Arthur Schnitzler : Leutnant Gustl

Leutnant Gustl

Arthur Schnitzler

Leutnant Gustl

Originaltitel: Lieutenant Gustl Vorabdruck: Neue Freie Presse, Wien 1900 Erstausgabe: S. Fischer Verlag, Berlin 1901 Taschenbuch: dtv, München 2004
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach der Aufführung eines Oratoriums kommt es an der Garderobe zum üblichen Gedränge. Dabei gerät Leutnant Gustl mit einem Bäckermeister aneinander. Der kräftige Mann droht, den Säbel des jungen Offiziers zu zerbrechen, achtet aber darauf, dass keiner der Umstehenden etwas von der Auseinandersetzung mitbekommt.

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Kritik

"Leutnant Gustl" ist das erste Werk in der deutschen Literaturgeschichte, das nur aus einem inneren Monolog besteht. Wir folgen den Gedanken eines jungen k. u. k. Offiziers, der sich in seiner falsch verstandenen Ehre verletzt fühlt und deshalb vorhat, sich am Morgen um 7 Uhr zu erschießen.
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Wie lange wird denn das noch dauern? Ich muss auf die Uhr schauen … schickt sich wahrscheinlich nicht in einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht’s denn? Wenn’s einer sieht, so passt er gerade so wenig auf, wie ich, und vor dem brauch‘ ich mich nicht zu genieren … Erst viertel auf zehn? … Mir kommt vor, ich sitz‘ schon drei Stunden in dem Konzert. Ich bin’s halt nicht gewohnt … Was ist es denn eigentlich? Ich muss das Programm anschauen … Ja, richtig: Oratorium? Ich hab‘ gemeint: Messe. Solche Sachen gehören doch nur in die Kirche. Die Kirche hat auch das Gute, dass man jeden Augenblick fortgehen kann. — Wenn ich wenigstens einen Ecksitz hätt‘! — Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End‘!

So beginnt die Novelle.

Der 23 oder 24 Jahre alte Leutnant Gustl hat eine Eintrittskarte für ein Oratorium geschenkt bekommen, und zwar von einem Bekannten, dessen Schwester im Chor singt. Hin und wieder gefällt dem Leutnant die Musik: „Orgel auch? … Orgel hab‘ ich sehr gern … So, das lass‘ ich mir g’fall’n — sehr schön! Es ist wirklich wahr, man sollt‘ öfter in Konzerte gehen.“ Aber die meiste Zeit ist er mit seinen Gedanken anderswo, etwa bei der Kurtisane Steffi, die ihm schrieb, dass sie heute Abend mit einem anderen ausgehen müsse. Es ist also ihre Schuld, dass er still in diesem Konzertsaal sitzen muss.

Ja, was ist denn? Jetzt muss es doch bald aus sein? … „Ihr, seine Engel, lobet den Herrn“ … — Freilich, das ist der Schlusschor … Wunderschön, da kann man gar nichts sagen. Wunderschön!

In dem Gedränge an der Garderobe ärgert sich Leutnant Gustl, weil es ihm nicht schnell genug geht. „Sie, zweihundertvierundzwanzig! Da hängt er! Na, hab’n Sie keine Augen? Da hängt er!“ Ein korpulenter Herr vor ihm mahnt: „Geduld, Geduld!“ Aber da kommt er bei dem schneidigen Leutnant an den Rechten: „Sie, halten Sie das Maul!“ Der andere dreht sich um. Leutnant Gustl kennt ihn aus dem Kaffeehaus. Es ist der Bäckermeister Habetswallner. „Was macht denn der da? Hat sicher auch eine Tochter oder so was bei der Singakademie.“ Der kräftige Bäcker packt den Säbel des Offiziers und sagt leise, aber bestimmt: „Sie, Herr Leutnant, sein S‘ jetzt ganz stad. … Herr Leutnant, wenn Sie das geringste Aufsehen machen, so zieh‘ ich den Säbel aus der Scheide, zerbrech‘ ihn und schick‘ die Stücke an Ihr Regimentskommando. Versteh’n Sie mich, Sie dummer Bub?“ Dann verabschiedet sich der Bäckermeister freundlich und geht.

Leutnant Gustl ist verwirrt. Wieso hat er den Kerl nicht auf der Stelle erschlagen? Soll er ihm nachlaufen und ihn töten? Nein, jetzt ist es zu spät. „Wo ist denn mein Mantel? … Ich hab‘ ihn ja schon angezogen … Ich hab’s gar nicht gemerkt.“ Er geht hinaus auf die Straße und läuft ziellos durch Wien.

Außer den beiden Kontrahenden hat niemand etwas von dem Vorfall gemerkt. Aber könnte es nicht sein, dass Habetswallner seiner Frau oder seiner Tochter davon erzählt? Und selbst, wenn er es nicht tut: Leutnant Gustls Ehre wurde verletzt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zu töten. Seine Pistole hat er nicht bei sich, aber morgen früh um 7 Uhr wird er sich zu Hause erschießen. Auf einer Bank im Prater schläft er ein. Im Morgengrauen kehrt er zurück. Seiner Schwester Klara sollte er wohl einen Abschiedsbrief schreiben. Oder besser doch nicht. Weil er Hunger hat, geht er auf einen Sprung ins Kaffeehaus. Während der Kellner Kaffee und frische Semmeln serviert, erzählt er dem Leutnant, dass Bäckermeister Habetswallner in der Nacht vom Schlag getroffen wurde und tot ist.

Ich glaub‘, so froh bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen … Tot ist er — tot ist er! Keiner weiß was, und nichts ist g’scheh’n! — Und das Mordsglück, dass ich in das Kaffeehaus gegangen bin … sonst hätt‘ ich mich ja ganz umsonst erschossen …

Jetzt ist Leutnant Gustl wieder guter Dinge. Er wird jetzt gleich in die Kaserne gehen und sich von seinem Burschen kalt abreiben lassen. Dann wird exerziert. Steffi wird er schreiben, dass sie sich auf jeden Fall heute Abend für ihn frei machen soll. Am Nachmittag ist er noch mit einem Doktor der Jurisprudenz zum Duell verabredet, der zu ihm sagte: „Herr Leutnant, Sie werden mir doch zugeben, dass nicht alle Ihre Kameraden zum Militär gegangen sind, ausschließlich um das Vaterland zu verteidigen!“

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„Leutnant Gustl“ ist das erste Werk in der deutschen Literaturgeschichte, das nur aus einem inneren Monolog besteht. Wir folgen den Gedanken eines jungen k. u. k. Offiziers, der sich in seiner falsch verstandenen Ehre verletzt fühlt und deshalb vorhat, sich am Morgen um 7 Uhr zu erschießen. Ziellos schweifen seine Gedanken herum, sie bleiben immer an der Oberfläche, sind zum großen Teil nichts anderes als Vorurteile und Redensarten.

Überhaupt, dass sie noch immer so viel‘ Juden zu Offizieren machen — da pfeif‘ ich auf’n ganzen Antisemitismus! Neulich in der Gesellschaft, wo die G’schicht‘ mit dem Doktor passiert ist bei den Mannheimers … die Mannheimer selber sollen ja auch Juden sein, getauft natürlich … denen merkt man’s aber gar nicht an — besonders die Frau … so blond, bildhübsch die Figur … War sehr amüsant im ganzen. Famoses Essen, großartige Zigarren … Na ja, wer hat’s Geld?

Obwohl er bis zum Morgen glaubt, sein Tod sei unvermeidlich, ist er nicht fähig, sich ernsthaft mit seinem Leben oder kritisch mit dem Ehrenkodex auseinanderzusetzen. Deshalb wird ihm auch nicht bewusst, wie einsam er ist. Sogar bei seinen erotischen Abenteuern ist er seit jeher auf Kurtisanen angewiesen.

Die Novelle „Leutnant Gustl“ wurde 1900 als Skandal empfunden. Ein militärisches Ehrengericht nahm Arthur Schnitzler den Rang eines Oberarztes, weil er „als dem Offiziersstand angehörig die Ehre und das Ansehen der österreichisch-ungarischen Armee geschädigt und herabgesetzt“ habe.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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