Peter Probst : Blinde Flecken

Blinde Flecken

Peter Probst

Blinde Flecken

Blinde Flecken. Schwarz ermittelt Originalausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010 ISBN: 978-3-423-21195-6, 253 Seiten, 8.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 20-jährige Tim Burger steuert seinen Geländewagen 2004 in München in eine Gruppe von fünf jüdischen Jugendlichen. Kurz bevor er nach vier Jahren aus der Haft entlassen wird, beauftragt ein jüdischer Rechtsanwalt den Privatermittler Anton Schwarz, Beweise für einen antisemitischen Hintergrund der Tat zu suchen. Wird Burger von einem rechtsradikalen Netzwerk manipuliert? Plant er einen Bombenanschlag?
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Kritik

Der Kriminalroman "Blinde Flecken" von Peter Probst ist handwerklich routiniert geschrieben. Lesenswert ist er v.a., weil er die Aufmerksam-keit auf die rechtsradikale Szene lenkt und zu einer couragierten Stellungnahme gegen Neonazis aufruft.
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München 2008. Vor vier Jahren glaubte der Polizist Anton Schwarz, dem jüngeren Kollegen Kolbinger beistehen zu müssen: Er entfernte dessen Namen aus Polizeiakten, in denen es um eine Drogentote in einer Bar ging, an der Kolbinger finanziell beteiligt war. Als die Manipulation auffiel, wurde Schwarz nach fünfundzwanzig Jahren Dienst entlassen. Ein Jahr später trennte sich seine Ehefrau Monika von ihm und nahm die damals achtzehnjährige Tochter Luisa mit. Sie wohnen zusammen mit Monikas neuem Lebensgefährten Justus in dem Haus, das Anton Schwarz gehört, während er sich mit einer Mietwohnung begnügt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Wachmann bei einem Konsulat und Privatermittler.

Am 22. Mai 2008 meldet sich der jüdische Rechtsanwalt Karl Loewi bei dem Neunundvierzigjährigen. Er fragt ihn, ob er sich daran erinnere, wie der Landtagsabgeordnete Carl Heuwieser in der Nacht auf den 16. Mai 1989 auf der Autobahn München – Lindau unter Alkoholeinfluss einen Renter totfuhr. Schwarz weiß noch genau, dass Heuwieser mit zehn Monaten auf Bewährung davonkam und drei Jahre später erneut in den bayrischen Landtag gewählt wurde. Dass es sich bei dem Toten um einen jüdischen Rentner namens Josef Rojewski handelte, dessen Eltern in Auschwitz vergast worden waren, erfährt er erst jetzt. Als Nächstes erwähnt Loewi die Amokfahrt des damals zwanzigjährigen Tim Burger am 22. Juni 2004 in der Landsberger Straße. Er war mit seinem Geländewagen absichtlich in eine Gruppe von vier Jungen und einem Mädchen gerast, die gerade von dem jüdischen Sportverein „Blau-Weiß 57“ kamen. Einer der Jungen kam dabei ums Leben, und das Mädchen – Loewis Nichte Eva Hahn – sitzt seither querschnittgelähmt im Rollstuhl. Das Gericht schloss einen antisemitischen Hintergrund aus und verurteilte Tim Burger zu sechs Jahren Jugendstrafe.

„Ich verstehe nur nicht, was die beiden Fälle verbindet.“
„Die blinden Flecken“, sagte Loewi.
Schwarz runzelte die Stirn.
„Ich bin seit mehr als dreißig Jahren Anwalt und immer wieder darauf gestoßen. Polizisten, Richter, Zeugen, alle leiden an diesem Phänomen.“
„Den blinden Flecken?“
„Ja, entweder wird die jüdische Identität der Opfer ausgeblendet oder der rechtsextremistische Hintergrund der Täter. Manchmal mag das politisches Kalkül sein, um die Statistik zu schönen, meistens aber geschieht es unbewusst.“ (Seite 15f)

Loewi beauftragt Schwarz, Beweise dafür zu finden, dass Tim Burger der rechtsradikalen Szene angehört.

Schwarz beginnt seine Ermittlungen bei seiner Frau, denn Burger besuchte einige Jahre lang das Gymnasium in Pasing, an dem Monika Schwarz Rektorin ist. Die Siebenundvierzigjährige erinnert sich an den Jungen. Sie weist auch darauf hin, dass Burger unmittelbar vor dem Angriff auf die fünf Jugendlichen seine Freundin Linda Heintl mit Rainer Bandmann, einem anderen Schüler, im Bett ertappt hatte. Das scheint den Wutanfall ausgelöst zu haben.

Bandmann, der inzwischen an der Ludwig-Maximilians-Universität Medizin studiert, erklärt Schwarz, er sei damals von Linda als Mittel zum Zweck benutzt worden. Sie hatte es darauf angelegt, dass Tim Burger sie in flagranti überraschte, um ihn durch die Eifersucht noch höriger zu machen.

Ein paar Tage später geht ein Haus im Westend in Flammen auf. Dabei kommen der Türke Erdal Celik und seine zehnjährige Tochter ums Leben. Weil das Haus von zwei Dutzend Parteien mit unterschiedlichen Migrationshintergründen bewohnt wurde, geht die Polizei von Streitigkeiten unter verfeindeten Nachbarn aus. Schwarz vermutet dagegen, dass es sich um einen Racheakt handelt, denn die Gebrüder Murat und Erdal Celik hatten Tim Burger nach der Amokfahrt festgehalten, bis die Polizei eintraf. Er weist Kolbinger darauf hin, aber der frühere Kollege meint, Schwarz sehe Gespenster. Allerdings stellt sich heraus, dass der Brand genau vor der Wohnung der Familie Celik gelegt worden war. Und Murat Celik berichtet Schwarz von Morddrohungen während der letzten Wochen.

Einer Frau war ein junger Mann aufgefallen, von dem sie jetzt annimmt, dass er das Haus ausgespäht hatte. Die Beschreibung passt auf Marco Kessler. Der Neonazi verbüßte bis vor kurzem eine Haftstrafe und teilte sich zeitweise mit Tim Burger eine Gefängniszelle. Inzwischen kümmert sich Karl Loewi um ihn, denn Kessler will aus der rechtsradikalen Szene aussteigen. Schwarz alarmiert den Rechtsanwalt. Der fährt zu der Wohnung, in der er seinen Schützling untergebracht hat. Kessler ist verschwunden.

Tatsächlich wurde er von Linda und ihren rechtsradikalen Freunden entführt. Sie geben ihm eine letzte Chance, sich wieder in ihre Reihen einzuordnen: Er soll Karl Loewi töten. Linda setzt sich mit ihm in den Fond eines von Bernhard Hörwig gesteuerten Wagens. Sie passen den jüdischen Anwalt auf der Straße ab. Als Kessler auf ihn zielt, tippt Hörwig, bei dem es sich um einen V-Mann des Verfassungsschutzes handelt, kurz auf die Bremse. Das Projektil verfehlt Loewi. Das Auto rast davon, aber Loewi hat Kessler erkannt.

Um sich über die rechtsradikale Szene eingehender zu informieren, sucht Schwarz seinen früheren Schulfreund Heiner auf, der ein privates Archiv zu dem Thema angelegt hat. Heiner bittet ihn, einen angekündigten öffentlichen Vortrag von Dr. Thorn aus Mainz in der Burschenschaft „Manzonia“ in Pasing zu besuchen und heimlich aufzunehmen.

Schwarz setzt sich neben Alexander Fritz, einen achtzigjährigen Finanzier der Neonazis. Zu seiner Verwunderung wird der Gastredner von dem vierzig Jahre alten Gefängnispsychologen Jörg von Medingen vorgestellt, der Tim Burger seit längerer Zeit betreut und für eine vorzeitige Haftentlassung plädiert.

Jörg von Medingen trat vor einem Jahr aus der CSU aus und plant jetzt die Gründung einer neuen Partei. Sie soll „Die Rechten“ heißen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Hildegard Schwarz, die unverheiratete Mutter des Ermittlers, wohnt in Waldram. Nach einem Schlaganfall wird sie in die Kreisklinik Wolfratshausen eingeliefert. Als ihr Sohn sie besucht, kann sie zwar nicht sprechen, bedeutet ihm aber unter großer Anstrengung, den Schlüsselbund aus ihrer Handtasche zu nehmen. Schwarz nimmt an, dass sie sich Sorgen um ihre Zimmerpflanzen macht und fährt zu ihrem Haus. Die Erde in den Blumentöpfen ist feucht, aber Schwarz entdeckt einen an ihn adressierten Brief mit der Aufschrift „Nach meinem Tod zu öffnen“. In der Überzeugung, dass seine Mutter ihn absichtlich herschickte, damit er ihn schon jetzt liest, öffnet er das Kuvert.

Es ist ein langer Brief. Hildegard Schwarz schreibt, sie sei nicht erst im Oktober 1946 mit Vertriebenen aus Karlsbad ins Flüchtlingslager Föhrenwald gekommen, sondern bereits ein Jahr früher. Sie wuchs zwar in Karlsbad auf, ist jedoch keine Egerländerin, wie sie immer behauptete. Ihr katholischer Vater starb 1940. Ihre jüdische Mutter, die weiter mit ihr in Karlsbad lebte, wurde im Spätsommer 1942 von den Nationalsozialisten abgeholt. Weil die damals vierzehnjährige Hildegard sich nicht von ihrer Mutter trennen wollte, nahmen die Männer sie ebenfalls mit. Die Mutter überlebte den Holocaust nicht, aber Hildegard gehörte zu den Menschen, die im April 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit wurden. Im September 1945 kam sie in das von den Amerikanern für Displaced People eingerichtete Auffanglager Föhrenwald, das Mitte der Fünfzigerjahre in eine Siedlung umgewandelt wurde und den Ortsnamen Waldram erhielt. Hildegard Schwarz konnte sich dort 1946 ein preisgünstiges Haus kaufen und eröffnete einen Laden. Mit Antons Vater hatte sie nur eine kurze Affäre, aber sie wollte ohnehin nicht heiraten, denn sonst wäre ihre jüdische Herkunft ans Licht gekommen.

Tim Burger wird vorzeitig aus der Haftanstalt entlassen und taucht sofort unter.

Bald darauf wird in der Aubinger Lohe Marco Kesslers Leiche gefunden. Man hat ihm ein Pflockeisen durchs Auge in den Schädel gerammt.

Weil Anton Schwarz inzwischen vermutet, dass Burger über eine Granate verfügt, mit der er ein Blutbad wie am 26. September 1980 auf dem Oktoberfest in München anrichten könnte, macht er sich große Sorgen, als Eva Hahn und ihre siebzehnjährige Cousine Mirjam Loewi für den 31. Mai 2008 zu einer Demonstration gegen die Gründung einer rechtsradikalen Partei aufrufen: „München sagt Nein“. Er kann jedoch nichts anderes tun, als über Kolbinger die Polizei zu alarmieren und selbst wachsam zu sein.

Die Demonstranten versammeln sich vor dem Gebäude der Burschenschaft „Manzonia“ in Pasing. Jörg von Medingen zeigt sich höhnisch im weißen Anzug. Als Schwarz, der auf der Bühne sitzt und die Menge beobachtet, Burger entdeckt, tritt er ans Mikrofon:

„Bewahren Sie jetzt bitte unbedingt die Ruhe und gehen Sie! Gehen Sie, so schnell Sie können – weg von der Bühne, bitte, rasch! Unter uns befindet sich jemand mit einer Waffe. Laufen Sie! Aber geben Sie acht auf die anderen!“ (Seite 246)

Dann springt er von der Bühne zu Burger, packt ihn und erklärt ihm, dass Medingen ihn jahrelang indoktriniert habe und nur für seine Zwecke missbrauche. Dem Parteigründer komme es bei dem Anschlag, zu dem er Burger überredete, nur darauf an, sich mit „Die Rechten“ vom rechtsradikalen Pöbel abgrenzen und den Eindruck der Seriosität erwecken zu können. Deshalb habe er Burger angezeigt und behauptet, aufgrund eines Anrufs des gerade erst entlassenen Häftlings befürchte er einen Anschlag auf die Demonstranten. Medingen wolle ihn wieder ins Gefängnis bringen. Als Burger begreift, dass er erneut manipuliert wurde, zieht er den Splint aus der mitgebrachten Granate. Schwarz rennt um sein Leben. Wider Erwarten behält Burger die Granate in der Hand, statt sie zu werfen. Als ihm der Zünder die Finger abreißt, fällt sie zu Boden, detoniert jedoch nicht. Mit blutenden Händen läuft Burger zum nahen Bahndamm und wirft sich vor einen Güterzug.

Jörg von Medingen entschuldigt sich öffentlich für seine angebliche Fehleinschätzung des Häftlings Tim Burger und erklärt, er ziehe selbstverständlich die Konsequenzen und trete von seinem Amt als Gefängnispsychologe zurück. Der Führer der neuen Partei „Die Rechten“ hat jetzt ohnehin anderes zu tun.

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In dem Kriminalroman „Blinde Flecken“ geht es um die rechtsradikale Szene in Deutschland. Peter Probst zeigt, wie frustrierte junge Hitzköpfe so indoktriniert und manipuliert werden, dass sie morden und Terroranschläge vorbereiten, während sich die Drahtzieher in öffentlichen Erklärungen von Gewalttaten distanzieren und auf diese Weise auch seriöse Menschen für ihre braune Partei gewinnen.

Einen Großteil der Seiten des Buches verwendet Peter Probst, um das Privatleben des Münchner Detektivs Anton Schwarz zu schildern. Der Neunundvierzigjährige, ein unheldischer, sehr menschlicher Charakter, findet sich nicht damit ab, dass ihn seine Ehefrau verlassen hat. Außerdem erfährt er, dass ihn seine Mutter bisher über seine Herkunft belog.

„Blinde Flecken“ ist handwerklich routiniert geschrieben. Lesenswert ist der etwas bieder und konstruiert wirkende Krimi vor allem, weil er die Aufmerksamkeit auf die rechtsradikale Szene lenkt und zu einer couragierten Stellungnahme gegen Neonazis aufruft. Die in „Blinde Flecken“ geschilderte Demonstration gegen „Die Rechten“ in München wurde inzwischen von der Wirklichkeit übertroffen, beispielsweise als am 13. Februar 2010, dem 65. Jahrestag der Bombardierung Dresdens, 15 000 Menschen eine Menschenkette um die damals zerstörte Innenstadt bildeten und einen Aufmarsch von Neonazis verhinderten.

Bei dem fiktiven Landtagsabgeordneten Carl Heuwieser denkt man unwillkürlich an Otto Wiesheu (* 1944). Der CSU-Abgeordnete (1974 – 2005) und Generalsekretär seiner Partei (April – November 1983) verursachte am 29. Oktober 1983 auf der Autobahn München – Nürnberg unter Alkoholeinfluss einen Verkehrsunfall, bei dem der siebenundsechzigjähriger Renter Josef Rubinfeld ums Leben kam und dessen Beifahrer schwer verletzt wurde. Das Landgericht München I verurteilte ihn dafür 1985 in zweiter Instanz zu einer Geldstrafe und zu zwölf Monaten Haft, die es allerdings zur Bewährung aussetzte.

Peter Probst wurde am 22. Dezember 1957 in München geboren. Er studierte katholischen Theologie, Germanistik und italienische Literatur in München und 1980/81 auch in Rom. Danach arbeitete er als Regieassistent, Regisseur und Dozent an Filmakademien und schrieb seit 1982 etwa neunzig Drehbücher.

Seit 1990 ist Peter Probst mit der Fernsehmoderatorin und Schriftstellerin Amelie Fried verheiratet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Deutscher Taschenbuch Verlag

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Minette Walters

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