Gruppenbild mit Dame

Gruppenbild mit Dame

Gruppenbild mit Dame

Originaltitel: Gruppenbild mit Dame – Regie: Aleksandar Petrovic – Drehbuch: Jürgen Kolbe, Aleksandar Petrovic und Heinrich Böll, nach dem Roman "Gruppenbild mit Dame" von Heinrich Böll – Kamera: Pierre William Glenn – Schnitt: Marika Radvanyi, Agape von Dorstewitz – Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert – Darsteller: Romy Schneider, Brad Dourif, Michel Galabru, Vadim Glowna, Richard Münch, Vitus Zeplichal, Milena Dravic, Rüdiger Vogler, Fritz Lichtenhahn, Rudolf Schündler, Velimir "Bata" Zivojinovic, Gefion Helmke, Wolfgang Condrus, Kurt Raab u.a. – 1977; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Beim Versuch, von Dänemark nach Schweden zu fliehen, werden Leni Gruytens Bruder und dessen Freund, ihr Geliebter, 1941 erschossen. Kurz darauf stirbt ihre Mutter, und ihr Vater wird in ein KZ gesperrt. Allein auf sich gestellt, bindet sie in einer Friedhofsgärtnerei Kränze für Gefallene. Dort fängt sie verbotenerweise mit dem russischen Kriegsgefangenen Boris eine Liebesbeziehung an. Sie überleben den Krieg, aber ihr Glück ist nicht von Dauer ...
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Kritik

Bei der Verfilmung des Romans "Gruppenbild mit Dame" von Heinrich Böll versucht Aleksandar Petrovic weder den pseudodokumentarischen Erzählstil nachzuahmen noch die ganze inhaltliche Breite aufzunehmen
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Die aus einer jüdischen Familie stammende Nonne Rachel Maria Ginsburg (Eva Ras) darf seit 1936 nicht mehr als Lehrerin tätig sein und wird im Kloster gefangen gehalten, denn man beschuldigt sie, die Schülerinnen verdorben zu haben. 1943 stirbt Rachel Maria Ginsburg vor Hunger und Kälte.

Die Klosterschwester war das Idol der Unternehmertochter Leni Gruyten (Romy Schneider). Ihr hatte sie sich anvertrauen können, etwa als sie durch die Liebe zu ihrem Cousin Erhard Schweigert (Vadim Glowna) in Gewissensnöte gekommen war.

Erhards Mutter (Gefion Helmke) hält nicht viel von Leni und will eine ernsthafte Verbindung ihres Sohnes mit ihr verhindern. Erhard ist mit Lenis Bruder Heinrich (Vitus Zeplichal) befreundet und wie dieser bei der Wehrmacht. Als die beiden 1941 nach Dänemark abkommandiert werden, folgt die achtzehnjährige Leni ihnen. Erhard und Heinrich wollen sich mit einem Schlauchboot nach Schweden absetzen, und Leni soll ihnen nachkommen. Doch die beiden Soldaten werden bei ihrer Flucht von der Küstenwache entdeckt und erschossen.

Bald darauf stirbt Lenis Mutter Helene (Irmgard Först), und der beim Finanzamt arbeitende Slawist Dr. Scholsdorff (Fritz Lichtenhahn) findet heraus, dass der Bauunternehmer Hubert Gruyten (Richard Münch) mittels der Scheinfirma „Schlemmer & Co“ Geld veruntreute. Er habe den Nationalsozialisten schaden wollen, erklärt Gryuter trotzig. Als er deshalb in ein Konzentrationslager gesperrt wird, ist Leni allein.

Sie beginnt in der Friedhofsgärtnerei von Walter Pelzer (Michel Galabru) als Blumenbinderin zu arbeiten. Da ist viel zu tun, denn die SS bestellt für jeden gefallenen Offizier der Waffen-SS einen Kranz bei ihm. Aber der Verdienst reicht nicht für den Lebensunterhalt; Leni verschuldet sich bei Otto Hoyser (Rudolf Schündler), einem Freund ihres Vaters. Der nutzt die Chance, sich zu bereichern und verlangt, dass Leni auf seinen Namen eine Hypothek auf die Wohnung ihres Vaters eintragen lässt.

Eines Tages bringt der einäugige Soldat Boldig (Rüdiger Vogler) einen russischen Kriegsgefangenen in die Friedhofsgärtnerei. Boris Koltowski (Brad Dourif) soll hier arbeiten. Dem Soldaten Kremp (Wolfgang Condrus), der ebenfalls hier beschäftigt ist, seit er ihm Krieg ein Bein verlor, gefällt das gar nicht, denn er hasst die Russen und macht auch bei Boris keine Ausnahme. Er lässt nicht einmal zu, dass Boris Kaffee bekommt. Aber da steht Leni mutig auf, wäscht die Tasse ab, die Kremp vom Tisch schlug, füllt sie mit Bohnenkaffee und stellt sie Boris hin.

Heimlich trifft Leni sich mit Boris, der fehlerfrei deutsch spricht, Georg Trakl rezitiert und sehr belesen ist. Sie werden ein Liebespaar, und kurz vor Kriegsende ist Leni schwanger. Ihre Freundin Lotte Hoyser (Isolde Barth) geht mit Boldig ins Bett und verlangt als Gegenleistung ein Soldbuch. Der gutmütige Soldat, der ahnt, dass das Dokument den Zweck hat, Boris eine deutsche Identität zu geben, beschafft ein Soldbuch auf den Namen Alfred Bullhorst.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

1945 kommen die Russen. Boris geht mit ihnen in die zerbombte Stadt. Ein jugendlicher deutscher Soldat namens Simon (Christian Hanft) stöbert Boris und einen zweiten Russen in den Ruinen auf und alarmiert Boldig, damit dieser die beiden Feinde tötet. Boldig unterhält sich stattdessen lachend mit den Russen und provoziert dann Simon so lange mit dem Spruch „Deutschland kaputt“, bis dieser ihn erschießt.

Boris und Leni finden sich wieder. Sie überleben den Krieg, und Leni bekommt einen Sohn.

Amerikanische Panzer rücken in die zerbombte Stadt ein.

Hubert Gruyten kommt aus dem Konzentrationslager nach Hause und klingelt an der Tür seiner Wohnung, in der inzwischen Otto Hoyser mit seiner Familie lebt. Gruyten behauptet, er sei nur vorbeigekommen, um ihm die Miete zu bringen. Bestürzt blickt Hoyser ihm nach, als er höhnisch lachend die Treppe hinuntergeht.

Walter Pelzer verkauft sein Motorrad für ein Mehrfaches des Wertes an einen Nationalsozialisten, der vor den Amerikanern fliehen will. Er investiert sein Geld in den Wiederaufbau und stellt Hubert Gruyten, Boris Koltowski alias Alfred Bullhorst und Leni als Arbeitskräfte ein. Sie räumen gerade Trümmer weg, als die amerikanische Militärpolizei auftaucht, gezielt auf Boris zugeht, sein Soldbuch prüft und ihn festnimmt.

In französischer Kriegsgefangenschaft kommt Boris bei einem Grubenunglück ums Leben.

Der Vater stirbt bei einem Unfall am Bau.

Leni wird hinter vorgehaltener Hand als „Russen-Liebchen“ beschimpft.

1963 liegen mitten im Winter rote Rosen am Grab von Alfred Bullhorst. Die Eltern eines deutschen Soldaten namens Hans Bullhorst haben sie dort hingelegt.

Im selben Winter blühen auch Rosen auf dem Grab von Rachel Maria Ginsburg, die genau vor zwanzig Jahren starb. Schwester Klementine (Milena Dravic) fragt den Gärtner Walter Pelzer um Rat und besucht mit ihm zusammen den Slawisten Dr. Scholsdorff. In einer Nachbarwohnung hört sie Leni Gruyten Klavier spielen. Als die Nachricht von dem Rosenwunder bis in den Vatikan übermittelt wird, lassen die Klosterschwestern die Gebeine von Rachel Maria Ginsburg exhumieren und verbrennen.

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Der aus Jugoslawien stammende Regisseur Aleksandar Petrovic (1929 – 1994) verfilmte den 1971 von Heinrich Böll veröffentlichten Roman „Gruppenbild mit Dame“ (Kiepenheuer & Witsch, Köln 1971, 400 Seiten) mit Romy Schneider in der Hauptrolle. Der Nobelpreisträger hatte zunächst selbst am Drehbuch mitgewirkt, sich dann aber von dem Projekt zurückgezogen.

Im Mittelpunkt steht Leni Gruyten, eine junge Außenseiterin, die nach ihren persönlichen Vorstellungen lebt und sich nicht darum kümmert, wie sie von anderen gesehen wird. Vor allem ihre Liebesbeziehung mit einem hochgebildeten russischen Kriegsgefangenen steht für das Ideal der Mitmenschlichkeit und Humanität.

Nur lose sind damit die 1936 bzw. 1986 im Kloster spielenden Szenen verknüpft, in denen es um ein Idol Leni Gruytens geht. Während der Roman „Gruppenbild mit Dame“ einen Zeitraum von 1899 bis 1970 umfasst, beginnt der Film 1936 und endet fünfzig Jahre später bzw. mit einer surrealistischen Szene, in der die ergraute Leni Gruyten die Toten wiederzusehen glaubt: Erhard Schweigert und seine Mutter, Boris Koltowski, Boldig, ihren Bruder und andere.

Im Film fehlt die Episode, in der Leni Gruyten nach Erhard Schweigerts Tod den Unteroffizier Alois Pfeiffer heiratet, der drei Tage nach der Hochzeit an der Ostfront fällt. Wir sehen weder, dass Lenis Sohn Lev bei der Müllabfuhr arbeitet, noch dass sie in den Sechzigerjahren ihre Wohnung mit Gastarbeitern teilt und während einer Affäre mit einem Türken erneut schwanger wird.

Den pseudodokumentarischen Erzählstil Heinrich Bölls nachzuahmen, haben die Filmemacher gar nicht erst versucht: Im Roman tritt ein Erzähler auf, der angeblich anhand von (zumeist fiktiven) Unterlagen und mündlichen Berichten das Leben von Leni Pfeiffer, geb. Gruyten, rekonstruiert. Zwischendurch äußert er sich selbst kritisch über die Aussagen, wobei er sich in der dritten Person Singular „der Verf.“ nennt. Diese Scheinauthentizität wird auch durch die Widmung verstärkt: „Für Leni, Lev und Boris“.

Der Film „Gruppenbild mit Dame“ von Aleksandar Petrovic wurde am 26. Mai 1977 bei den Filmfestspielen in Cannes erstmals vorgeführt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

Heinrich Böll (Kurzbiografie)
Romy Schneider (Kurzbiografie)

Wolfgang Hachtel - Der Fremde
Die unter dem Titel "Der Fremde" zusammengefassten Erzählungen könnten durchaus spannend und unterhaltsam sein, wenn Wolfgang Hachtel die Handlung nicht eher referieren als inszenieren würde.
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