Charlotte Roche : Schoßgebete

Schoßgebete

Charlotte Roche

Schoßgebete

Schoßgebete Originalausgabe: Piper Verlag, München 2011 ISBN: 978-3-492-05420-1, 283 Seiten, 16.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 33-jährige Ich-Erzählerin Elizabeth Kiehl schildert, was sie an drei aufeinander-folgenden Tagen erlebt. Wichtiger sind ihre Reflexionen über die Ängste und Zwänge, die sie seit einer traumatischen Familientragödie quälen. Die Dämonen in ihrem Kopf bekämpft Elizabeth mit Sex. Dabei richtet sie sich bereitwillig nach den sexuellen Wünschen ihres Mannes, denn sie befürchtet, ihn sonst zu verlieren, und das wäre bei ihrem Bedürfnis nach Geborgenheit katastrophal ...
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Kritik

Charlotte Roche schreibt nicht gerade stringent. Aber die Einfachheit der Darstellung und der unbekümmerte Gebrauch der Umgangssprache passen zur Hauptfigur des in einigen Passagen erschütternden Romans "Schoßgebete".
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Elizabeth ist dreiunddreißig. Verheiratet ist sie mit dem gut betuchten Galeristen Georg Kiehl, der so alt ist wie ihr Vater.

Meine Therapeutin bescheinigt mir einen fetten Vaterkomplex. Davon haben bis jetzt auch schon viele alte Männer profitiert. Mein Vater hat durch seine Abwesenheit in meiner Kindheit dafür gesorgt, dass die alten Männer durch meinen Körper immer Nachschub an Frischfleisch bekommen. Ich interessiere mich kein bisschen für Jüngere oder Gleichalte. Nur Alte, Alte, Alte. Je älter, desto besser. Da fühle ich mich geborgen und begehrt.

Georg ist der erste Lebensgefährte, der mehr Geld hat als sie. Er übernahm damals ihre Schulden. Sie lernten sich vor sieben Jahren kennen, als er ihre Fotos ausstellen wollte. Seine Ehefrau war damals hochschwanger, und Elizabeth hatte gerade eine Tochter geboren. Gleich zu Beginn ihrer Beziehung wurde sie erneut schwanger, aber Georg bestand auf einer Abtreibung. Elizabeth jr. („Liza“) ist jetzt sieben Jahre alt, nur ein klein wenig älter als Georgs Sohn Max, der bei seiner Mutter lebt. Georg, Elizabeth und Liza wohnen im Erdgeschoss eines Vier-Parteien-Hauses.

Als Elizabeth fünf und ihr Bruder Harry vier Jahre alt waren, verließ die Mutter Elizabeth („Elli“) ihren Mann. Kurz darauf heiratete der Vater erneut. Die Stiefmutter war Elizabeth von Anfang an verhasst. Die Stiefväter wechselten. Im Lauf der Zeit bekam Elizabeth noch drei Halbgeschwister: Emily, Lukas und Paul. Im Alter von neunundzwanzig Jahren brach Elizabeth den Kontakt zu ihrem Vater und der Stiefmutter vollständig ab; sie schreibt nicht einmal zu Weihnachten eine Karte. Allerdings lässt sie es zu, dass Liza ihre Großeltern besucht. Wegen ihrer eigenen Erfahrungen strengt sie sich an, für Max eine gute Stiefmutter zu sein.

Vor acht Jahren wollte sie Stefan heiraten, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt vier Jahre zusammen war. Die Hochzeit war mit vielen Gästen in London geplant, denn mütterlicherseits stammt Elizabeth aus einer englischen Familie. Weil das maßgeschneiderte Hochzeitskleid nicht in einem Koffer zerdrückt werden sollte, besorgte sich Elli eigens einen verschließbaren Dachträger und transportierte es mit dem Auto. Sie saß selbst am Steuer, Harrys Freundin Rhea auf den Beifahrersitz, und die drei vierundzwanzig, neun bzw. sechs Jahre alten Halbbrüder Harry, Lukas und Paul befanden sich im Fond. Fast alle anderen Hochzeitsgäste aus Deutschland flogen mit Elizabeth und Stefan nach London.

Als Elizabeth nach der Landung ihr Handy wieder einschaltete, meldete sich ihr noch nicht angereister Vater. Auf der Autobahn in Belgien hatte sich eine Massenkarambolage ereignet. Offenbar gehörte Elli zu den Unfallbeteiligten, aber niemand wusste etwas, denn es herrschte Chaos. Im ersten Schock waren Elizabeth und ihr Vater nicht einmal sicher, wer alles mit dem Auto gefahren war. Elizabeth wunderte sich, dass sie in dieser Situation an ihr Hochzeitskleid dachte und hoffte, dass es nicht kaputt war.

Einige Stunden später teilte der Vater mit, dass Rhea lebte. Von den anderen Insassen wusste er noch immer nichts. Dann hieß es, Elli liege mit schweren Brandverletzungen und einem gebrochenen Rückenwirbel in einem Krankenhaus in Antwerpen. Von den drei Brüdern fehlte jede Spur. Sie waren weder unter den Krankenhauspatienten noch standen sie auf der Liste der Toten.

Ein Reporter der „Druck“-Zeitung rief Elizabeth in London an, sprach den Unfall an und erwartete eine Stellungnahme von ihr. Entrüstet brach Elizabeth die Verbindung ab.

Mit der nächstmöglichen Maschine flog sie nach Deutschland zurück. Die Hochzeit sagten sie und Stefan ab.

Elli wurde mit einem Liegendtransport aus Antwerpen gebracht. Im Krankenhaus legte man sie in ein Einzelzimmer und stellte ein Bett für Elizabeth dazu. Der Arzt erklärte, dass die Patientin zunächst noch starke Medikamente erhalte. Sobald die Dosis der Psychopharmaka zurückgefahren werde, bestünde ein erhebliches Suizid-Risiko. Deshalb hielt er es für erforderlich, dass Elizabeth bei ihrer Mutter schlief.

Was war in Belgien passiert? Auf der Gegenfahrbahn hatte sich ein Stau gebildet, und ein Benzintanker war ungebremst in das Stau-Ende gefahren. Der Lastwagen hatte die Mittelleitplanke durchbrochen und einen vollbesetzten Reisebus mitgeschoben. In dieses Hindernis waren Elli und viele andere gekracht. Als Rhea zu sich kam, öffnete sie die Beifahrertüre und wollte aussteigen, aber ihre Beine waren zertrümmert. Sie musste robben, um vom Auto wegzukommen. Ein Unfallbeteiligter zerrte Elli aus dem Wrack. Weil er sie nicht heben konnte, fasste er ihr unter die Achseln und zog sie. Inzwischen hatte ein Kurzschluss in den umgerissenen Straßenlaternen auf dem Mittelstreifen ausgelaufenes Benzin in Brand gesetzt. Ellis Füße verbrannten bis auf die Knochen. Als er sie ablegte, wies sie den Helfer auf ihre drei Kinder hin, aber bevor er zum Auto zurückkehren konnte, flog es in die Luft. Ein Benzintank nach dem anderen explodierte. Von Harry, Lukas und Paul blieb nichts übrig.

Elizabeth warf sich vor, Schuld an der Familientragödie zu sein, weil Elli und die Geschwister ihr Hochzeitskleid transportiert hatten und deshalb nicht geflogen waren.

Wenn ich mich neu verliebe, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass sie das nicht mehr können. Wenn ich einen Erfolg feiere bei der Arbeit, werde ich zerfressen von schlechtem Gewissen. Sie hatten doch noch das ganze Leben vor sich, hätten bestimmt auch viele Erfolge gefeiert. Können sie aber nicht mehr. Ich schon. Und daran ersticke ich!

Leichen gab es keine. Elizabeth malte sich aus, dass Harry, Lukas und Paul die Massenkarambolage überlebt hatten und nun im Wald herumirrten.

Im Prinzip haben wir die Feuerbestattung ja schon gemacht, auf der Autobahn. Das Krematorium haben wir uns schon mal gespart. Nur hat keiner die Asche eingesammelt.

Acht Wochen nach dem Unfall wurden drei Urnen beigesetzt. Elli nahm im Rollstuhl sitzend daran teil. Auf eigene Verantwortung hatte sie das Krankenhaus für ein paar Stunden verlassen dürfen. Sechs Großelternpaare trauerten um die drei Jungen, die von drei verschiedenen Vätern gezeugt worden waren.

Als Ellis Bruder am Krankenbett der Patientin sitzen sollte und diese schlief, vertrat er sich die Füße an der frischen Luft und trank in der Cafeteria einen Kaffee. Diese Gelegenheit nutzte ein Kamerateam vom Fernsehen, um unbemerkt in das Krankenzimmer einzudringen, Elli zu wecken und mit der benommenen Engländerin ein Interview zu führen.

Noch vor irgendeinem Arzt, Seelsorger oder Verwandten hat sich dieses Kamerateam Vortritt verschafft, um mit meiner Mutter über ihre toten Kinder gesprochen zu haben. Mir hat der Arzt gesagt, das würde Tage dauern, bis man das dürfe. Und die brechen in das Zimmer meiner Mutter ein und ficken ihr in ihre kaputte Seele.

Nach dem verheerenden Unfall war an eine Hochzeit mit Stefan nicht mehr zu denken. Nur noch einmal schlief Elizabeth mit ihm. Da zeugten sie versehentlich ein Kind: Liza.

Ich dachte währenddessen immer nur: Ich will leben. Fick mich ins Leben zurück!

Seit damals geht Elizabeth dreimal pro Woche zu ihrer Psychotherapeutin Agnetha Drescher. Sie leidet nicht nur unter verschiedenen Angst- und Zwangsneurosen, sondern auch an einer Essstörung. Weil sie glaubt, dass ihre ebenfalls magersüchtige Freundin Cathrin ein schlechtes Vorbild ist, will sie sich von ihr trennen und sie auch aus ihrem Testament streichen. Einen Notar-Termin hat sie bereits vereinbart. Sie ändert alle paar Monate ihr Testament und beschäftigt sich fortwährend mit dem Tod. Deshalb sorgt Georg sich, dass sie sich etwas antun könnte.

Abschalten kann Elizabeth nur beim Sex. Dabei hatte Elli versucht, sie zu einem asexuellen Wesen zu erziehen und behauptet, Geschlechtsverkehr sei etwas Schlechtes. Elizabeth ist überzeugt, dass eine Beziehung von Mann und Frau nur mit einem abwechslungsreichen Sexleben möglich sei und Georg sie verlassen würde, wenn er das sexuelle Interesse an ihr verlöre. Deshalb geht sie auf alle seine Wünsche ein.

Wenn aber mein Mann das möchte, mach ich für ihn die größte Selbstbefriedigungsshow aller Zeiten. Wenn er zuguckt und mich dazu auffordert, dann gebe ich Vollgas. Ich reibe, und ich schrubber, was das Zeug hält […] Er bleibt mit dem Kopf zwischen meinen Beinen und guckt ganz genau zu, wie ich alles abrufe, was ich je über Selbstbefriedigung im Internet und auf DVD gesehen habe […] Auch wenn mich das jetzt eher belustigt als aufgeilt, spätestens wenn ich sehe, wie sehr ihn das erregt, erregt es mich zurück.

Ich würde das gerne bei mir abschaffen, diese Verklemmtheit, dass ich meine Geilheit nicht artikulieren kann […] Aber ich kann nicht. Ich bin sprachlos auf dem Gebiet. Ich mache einfach nur alles mit, was er will. Alles. Und werde jedes Mal von allem, was er macht, geil […] Meine Geilheit existiert nur, wenn ich seine Geilheit spiegele.

Ihre Mutter und die Frauenbewegung hatten ihr beigebracht, dass sich die Frau bei Fellatio erniedrigt. Aber so denkt Elizabeth nicht mehr. Immerhin leckt Georg sie auch. Anfangs ekelt sie sich jedes Mal vor dem Geruch des Penis. Aber der Ekel erregt sie zugleich.

Wenn ich schnell alles sauber gelutscht hab, riecht da nichts mehr. Wie eine Kuh ihr Kalb sauber leckt.

Nicht nur beim oralen, sondern auch beim analen Sex gerät Elizabeth in einen Konflikt zwischen ihrer Sozialisation und ihren Empfindungen.

Während ich Analverkehr habe, denke ich ständig an die Anführerin unserer deutschen Frauenbewegung und horche in mich rein und fühle meine innere Geilheit, die vom Poloch und vom Schwanz ausgeht und sich im ganzen Körper ausbreitet. Ganz anders als vaginal. Aber selbst bei vaginal sagt die Frauenbewegung, da gebe es keinen Orgasmus […] Aber ich bin mir auch sicher, dass es einen analen gibt. Mein Frauenbewegungshirn redet mir, mit dem Schwanz meines Mannes im Po, ständig aus, dass das geil sein kann, und währenddessen redet mein Enddarmausgang mir ein, dass das sehr wohl sein kann. Wem soll ich denn jetzt mehr glauben?
Die Frauenbewegung hat sich irgendwann mal wissenschaftlich unhaltbare Thesen ausgedacht, die aus ihrer Sicht politically correct sind. Und das darf nie geändert werden. Ich spüre aber in meinem Körper, bei jedem Sex, dass die Frauenbewegung mit vielen Ideen falschliegt.

Elizabeth genießt auch die Macht, die ihr die Sexualität verleiht.

Mittlerweile liegt er da wie ein Käfer auf dem Rücken und gibt sich mir vollkommen hin. Breitbeinig, die Arme von sich gestreckt, die Augen verdreht, wie in Trance. Ich habe ein starkes Machtgefühl, wenn er da so liegt.

Wenn ich gekommen bin, sehe ich meistens nicht richtig ein, warum das jetzt noch Ewigkeiten weitergehen soll […] Also kneife ich alles, was ich an Scheidenmuskulatur habe, zusammen, und sofort, aber wirklich sofort, kommt er, da kann der gar nichts gegen machen. Das gibt mir immer ein sehr wohliges Gefühl, dass ich mit meinem inneren festen Klammergriff um seinen Schwanz selber in der Hand habe, wann Feierabend ist.

Beim Durchwühlen einer Schachtel mit seinen Fotos schaut sie sich seine früheren Partnerinnen an. Das verstärkt ihre Befürchtung, dass Georg größere Brüste bevorzugen würde. Seit ihrer Pubertät macht es ihr zu schaffen, dass ihre Brüste sehr klein sind.

Ich habe […] in meiner Jugend eine Diktatur der Brust erlebt. Jeder und alle waren auf große Brüste fixiert.

Dennoch lehnt sie eine Brustvergrößerung ab.

Deswegen bin ich so sauer auf Christen, genauso wie auf Frauen, die sich Silikon in die Brüste stopfen. Weil beides the easy way out ist. Christen halten die seelische Obdachlosigkeit nicht aus, wie ich sie mein Leben lang in vollem Bewusstsein aushalte: Das Leben ist sinnlos, die Erde ist sinnlos, wir sind Zufall, und es gibt niemals ein Leben nach dem Tod […] Mit den Brüsten, die man hat, sollte man vielleicht einfach klarkommen, genauso wie mit der Sinnlosigkeit des Lebens.

Ihr Kontrollzwang betrifft auch das Verhältnis von ihrem Mann und ihrer Tochter. Es gibt zwar keinen Grund, Georg pädophile Neigungen zu unterstellen, aber wenn die beiden miteinander allein im Raum sind, schleicht Elizabeth herum, um sich zu vergewissern, dass Liza nicht missbraucht wird.

Ich wünsche mir für meine Tochter, dass sie so spießige Eltern hat, dass sie wurzelt in einem Zuhause, dass sie denkt, Mann, sind die langweilig, und irgendwann einfach fliegt. In ihr Glück. Und ab und zu nach Hause kommt zu ihren spießigen Eltern.

Einmal liehen Georg und Elizabeth sich sechs Pornofilme auf einmal aus, schauten aber erst einmal nur einen an. Daraufhin nahm Elizabeth ihrem Mann das Versprechen ab, die anderen fünf nicht allein zu betrachten. Um ihn zu kontrollieren, klemmte sie in jede DVD-Kassette ein Haar und notierte sich die Reihenfolge in dem Stapel. Prompt überführte sie ihn, und es kam zu einem tagelangen Streit.

Eifersüchtig war Elizabeth sogar, als sie in der Schmutzwäsche eingetrocknetes Sperma an einer seiner Socken entdeckte.

Und dann geht der praktisch mit einer Socke fremd. Wichst die voll anstatt mich.

Trotz ihrer Eifersucht erfüllt Elizabeth Georg auch den Wunsch, regelmäßig mit ihm zusammen ins Bordell zu gehen. Anfangs mussten sie die flotten Dreier mitunter wegen Elizabeths Eifersuchtsanfällen abrechen, aber inzwischen waren sie bereits mit achtzehn verschiedenen Prostituierten zusammen. Und Elizabeth lässt es auch zu, dass Georg allein ins Bordell geht. Wenn es ihr gelingt, die Eifersucht zu überwinden, ist sie stolz auf ihre Coolness und Toleranz.

Allerdings glaubt sie, dass sie damit das Recht erworben habe, endlich auch ihre eigenen sexuellen Fantasien auszuleben. Sie will mit anderen Männern Sex haben, nicht mit Strichern, sondern mit Bekannten, auch nicht heimlich, sondern mit Georgs Einwilligung, so als wären sie Hippies.

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Die Protagonistin des in einigen Passagen erschütternden Romans „Schoßgebete“ von Charlotte Roche bekämpft die Dämonen in ihrem Kopf mit Sex. Diese Fixierung auf die Sexualität ist eine Folge der Traumatisierung durch eine Familientragödie. Deutlich wird aber auch das Bedürfnis nach Geborgenheit und verlässlicher Lebenspartnerschaft. Alice Schwarzer hält die „Verzweiflung der Frauen“ für das eigentliche Thema.

Diese Verzweiflung, die dir so schrecklich vertraut ist. Diese Ängste. Diese Destruktivität. Diese Todessehnsucht. Dieser Selbsthass. Zu kleine Brüste, zu kurze Beine, zu schlechte Mutter. Dieses Sich-Klammern-an-einen-starken-Mann (der ja vielleicht auch gerne mal schwach wäre). Dieses Immer-alles-total-machen-Wollen […] Dieses Immer-allen-gefallen-Wollen […] (www.aliceschwarzer.de, 15. August 2011)

Die dreiunddreißigjährige Ich-Erzählerin Elizabeth Kiehl schildert, was sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen erlebt. Am Dienstag hat sie ausgiebig Sex mit ihrem Ehemann Georg, während die Tochter Liza in der Schule ist. Am Abend drückt sie sich ein Stück Tesafilm an den After und findet ihren Verdacht bestätigt, dass Fadenwürmer die Ursache des Juckreizes sind. Weil auch Liza davon befallen ist, geht Elizabeth am nächsten Morgen mit ihr zum Arzt. Außerdem hat sie einen Notar-Termin zur Änderung ihres Testaments. Am Donnerstag schlafen Georg und Elizabeth aus. Dann bereiten sie sich mit einer gründlichen Schamrasur auf den gemeinsamen Bordellbesuch vor, frühstücken in einem Café gegenüber dem teuren Etablissement und verbringen schließlich drei Stunden in allen denkbaren Positionen mit einer Edelprostituierten. Außerdem sitzt Elizabeth an jedem der drei Tage eine Stunde lang bei ihrer Psychotherapeutin. Aber nicht nur wenn sie bei Agnetha Drescher auf der Couch liegt, grübelt sie über ihre Vergangenheit und die daraus resultierenden Ängste und Zwänge nach. Zwischendurch äußert sie sich auch über andere Themen.

Ich bin da schon immer sehr stolz drauf gewesen, aus einer komplett atheistischen Familie zu kommen. Weder väterlicher- noch mütterlicherseits ist auch nur eine Sau getauft.

Wir sind nämlich in der ganzen Familie gegen alles Amerikanische. Wir sind Antiamerikaner. Wir sind gegen Krieg, Todesstrafe, Fettleibigkeit, Monsanto, Exxon. In unserer Familie steht Amerika nur für Schlechtes.

Daraus ergibt sich ein ziemliches Durcheinander mit unnötigen Wiederholungen. Charlotte Roche schreibt alles andere als stringent. Aber diese Atemlosigkeit passt zur Hauptfigur ebenso wie die Einfachheit der Darstellung und der unbekümmerte Gebrauch der Umgangssprache.

Mit der Sexualität beschäftigt Charlotte Roche sich in „Schoßgebete“ obsessiv. Man versteht schon, welche Bedeutung die Sexualität für die Hauptfigur hat, aber das Thema wird zu breit ausgewalzt. Das Buch beginnt mit einer auf vierzehn Seiten in allen Details ausgemalten Sexszene. Das ist nicht nur zu lang, sondern auch wenig prickelnd, weil Charlotte Roche mehr aufzählt als inszeniert und zwischendurch immer wieder doziert, beispielsweise über das Problem, den Schließmuskel vor dem Analverkehr mit viel Geduld zu dehnen. Nach dem Erfolg ihres Debütromans „Feuchtgebiete“ setzt Charlotte Roche auch wieder auf den Ekelfaktor, etwa wenn sie beschreibt, wie sich die Protagonistin nach dem Stuhlgang mit Spucke auf dem Toilettenpapier säubert, weil sie feuchtes Toilettenpapier aus Umweltschutzgründen ablehnt.

Alice Schwarzer schrieb am 15. August 2011 in ihrem Blog:

Hallo Charlotte, ich bin’s, dein Über-Ich. Du weißt schon, diese feministische Rachegöttin, die Seite an Seite mit deiner Mutter durch dein Buch geistert […] Eines allerdings wäre fatal: Wenn deine Leserinnen deine verruchte Heimatschnulze über Sex & Liebe für ein Rezept halten würden. Denn du hast nicht die Lösung, du hast das Problem.

Die Parallelen zwischen der Autorin Charlotte Roche und der Ich-Erzählerin Elizabeth Kiehl in dem Roman „Schoßgebete“ sind nicht zu übersehen. Der Verdacht, das Schreiben des Buches sei für Charlotte Roche auch eine Art Selbsttherapie gewesen, drängt sich auf.

Charlotte Roche wurde am 18. März 1978 in High Wycombe (Buckinghamshire) als Tochter eines Ingenieurs und dessen Ehefrau geboren. Als sie fünf Jahre alt war, ließen die Eltern sich scheiden. Sie wuchs in Nordrhein-Westfalen auf. Den Besuch des Gymnasiums in Mönchengladbach brach sie nach der elften Klasse ab.

Einen Namen machte sich Charlotte Roche ab 1998 als Moderatorin des Musiksenders VIVA.

Am 30. Juni 2001 wollten sie und der Fernsehproduzent Eric Pfeil in London heiraten. Auf dem Weg dorthin kamen ihr einundzwanzigjähriger Bruder William, ihr neun Jahre alter Halbbruder David und ein sechsjähriges Pflegekind ihrer Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Hochzeit wurde daraufhin abgesagt. Im Jahr darauf gebar Charlotte Roche eine Tochter. Seit 2007 ist sie mit dem Fernsehproduzenten Martin Keß verheiratet.

Im Frühjahr 2008 veröffentlichten die DuMont Buchverlage ihren Debütroman „Feuchtgebiete“. Am 10. August 2011 folgte der Roman „Schoßgebete“ im Piper Verlag mit einer Startauflage von 500 000 Exemplaren.

Den Roman „Schoßgebete“ von Charlotte Roche gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Charlotte Roche (Regie: Oliver Versch, Hamburg 2011, 8 CDs, ISBN 978-3-86952-088-9).

Im Dezember 2011 vergab Charlotte Roche die Verfilmungs-Rechte an die Constantin Filmgesellschaft. Der Film von Sönke Wortmann kam am 18. September 2014 in die Kinos.

Originaltitel: Schoßgebete – Regie: Sönke Wortmann – Drehbuch: Oliver Berben, nach dem Roman „Schoßgebete“ von Charlotte Roche – Kamera: Maher Maleh – Schnitt: Ueli Christen – Musik: Martin Todsharow – Darsteller: Juliane Köhler, Jürgen Vogel, Lavinia Wilson, Isabelle Redfern, Jan-David Bürger, Roland Wolf u.a. – 2014

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Piper Verlag

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