Joseph Conrad : Herz der Finsternis

Herz der Finsternis
Originaltitel: Heart of Darkness Erstveröffentlichung: Blackwood's Magazine 1899 Herz der Finsternis Deutsche Erstausgabe: 1926 Neuübersetzung: Urs Widmer Haffmans Verlag, Zürich 1992 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek, Band 20, München 2004 Neuübersetzung: Sophie Zeitz dtv, München 2005
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Kapitän Marlow übernimmt 1891 an der Mündung des Kongo einen Flußdampfer und fährt damit zwei Monate lang ins Landesinnere. Dort trifft er auf den europäischen Handelsagenten Kurtz, dem der Ruf vorauseilte, "mehr Elfenbein als alle anderen Agenten zusammen gesammelt, eingetauscht, erschwindelt oder gestohlen" zu haben ...
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Kritik

Joseph Conrad schildert in seiner weitgehend autobiografischen Erzählung realistisch, mit einfühlsamer Beobachtungsgabe und treffenden Formulierungen eine strapaziöse und gefährliche Reise nach Zentralafrika, in das "Herz der Finsternis" – ein Sinnbild für die Abgründe der eigenen Seele.
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Eine Fahrt auf dem Kongo am Ende des 19. Jahrhunderts war ein strapaziöses Unternehmen und unvorstellbar gefahrvoll, nicht nur aus der Sicht unserer heutigen Ansprüche. Joseph Conrad berichtet in seiner weitgehend autobiografischen Erzählung von seiner Reise in das Innere des Landes, das damals noch nicht vollständig erkundet war. Zu dieser Zeit war der Kongo belgische Kolonie unter König Leopold II., der das Land als seinen Privatbesitz betrachtete und gewissenlos ausbeutete. Elfenbein war ein wichtiger Handelsfaktor. Die Eingeborenen wurden zu Zwangsarbeit gezwungen, gequält, gefoltert und ermordet. Tausenden wurden bei lebendigem Leib die Hände abgehackt, weil die Verwaltungsbeamten für jeden getöteten „Rebellen“ eine Prämie zahlten – die Hände wurden als Beweis gefordert.

In einer Rahmenhandlung erzählt Marlow, wie er sich 1891 von einer belgischen Handelsgesellschaft als Kapitän anheuern ließ und an der Mündung des Kongo einen Flußdampfer übernehmen sollte. Um dahin zu kommen, musste er erst auf einem rostigen Dampfer die Küste entlang „reisen“. Die während der Fahrt an Krankheit oder anderweitiger Unbilden gestorbenen Eingeborenen wurden kurzerhand über Bord geworfen.

Bevor er sein Schiff übernehmen kann, muss er sich auf einer sogenannten Station melden, einer Handelsagentur, die die erbeuteten Waren – vorwiegend Elfenbein – buchhalterisch verwaltet. Auf dem Weg in das Büro des Chefbuchhalters wird Marlow mit einer unvergesslich einprägsamen, makabren Szenerie konfrontiert:

Schwarze Gestalten hockten, lagen, saßen zwischen den Bäumen, lehnten sich gegen die Stämme, krümmten sich am Boden, von dem trüben Licht kenntlich und unsichtbar gemacht, in allen Stellungen des Schmerzes, der Verlassenheit und der Verzweiflung. … und das hier war der Ort, an dem sich einige der Helfer zurückgezogen hatten, um zu sterben.
Sie starben langsam – es war sehr klar. Sie waren keine Feinde, sie waren keine Kriminelle, sie waren jetzt nichts Irdisches mehr – nur noch schwarze, kranke, verhungernde Schatten, die wirr durcheinander in dem grünen Düster lagen. Sie waren mit völlig legalen Zeitverträgen aus den vielen Schlupfwinkeln der Küste hergebracht worden, und verloren in einer schrecklichen Umgebung, mit unvertrautem Essen gefüttert, wurden sie krank, uneffizient und kriegten endlich die Erlaubnis, wegzukriechen und sich irgendwo hinzulegen. Diese dahinsterbenden Schatten waren frei wie die Luft – und beinah so dünn. Ich erkannte nun allmählich das Glänzen der Augen unter dem Bäumen. Dann als ich nach unten blickte, sah ich ein Gesicht neben meiner Hand. Die schwarzen Knochen lagen längelang da, eine Schulter gegen den Baum, und langsam hoben sich die Augenlider, und die in tiefen Höhlen liegenden Augen sahen zu mir hoch, riesengroß und leer, eine Art blindes, weißes Flackern aus den Tiefen der Aufäpfel, das langsam wieder erlosch. Der Mann schien jung zu sein – ein Knabe fast noch – … Mir fiel nichts anderes ein, als ihm einen meiner guten schwedischen Schiffszwiebacks zu geben, die ich in der Tasche hatte. Die Finger schlossen sich langsam um ihn und blieben dann so – keine weitere Bewegung und kein Blick mehr. …
Neben demselben Baum saßen noch zwei so spitzwinklige Haufen, mit hochgestellten Beinen. Der eine stützte das Kinn auf seinen Knien und starrte auf eine unerträgliche und schreckliche Weise ins Leere; der andere, ein Gespenst wie er, hatte seine Stirn aufgelegt, als habe ihn eine große Müdigkeit übermannt; und überall lagen welche, in allen erdenklichen Haltungen schmerzverkrümmter Erschöpfung, wie auf jenen Bildern, die ein Massaker oder die Pest zeigen. Während ich schreckensstarr dastand, rappelte sich eine dieser Kreaturen auf und kroch, um zu trinken, auf allen vieren zum Fluß. Er schlürfte aus der hohlen Hand, setzte sich dann mit gekreuzten Beinen ins Sonnenlicht, und nach einiger Zeit fiel sein Wollkopf auf seine Brust.

Diesen „Todeshain“ hat es tatsächlich gegeben.

Auf der Handelsstation, wo alles außer den Rechnungsbüchern des Buchhalters „heillos durcheinander war“, wird Marlow mehr als eine Woche aufgehalten.

Jede Menge staubiger, plattfüßiger Neger kamen und gingen; ein Strom aus Industriegütern, Baumwolltüchern miesester Qualität, Glaskugeln und Messingdraht floss in die Tiefen des Finsternis, und zurück kam ein kostbares Rinnsal aus Elfenbein.

Hier erfährt Marlow von dem geschniegelten, an „die Schaufensterpuppe eines Friseurs“ erinnernden Buchhalter zum ersten Mal Näheres über Kurtz, dem „erstklassigen Agenten“ einer anderen Station, die „wirklich mittendrin, im eigentlichen Elfenbeinland“ liegt. Kurtz – dieser Name und die damit verbundenen Gerüchte – werden sich Marlow bis zuletzt einprägen und ihn während der gesamten Reise verfolgen. Über diesen Kurtz, den die wenigsten, die von ihm sprechen, jemals gesehen haben, kursieren die ehrfürchtigsten Bekundungen seiner Tätigkeit. „… eine sehr bemerkenswerte Person … Er schickt uns so viel Elfenbein wie alle anderen zusammen.“

Nach zehn Tagen auf der Station tritt Marlow mit einer Karawane aus sechzig Männern einen 300-km-Marsch an.

Trampelpfade, überall Trampelpfade; ein in die Erde getrampeltes Netz aus Pfaden, das sich über ein leeres Land ausbreitete, durch hohes Gras, durch niedergebranntes Gras, durch Dickicht, in frostkalte Schluchten hinunter und hinauf, auf hitzeglühende Steinhügel hinaus und hinunter, und eine Einsamkeit, eine Einsamkeit, niemand, keine Hütte. … Tag für Tag das Stampfen und Schlurfen von sechzig nackten Fußpaaren hinter mir, jedes Paar unter einer Last von dreißig Kilo. Camp aufstellen, kochen, schlafen, Camp abbrechen, marschieren. Hie und da ein toter Träger, mit seinem Joch im hohen Gras neben dem Pfad liegend, mit einem leeren Wasserkürbis und seinem langen Stab.

Nach fünfzehn Tagen erreicht die Gruppe die Zentralstation, wo sie vom Direktor schon erwartet werden. Endlich soll Marlow also sein Schiff übernehmen: Das ist aber vor Monaten gesunken und muss erst gehoben und repariert werden. Die Arbeiter sind mürrisch und faul; die zur Reparatur benötigten Teile treffen, wenn überhaupt, nur nach und nach ein. Drei Monate werden für die Instandsetzung des Wracks veranschlagt. Während dieser Zeit streunt eine Gruppe von Männern in der Siedlung herum.

Auch hier wird wieder von dem geheimnisumwitterten Kurtz geschwärmt:

Der Chef der Station im Innern … Er ist ein Monstrum … Er ist ein Botschafter der Barmherzigkeit und der Wissenschaft und des Fortschrifts und von weiß der Teufel was noch. Wir brauchen, um die hohe Aufgabe zu bewältigen, die uns von Europa sozusagen übertragen worden ist, vertieftes Wissen, weitreichende Zustimmung, zielgerichtete Beharrlichkeit. … darum kommt er hierher, ein besonderes Wesen, wie Sie wissen sollten.

Marlow wird immer neugieriger auf diese von allen verehrte Person, zumal sie so anders zu sein scheint als die anderen Weißen, die er hier in der Wildnis bisher kennen gelernt hat.

Die Fahrt auf dem notdürftig hergerichteten Dampfer kann nun endlich beginnen. Der Direktor und die Gruppe der sogenannten Pilger geht mit an Bord. Die Mechaniker, die Marlow als Vorarbeiter beziehungsweise Heizer zur Seite stehen, können ohne Zaudern als skurril bezeichnet werden.

Und zwischendurch musste ich noch auf den Wilden aufpassen, der mein Heizer war. Er war ein Spitzenmann: konnte einen vertikal stehenden Kessel heizen. Dort war er, tief unter mir, und, ich schwörs euch, sein Anblick war so aufbauend wie der eines Hundes, der in Hosen und Federn auf den Hinterbeinen geht. Ein paar Monate Übung hatten bei diesem wirklich wundervollen Burschen ausgereicht. Er schielte mit einer erkennbaren Anstrengung, keine Angst zu zeigen, nach der Dampfdruck- und der Wasseranzeige – und er hatte zudem spitz gefeilte Zähne, der arme Kerl, und zu seltsamen Mustern geschorene Wolle auf seinem Schädel, und drei Ziernarben auf jeder seiner Wangen. … Er schuftete hier, ein Knecht fremder Zauberkunst, voller Kenntnise, die mit jedem Tag größer wurden. … Was er gelernt hatte, war: sollte das Wasser in dem durchsichtigen Ding verschwinden, würde der böse Geist im Kessel zornig werden, weil er einen furchtbaren Durst bekam, und sich schrecklich rächen. Also schwitzte und heizte er, und beobachtete angstvoll das Glas (mit einem improvisierten Talisman aus Lumpen am Arm, und einem Stück eines zugespitzten Knochens, das ihm mit der stumpfen Seite nach unten in der Unterlippe steckte), während die waldigen Ufer langsam an uns vorbeiglitten … Der Kessel schien tatsächlich einen schlecht gelaunten Teufel in sich zu haben und folglich hatten weder jener Heizer noch ich Zeit, in unsern schauervollen Gedanken zu baden.

Unterwegs sind Stromschnellen immer wieder eine Gefahr, und manchmal läuft der Dampfer auf Grund. Dann müssen zwanzig Kannibalen schieben:

Wir hatten unterwegs ein paar dieser Kerle angeheuert. Gute Leute – Kannibalen – wenn sie zu Hause waren. Man konnte mit ihnen arbeiten, und ich bin ihnen dankbar. Immerhin fraßen sie sich nicht gegenseitig vor meinen Augen: sie hatten einen Vorrat aus Flusspferdfleisch mitgebracht, das langsam faulig wurde, sodass mir das Geheimnis der Wildnis immer mehr in die Nase stank. …
… war das einzig Essbare, – obwohl es nicht im geringsten so aussah –, das ich in ihrem Besitz sah, ein paar Klumpen von etwas, was wie halbroher Teig aussah, eine schmutzige Lavendelfarbe hatte und in Blätter eingepackt war. Davon schluckten sie hie und da ein Stück, ein so kleines, dass sie es wohl eher taten, um den Schein zu waren als um sich wirklich zu ernähren. Wieso sie sich, im Namen aller nagenden Hungerteufel, nicht über uns hergemacht – sie waren dreißig, wir fünf – und sich den Bauch einmal so richtig vollgeschlagen hatten, wundert mich heute noch. … Sie waren große kräftige Männer, die nicht besonders fähig schienen, die Folgen ihrer Handlungen einzuschätzen, sogar jetzt noch mutig und stark, wo ihre Haut nicht mehr glatt und kein Muskel mehr hart war. Und ich sah, dass irgendeine Hemmung, eines jener Menschengeheimnisse, die den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit spotten, mit im Spiel war.

Marlow wird immer ungeduldiger, endlich Kurtz zu treffen. Aber sie müssen sich weiter und weiter den Fluss hochquälen:

Diesen Fluss hochzufahren war wie eine Reise zu den frühesten Tage der Erde, als wirre Pflanzen sie überwucherten und die großen Bäume Könige waren. Ein leerer Strom, eine große Stille, ein undurchdringlichder Wald. Die Luft war warm, dick, schwer, zäh. Im Glanz des Sonnenscheins lag keine Freude. Die langen Streckenabschnitte des Flußlaufs dehnten sich öde vor uns und führten ins Düster schattenverhangener Fernen hinein. Auf silbrig glänzenden Sandbänken sonnten sich nebeneinander Flußpferde und Krokodile. … Und dieses Schweigen des Lebens glich in nichts irgendeinem Frieden. Es war das Schweigen einer gnadenlosen Macht, die über unverstehbaren Plänen brütete. Uns rachsüchtig ansah.
Als die Sonne aufging, lag überall ein weißer Nebel, sehr warm und feucht und noch blinder machend als die Nacht. Er rührte sich nicht, verschob sich nicht; war einfach da und umhüllte uns, als sei er etwas Festes. … dann hob er sich, so wie sich ein Rolladen hebt.

Zwei Monate, nachdem sie die Bucht verließen, erreichen sie das Ufer unter der Station von Kurtz. Ist es wahr, wie Marlow mittlerweile zu Ohren gekommen ist, dass Kurtz sehr krank oder vielleicht schon gestorben ist? Dieses Treffen ist Marlows alles beherrschender Gedanke und er wäre äußerst enttäuscht, wenn er diese „Riesenreise“ gemacht hätte, ohne mit diesem zu einem Phantom stilisierten Mann zu sprechen. Das ist es, was er möchte: mit ihm sprechen, seine Stimme hören. Nicht nur dass Kurtz der Ruf vorauseilte „mehr Elfenbein als alle anderen Agenten zusammen gesammelt, eingetauscht, erschwindelt oder gestohlen“ zu haben, er wurde auch überschwänglich als mitreißender Redner bezeichnet. Marlow hat ihn sich nicht als agierende Person vorgestellt, sondern der Mann ist für ihn eine Stimme.

Als erstes fällt Marlow „die himmelragende Stirn“ von Kurtz auf:

… er war eindrucksvoll kahl. Die Wildnis hatte ihm über den Kopf gestrichen, und, wumms, war er wie ein Ball – ein Ball aus Elfenbein; sie hatte ihn gestreichelt, und – zack! – war er verwelkt; sie hatte ihn genommen, geliebt, umarmt, war in seine Adern eingedrungen, hatte sein Fleisch verschlungen und seine Seele durch irgendwelche unvorstellbare teuflische Initiationszeremonien an die ihre gekettet. Er war ihr verhätschelter und verwöhnter Liebling.

Marlow will sich von dem fabelhaften Organisator in der Wildnis selbst ein Bild machen. Es geht ihm darum herauszufinden, „zu was er gehörte, wie viele Mächte der Finsternis ihn für sich beanspruchten“. Wie kam es, dass „er einen hohen Rang unter den Teufeln des Landes eingenommen hatte“? Es wird wahrscheinlich so sein, denkt Marlow, dass „nie ein Trottel seine Seele dem Teufel verkauft: entweder ist der Trottel dafür zu vertrottelt oder der Teufel zu teuflisch … Oder vielleicht ist einer ein so donnernd erhabenes Wesen, dass er taub und blind für alles ist, was nicht wie der Himmel aussieht und klingt. Dann ist die Erde für ihn nur ein Wartesaal …“

Die charismatische Aura, die sich um Kurtz gelegt hat, fasziniert Marlow einerseits, verblasst aber in zunehmenden Maße, je mehr er dessen Machtgier, Skrupellosigkeit, kranken Ehrgeiz, Menschenverachtung und Brutalität durchschaut. In einem Bericht, den Kurtz für die Internationale Gesellschaft für die Unterdrückung wilder Bräuche verfassen soll, schreibt er am Schluss seines Pamphlets von siebzehn eng beschriebenen Seiten (wo hat er jetzt dafür wieder die Zeit her – schreiben kann er also auch noch!): „Schlagt diese Bestien alle tot!“ Marlow erfährt eine weitere Abscheulichkeit, als er sich dem verwahrlosten Gelände der Station nähert, wo Kurtz wohnt:

… in der Nähe des Hauses war ein Dutzend dünner Pfosten stehengeblieben, alle in einer Reihe, roh behauen, am oberen Ende mit runden geschnitzten Kugeln verziert.

Diese „ornamentalen Bemühungen“ erstaunten Marlow, weil sie ihm angesichts des verlotterten Zustands des Orts „ziemlich bemerkenswert“ schienen. Mit seinem Fernglas sieht er, worum es sich handelt:

… meine erste Reaktion war, dass ich meinen Kopf nach hinten warf, als hätte ich einen Faustschlag gekriegt. Dann bewegte ich mein Fernglas sorgfältig von Pfosten zu Pfosten und erkannte meinen Irrtum. Diese runden Kugeln waren nicht ornamental, sondern symbolisch; sie waren ausdrucksstark und verwirrend, schlagend und aufwühlend – Nahrung fürs Denken und auch für die Geier, falls gerade welche vom Himmel herabsahen; auf jeden Fall für jene Ameisen, die fleißig genug waren, die Pfosten hochzuklettern. Sie wären sogar noch eindrucksvoller gewesen, jene Schädel an den Pfostenspitzen, wenn ihre Gesichter nicht dem Haus zugewandt gewesen wären. … Ich wandte mich ohne Hast wieder dem ersten zu, den ich gesehen hatte – und da war er, schwarz, vertrocknet, eingefallen, mit geschlossenen Augenlidern – ein Kopf, der auf der Spitze dieses Pfahls zu schlafen schien und der, weil die eingeschrumpften, trockenen Lippen eine weiße Zahnreihe sehen ließen, auch lächelte, unentwegt über irgendeinen endlosen und witzigen Traum jenes ewigen Schlummers lächelte.

Marlow wird belehrt, er hätte keine Vorstellung von den Verhältnissen hier: diese Schädel seien die Schädel von Aufständischen.

Es stellt sich heraus, dass Kurtz tatsächlich todkrank ist. Er soll mit dem Schiff nach Europa gebracht werden. Marlow beobachtet, wie Kurtz auf einer Trage zum Fluss hinunter getragen wird:

… durch mein Fernglas sah ich den dünnen Arm, der befehlend ausgestreckt war, den Unterkiefer, der sich bewegte, die Augen dieser Erscheinung, die tief in einem knochigen Schädel, der mit grotesken Rucken nickte, leuchteten. Kurtz – auf deutsch heißt das kurz – oder nicht? Nun, der Name stimmte so sehr wie alles andere in seinem Leben – und seinem Tod. Er sah aus, als sei er mindestens zwei Meter groß. Seine Decke war heruntergefallen, und sein Körper tauchte armselig und schauderhaft wie aus einem Leichentuch aus ihr auf. Ich konnte sehen, wie sich das Gitter seiner Rippen bewegte, wie die Knochen seiner Arme winkten. Es sah aus, als habe eine belebte, aus altem Elfenbein geschnitzte Darstellung des Todes ihre Hand drohend gegen eine reglose Menschenmenge erhoben, die aus dunkler und glänzender Bronze gegossen war. Ich sah, wie er den Mund weit öffnete – er sah wie ein gieriger Dämon aus, als wolle er alle Luft, alle Erde und alle Menschen vor sich verschlingen. Eine tiefe Stimme drang schwach bis zu mir. Er muss gebrüllt haben.

Kurtz wehrt sich mit aller ihm noch verbliebenen Kraft. In seinen Fieberträumen schwelgt er nochmals in seinen Allmachtsfantasien: „Meine Braut, meine Station, meine Karriere, meine Ideen“. – Sein Tod kann nicht mehr aufgehalten werden:

Niemals habe ich eine solche Veränderung in einem Gesicht gesehen, und ich hoffe, nie mehr so was zu sehen. Oh, ich war nicht gerührt. Ich war fasziniert. Es war, als sei ein Schleier zerrissen. Ich sah düsteren Stolz, erbarmungslose Gewalt, feigen Schrecken auf diesem Gesicht aus Elfenbein, tiefe und hoffnungslose Verzweiflung. Lebte er sein Leben nochmals, jeden einzelnen Wunsch, jede Versuchung und alle Hingabe, während jenes höchsten Augenblicks vollkommenen Wissens? Flüsternd schrie er etwas irgendeinem Bild entgegen, einer Vision – er schrie zweimal, nicht lauter als sein Atmen: „Das Grauen! Das Grauen!“

Marlow beobachtet, wie die „Pilger“ am nächsten Tag etwas in einem Schlammloch begraben.

Der Kapitän erkrankt auf der Weiterfahrt schwer. Als er in Europa ankommt, kann er sich nur dumpf an die Rückreise erinnern. Kurtz hatte ihm Briefe mitgegeben, die er seiner Braut in Brüssel aushändigen soll. Die Frau, die ihren Verlobten wegen seiner Einmaligkeit und seiner „leuchtenden Güte“ bewunderte, will von Marlow wissen, was Kurtz zuletzt gesagt hat. „Das letzte Wort, das er sagte, war – Ihr Name“, lügt Marlow. Die Wahrheit – „das Grauen!“ – mutet er ihr nicht zu.

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Durch das ganze Buch ziehen sich Wörter wie Wildnis, Finsternis, Schatten, Grauen, Nebel, Hitze, Krankheit, Undurchschaubarkeit. Diese Begriffe lassen sich auf die alles dominierende Kolonialmacht übertragen, deren Personifizierung der Egomane Kurtz ist. Dieser menschenverachtende Handelsagent, der in seiner Machtgier und in seinem Größenwahn alle Grenzen der Humanität überschreitet, wird als nachzuahmendes Beispiel hingestellt und abgöttisch verehrt, weil er wegen seiner Korruptheit und der Ausbeutung der Eingeborenen mit seinen Elfenbeingeschäften so erfolgreich ist.

Joseph Conrad schildert in seiner weitgehend autobiografischen Erzählung realistisch, mit einfühlsamer Beobachtungsgabe und treffenden Formulierungen – manchmal auch mit ironischer Betrachtungsweise – eine Reise in der Landesinnere des Kongo, die er 1891 angetreten hat. Die strapaziöse und gefährliche Fahrt auf dem Fluss durch die undurchschaubare Vegetation in das „Herz der Finsternis“ ist Sinnbild für den Blick in die Abgründe der eigenen Seele.

Urs Widmer hat das Buch neu übersetzt und ein aufschlussreiches Nachwort dazu geschrieben.

„Herz der Finsternis“ gibt es auch als Hörbuch in der Übersetzung von Fritz Lorch, gelesen von Manfred Zapatka (Argon Verlag, Berlin 2006, 310 Minuten).

Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ regte Francis Ford Coppola zu seinem Film „Apocalypse Now“ (1979 / 2001) an. Dabei verlegte er die Handlung von Zentralafrika nach Vietnam und Kambodscha (Vietnam-Krieg).

Joseph Conrad, der eigentlich Józef Teodor Konrad Korzeniowski hieß, wurde 1857 in Polen geboren. Sein Vater starb, als Józef fünf Jahre alt war, seine Mutter zwei Jahre später. Er wurde von einem großzügigen Onkel aufgenommen. Aber Józef floh aus Polen, wollte britischer Seemann werden; er lernte englisch und 1886 erwarb er das Kapitänspatent. Seine Liebe galt seither dem Meer. Seine Erlebnisse von der Flussfahrt auf dem Kongo schrieb er 1899 nieder. Das Buch, das er in englischer Sprache verfasste, wurde 1902 veröffentlicht. Da war er schon ein anerkannter Schriftsteller, konnte seiner Leidenschaft, dem Reisen, aber nicht mehr nachgehen, denn auf seiner Kongofahrt hatte er sich dauerhafte Gesundheitsschäden zugezogen. Er starb 1924 in England.

Literaturhinweis:
Elmar Schenkel: Fahrt ins Geheimnis. Joseph Conrad. Eine Biographie (S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2007, 368 Seiten)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2002 / 2007
Textauszüge: © Haffmans Verlag, Zürich

Tom Drury - Die Traumjäger
Lakonisch und ohne Effekthascherei erzählt Tom Drury, was die vier Hauptfiguren an vier aufeinander folgenden Tagen erleben. "Die Traumjäger" ist eine bewusst einfache, unspektakuläre Geschichte.
Die Traumjäger

Tom Drury

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