Die Unsichtbare

Die Unsichtbare

Die Unsichtbare

Originaltitel: Die Unsichtbare – Regie: Christian Schwochow – Drehbuch: Heide Schwochow und Christian Schwochow – Kamera: Frank Lamm – Schnitt: Jens Klüber – Musik: Can Erdogan Sus – Darsteller: Stine Fischer Christensen, Ulrich Noethen, Dagmar Manzel, Ronald Zehrfeld, Anna-Maria Mühe, Christina Drechsler, Ulrich Matthes, Ilja Plettner, Johann Jürgens, Gudrun Landgrebe, Corinna Harfouch, Ronald Zehrfeld, Matthias Weidenhöfer u.a. – 2011; 110 Minuten

Inhaltsangabe

Der Theaterregisseur Kaspar Friedmann, der seine eigenen psychischen Probleme durch obsessive Inszenierungen abzureagieren versucht, treibt die unscheinbare Schauspiel­schülerin Fine Lorenz dazu an, beim Method Acting bis an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen. In einem beinahe selbstzerstörerischen Reifungsprozess entdeckt Fine ihre verdrängten Gefühle und dunklen Seiten. Ohne diese leidvolle Erfahrung könnte sie in der Hauptrolle des neuen Stücks nicht überzeugen ...
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Kritik

Das eindrucksvolle Psychodrama "Die Unsichtbare" von Heide und Christian Schwochow ist mit Ulrich Noethen und Stine Fischer Christensen perfekt besetzt. Aber auch Dagmar Manzel und Christina Drechsler überzeugen in ihren schwierigen Rollen.
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Die 21-jährige Schauspielschülerin Josephine („Fine“) Lorenz (Stine Fischer Christensen) lebt in Berlin in einer kleinen Mietwohnung mit ihrer abgehärmten Mutter Susanne (Dagmar Manzel) und ihrer gehirngeschädigten Schwester Jule (Christina Drechsler). Sie wurde in Kopenhagen geboren, wo Susanne Lorenz damals mit einem Dänen zusammenlebte, der sie dann allerdings sitzenließ. Weil die Mutter tagsüber arbeitet und abends erschöpft nach Hause kommt, muss Fine sich auch nachts um Jule kümmern, die häufig schreit und sich in spastischen Anfällen krümmt.

Mitten im Lärm einer Übung an der Schauspielschule schläft Fine übermüdet ein. Ben Kästner (Ulrich Matthes), der Direktor der Schule, lässt sie deshalb ins Büro kommen und meint: „Ob du schläfst oder spielst, macht überhaupt keinen Unterschied; man sieht dich einfach nicht!“

Dennoch gehört Fine zu der Gruppe, die für eine Neuinszenierung des Stücks „Camille“ in Betracht gezogen wird. In dem Drama geht es um eine junge Frau, die gedemütigt und vergewaltigt wird, einen Selbstmordversuch unternimmt und nach dessen Scheitern zum männermordenden Vamp mutiert. Der renommierte Regisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen) will das Bühnenstück ausschließlich mit Schauspielschülerinnen und -schülern besetzen. Irina (Anna Maria Mühe) und Nick (Johann Jürgens) sind für die Hauptrollen vorgesehen. Beim Vorsprechen für eine kleine Nebenrolle fällt Friedmann Fines dänischer Akzent auf. Unvermittelt fordert er sie auf, einen Text der Camille zu probieren. Und zur Überraschung aller gibt sein Assistent Christoph Werner (Matthias Weidenhöfer) dann bekannt, dass nicht Irina, sondern Fine für die Hauptrolle eingeteilt wurde.

Friedmann erzählt Fine, Marlon Brando habe jeder Figur, die er verkörpern wollte, ein Tier zugeordnet und sich dann damit identifiziert. Er sehe in Camille eine ausgehungerte Hyäne, fährt der Regisseur fort. Zu Hause lässt Fine zur Verblüffung ihrer Mutter ein Video über Hyänen laufen, springt knurrend auf allen Vieren herum und tut so, als beiße sie ihre Schwester. Aber dieses Spiel bringt sie nicht weiter. Als sie Friedmann erklärt, sie sei bereit, sich zu ritzen, um sich für die Rolle zu stimulieren, erwidert er: „Ritzen ist zu harmlos gedacht. Camille geht bis zum Äußersten und schneidet sich die Arme auf.“

Fine streift durch Berlin und trägt dabei ihr Bühnenkostüm einschließlich der blonden Perücke. Auf diese Weise identifiziert sie sich auch außerhalb des Theaters mit Camille. Sie folgt einem Nachbarn, der in der gegenüberliegenden Mietskaserne wohnt, in ein Restaurant und spricht ihn dort an. Bei Joachim (Ronald Zehrfeld) handelt es sich um einen auf Tunnelbau spezialisierten Ingenieur. Im Alter von vier Jahren sei sie von ihrem Vater vergewaltigt worden, behauptet Fine gleich zu Beginn des Gesprächs. Joachim kommentiert das mit dem Satz: „Manche Eltern kümmern sich gar nicht um ihr Kind.“ Aber dann entschuldigt er sich und geht auf Fine ein. In der U-Bahn deklamiert Fine einen Text aus ihrer Rolle: „Sex ist für mich wie Kuchenessen. Ich esse und esse und kann nicht genug davon bekommen!“ Doch als Joachim sie daraufhin zu küssen versucht, zuckt sie zurück, und er respektiert ihre ablehnende Haltung. Als er sie an einem der nächsten Tage in einen U-Bahn-Tunnel mitnimmt, verliert er kurz die Orientierung, und während er auf die mitgebrachte Karte schaut, legt Fine sich aufs Gleis. Erschrocken zerrt Joachim sie herunter.

Durch Zufall findet Kaspar Friedmann heraus, dass Fine eine behinderte Schwester hat. Er lädt sie in seine Privatwohnung ein und fordert sie auf, mehr von sich preiszugeben. Um den Anfang zu machen, vertraut er ihr an, dass er in den letzten zwei Jahren durch die Hölle gegangen und dem Alkohol verfallen sei [Alkoholkrankheit]. Daraufhin klagt Fine, dass sie man sie schon als Kind nicht beachtet habe und sich zu Hause alles nur um ihre behinderte Schwester drehe. Im Alter von acht Jahren sei sie mit einem gebrochenen Arm nach Hause gekommen, und niemand habe es bemerkt. Sie sei dann zu Bett gegangen und habe ins Laken gebissen, um nicht vor Schmerzen zu schreien.

Vor einer Vergewaltigungsszene auf der Bühne bringt Friedmann Jule dazu, sich die Szene von damals nochmals in Erinnerung zu rufen und entlockt ihr dabei das Geständnis, dass sie sich den Tod ihrer Schwester gewünscht habe. Diese Aggression solle sie in ihre Darstellung einbringen, meint er. Daraufhin stürzt Fine sich in blinder Wut auf ihre beiden Bühnenpartner und löst dadurch eine heftige Prügelei aus.

Als sie zu Hause wieder nicht von ihrer Mutter beachtet wird, die voll damit beschäftigt ist, auf Jule aufzupassen, wirft sie einen Teller auf den Boden. Dann provoziert sie Susanne, bis diese sie ohrfeigt.

Kurz darauf lässt sie sich von Friedmann deflorieren.

Am nächsten Tag weicht sie auf der Bühne von den Regieanweisungen ab, reißt einem Musiker den Geigenbogen aus der Hand und zertrümmert ihn. Dann rennt sie mit dem Kopf gegen die Türe. Friedmann spornt sie an: „Mach das nochmal! Nicht so technisch!“ Zum Entsetzen der anderen Schauspielschüler rennt Fine noch einmal heftiger gegen die Türe. Sie schlägt sich die Lippe auf und blutet auch an der Stirn. Einige ihrer Mitschüler protestieren und werfen dem Regisseur vor, sich wie ein Blutegel an Fine zu saugen.

Warum er sie für die Rolle ausgewählt habe, fragt Fine. Friedmann antwortet offen, weil sie einen psychischen Schaden habe.

Zu Hause findet sie ihr Zimmer verwüstet und den Wandspiegel zertrümmert vor. Jule sei es gewesen, behauptet Susanne, aber Fine glaubt ihr nicht.

Zuflucht sucht sie bei Joachim. Sie nimmt die Perücke ab und sagt, sie habe ihm bisher nur eine Hülle dargeboten, darunter stinke es nach Tod, sie werde bald für immer gehen. Daraufhin reißt Joachim das Fenster auf, hebt sie aufs Fensterbrett und fordert sie auf, zu springen. Statt sich hinauszustürzen, dreht sie sich um, und er nimmt sie in die Arme. Sie schlafen miteinander, und am anderen Morgen kommt Fine beinahe zu spät zur Probe.

Als sie sich auf der Bühne ausziehen sollte, weigerte sie sich zunächst. An diesem Morgen streift sie nun alle Kleidungsstücke ab und wälzt sich nackt mit zwei anderen Darstellern auf dem Boden. Als sie Joachim bemerkt, der ihr ins Theater gefolgt ist, springt sie auf. Er geht, sie rennt ihm nach, hämmert schließlich gegen seine Türe, aber er öffnet nicht.

Nachts presst sie Jule ein Kopfkissen aufs Gesicht und erstickt sie beinahe. Jules Gehirn ist zwar geschädigt, aber sie hat den Hass ihrer Schwester gespürt und vertraut ihr von da an nicht mehr. In ihrer Verzweiflung schluckt Fine eine Handvoll Schlaftabletten und schneidet sich die Pulsadern auf. Jule legt sich zu ihr. Als Susanne nach Hause kommt und Jule ihr mit blutigen Händen entgegen­kommt, schaut sie nach ihrer anderen Tochter. Gerade noch rechtzeitig wird Fine ins Krankenhaus gebracht.

Mit verbundenen Handgelenken wird sie entlassen. Fine ruft Joachim an, bittet ihn, auf den Balkon zu gehen, zeigt sich am Fenster und verrät ihm ihren richtigen Namen. Sie möchte sich mit ihm treffen, und er verabredet sich mit ihr für den nächsten Nachmittag. Als Fine mit einem Kuchen in der Hand zu ihm geht, steht die Türe offen. Joachim ist ausgezogen.

Trotz dieser Enttäuschung, oder gerade wegen all dieser leidvollen Erfahrungen glänzt Fine bei der Premiere des Stücks „Camille“ in der Hauptrolle.

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Ein Theaterregisseur, der seine eigenen psychischen Probleme durch obsessive Inszenierungen abzureagieren versucht, bringt eine unscheinbare Schauspiel­schülerin dazu, beim Method Acting bis an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen. Durch Kaspar Friedmanns Manipulationen entdeckt Fine Lorenz ihre verdrängten Gefühle. Sie gerät in eine Identitätskrise, die sie zu zerstören droht, findet am Ende jedoch zu sich selbst.

Parallelen zu „Black Swan“ sind unübersehbar. Die Balletttänzerin Nina Sayers sucht ebenso wie die Theaterschauspielerin Fine Lorenz in „Die Unsichtbare“ in der heftigen Auseinandersetzung mit einer Bühnenfigur nach ihren dunklen Seiten, ohne die sie die Rolle nicht verkörpern könnte. In beiden Fällen geht dies mit einem leidvollen Reifungsprozess einher.

Ulrich Matthes, Gudrun Landgrebe und Corinna Harfouch haben kurze Auftritte in „Die Unsichtbare“. Dagmar Manzel beeindruckt als abgehärmte, überforderte, allein erziehende Mutter einer Schauspielschülerin und einer gehirngeschädigten Tochter, die wiederum von Christina Drechsler überzeugend dargestellt wird. Perfekt besetzt sind auch die beiden Hauptrollen. Ulrich Noethen spielt den Regisseur mit einer schillernden Mischung aus Zynismus und Selbstmitleid, mit Zügen eines Genies, eines psychischen Wracks und Mephistos. Getragen wird „Die Unsichtbare“ von Stine Fischer Christensen, einer 25-jährigen Dänin, die eigens für diese Rolle Deutsch lernte. Ihre Darstellung ist überzeugend, intensiv und facettenreich.

Das Drehbuch schrieben Christian Schwochow und seine Mutter Heide Schwochow.

Die Dreharbeiten fanden vom 20. Juli bis 29. August 2010 statt.

Am 3. Juli 2011 wurde „Die Unsichtbare“ auf dem Internationalen Filmfestival Karlovy Vary (Karlsbad) erstmals gezeigt. Ins Kino kam das Psychodrama am 9. Februar 2012.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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