Arthur Schnitzler : Die Toten schweigen

Die Toten schweigen

Arthur Schnitzler

Die Toten schweigen

Die Toten schweigen Erstveröffentlichung: 1897 in der Zeitschrift "Cosmopolis", Wien in: Arthur Schnitzler: Die Frau des Weisen. Novelletten S. Fischer Verlag, Berlin 1898
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Franz trifft sich in Wien mit seiner Geliebten Emma, einer verheirateten Frau und Mutter, die vorsichtig darauf achtet, dass niemand sie bei dem Seitensprung ertappt. Ein betrunkener Kutscher fährt das Paar trotz des aufgezogenen Sturms im Dunkeln über eine Donaubrücke. Auf der anderen Seite verunglücken sie. Als Emma begreift, dass Franz tot ist, überlegt sie, dass niemand sie mit ihm zusammen sehen darf und kehrt über die Brücke in die Stadt zurück ...
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Kritik

Bei "Die Toten schweigen" handelt es sich um eine gründlich durchdachte Novelle voller Symbolik. Bemerkenswert ist v. a. der Perspektivwechsel, den Arthur Schnitzler in der Mitte vornimmt.
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In einer Nebenstraße in Wien wartet Franz auf seine Geliebte Emma. Überraschend kommt sie zu Fuß. Aus Vorsicht stieg sie in einiger Entfernung vom Treffpunkt aus der Droschke und schickte den Kutscher weg. Trotz des aufziehenden Sturms hat Franz einen offenen Wagen genommen. Den Kutscher muss er erst aus der nahen Gaststätte holen.

Eigentlich wollten Franz und Emma zum Prater, doch unterwegs dirigieren sie den Kutscher zur nach Prag führenden Reichsstraße um. Schließlich steigen sie aus, gehen zu Fuß über die Donaubrücke und lassen den augenscheinlich betrunkenen Kutscher folgen.

Franz schlägt Emma vor, gemeinsam wegzugehen und drängt sie, ihrem Ehemann zu sagen, dass sie einem anderen gehöre. Er würde das auch für sie übernehmen, aber sie will davon nichts wissen.

Schließlich deutet sie ins Dunkle. Dahin sollten sie jetzt ein Stück weit fahren, meint sie. Franz muss den inzwischen eingeschlafenen Kutscher allerdings erst aufwecken, bevor sie wieder einsteigen können.

Sie setzen die Fahrt fort.

In diesem Augenblick war ihr, als flöge der Wagen plötzlich in die Höhe – sie fühlte sich fortgeschleudert, wollte sich an etwas klammern, griff ins Leere: es schien ihr, als drehe sie sich mit rasender Geschwindigkeit im Kreise herum, so dass sie die Augen schließen musste – und plötzlich fühlte sie sich auf dem Boden liegen, und eine ungeheure schwere Stille brach herein, als wenn sie fern von aller Welt und völlig einsam wäre.

Zuerst ist Emma nicht sicher, ob sie träumt oder wach ist, aber sie verunglückten tatsächlich und wurden aus der Kutsche geschleudert. Ein Rad scheint gebrochen zu sein. Der Wagen hängt schief, die Pferde stehen still. Im Dunkeln tastet sie nach Franz. Er liegt neben ihr am Boden und regt sich nicht. Der Kutscher, der ebenso wie Emma unverletzt blieb, entzündet eine Laterne und leuchtet Franz damit an. Der sei tot, meint er. Emma will es zunächst nicht wahrhaben und schickt den Kutscher los: Er soll Hilfe holen, während sie bei Franz zurückbleibt.

Als sie allein ist, überlegt sie, dass niemand sie hier zusammen mit ihrem Liebhaber finden dürfe. Sie hört Stimmen und stößt vorsichtshalber die Laterne um, damit sie erlischt. Zwei oder drei Frauen gehen auf der anderen Straßenseite vorbei, ohne sie zu bemerken.

Emma geht zurück über die Donaubrücke.

Nach einer Weile kommt ihr ein Wagen der Rettungsgesellschaft entgegen und rast an ihr vorbei.

Sie hat Zeit. Sie weiß, dass ihr Mann heute erst gegen zehn nach Hause kommen wird – sie kann sich sogar noch umkleiden. Jetzt fällt es ihr ein, ihr Kleid zu betrachten. Mit Schrecken bemerkt sie, dass es über und über beschmutzt ist. Was wird sie dem Stubenmädchen sagen? Es fährt ihr durch den Kopf, dass morgen die Geschichte von dem Unglücksfall in allen Zeitungen zu lesen sein wird. Auch von einer Frau, die mit im Wagen war, und die dann nicht mehr zu finden war, wird überall zu lesen stehen, und bei diesem Gedanken bebt sie von neuem – eine Unvorsichtigkeit, und alle ihre Feigheit war umsonst.

Es gelingt ihr, vom Dienstmädchen unbemerkt ins Haus zu kommen und sich umzuziehen.

Ihr Kind ist am Tisch eingeschlafen. Der Ehemann kommt früher als erwartet nach Hause. Während er ihr von der Sitzung des Professorenkollegiums erzählt, nickt Emma ein, wacht jedoch nach ein paar Minuten wieder auf. Ihr Mann sagt, sie sei eingeschlummert und dann mit einem Schrei hochgeschreckt.

Und während sie die Lippen ihres Mannes auf ihrer Stirne fühlt, denkt sie: freilich … ein böser Traum. Er wird es niemandem sagen, wird sich nie rächen, nie … er ist tot … er ist ganz gewiss tot … und die Toten schweigen.
„Warum sagst du das?“ hört sie plötzlich die Stimme ihres Mannes. Sie erschrickt tief. „Was hab‘ ich denn gesagt?“ Und es ist ihr, als habe sie plötzlich alles ganz laut erzählt … als habe sie die ganze Geschichte dieses Abends hier bei Tisch mitgeteilt … und noch einmal fragt sie, während sie vor seinem entsetzten Blick zusammenbricht: „Was hab‘ ich denn gesagt?“
„Die Toten schweigen“, wiederholt ihr Mann sehr langsam.
„Ja …“, sagt sie, „ja …“
Und in seinen Augen liest sie, dass sie ihm nichts mehr verbergen kann, und lange sehn die beiden einander an. „Bring den Buben zu Bett“, sagte er dann zu ihr; „ich glaube, du hast mir noch etwas zu erzählen …“
„Ja“, sagte sie.
Und sie weiß, dass sie diesem Manne, den sie durch Jahre betrogen hat, im nächsten Augenblick die ganze Wahrheit sagen wird.
Und während sie mit ihrem Jungen langsam durch die Tür schreitet, immer die Augen ihres Gatten auf sich gerichtet fühlend, kommt eine große Ruhe über sie, als würde vieles wieder gut. …

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Arthur Schnitzler entwickelt die Novelle „Die Toten schweigen“ zunächst aus Franz‘ Perspektive. Der von einem auktorialen Erzähler dargestellte Mittelteil endet mit dem besonderen Ereignis, das für eine Novelle unerlässlich ist, und von da an nimmt Schnitzler Emmas Blickwinkel ein. Dieser Perspektivwechsel in einem 1897 erstmals veröffentlichten Werk ist bemerkenswert.

Emma betrügt zwar seit Jahren ihren Mann, ist jedoch nicht bereit, etwas für ihre Liebschaft zu riskieren. Entsprechend vorsichtig verhält sie sich bei dem hier beschriebenen Stelldichein. Ein Sturm zieht auf, und Emma schlägt Franz vor, ein Stück weiter ins Dunkle zu fahren. Licht und Dunkelheit werden von Arthur Schnitzler in „Die Toten schweigen“ ganz gezielt eingesetzt. Mit einem Kutscher, der betrunken ist und deshalb nicht nur mit Charon, sondern auch mit Bacchus assoziiert werden kann, überqueren sie in der Dunkelheit einen Fluss, bei dem es sich zwar um die Donau handelt, bei dem wir jedoch an den Styx denken.

Als Emma nach dem Unfall begreift, dass ihr Liebhaber wahrscheinlich tot ist, hält sie sich nicht mit Rührseligkeiten auf, sondern überlegt ganz pragmatisch, dass sie nicht zusammen mit ihm gesehen werden darf. Entschlossen geht sie zu Fuß über die Brücke und kehrt in die Stadt zurück. Sie entfernt sich von dem Toten nicht nur örtlich, sondern distanziert sich auch psychisch von ihm. Es ist anzunehmen, dass sie ihn nie wirklich liebte.

Arthur Schnitzler erzählt die Geschichte schnörkellos und auf das Wesentliche konzentriert.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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