Christian Oelemann : Freundschaftspiel

Freundschaftspiel

Christian Oelemann

Freundschaftspiel

Freundschaftspiel Originalausgabe: Verlag 3.0 Zsolt Majsai, Bedburg 2014 ISBN: 978-3-95667-054-1, 255 Seiten, 16.90 € (D) eBook: 978-3-95667-0558 / 978-3-95667-056-5
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman handelt nicht nur von den ersten Liebeswirren eines 15-Jährigen und einer Gleichaltrigen, sondern auch von der späten Liebe eines 66 Jahre alten Schriftstellers und einer 54-jährigen Journalistin. Parallel dazu dreht sich "Freundschaftspiel" um die Beziehung zwischen dem älteren Mann und dessen Enkel, der sich mit Unterstützung des Büchner-Preisträgers an seinem ersten Roman versucht und dabei seine jüngsten Erlebnisse verarbeitet ...
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Kritik

Aufgrund der Handlung ist "Freundschaftspiel" als Jugend­roman zu klassifizieren. Vor allem der Aufbau macht das Buch jedoch auch für Erwachsene lesenswert, denn Christian Oelemann spielt mit verschiedenen Erzählebenen.
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Als der 66 Jahre alte Schriftsteller Dieter Lange 2012 erfährt, dass er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet werden soll, erklärt er dem mit ihm befreundeten Verleger Dr. Wittlich, er werde keine Interviews geben und auch sonst keinen Rummel mitmachen. Sicherheitshalber zieht er sich von Bremen aufs Land zurück, in die Pension „Heideglück“ in Golgenude.

Während er dort wohnt, erfahren Amelie Bergmann und ihr Ehemann, die Besitzer der Pension, durch einen Telefonanruf, dass ihre Tochter Gaby in Sydney Drillinge geboren hat. Bis zu diesem Anruf ahnten sie noch nicht einmal etwas von der Schwangerschaft. Bevor sie Hals über Kopf nach Australien fliegen, überlassen sie Dieter Lange die Schlüssel, damit er sich kein anderes Quartier suchen muss.

In den Sommerferien leistet ihm sein Enkel Hendrix Witzl für zwei Wochen Gesellschaft. Der 15-Jährige versteht sich mit seinem Großvater sehr viel besser als seine Eltern, die in Bremen das Bestattungsinstitut „Würdevoll & Preiswert“ führen und den Beruf des Schriftstellers nicht ernst nehmen.

In Goldenude verliebt Hendrix sich in Sarah, die gleichaltrige Tochter des Buchhändlers Sebastian Schmitt und dessen Ehefrau Vera in der Nachbargemeinde Nastetten. Sie erzählt ihm, warum sie nach Goldenude kam. Es ist eine haarsträubende Geschichte.

Am Samstag hielt kurz vor Ladenschluss ein Kleinbus des Seniorenheims Sankt Kunibert vor dem Eingang der Buchhandlung, in der Sarah zu diesem Zeitpunkt allein war, und ein Zivildienstleistender namens Stephan schob eine alte Frau im Rollstuhl herein. Ilse Deloires, die zwar nicht adelig ist, aber im Heim nur „die Gräfin“ genannt wird, hatte einige Zeit zuvor beobachtet, wie es dem 99-jährigen Mitbewohner Jürgensen besser gegangen war, nachdem Sarah ihm die Hände beruhigend auf den Kopf gelegt hatte. Ilse Deloires glaubt deshalb, das Mädchen verfüge über heilende Hände. Mit ihrem Besuch in der Buchhandlung wollte sie erreichen, dass die 15-Jährige mit ihrer Heilkraft dem schwerkranken Hans-Rudolph Müller hilft, der allein in einem alten Haus in Goldenude lebt. 100 Euro drückte sie Sarah dafür in die Hand. Plötzlich griff Ilse Deloires sich an den Kopf und klagte über eine jäh einsetzende Migräne. Sie brachte Sarah dazu, ihren Kopf zu berühren – und verspürte sofort eine Schmerzlinderung. Zur Verwunderung Sarahs und Stephans erhob sie sich aus dem Rollstuhl und kletterte ohne Hilfe in den Kleinbus.

Als Sarah nach Goldenude kam und bei Hans-Rudolph Müller klingelte, öffnete niemand. Es stellt sich heraus, dass der 91-Jährige kürzlich starb.

Nachdem der Buchhändler Sebastian Schmitt Hendrix durch Sarah kennengelernt hat, wagt er es, den Schriftsteller Dieter Lange um eine Lesung zu bitten. Damit will er sich gegen die Konkurrenz des Buchkaufhauses World of Books schräg gegenüber wehren. Obwohl Dieter Lange grundsätzlich keine Lesungen durchführt, lässt er sich von dem sympathischen Buchhändler eine Zusage abschwatzen. Allerdings will er nur vor einem kleinen, auf die Stammkundschaft beschränkten Kreis in der Buchhandlung lesen, und zwar ohne Medienvertreter. Weil die Eintrittskarten im Nu ausverkauft sind, fragt Sebastian Schmitt, ob Dieter Lange auch bereit sei, in der Aula zu lesen und denkt dabei ans Gymnasium. Der Schriftsteller nimmt jedoch an, dass der Buchhändler seinen Roman „In der Aula“ meint, und sagt auch dazu ja.

Der Zivildienstleistende Stephan kommt erneut in die Buchhandlung. Sarah soll mit in seine Dachwohnung kommen und seiner seit drei Tagen nichts mehr fressenden Katze die Hand auflegen. Trotz ihrer Allergie gegen Katzenhaare und ihrer Zweifel an der heilenden Kraft ihrer Hände, streichelt Sarah das apathisch am Boden liegende Tier. Unvermittelt erhebt sich die Katze und würgt etwas aus. Danach geht es ihr besser.

Sarah hat eigentlich schon einen Freund: den ein Jahr älteren Tim Mertens. Der ist völlig anders als Hendrix. Während der Junge aus Bremen Sarah zuhört, sie ernst nimmt, einen Roman schreiben möchte und schüchtern und unerfahren ist, handelt es sich bei Tim um einen egozentrischen Draufgänger, der durchaus grob werden kann. Hendrix zieht sich enttäuscht von Sarah zurück, als er herausfindet, dass sie mit Tim liiert ist. Schließlich trennt Sarah sich von Tim. Als dieser jedoch bei einem Verkehrsunfall ein Schleudertrauma erleidet und Sarah erfährt, dass der 16-Jährige, der noch keinen Führerschein besitzt, ihretwegen nach Golgenude fahren wollte und einem Lieferwagen auffuhr, lässt sie Hendrix unvermittelt stehen, springt in einen Bus und eilt voller Mitleid zu Tim. Sie lässt es auch zu, dass er ihre Brüste unter dem T-Shirt knetet. Aber dann packt ihn die Eifersucht und er drückt so fest zu, dass es schmerzt, während er sie nach Hendrix fragt. Diesmal ist die Trennung endgültig.

Ilse Deloires wohnt vorübergehend bei Friedhelm Günthers und dessen Frau. Der Rechtsanwalt im Ruhestand, der den Schriftsteller Dieter Lange nicht ausstehen kann, lädt ihn überraschend ein. Dieter lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Frau kennenzulernen, von der Sarah seinem Enkel und dieser ihm erzählte. Der Tisch ist zwar gedeckt, aber Friedhelm Günthers macht sich einen boshaften Spaß daraus, den Gast vergeblich auf ein Essen warten zu lassen. Der bereut den Abend trotzdem nicht, denn er verliebt sich in Ilse Deloires, und sie teilt seine Gefühle. Das missfällt Friedhelm Günthers, aber er kann es nicht ändern.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Ein paar Tage später gesteht die Frau ihrem neuen Freund, sie sei gar nicht Ilse Deloires, sondern die Journalistin Dagmar Frechhaus. Nach Nastetten kam sie, um im Seniorenheim Sankt Kunibert für einen Artikel über Altenpflege zu recherchieren. Dabei führte sie lange Gespräche mit Ilse Deloires, die vermutlich bald sterben wird. Die von den heilenden Händen der Buchhändlertochter überzeugte Greisin wünschte sich, dass Sarah auch den Gesundheitszustand ihrer alten Liebe Hans-Rudolph Müller verbessern könne und drängte ihre Besucherin, das Mädchen aufzusuchen. Der Gedanke, für kurze Zeit in die Rolle einer auf den Rollstuhl angewiesenen alten Frau zu schlüpfen, reizte die 54-jährige Journalistin. In der Buchhandlung setzte dann ein Migräneanfall ein, aber die Schmerzen ließen sofort nach, als Sarahs Hände ihren Kopf berührten. In ihrer Verblüffung fiel Dagmar aus der Rolle und erhob sich aus dem Rollstuhl.

Zehn Wochen benötigt Hendrix, um seine Erlebnisse in Golgenude und Nastetten in einem Roman mit dem Titel „Freundschaftspiel“ (nicht: Freundschaftsspiel) zu verarbeiten. Am Nikolaustag schenkt er das Manuskript seinem Großvater zum 67. Geburtstag. Dass Dieter Lange es seinem Verleger Dr. Wittlich zu lesen geben würde, erwartet er nicht. Umso größer ist seine Verblüffung, als der Großvater am Neujahrstag anruft, nicht nur um Glück zu wünschen, sondern vor allem auch, um Hendrix mitzuteilen, dass der Verlag den Roman „Freundschaftspiel“ im Herbst 2013 veröffentlichen wolle. Nur das Ende fehle noch, meint er. Da müsse Hendrix sich noch etwas einfallen lassen. Der will jedoch keinen fiktiven Schluss für eine durch und durch authentische Geschichte, in der er lediglich den Namen Sarah in Marie geändert hat.

Von ihr hat er übrigens seit seiner Heimreise im Sommer nichts mehr gehört. Aber das macht ihm nichts aus, denn inzwischen hat er mit zwei, drei anderen Mädchen Erfahrungen gesammelt.

Im Frühjahr ruft Dieter Lange seinen Enkel aus Kreta an und fragt, ob er Lust habe, die Osterferien mit ihm in Goldenude zu verbringen. Erst jetzt erfährt Hendrix, dass sein Großvater Hans-Rudolph Müllers Haus kaufte, Dagmar Frechhaus in Heraklion heiratete und nun beabsichtigt, mit ihr nach Goldenude zu ziehen.

Bevor Hendrix nach Goldenude fährt, bekommt er einen Brief von Sarah. Sie telefoniert häufig mit Dagmar und schreibt, dass sie ihn vermisse. Ihr Vater musste die Buchhandlung wegen der Konkurrenz von World of Books aufgeben, aber Dieter Lange vermittelte ihm eine Anstellung als Verlagsvertreter bei Dr. Wittlich. Sarahs Mutter hat sich von ihrem Mann getrennt und lebt jetzt allein in Braunschweig.

Während der Osterferien stellen Hendrix und sein Großvater gemeinsam den Roman „Freundschaftspiel“ fertig.

Hendrix und Sarah verbringen eine schöne Zeit miteinander, überwerfen sich dann zwar, aber Ende Juni schreibt Sarah: „Hallo, du blöder Sturkopf. Ich vermisse dich.“ Am 9. Juli wird Hendrix erneut den Zug von Bremen nach Goldenude nehmen, um die Sommerferien mit Sarah, seinem Großvater und dessen Frau zu verbringen.

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Christian Oelemann hat „Freundschaftspiel“ als Titel für seinen neuen Roman gewählt, nicht Freundschaftsspiel. Es geht denn auch nicht um Fußball, sondern um die ersten Liebeswirren eines 15-Jährigen und einer Gleichaltrigen und die späte Liebe eines 66 Jahre alten Schriftstellers und einer 54-jährigen Journalistin. Parallel dazu dreht sich „Freundschaftspiel“ um die Beziehung zwischen dem älteren Mann und dessen Enkel, der sich mit Unterstützung des Büchner-Preisträgers an seinem ersten Roman versucht.

Der 15-Jährige, er heißt Hendrix Witzl, erzählt in der Ich-Form von seinen Erlebnissen in den Sommerferien 2012 und deren Nachwirkungen in den folgenden Monaten. Diese jüngsten Erfahrungen verarbeitet er in einem Roman mit dem Titel „Freundschaftspiel“. Indem er in der Dritten Person schreibt und auch wiedergibt, was er nicht selbst erlebt, sondern von anderen Personen erfahren hat, wechselt die Perspektive.

Mit dieser Konstruktion hat sich Christian Oelemann die Möglichkeit zum Spiel mit verschiedenen Ebenen geschaffen. Beispielsweise gibt Hendrix seinem Großvater weiter, was ihm Sarah erzählte, und dabei hören wir sie zwischendurch in wörtlicher Rede, also in der Ich-Form. Und bei all dem handelt es sich dann auch noch um das, was Hendrix Witzl in seinem Roman „Freundschaftspiel“ schreibt. Der jugendliche Autor behauptet, die Geschichte sei authentisch, und darauf spielt Christian Oelemann beispielsweise mit der folgenden Bemerkung an:

In Wahrheit fand das folgende Gespräch im Nastettener Eiscafé statt (und zwar am selben Tag, allerdings schon gegen halb fünf), doch Hendrix zog es vor, Dr. Dagmar Frechhaus und Dieter Lange an Hans-Rudolph Müllers Grab stehen zu lassen.

Der Kern der Geschichte spielt, wie gesagt, im Sommer 2012. Was danach noch geschieht, erfahren wir zum Teil bereits im Vorspann, den Rest im Nachspann. Anfang und Ende spielen also in derselben Zeit und bilden dadurch einen Rahmen.

Aufgrund der Handlung ist „Freundschaftspiel“ als Jugendroman zu klassifizieren. Vor allem der Aufbau macht das Buch jedoch auch für Erwachsene lesenswert.

Bemerkenswert ist nicht zuletzt Christian Oelemanns Vielseitigkeit: Offenbar herrscht in seinem Kopf kein Mangel an Geschichten, und wenn er daraus Bücher macht, probiert er immer wieder neue Gestaltungsansätze aus.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Verlag 3.0 Zsolt Majsai

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