl auch beliebig fortgeführt werden. Die zumeist miserablen Illustrationen gehören dazu: Sie dokumentieren gewissermaßen die Aussagen des Erzählers und verstärkten den Eindruck der Authentizität bzw. Faktizität.

W. G. Sebald ist ein Meister des Periodenbaus. Der ruhige Wellenschlag seiner Sätze erinnert an eine längst vergangene Kunst, die ins neunzehnte Jahrhundert gehört […]
(Thomas Steinfeld: Der Sprachverführer, S. 220)

Der Ich-Erzähler wirkt gebildet, bedächtig und melancholisch. Mehr erfahren wir kaum von ihm. Er kommt uns also auch nicht nahe.

Katie Mitchell brachte „Die Ringe des Saturn“ von W. G. Sebald auf die Bühne. Die Uraufführung des „bebilderten Hörspiels“ fand am 11. Mai 2012 in der Kalker Spielstätte des Schauspiels Köln statt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Eichborn Verlag

Winfried Georg Sebald (kurze Biografie)

W. G. Sebald: Austerlitz

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