Ruth Schweikert : Erdnüsse. Totschlagen

Erdnüsse. Totschlagen

Ruth Schweikert

Erdnüsse. Totschlagen

Erdnüsse. Totschlagen Originalausgabe: Rotpunktverlag, Zürich 1994 Taschenbuch: dtv, München 1996 ISBN 3-423-12691-4, 151 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Kaputte Familien, Frauen, deren Leben und Lebensaussichten zerstört sind, allein erziehende Mütter, verlassene Frauen, beziehungsgestörte Mädchen und Frauen in trostlosen Ehen sind das Thema der sieben Erzählungen:

Port Bou – Erdnüsse – Geburtstagsfeier – Schlafbetrunken – Rolf – Totschlagen – Christmas                                
Weiterlesen

Kritik

Die schonungslose Offenheit, mit der Ruth Schweikert in "Erdnüsse. Totschlagen" zerrütteten Verhältnisse und verstörten Personen beschreibt sowie der knappe Stil und die einfallsreichen Metaphern machen diese Erzählungen zu lesenswerter Literatur.
Weiterlesen

Port Bou

Die Tochter denkt über ihr Leben nach und vergleicht es mit dem ihrer Mutter Roswitha. Da wird ihr bewusst, dass sie im Wesentlichen nichts anders gemacht hat als diese, obwohl deren Leben eigentlich ein abschreckendes Beispiel für sie war. Roswitha hatte allerdings geheiratet; sie ist dagegen eine allein erziehende Mutter.

Die Heirat heißt Einmündung in die Zielgerade. Die Ehe ist eine Besserungsanstalt, wo die Ehefrau unter Einsatz und Aufopferung sämtlicher Fähigkeiten aus dem vertrockneten Junggesellen den glücklichen Ehemann herauspresst. Dem Fräulein Roswitha, nach der planmäßigen Entjungferung in der Hochzeitsnacht […], werden infolge der Heirat vier klinische Spitalgeburten geschenkt, und der Sekretärinnenberuf, der ja nie eine Profession war, hängt am langen Nagel. (Seite 19)

Erdnüsse

„Erdnüsse“ handelt von einer von ihrem Mann verlassenen Lehrerin, die mit ihrem sechsjährigen Sohn einen Bootsausflug auf der Lahn unternimmt. Sie mäkelt fortwährend an dem Kind herum und es ist zu spüren, dass ihr der Junge überhaupt lästig ist und sie ihn im Allgemeinen als Belastung empfindet. Als das Boot wegen schlechten Wetters stark zu schaukeln beginnt, bekommt das Kind Angst und verlangt nach einer Schwimmweste. Die Mutter bindet ihm stattdessen einen Proviantsack um den Fuß. Das Boot kippt, der Junge fällt in den Fluss und ertrinkt. Sie taucht zwar nach ihm, kann ihn aber nur noch tot bergen. Aufgrund der Ungeschicklichkeit und paradoxen Verhaltensweise der Mutter drängt sich der Verdacht auf, dass sie den Unfall bewusst oder unbewusst geschehen ließ, wenn sie ihn nicht sogar absichtlich herbeiführte.

Nach drei Jahren kehrt die junge Frau, sie heißt Gi, an den Ort des Unglücks zurück. In einem Café lernt sie einen Handlungsreisenden kennen, dem sie anbietet, zu ihm nach Hause zu kommen. Nachdem sie miteinander geschlafen haben, erzählt ihr der Mann, dass er eben einen Albtraum hatte: Seine kleine Tochter wurde von seiner von ihm schon lange getrennt lebenden Frau unter Wasser gedrückt. Auch Gi hat einen Traum von einem unter Wasser schaukelnden Kind oder einer Puppe und abgeschlagenen Köpfen. Darüber schwebt eine Guillotine, und das Beil schlägt ihr den Kopf ab.

[…] endlich bin ich erlöst, denkt sie und erwacht. (Seite 37)

Geburtstagsfeier

Auf der Geburtstagsfeier, die für den fünfundsechzigsten Geburtstag des Vaters der Erzählenden vorbereitet wird, denkt diese über die Ehe ihrer Eltern und Schwiegereltern nach. Sie selbst hat vor drei Jahren geheiratet, führt aber eine Fernehe. Sie telefoniert täglich mit ihrem Heinz, der vom Alter her ihr Vater sein könnte.

Diese Ehe ist uns teuer, die Telefonrechnungen sind horrend. (Seite 43)

[…] wahrscheinlich hockt er in diesem bräunlichen, haarfettgetränkten Ohrensessel, den er mir so gründlich beschrieben hat, dass ich ihn lieber nie zu Gesicht bekomme […] (Seite 41)

Während ihre Mutter mit den „zimmerübergreifenden Vorbereitungen zur Schwarzwälder Kirschtorte“ beschäftigt ist, schreibt die Tochter eine Rede auf, die sie bei der Feier vortragen will. Der Vater vertreibt sich seit seiner Pensionierung die Zeit damit, für seine Frau die ihm aufgetragenen Einkäufe für Sonderangebote zu erledigen und führt in dem Bestreben, seine Jugendlichkeit wieder zu erlangen, ein Fitness-Training durch.

Mit seinen Leistungen ist er mittlerweile ein durchschnittlich Trainierter in der Altersgruppe von 28-35, was er mir ständig vor Augen hält, damit ich auf ihn stolz sein kann. Sein Alter zieht sich aus dem Körper zurück; es hat sich wie ein verletztes Kind in die Stimme geflüchtet, wo es nun festhockt. (Seite 44)

Es kommt nicht zu der geplanten Feier im Restaurant: Der Vater lässt die geladenen Gästen wissen, dass das Fest auf unbestimmte Zeit verschoben sei. Er setzt sich ab, um mit dem Studentensportverein eine Skitour zu unternehmen und seinen „fünfunddreißigsten“ Geburtstag zu feiern. Nach dem Genuss von zwei Litern Wein stürzt er vom Gipfel.

Schlafbetrunken

Anlässlich der Beerdigung ihrer Großmutter Paula lässt Eva Schindler ihr Leben Revue passieren. Sie denkt über die Schicksale von drei Generationen ihrer Familie nach, wobei in allen Fällen die Lebensläufe von Brüchen und Verletzungen gezeichnet sind. Auf nur fünfunddreißig Seiten kondensiert Ruth Schweikert die Lebensgeschichten, und schildert die Empfindungen der Protagonisten. Auch wenn die Trostlosigkeit im Vordergrund steht, gibt es immer wieder rührende Momente. Zum Beispiel wenn Eva nach der schweren Geburt ihr Kind, „das nun einmal da war“, in den Arm nimmt:

Sie stillte ihn [Heinrich], sie wickelte ihn; sie tröstete ihn, wenn er schrie, und weil sie soviel Zeit, Kraft und Geld in Heinrich investierte, geschah es unvermeidbar: sie begann ihn zu lieben. (Seite 84)

Gisela, die Mutter, fällt hin und wieder unvermittelt in einen narkotischen Schlaf. In dieser Phase plaudert sie auf Befragen ihrer Kinder Dinge aus, die sie sonst nie erzählt hätte. Es scheint, dass das Leben der ganzen Familie überhaupt nur „schlafbetrunken“ zu ertragen ist.

Rolf

„Rolf“ ist eine makabre Geschichte, in der ein nach einer Abtreibung in Spiritus konservierter Fetus eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Totschlagen

Die achtunddreißig Jahre alte, allein erziehende, ledige Mutter eines fünfeinhalbjährigen Sohnes arbeitet als Verkäuferin in einem skandinavischen Möbel- und Kunstgewerbeladen. Daniela Schmeiss ist mit ihrem Aussehen nicht gerade von der Natur begünstigt:

Das Gesicht ist nicht nur das Längste an Danielas Körper, es ist auch das Schwerste und zieht die ganze Frauensperson zum Erdmittelpunkt. Diesem langen, jetzt im Sommer geröteten, schweißglänzenden Gesicht stellt sich ein kleines rundes Gehirn entgegen und das Ganze, das man im allgemeinen Chopf nennt, jedenfalls im schweizerdeutschen Sprachraum, wo die Geschichte spielt, ruht sich aus auf dem wie für ein Museum konservierten, eingedörrten Körpergestänge […] (Seite 97)

Ihr Sohn Simon schläft nicht mehr regelmäßig bei ihr zu Hause. Meistens ist er bei den Großeltern und kommt nur noch selten zu Besuch.

Fünf Jahre hat Daniela in dem Geschäft gearbeitet, als der Geschäftsführer ihr die Kündigung nahelegt: Sie komme mit der Kundschaft nicht klar, und während ihrer Arbeitszeit werde am meisten gestohlen. Für ihren letzten Arbeitstag darf sie sich etwas wünschen. Daniela Schmeiss möchte, dass sich alle ihre Bekannten zum Abschied in dem Laden einfinden. Neununddreißig Postkarten schickt sie ab mit den Adressen von Aebischer bis Ziswiler.

In ihren achtunddreißig Lebensjahren hatte Daniela siebenunddreißig Liebhaber. Über alle führte sie Buch. So zum Beispiel die Eintragung: „Aebischer, Krüppel, geschmeidig, wöchentlich, love of my life“. „Love of my life“ oder „Don’t leave me“ waren meistens die Lieder, die sie ihren Liebhabern vorsang. Von Aebischer kommt eine Karte aus China. Er bedankt sich für ihre „Gefühligkeit“ und entschuldigt sich für seine „stumme Abreise“. Damit bezieht er sich auf einen länger zurückliegenden Vorfall. Aebischer, der als Folge einer geplatzten Kopfarterie seinen linken Arm und sein linkes Bein nicht mehr richtig bewegen konnte, kam regelmäßig montags zu einer „hastigen Liebeshalbstunde“. Wenn er das Licht löschte, sagte er oft: „Dich braucht man nicht anschauen, eine Augenweide bist du ja nicht, aber diese Hitze in deinem Körper.“ Beim letzten Mal, als er mit Daniela im Bett lag, kam Simon aus seinem Kinderzimmer zu ihnen und brüllte, das sei SEINE Mama! Woraufhin Aebischer sagte: „Das wars dann also“, sich ein Taxi bestellte und für immer verschwand. Von Ziswiler erhält sie die Nachricht, dass er totkrank im Spital liege.

Den letzten Arbeitstag verbringt Daniela Schmeiss allein im Geschäft; es kommen nicht einmal Kunden. Simon wohnt jetzt endgültig bei seinen Großeltern, er „will nicht mehr mit ihr zusammenleben“, sagte er ihr wörtlich.

Sie erinnert sich, wie Simon kürzlich bei ihr auf dem Schoß saß. Sein Gesicht war entstellt von entzündeten Fieberbläschen. Er hatte wohl bemerkt, dass ihn seine Mutter angeekelt ansah. Und dann sagte er:

Schlag mich tot. Ich weiß genau, dass du mich am liebsten mit einem Beil in zwei Teile hacken möchtest. Du möchtest mich in zwei Teile hacken, bis alles Blut aus mir herausläuft und ich ganz tot bin. (Seite 120)

Daniela nimmt jetzt teil an den „Verein-für-Alleinerziehende-Sonntagen“, wo sie die einzige ledige Mutter ist. Die Veranstaltungen sind trostlos, und sie denkt:

– man sollte sie alle totschlagen […] die Aebischers, die Grossmütter, die Väter, die Chefs, diese allein erziehenden Mütter; mich auch. (Seite 120)

Christmas

Diese Erzählung handelt von der Beziehung einer jungen Frau, Esther, mit einem homosexuellen Mann, der an Aids erkrankt ist. Der Tod seines ebenfalls an Aids erkrankten Freundes stürzt ihn zusätzlich in eine tiefe Krise. Sie selbst litt unter Essstörungen, die sie durch eine psychatrische Behandlung wieder in den Griff bekommen hat. Obwohl sie drei Jahre nicht mehr mit Raymond zusammen war, kümmert sie sich jetzt in der Endphase der Krankheit um ihn. Man bringt ihn noch in ein Lungensanatorium in den Bergen, wo er aber sechs Tage später stirbt.

Raymond wusste:

geboren wird einer im Passiv, sterben muss einer zumeist selber, das ist für manchen zähe Arbeit.(Seite 145)

nach oben

So verquer der Titel „Erdnüsse. Totschlagen“, so verstörend sind die Geschichten von Ruth Schweikert: Wir werden konfrontiert mit kaputten Familien, mit Frauen, deren Leben und Lebensaussichten zerstört sind, mit allein erziehenden Müttern, verlassenen Frauen, beziehungsgestörten Mädchen und Frauen in trostlosen Ehen. Männer spielen eine untergeordnete Rolle, und wenn doch, dann haben sie als unfähige Ehemänner oder lediglich zum Sex geeignete Liebhaber meist ruinösen Einfluss. Das Mutter-Tochterverhältnis ist durch die Enttäuschung geprägt, dass die jungen Frauen in der gleichen Hoffnungslosigkeit, die sie bei ihren Müttern kritisiert haben, weiterleben. Die Mütter sind wiederum ernüchtert, dass ihre Töchter mit ähnlichen verdrießlichen Situationen zurechtkommen müssen.

Ruth Schweikert erzählt die unter dem Titel „Erdnüsse. Totschlagen“ zusammengefassten tragischen Geschichten in prägnanter Kürze (so zum Beispiel „Schlafbetrunken“, wo die Familiengeschichte von drei Generationen auf 35 Seiten kondensiert ist) und mit einem lakonischen, respektlosen, manchmal auch gewagt freizügigen Stil. Die Beschreibung sowohl der Personen als auch von deren Emotionen ist treffend und einfallsreich. Die Darstellung der durchgehend psychisch angeschlagenen Existenzen ist zwar schonungslos, die Autorin geht dennoch nicht lieblos mit ihnen um. Die ungeschminkte, teilweise brutale Offenheit, mit der sie das seelische Elend der Protagonisten aufzeigt, ist realistisch und nüchtern, ruft beim Leser aber durchaus Verständnis für die vom Schicksal gebeutelten „Versager“ hervor.

Ruth Schweikert wendet eine Wortschöpfung an: „Alleinsamkeit“ (in der Erzählung „Schlafbetrunken“), die wohl für viele der Charaktere als Leitwort in deren Leben gelten kann.

„Erdnüsse. Totschlagen“ ist wahrlich keine Erbauungsliteratur. Wer aber Freude an einfallsreichen Beschreibungen und treffenden, originellen Metaphern hat, kommt hier auf seine Rechnung. Ruth Schweikerts Erzählweise erinnert an die ebenfalls lapidaren Geschichten von Raymond Carver.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2007
Textauszüge: © Rotpunktverlag, Zürich

Daniel Defoe - Robinson Crusoe
In Form einer fiktiven Autobiografie schildert Daniel Defoe das Leben eines Menschen außerhalb der Zivilisation. "Robinson Crusoe" kann als Abenteuer- und Bildungsroman, psychologische Studie und Gesellschaftsutopie gelesen werden.
Robinson Crusoe

Daniel Defoe

Robinson Crusoe

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: