Jacques Roubaud : Der verlorene letzte Ball

Der verlorene letzte Ball

Jacques Roubaud

Der verlorene letzte Ball

Originalausgabe: La dernière balle perdue Librairie Arthème Fayard, Paris 1997 Der verlorene letzte Ball Übersetzung: Elisabeth Edl Carl Hanser Verlag, München / Wien 2003 Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009 ISBN: 978-3-8031-1264-4, 120 Seiten, 14.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Gegenleistung für einen Freundschaftsdienst verspricht der elfjährige französische Schüler Laurent Akapo im Mai 1944, 55555 fehlgeschlagene Golfbälle zu sammeln. Das wird zu seiner Lebensaufgabe. Er bricht die Schule ab, verzichtet auf Liebe und Karriere, um seine Zusage einhalten zu können, denn sein Vater hatte ihn dazu erzogen, sein Wort zu halten ...
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Kritik

Der minimalistische Roman "Der verlorene letzte Ball" handelt vom Sinn des Lebens, von Treue, Verrat und Opportunismus. Jacques Roubaud erzählt die erschütternde Geschichte aus der Perspektive des Protagonisten, der im ersten Teil noch ein Kind ist.
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Laurent Akapo wird 1933 in der südfranzösischen Kleinstadt B. geboren, sehr zum Missfallen seines siebenundzwanzigjährigen Vaters John am 30. Januar, dem Tag, an dem in Berlin Adolf Hitler die Regierung übernimmt. John Akapo, der väterlicherseits baskische Vorfahren hat und durch seine Mutter, eine geborene Wedderburn, von Schotten abstammt, betreibt mit seinem sieben Jahre älteren unverheirateten schottischen Freund Thomas („Tom“) Wedderburn zusammen das 1853 in Edinburgh gegründete Weinhandelsunternehmen „Wedderburn & Akapo“. Laurents Mutter Éléonore, die Tochter von Seidenhändlern in Lyon, erbte ein kleines Familienvermögen, zu dem auch die Villa am Meer gehört, in der sie mit John und Laurent wohnt. Die Leute nennen das aus zwei gleichen Hälften bestehende Gebäude „Voici-Voilà-Villa“, weil an der Fassade die Wörter VOICI und VOILÀ stehen. Das V ganz links bezieht sich auf die englische Königin Victoria, das A ganz rechts auf deren Ehemann Prinz Albert.

Laurent bleibt ein Einzelkind. In der Schule, die nur aus zwei Klassen besteht, freundet er sich mit Norbert Couarat an, dem zwei Monate älteren Sohn eines der örtlichen Schokoladenfabrikanten. Statt beim Vornamen nennt Laurent seinen Freund „NO“.

NO war von lebhafter Fantasie, schalkhaft, unordentlich, fröhlich, stark im Aufsatzschreiben, im Gedichtaufsagen, ein kleiner Spicker, eine Null im Rechnen, geschwätzig. Seine Hefte waren voll mit Flecken, Durchgestrichenem. Sein blondes Haar war niemals gekämmt. Er war der größere, blieb es bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr. Laurent war eher ein dunkler Typ, stark im Rechnen, vor allem im Kopfrechnen. Er war langsam, gründlich, fleißig, ging sorgfältig um mit seinen Federn, seinen Heften. Er schrieb vorsichtig, sauber. Seine Aufsätze waren kurz, sachlich, farblos. Zusammen bildeten sie einen ausgezeichneten Schüler. (Seite 15f)

Tom Wedderburn hält sich häufig bei den Akapos in B. auf. Wenn er mit John Golf spielt, assistieren Laurent und NO den beiden als Caddies.

Im Mai 1940 fliegt ein Ball auf ein Privatgrundstück außerhalb des Golfplatzes. Laurent verliebt sich in das sechs oder sieben Jahre alte Mädchen im weißen Kleid, das ihn aufhebt: Marie-Ange Château, die Tochter eines anderen Schokoladenfabrikanten und Nichte des Lehrers. Laurent schenkt ihr den Golfball, und sie revanchiert sich mit einer Praline, über deren Qualität NO allerdings die Nase rümpft.

Nach Kriegsbeginn trägt Tom die Uniform eines britischen Majors. John wird zur französischen Armee eingezogen, aber wegen eines Herzfehlers bald wieder entlassen.

Im Krieg verzichtet Éléonore 1942 auf den jährlichen Besuch bei Jeanne und Anselme in Lyon, der älteren Schwester ihrer Mutter und deren Mann. Laurent darf mit seinem Freund NO allein hinfahren und die Sommerferien dort verbringen.

Von 1943 an spielt der Gestapo-Offizier Geideherr mit dem französischen Chef der Miliz in B. Golf. John erklärt seinem Sohn, in Kriegszeiten müsse man die Kunst der Verstellung lernen, und unter diesem Umständen gelte auch das strikte Lügenverbot nicht. Also heben Laurent und NO dem Nazi und dem Kollaborateur die Golfbälle auf.

Wenn sie allein waren, ersannen sie trotz allem aufsehenerregende Taten. Zum Beispiel: Sie würden einen ausgehöhlten, mit Pulver gefüllten und mit einer Zündschnur verbundenen Ball in ein Loch legen. Und wenn Kommandant Geideherr von der Gestapo und sein französischer Freund, der Verräter und Chef der Miliz, der elende Giboux, der von allen Menschen mit Herz gehasst wurde, sich zu ihrem letzten infamen Streich gegen die Widerstandskämpfer beglückwünschen und an das Loch herantreten würden, bum, dann würde ihnen der Ball ins Gesicht springen und explodieren. Und mit einem einzigen Schlag gäbe es zwei Nazis und einen Verräter weniger! (Seite 50)

In der Voici-Voilà-Villa beobachtet Laurent geheimnisvolle Dinge. Sein Vater zieht sich stundenlang in ein Zimmer im leer stehenden rechten Trakt zurück, das während seiner Abwesenheit stets verschlossen ist. Laurent hört ihn dort reden, obwohl er sicher ist, dass er allein im Raum ist. Fremde kommen und gehen. Einmal umarmt eine alte Frau weinend seine Mutter und sagt mit deutschem Akzent: „Merci! Merci!“, worauf Éléonore sie an sich drückt und „Alles Gute!“ wünscht.

Im Mai 1944 erfährt Laurent, dass sein Vater am Leuchtturm eine geheime Verabredung hat. Am Vormittag dieses Tages schnappt er Äußerungen von Geideherr und Giboux auf, denen er entnimmt, dass die Gestapo die Teilnehmer des Treffens festzunehmen beabsichtigt. Um keinen Verdacht zu erwecken, macht er als Caddie weiter, bittet aber zwischendurch NO, seinen Vater zu warnen. Dafür sei er bereit, NO alles zu geben, was dieser von ihm verlange.

NO will 55555 Golfbälle von Laurent haben, und zwar keine gekauften, sondern fehlgeschlagene Bälle vom Golfplatz. Am 21. August 1944 beginnt Laurent mit der Sammlung und klebt die mit laufender Nummer und Datum versehenen Bälle der Reihe nach an die Zimmerwände.

Ende August stirbt Anselme. Jeanne verkauft das Haus in Lyon und zieht zu ihrer Nichte.

Nach der Befreiung kehren weder Tom und John zurück.

Im Juni 1945 erhält Éléonore die Nachricht, Oberst Wedderburn sei aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit worden und auf dem Weg nach Paris. Daraufhin reist Éléonore sofort mit Laurent los. In Paris wohnen sie bei einem Verwandten. Jeden Tag gehen sie ins Hotel Lutetia und halten Ausschau nach Tom.

In der Zwischenzeit hatte die Presse begonnen, grauenhafte Meldungen zu veröffentlichen: die ersten Berichte über die Nazi-Lager. Und es waren sogar einige jener Bilder dabei, die den Menschen der Nachkriegszeit immer vor Augen stehen würden. Bilder, die der Fotograf Thomas Rogers im Lager Bergen-Belsen aufgenommen hatte. (Man würde noch Schlimmeres erfahren: Auschwitz.) Éléonore wollte sich nicht vorstellen, dass ihr Mann aussah, wie eines dieser Skelette im gestreiften Pyjama, mit den fast in ihren Höhlen versunkenen Augen, dem irren Blick. Aber sie konnte nicht anders, sie musste einfach daran denken. (Seite 58)

Endlich taucht Tom auf und kommt auf Éléonore und Laurent zu. Sie hätten ihn nicht wiedererkannt. Tom teilt ihnen mit, dass John nach der Befreiung an Typhus gestorben sei.

Nach einem mehrwöchgigen Aufenthalt in B. kehrt Tom nach Großbritannien zurück, und Laurent verliert ihn aus den Augen. „Wedderburn & Akapo“ existiert nicht mehr. Éléonore trauert nur noch um John, lässt den Garten verwildern und stirbt im Juni 1945.

Obwohl Laurent zu den besten Schülern gehörte, bricht er die Schule ab und wird Berufscaddie, um seine Verpflichtung erfüllen zu können. Ein gegebenes Wort müsse man halten, das hat er von seinem Vater gelernt, und die gewissenhafte Erfüllung der Zusage, für NO 55555 verschlagene Golfbälle zu sammeln, betrachtet Laurent zugleich als Huldigung für den Toten.

Laurent verbringt nahezu den ganzen Tag auf dem Golfplatz, macht viele Überstunden und nimmt keinen Urlaub. Hin und wieder verbringt er eine Nacht mit einer hübschen Golfspielerin. Dass sich auch einige Herren für ihn interessieren, merkt er nicht. Einmal verliebt er sich, weil er Marie-Laure jedoch sein Geheimnis nicht verrät, verlässt sie ihn. Im Frühjahr 1953 sieht er Marie-Ange noch einmal wieder. Sie studiert in Paris Philosophie und besucht in B. ihre Eltern und ihren Onkel.

NOs Mutter stirbt. Sein Vater heiratet eine Chirurgentochter, die kaum älter als NO ist.

Einen Tag nach dem Tod seiner Großtante Jeanne verlegt Laurent seine Sammlung in den Voilà-Flügel, wo niemand sie mehr zu sehen bekommt.

Gibaux floh nach Spanien und bleibt dort. Geideherr kommt dagegen 1961 dreist nach B. zurück und spielt wieder Golf. Laurent könnte ihn erwürgen, doch er darf seinen Job als Caddie nicht verlieren und lässt sich deshalb seinen Zorn nicht anmerken.

Vier Jahre später verschwindet Robert Serval, ein 1918 in B. geborener Industrieller, der sich 1941 der Résistance angeschlossen hatte. Nachdem er in Lyon aufgeflogen war, führte er in der Grande Chartreuse einen Maquis. Im Mai 1944 wurden er, seine Männer und ein zu ihnen gestoßenes britisches Fallschirm-Kommando von der Miliz angegriffen. Robert Serval entkam. Die Résistance-Kämpfer wurden auf der Stelle erschossen, die Briten der Gestapo übergeben. Laurent staunt, als er den Namen des Kommandanten der britischen Einheit liest: Oberst Wedderburn. Er will darüber mehr erfahren, reicht 1968 erstmals Urlaub ein und beabsichtigt, Tom zu besuchen, der inzwischen auf den Orkney-Inseln mit einem griechischen Zyprioten ein Restaurant betreibt.

Kurz vor der Abreise liest Laurent die Heiratsanzeige von Norbert Couarat und Marie-Ange Château. NOs Vater, der im Vorjahr verstarb, hatte zuletzt noch die Schokoladenfabrik von Marie-Anges Vater übernommen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Von Tom lässt Laurent sich erzählen, was 1944/45 geschah.

Vor dem konspirativen Treffen im Mai 1944 beim Leuchtturm beobachtete sein Vater aus einem Versteck die Umgebung und bemerkte rechtzeitig die Gestapo. Daraufhin zog er sich zurück, warnte die anderen Männer und wurde einige Tage später von einem Fischer zu einem englischen U-Boot gebracht. Tom reiste mit ihm zu den Orkney-Inseln, wo er damals gerade im Auftrag des britischen Geheimdienstes ein Fallschirmkommando zur Unterstützung des Maquis in der Chartreuse zusammenstellte. Aber wer hatte das geheime Treffen verraten? Tom vermutet, es sei ein Bewohner von B. gewesen, der kurz vor der Befreiung Frankreichs bei einem Autounfall ums Leben kam.

Weil John bei dem Kommando-Unternehmen in der Grande Chartreuse unbedingt dabei sein wollte, nahm Tom ihn mit. John ging mit einem Maquisarden in die nächste Stadt und fuhr mit falschen Papieren von Grenoble nach Lyon, um sich dort mit anderen Widerstandskämpfern zu treffen. Bei seiner Ankunft fand im Bahnhof eine Razzia statt, aber ein Eisenbahner schmuggelte ihn um die Absperrung herum. Nachdem John die Verwandten seiner Frau – Jeanne und Anselme – besucht hatte, merkte er, dass ihm jemand folgte. Er floh durch Nebengassen, aber im Zug wurde er gefasst. Die Deutschen brachten ihn nach Buchenwald, wo er Tom wiedersah, der mit seinen Männern in der Chartreuse gefangen genommen worden war.

1989 kauft ein Konsortium den Golfplatz in B., und Laurent verliert seine Stelle. Inzwischen hat er 49053 Bälle gesammelt. Um die restlichen 6502 zu finden, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Tag und Nacht das Gelände um den Golfplatz herum abzusuchen. Die Anwohner, die ihn für verrückt aber harmlos halten, erlauben ihm das Betreten ihrer Grundstücke.

NO verkauft die Schokoladenfabrik und eröffnet neben dem Golfklub ein Restaurant.

1994 überschreitet die Zahl der von Laurent gesammelten Bälle die Marke 55000.

Im Januar 1995 beginnt der Zweiundsechzigjährige zu erblinden.

Am 11. November 1995 fehlen ihm nur noch zwei Golfbälle.

Den 55555. Ball entdeckt er am Heiligen Abend, doch als er die Hand danach ausstreckt, hebt NO ihn auf. NO hält ihn Laurent hin, aber das will dieser nicht gelten lassen. Daraufhin wirft NO den Ball fort und erlässt Laurent den letzten Ball. Er gesteht, dass er die Gegenleistung für die 55555 bzw. 55554 Bälle gar nicht erbracht habe, er sei damals einfach nach Hause gegangen, ohne John Akapo zu warnen. Der sei ohnehin misstrauisch geworden. NOs Vater hatte ihn verraten; als Doppelagent arbeitete er auch für die Deutschen.

„Du hättest sie dir sparen können, die ganze Plackerei.“ (Seite 113)

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Als Gegenleistung für einen Freundschaftsdienst verspricht der elfjährige französische Schüler Laurent Akapo im Mai 1944, 55555 fehlgeschlagene Golfbälle zu sammeln. Das wird zu seiner Lebensaufgabe. Er bricht die Schule ab, verzichtet auf Liebe und Karriere, um seine Zusage einhalten zu können, denn sein Vater hatte ihn dazu erzogen, sein Wort zu halten, und die Erfüllung seiner Verpflichtung versteht Laurent auch als Huldigung an seinen nach der Befreiung aus dem KZ Buchenwald an Typhus gestorbenen Vater. Erst am Ende, als er zu erblinden beginnt, kurz vor seinem 63. Lebensjahr, begreift Laurent, dass er die Aufgabe viel zu ernst genommen hat. – „Der verlorene letzte Ball“ handelt vom Sinn des Lebens, von Treue, Verrat und Opportunismus.

Der Dichter, Übersetzer und Mathematiker Jacques Roubaud (* 1932) hat den Roman „Der verlorene letzte Ball“ in drei Teile gegliedert: 1933 – 1943, 1943 – 1968, 1968 – 1996. Er erzählt die Geschichte zwar nicht in der ersten, sondern in der dritten Person Singular, beschränkt sich jedoch auf die Perspektive des Protagonisten, die im ersten Teil noch die eines Kindes ist. Entsprechend einfach wirken die Sätze. Inhalt und Form sind minimalistisch. Dabei weist der Roman aber auch märchenhaft-poetische und satirische Züge auf. Gerade wegen seiner (scheinbaren) Einfachheit ist „Der verlorene letzte Ball“ ein besonders eindringlicher, erschütternder Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Manfred Lütz - Bluff!
Im Plauderton wandert Manfred Lütz durch die verschiedene Themen-bereiche. Einen systematischen Ansatz vermisst man ebenso wie eine eingehende Auseinandersetzung mit einem der angerissenen Gegenstände.
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