Eine ganz normale Familie

Eine ganz normale Familie

Eine ganz normale Familie

Eine ganz normale Familie – Originaltitel: Ordinary People – Regie: Robert Redford – Drehbuch: Alvin Sargent, nach dem Roman "Eine ganz normale Familie" von Judith Guest – Kamera: John Bailey – Schnitt: Jeff Kanew – Musik: Marvin Hamlisch – Darsteller: Donald Sutherland, Mary Tyler Moore, Timothy Hutton, Judd Hirsch, Elizabeth McGovern u.a. – 1980; 120 Minuten

Inhaltsangabe

Der Schüler Conrad Jarrett fühlt sich schuldig, weil er nicht verhindern konnte, dass sein älterer Bruder bei einem Unglück in seinem Beisein ums Leben kam. Nach einem Selbstmordversuch ist Conrad nun wieder zu Hause. Wenn er gefragt wird, beteuert er ebenso wie sein Vater, dass alles in bester Ordnung sei. Vor allem seine Mutter Beth ist darauf bedacht, die Fassade einer ganz normalen Familie zu wahren, zumal sie Unglücke und Misserfolge aufgrund ihrer Erziehung mit Schuld und Sünde assoziiert ...
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Kritik

Bei "Eine ganz normale Familie" – der Verfilmung eines Romans von Judith Guest durch Robert Redford – handelt es sich nicht um ein rührseliges Melodram, sondern um ein vielschichtiges und hervorragend besetztes Familiendrama.
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Der Steueranwalt Calvin Jarrett (Donald Sutherland) wohnt mit seiner Familie in einer Villa in Lake Forest, einer Wohlstandssiedlung am Stadtrand von Chicago. Er joggt, seine Ehefrau Beth (Mary Tyler Moore) spielt Golf. Die beiden sind seit 21 Jahren verheiratet, gehen zusammen ins Theater, plaudern mit Freunden über kulturelle Ereignisse und unternehmen Urlaubsreisen. Buck (Bobby Coyne / Scott Doebler), der ältere der beiden Söhne, kam vor einiger Zeit ums Leben, als er mit seinem Bruder Conrad (Michael Creadon / Timothy Hutton) beim Segeln auf dem Michigan-See in einen Sturm geriet. Conrad überlebte, aber er fühlt sich schuldig, weil er Buck an dem gekenterten Boot nicht festhalten konnte, als dieser den Halt verlor. Er schnitt sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf. Glücklicherweise fand ihn sein Vater rechtzeitig. Wegen seiner Depression und seiner Selbstmordgedanken wurde Conrad vier Monate lang in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Seit eineinhalb Monaten ist er wieder zu Hause.

Er versucht sich anzupassen und beteuert, es gehe ihm gut, aber das stimmt nicht. Weil sein Vater sich Sorgen um ihn macht, meldet er sich für zwei Stunden pro Woche bei dem Psychiater Dr. Tyrone Berger (Judd Hirsch) an und lässt dafür sein tägliches Schwimmtraining mit der Mannschaft seiner Highschool ausfallen.

Wenn Calvin gefragt wird, beteuert er wie sein Sohn, dass in seiner Familie alles in bester Ordnung sei. Nachdem er einer Bekannten auf einer Party arglos erzählte, dass sein Sohn bei einem Psychiater in Behandlung sei, stellt Beth ihn auf der Heimfahrt zur Rede. Das gehe niemanden etwas an, meint sie. Beth ist darauf bedacht, die Fassade einer ganz normalen Familie zu wahren, zumal sie Unglücke und Misserfolge aufgrund ihrer Erziehung mit Schuld und Sünde assoziiert. Sie liebte Buck wohl mehr als Conrad, verbirgt jedoch ihren Schmerz, indem sie sich verschließt und so gut wie keine Gefühle zeigt. Einmal kauert sie auf dem Bett im unangetasteten Zimmer ihres toten Sohnes, als Conrad in der offen stehenden Türe auftaucht. Beide erschrecken.

Das Schwimmen gibt Conrad schließlich ganz auf. Einen Monat später erfährt Beth es von einer Bekannten. Zu Hause stellt sie ihren Sohn aufgebracht zur Rede, weil er seine Entscheidung verschwieg und sie deshalb in eine peinliche Situation brachte.

Jeannine Pratt (Elizabeth McGovern), die ebenso wie Conrad im Schulchor singt, bewundert seine Stimme. Die beiden verabreden sich und kommen sich näher. Jeannine fragt Conrad auch nach den Narben an seinen Handgelenken, und er redet erstmals außerhalb eines Krankenhauses bzw. einer Arztpraxis über seinen Selbstmordversuch.

Während seine Eltern Beth’s Bruder Ward (Quinn Redeker) und dessen Frau Audrey (Mariclare Costello) in Houston/Texas besuchen, wohnt Conrad bei seinen Großeltern (Meg Mundy, Richard Whiting). In dieser Zeit ruft er Karen Aldrich (Dinah Manoff) an, die er in der psychiatrischen Klinik kennengelernt hatte und mit der er sich unlängst in einem Schnellrestaurant traf. Ihr Optimismus und ihr Engagement in einem Amateur-Theater beeindruckten ihn. Umso entsetzter ist er, als er am Telefon erfährt, dass sie sich inzwischen das Leben nahm.

Verstört ruft er Dr. Berger an und fleht ihn um einen sofortigen Termin an. Conrad begreift, dass er auf seinen Bruder wütend ist, weil dieser zwar optimistisch blieb, als sie sich bereits an das gekenterte Boot klammerten, aber dann losließ, ertrank und ihn mit Schuldgefühlen zurückließ. Nun wirft er sich auch vor, Karen nicht vom Suizid abgehalten zu haben.

Calvin erinnert sich daran, dass er am Tag von Bucks Begräbnis völlig durcheinander war, Beth jedoch darauf achtete, dass er sich noch einmal umzog, weil sie sein Hemd und die Schuhe unpassend fand. Wie konnte sie an so einem Tag an sein Aussehen denken? Er begreift, dass sie Buck liebte und seit dessen Tod keine Gefühle mehr zulässt. Ob er sie noch liebt? Er weiß es nicht.

Beth packt nach einer Auseinandersetzung mit Calvin ihre Sachen. Conrad sieht durchs Fenster, wie sie in ein Taxi steigt und wegfährt. Er gibt sich die Schuld am Zerbrechen der Familie.

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Für sein Regiedebüt wählte Robert Redford den Roman „Ordinary People“ von Judith Guest („Eine ganz normale Familie“, Übersetzung: Karin Polz, Rowohlt Verlag, Reinbek 1977, 257 Seiten). Die Filmrechte hatte er bereits vor der Veröffentlichung des Buches im Jahr 1976 erworben.

Nach dem Vorspann ist auf der Leinwand blauer Himmel zu sehen. Zur Musik aus dem Kanon in D-Dur von Johann Pachelbel gleitet die Kamera durch eine menschenleere Herbstlandschaft. Die Idylle trügt, denn das Familiendrama „Eine ganz normale Familie“ dreht sich um die tragischen Folgen eines tödlichen Unfalls. Alvin Sargent (Drehbuch) und Robert Redford (Regie) veranschaulichen an diesem Beispiel die Versuche von Mitgliedern der gehobenen Mittelschicht, den Schein zu wahren, familiäre Konflikte und psychische Erkrankungen zu verbergen.

Der von Timothy Hutton facettenreich und ausdrucksstark verkörperte Schüler Conrad Jarrett leidet unter Schuldgefühlen, weil er den Tod seines Bruders nicht verhindern konnte, als sie beim Segeln im Sturm kenterten. Seine psychische Verstörung wirkt wie ein Katalysator und lässt die verleugneten Spannungen innerhalb der Familie aufbrechen.

Seine Mutter Beth hält Unglücke und Misserfolge aufgrund ihrer Erziehung für Symptome von Schuld und Sünde. Schon deshalb tut sie alles, um die Fassade einer ganz normalen Familie aufrecht zu halten. Mit einem aufgesetzten Lächeln versucht sie andere zu täuschen. Sie verwendet ihre ganze Energie und Selbstdisziplin darauf, der Gesellschaft einen Blick ins wahre Privatleben der Familie Jarrett zu verwehren. Diese schwierige und undankbare Rolle wird von Mary Tyler Moore eindrucksvoll gemeistert.

Calvin Jarrett – der von Donald Sutherland überzeugend gespielt wird – ist auf Ausgleich, Vermittlung und Friedlichkeit bedacht.

Robert Redford, Alvin Sargent und die hervorragenden Schauspieler sorgen dafür, dass „Eine ganz normale Familie“ nicht ein rührseliger Melodram ist, sondern ein vielschichtiges und zum Nachdenken anregendes Familiendrama.

Weil Robert Redford und Donald Sutherland beim Anschauen der Muster den Eindruck hatten, dass Calvin Jarrett in einer Szene mit seiner Frau zu heftig schluchzte, entschlossen sie sich zu einem Nachdreh, bei dem allerdings der Regisseur Mary Tyler Moores Text übernehmen musste (ohne dass dies im Film zu hören oder zu sehen wäre), denn sie stand zu dieser Zeit bereits auf einer Theaterbühne in New York.

Elizabeth McGovern studierte während der Dreharbeiten noch an der Juilliard School of Dramatic Art in New York. Ausnahmsweise gestattete die renommierte Schauspielschule die Mitwirkung einer Studentin an einem Kinofilm, allerdings unter der Auflage, dass sie sich nur samstags auf dem Set in Chicago aufhielt.

Timothy Huttons Vater, der Schauspieler Jim Hutton, starb am 2. Juni 1979, kurz vor den Dreharbeiten, im Alter von 45 Jahren. Am 14. Oktober 1980, einen Monat nach dem Kinostart von „Eine ganz normale Familie“, erschoss sich Mary Tyler Moores 24-jähriger Sohn Richie Meeker.

„Eine ganz normale Familie“ wurde mit vier „Oscars“ ausgezeichnet: Bester Film, Beste Regie (Robert Redford), Bestes adaptiertes Drehbuch (Alvin Sargent) und Bester Nebendarsteller (Timothy Hutton). Nominiert hatte man auch Mary Tyler Moore und Judd Hirsch.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

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